Was ist ein Nebochant?

In meiner zweiten Heimatstadt Wien wird heute noch ein Deutsch gesprochen, das viele Begriffe kennt, die über das Jiddische aus dem Hebräischen eingewandert sind. Eine Kostbarkeit ist das schöne Wort »Nebochant« – zu dessen Etymologie ich hier einen Vorschlag mache:
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Ich gab ihnen Satzungen, die nicht gut waren?

Zur Übersetzung und Auslegung von Ez 20,25-26

Die Aussage in gängiger Übersetzung

Im masoretischen Text lauten die beiden Verse:

וְגַם־אֲנִי נָתַתִּי לָהֶם חֻקִּים לֹא טוֹבִים וּמִשְׁפָּטִים לֹא יִֽחְיוּ בָּהֶֽם׃ וָאֲטַמֵּא אוֹתָם בְּמַתְּנוֹתָם בְּהַעֲבִיר כָּל־פֶּטֶר רָחַם לְמַעַן אֲשִׁמֵּם לְמַעַן אֲשֶׁר יֵֽדְעוּ אֲשֶׁר אֲנִי יְהוָֽה׃

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Das angebliche Evangelium von Jesus Frau

Der Fernsehsender Phoenix hat am 30. Oktober 2018 eine ‚Dokumentation‘ mit dem Titel »Aufgedeckt: Geheimnisse des Altertums. Auf der Suche nach Jesus Frau« gebracht, in der Karin L. King, Professorin an der Harvard Divinity School, ausführlich zu Wort kam, die ein koptisches Evangelium von der Frau Jesu entdeckt haben will. Sie publizierte ihre ‚Entdeckung‘ 2014 und generierte umfassende Aufmerksamkeit.
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Abba heißt nicht lieber Vater

Dreimal kommt im Neuen Testament der Ausdruck αββα ὁ πατήρ (Abba, ho patḗr) vor: in Mk 14,36; Röm 8,15 und Gal 4,6. Luther 2017 gibt das im Evangelium mit »Abba, Vater« und bei Paulus jeweils mit »Abba, lieber Vater« wieder. Beide Übersetzungen treffen exakt nicht den Sinn des griechischen Textes bzw. sind einfach falsch.

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Frogzilla?

Im Zug der Exodus-Erzählung kommt es in Ex 7,26-8,11 zur Froschplage. Die revidierte Einheitsübersetzung hat dazu:

Aaron streckte seine Hand über die Gewässer Ägyptens aus. Da stiegen die Frösche herauf und bedeckten das Land Ägypten.

Ein Problem besteht darin, dass der hebräische Text hier allerdings nicht von Fröschen spricht, sondern im Singular von einem weiblichen Frosch. Das muss ein besonderes Exemplar gewesen sein, wenn es allein das ganze Land Ägypten füllte! Aber spricht das Hebräische hier wirklich von einer Art »frogzilla«?

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Vom Saulus zum Paulus?

Der Ausdruck ‚vom Saulus zum Paulus werden‘ ist sprichwörtlich geworden und scheint seinen Ausgang im Neuen Testament genommen zu haben. Das ist aber nicht richtig, denn Apg 13,9 macht unmissverständlich klar, dass der Apostel einen Doppelnamen trug. Wie kam es dann zu der Redewendung? Das lässt sich sehr gut an Origenes (185-253) nachvollziehen, der sich zweimal ausführlicher mit dieser Frage befasst hat.
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Die Nazis im ersten Band des theologischen Wörterbuchs zum NT

Das bis heute unhinterfragt geschätzte Standardwerk der neutestamentlichen Wissenschaft, das Theologische Wörterbuch zum NT, ist massiv durch seine Wurzeln im völkischen und antisemitischen Nationalsozialismus belastet. Was hier von dieser Ideologie eingeflossen ist, wirkt im Grunde genommen bis heute nach, zumal das Werk durch seine englische Übersetzung (Theological Dictionary of the New Testament 1964-1976) weit über den deutschen Sprachraum hinaus Einfluss nimmt. Ich stelle hier die Nazis vor, die am ersten Band des Werkes mitgewirkt haben.

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Sind Diskussionen über Bibelauslegung sinnvoll?

»It was Blasphemy to talk Scripture out of Church.« (Mrs. Adams in Henry Fieldings Joseph Andrews, IV,12,253)

Einleitung

So alt wie die biblischen Texte ist die Frage ihrer Auslegung. Ein kleines, aber kanongeschichtlich gesehen, feines Beispiel, stellt diese Aussage des zweiten Petrusbriefes dar:

Und die Geduld unseres Herrn betrachtet als eure Rettung. Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben;
es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist einiges schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, werden diese Stellen ebenso verdrehen wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben. (2 Petr 3,15-16; REÜ)

Interessantwerweise konstantiert der Autor diese Verdrehungen einfach, ohne aber eine Gegenmaßnahme vorzuschlagen. Jeder Mensch, der sich, wie ich, mit Bibelauslegung beschäftigt, wird aber auf Deutungen treffen, die er oder sie als katastrophisch empfindet. Soll man dann darüber diskutieren?

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Wo ist das Reich Gottes?

Im Sondergut des Lukas-Evangeliums bekommt Jesus einmal die Frage gestellt, wann die Königsherrschaft Gottes komme. Seine Antwort ist kryptisch: »Das Königtum Gottes kommt nicht in beobachtbarer Erscheinung. Auch wird man nicht sagen: Da – hier ist es! Oder – dort ist es! Das Königtum Gottes ist entos hymon.« (Lk 17,20-21; Ü. nach Fridolin Stier).

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