Am ersten Tag der Woche

Lezione latino settimana

Mehrfach wird im neuen Testament im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu ein Ausdruck verwendet, der – sachlich richtig – als „erster Tag der Woche“ übersetzt wird. Und doch sind die griechischen Formulierungen so bemerkenswert, dass sie einen näheren Blick verdienen.

Das griechische Neue Testament verwendet den Ausdruck σάββατον (sábbaton) für Woche – dieses Wort bedeutet aber eigentlich der „Sabbat“. Dabei kann es im Singular wie im Plural stehen, mit Artikel oder ohne. Ob der Ausdruck dabei im Sinn von „Sabbat“ oder von „Woche“ zu übersetzen ist, kann dabei nur aus dem Kontext erschlossen werden. Dazu zwei Beispiele:

Καὶ ἦλθεν εἰς Ναζαρά, οὗ ἦν τεθραμμένος, καὶ εἰσῆλθεν κατὰ τὸ εἰωθὸς αὐτῷ ἐν τῇ ἡμέρᾳ τῶν σαββάτων εἰς τὴν συναγωγὴν καὶ ἀνέστη ἀναγνῶναι. (Lk 4,16) Und er kam nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging gemäß seiner Gewohnheit am Tag der Sabatte (en tē hēméra tōn sabbátōn) in die Synagoge hinein und stand auf, um zu lesen. Hier heißt das eindeutig nicht am Wochentag, sondern am Sabbat (vgl. Apg 17,2).

Ἀναστὰς δὲ πρωῒ πρώτῃ σαββάτου (Mk 16,9 – der sekundäre Markusschluss): Nachdem er früh am ersten des Sabbats auferstanden war – was hier als „früh am ersten Tag der Woche“ zu verstehen ist. Die folgende Übersicht zeigt die Stellen, an denen sabbátōn „Woche“ bedeutet:

Bibelstelle Griechischer Text wörtliche deutsche Übersetzung u. Bedeutung
1 Kor 16,2 κατὰ μίαν σαββάτου Jeden ersten (des) Sabbats
katà mían sabbátou bedeutet „jeden ersten Tag der Woche“
Mk 16,9 πρώτῃ σαββάτου am Ersten (des) Sabbats
prōtē sabbátou bedeutet „am ersten Tag der Woche“
Mt 28,1 εἰς μίαν σαββάτων zum ersten (des) Sabbats
eis mían sabbátōn bedeutet „zum ersten Tag der Woche“
Mk 16,2 πρωῒ τῇ μιᾷ τῶν σαββάτων früh an dem ersten der Sabbate
prōï tē mia tōn sabbátōn bedeutet „früh an dem ersten Wochen(tag)“
Lk 24,1 τῇ δὲ μιᾷ τῶν σαββάτων Aber am ersten der Sabbate
tē dè mia tōn sabbátōn bedeutet: „aber am ersten (Tag) der Woche“
Joh 20,1 τῇ δὲ μιᾷ τῶν σαββάτων siehe zu Lk 24,1
tē dè mia tōn sabbátōn siehe zu Lk 24,1
Joh 20,19 τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ τῇ μιᾷ σαββάτων an jenem Tag, dem ersten der Sabbate
tē hēméra ekeinē tē mia sabbátōn an jenem Tag, dem ersten der Wochen(tage)
Apg 20,7 ἐν δὲ τῇ μιᾷ τῶν σαββάτων aber an dem ersten der Sabbate
en dè tē mia tōn sabbátōn aber an dem ersten der Wochen(tage)

Nachdem die Woche mit dem siebten Tag endet (Gen 2,2) – also dem Sabbat (Ex 20,8-11) – ist dieser erste Tag der Woche der Sonntag. Woher kommt diese merkwürdige Ausdrucksweise?

Semitischer Hintergrund

Eusebius von Caesarea (gestorben 339) schrieb an Marinus über die neutestamentliche Zählung der Wochentage:

Ἔθος δὲ ὅλην τὴν ἑβδομάδα σάββατον καλεῖν, καὶ πάσας τὰς ἡμέρας οὕτως ὀνομάζειν. Λέγεται γοῦν παρὰ τοῖς εὐαγγελισταῖς1 τῇ μιᾷ τῶν σαββάτων· ἐν δὲ τῇ συνεθείᾳ, δευτέρα σαββάτων, καὶ τρίτη σαββάτων, καὶ τετάρτη σαββάτων. (Quaestio II ad Marinum, in: Novae patrum bibliothecae IV, Rom 1847, S. 258)

Es war üblich, die ganze Woche „Sabbat“ zu nennen, und alle (Wochen)Tage auf diese Weise zu benennen. Jedenfalls heißt es bei den Evangelisten: der erste der Sabbate, der zweite der Sabbate und der dritte und der vierte der Sabbate.

Bemerkenswert ist, dass Eusebius einem griechischen Muttersprachlicher diese Ausdrucksweise erklären muss. 2 Das scheint mir ein Hinweis zu sein, dass diese Redensweise aus einem anderen Sprachraum stammt. Der bis zu seiner Vertreibung durch die Nazis in Wien lehrende Samuel Krauß hat es zusammenfassend dargestellt:

Nach dem Tage ist die nächste Einheit die Woche (bibelhebräisch und neuhebräisch שבוע scha’vua – das ist die siebentägige Periode3, neuhebräisch oft שבת schabat griechisch σάββατον sábbaton, das ist die zwischen zwei Sabbaten liegende Zeit). Die Tage der Woche werden zunächst nur numeriert: 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. Tag, und zwar entweder allein, oder mit Hinzufügung des Wortes „Sabbat“, z.B. אחד בשבת vgl. τῆς μίας σαββάτων = Sonntag, beides sowohl im neuhebräischen als im aramäischen Idiom; 4 namentlich häufig werden erwähnt Montag und Donnerstag (שני וחמשי). 5 Aber begreiflicherweise überwiegt statt 7. Tag der das Wesen der Sache bezeichnende Name שבת schabat aramäisch שבתא schab’ta und שבא schaba „Sabbat“, ein Tag, der seine Heiligkeit gewissermaßen auf den Vortag projiziert, der demgemäß ערב שבת „Sabbatabend“ (vgl. προσάββατον=Vorsabbat)6 oder ערובתא aruvta heißt, in jüdisch-hellenistischen Kreisen auch παρασκευή paraskeuē 7 das ist Zurüstung (neuhebräisch etwa הכנה hachana). (Samuel Krauß: Talmudische Archäologie II, Leipzig 1911, S.422-423; Transkriptionen, Ausschreibungen und Erläuterungen von mir)

Krauß zeigt ebenfalls, dass sich die neutestamentliche Ausdrucksweise τῆς μίας σαββάτων – der erste der Sabbate = der erste Tag der Woche bereits in der Septuaginta findet: Ps 23,1 LXX:

Ψαλμὸς τῷ Δαυιδ· τῆς μιᾶς σαββάτων. Ein Psalm – dem David: für den ersten (der) Sabbate – für den ersten Tag der Woche.

Fazit und Ausblick

Die Tageszählung und Tagesbenennung im Neuen Testament ist tief im Judentum verwurzelt. Dieser Aspekt geht bei der Übertragung in die Deutsche Sprache komplett verloren – verschärft durch den Umstand, dass wir zwei unserer Wochentage heute noch nach einer germanischen Gottheit benennen. 8

Fußnoten

  1. Ich habe das Stigma der Vorlage ausgeschrieben.
  2. Im heutigen modernen Griechisch ist der Montag der zweite Tag (Δευτέρα), der Dienstag der Dritte (Τρίτη), der Mittwoch der Vierte (Τετάρτη) usw. Der Samstag heißt Σάββατο (Sábbato) – damit stimmt das Neugriechische hier komplett mit dem Hebräischen überein.
  3. Das Wort scha’vua leitet sich von der Zahl Sieben – שבע scheva ab. Bekannter ist vielleicht der Ausdruck שבועות schavuoth für das Wochenfest.
  4. Zum Aramäischen siehe die Grammatik von Gustaf Dalman
  5. Der zweite und der fünfte Tag der Woche, Krauß verweist in seiner Fußnote unter anderem auf mMeg 3,6 u. 4,1.
  6. Das Wort prosábbaton findet sich in Mk 15,42: Καὶ ἤδη ὀψίας γενομένης, ἐπεὶ ἦν παρασκευὴ ὅ ἐστιν προσάββατον – Und als es schon Abend geworden war, da Rüsttag (paraskeuē) war, das ist Vorsabbat (prosábbaton) (Ü: Münchener NT). Krauß weist in seiner Fußnote noch darauf hin, dass sich der Ausdruck prosábbaton schon in Jdt 8,6 findet.
  7. Der Begriff paraskeuē findet sich häufig im NT: als Rüsttag für den Sabbat in Mt 27,62; Mk 15,42; Joh 19,31; Lk 23,54. Joh 19,42 spricht vom Rüsttag der Juden/Judäer, in 19,14 vom Rüsttag des Pessachfestes.
  8. Die Brüder Grimm leiten den Donnerstag von dunen – donnern ab, lat. tonare und ergänzen: „das wort enthält nicht eine übersetzung des lateinischen, sondern eine beziehung auf den heidnischen donnergott, dem dieser tag heilig war“. (Bd. 2, Sp. 1253) Zum Dienstag schreiben sie: es „ist der tag des altdeutschen gottes Zio, des nordischen Tŷr der dem Mars entspricht“ (Bd. 2, Sp. 1121).

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