»Eli, Eli, lema sabachthani«

Ich bin gefragt worden, ob dieser Satz in der Einheitsübersetzung eigentlich richtig übersetzt sei? Müsse er nicht richtig »Eli, Eli, lāmā azav’tāni« heißen? Und verändere sich dadurch nicht die Bedeutung in »Mein Gott, mein Gott, warum habe ich dich verlassen?« Die Antwortet lautet: Nein. Zur Begründung muss ich etwas ausholen.

Ein Zitat aus Ps 22,2

In der Markus- und der Matthäuspassion betet Jesus den Beginn von Psalm 22. Der lautet in hebräischer Sprache:

אֵלִי אֵלִי לָמָה עֲזַבְתָּנִי

In einer vereinfachten deutschen Umschrift: Eli, Eli, lāmā azav’tāni. Das Verb עזב (āzav) steht hier im Kal Perfekt der zweiten Person Singular mit einem Personalsuffix der ersten Person Singular: du hast mich verlassen.

Markus

Im griechisch geschriebenen Markus-Evangelium bringt der Evangelist in 15,34 folgende Transkription in griechischer Schrift:
ελωι ελωι λεμα σαβαχθανι.
In deutscher Umschrift: Elōi, Elōi, lema sabachthani. Und Markus selbst übersetzt diesen, seinen Lesern unverständlichen, Satz ins Griechische:
ὅ ἐστιν μεθερμηνευόμενον· ὁ θεός μου, ὁ θεός μου, εἰς τί ἐγκατέλιπές με.
Zu deutsch: das ist übersetzt: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. 1

Wieso klingt der Satz bei Markus zwar ähnlich, aber anders? Die Antwort ist: Markus lässt Jesus den Anfang von Psalm 22 in aramäischer Sprache beten. Das dem hebräischen Verb עזב (āzav) entsprechende aramäische Wort lautet שׁבק (schəbaq). 2 Gustaf Dalman gibt die aramäische Fassung des Wortes so wieder: elāhī, elāhī, lemā schebaḳtáni. 3 Wer ein wenig mit der hebräischen/aramäischen Schreibart vertraut ist, sieht sofort die Nähe zu der Fassung des Markus.

Matthäus

Der ebenfalls griechisch schreibende Evangelist Matthäus ändert seine Markus-Vorlage etwas ab. Er hat in 27,46:
ηλι ηλι λεμα σαβαχθανι; τοῦτ᾽ ἔστιν· θεέ μου θεέ μου, ἱνατί με ἐγκατέλιπες;
Auf Deutsch: Eli Eli lema sabachthani? Das ist: Mein Gott, mein Gott, weshalb hast du mich verlassen? 4

Auffällig ist, dass Matthäus aus dem aramäischen Elōi ein hebräisches Eli macht. Ein Blick in die Targum-Konkordanz zeigt aber, dass das nicht ungewöhnlich war. 5

Fazit

Die Einheitsübersetzung hat hier richtig übertragen, es gibt keine Bedeutungsänderung, die Unterschiede beruhen darauf, dass das hebräische Psalmwort bei Markus und Lukas aramäisch in griechischer Umschrift überliefert wurde.

Show 5 footnotes

  1. Markus verwendet eine sehr wörtliche Übersetzung: er schreibt eigentlich zu was hast du mich verlassen? Lema bedeutet wörtlich übersetzt genau das, hat aber die Bedeutung von warum.
  2. Siehe Jastrow, S. 1516
  3. Siehe Gustaf Dalman: Jesus-Jeschua. Die drei Sprachen Jesu. Leipzig 1922, S. 185
  4. Matthäus löst die Übersetzung des lema deutlich eleganter als Markus: ἱνατί ist die Kurzform von ἵνα τί γένηταιdamit was geschehe?
  5. Siehe die Konkordanz zum Targum Onkelos von Emil Brederek, Beihefte zur ZAW IX, S. 3.

9 Gedanken zu „»Eli, Eli, lema sabachthani«“

  1. Ganz interessant ist vielleicht auch, dass die Lesarten von Mk 15,34 sehr unterschiedlich sind und man vielleicht nicht mit Sicherheit sagen kann, was nun genau das Original war. Ich hatte mir mal folgende Übersicht gemacht.

    Codex Sinaiticus ελωι ελωι (eloi) λεμα (lema) σαβακτανει (sabak – tani)
    Korrektor Sinaiticus ελωι ελωι (eloi) λεμα (lema) σαβαχθανει (sabach – thani)
    Codex Vaticanus ελωι ελωι (eloi) λαμα (lama) ζαβαφθανει (zabap – thani)
    Codex Alexandrinus ελωι ελωι (eloi) λιμα (lima) σιβακθανει (sibak – thani)
    Codex Bezae ηλει ηλει (eli) λαμα (lama) ζαφθανει (zap – thani)
    C. Ephraemi Rescriptus ελωι ελωι (eloi) λεμα (lema) σαβαχθανει (sabach – thani)

    Lieben Gruß

  2. Danke für die Ergänzung! Ich denke, dass die Kopisten so ihre liebe Mühe mit dem Aramäischen hatten. Für »normale« Lesende verkompliziert sich die Lage noch dadurch, dass etwa Luther 1984 die hebräische Umschrift bringt.

  3. Vielen Dank für die schöne Zusammenstellung!
    Neben dem aramäischen Zeitwort schabaq (Schin Beth Qoph) gibt es das hebräische Zeitwort schabach (Schin Beth Chet), das – nach Gesenius – ein Aramaismus ist, mit der Bedeutung preisen oder verherrlichen. Wäre die Übersetzung „Mein Gott, mein Gott, so also (oder: zu dem) hast Du mich verherrlicht?“ demnach ebenfalls zu vertreten?

    1. Meine Antwort ist ganz klar: Nein.
      Markus konnte offensichtlich gut genug aramäisch, um hier keinen Fehler zu machen.
      Und: was hätte ein ähnlich klingendes hebräisches Wort mit völlig andere Bedeutung seinen Griechischsprachigen Lesenden sagen sollen?
      Nachtrag: Um Ihr Beispiel ins Deutsche zu übertragen – das wäre ungefähr so, wie wenn ich das Verb backen mit dem Verb packen übersetzen würde. Klingt total ähnlich, hat aber trotzdem eine völlig andere Bedeutung.

  4. Danke Ihnen für Ihre Auslegung werter Oliver. Dennoch meine wichtige Nachfrage :
    Ist der Sinn hier behandelter Worte JESU : Mein Gott warum hast du mich verlassen ? in den Evangelien so wirklich erkennbar, oder kann man den griechichen Worten auch eine andere Bedeutung bemessen ? – wie z.B. Für diesen Zweck hat Du mich bereitet oder …. ( Von manchen so ausgelegt. )

    Alfred

    1. Sehr geehrter Herr Schmitz,
      das von Markus verwendete Verb ist ἐγκαταλείπω und bedeutet zurücklassen, verlassen, im Stich lassen. Ein Blick ins Griechich-Wörterbuch zeigt, dass die Übersetzung zu etwas bereiten einfach frei erfunden ist. Nennen Sie mir einen antiken griechischen Text, in dem das Verb diese Bedeutung haben soll.
      Da Markus an das aramäische Zitat auf Griechisch anschließt: Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen (Mk 15,34), ist dieser Sinn nicht nur erkennbar, sondern glasklar ausgedrückt. Wenn man – ohne sprachliche Argumente zu haben – dem aramäischen Worten einen anderen Sinn unterschiebt, unterstellt man Markus nicht nur, falsch übersetzt zu haben, sondern auch noch dem sterbenden Jesus eine Lüge auf die Lippen zu legen. Ein interessantes Schriftverständnis.

      1. Es ist ja auch so, dass der Sinn des Satzes nicht nur durch die Übersetzung gefestigt wird, sondern dass es sich offensichtlich um ein Zitat des Beginns von Psalm 22 handelt, der auch immer so übersetzt wird, wie Markus es tut.

  5. Eine weitere Übersetzungsfrage habe ich: lema oder lama oder weitere Varianten sind lokal bedingt. Aber sie bedeuten „warum“. Nun steht in der griechischen Ausgabe und folglich auch in der lateinischen nicht warum sondern wozu, worauf hin(eis ti und ina ti), Das ist final. Und das Verb ist gr. : egkatelipeis, dazu im Aorist. Das bedeutet, dass Jesus gerufen hat: Gott, Gott, wozu liessest du mich darin im Stich. Gemeint ist wohl die Erfüllung der Schrift. Das Zitat aus Ps. 22 ist vorwurfsvoll. Das ändert für mich entscheidend das Christusbild. Er ist erbost, dass er den Auftrag des Eli nicht erfüllen kann. Die Wendung zum Leidens- und Schmerzensmann ist nur eine Seite, für spätere Gläubige ab Paulus die tragfähigere, weil emotionalere. Mit der Kreuzigung und Auferstehung ist das erste Problem besteitigt.
    Außerdem sind spätere Generationen von der Schuldübernahme eher betroffen.
    Weiß jemand eine Lösung? Ich wäre dankbar.

    1. Danke für die präzise grammatikalische Beobachtung. Von Hildegard Scherer habe ich gelernt, dass die Formulierung eis ti – wozu hast Du mich verlassen – für die Deutung der Szene ertragreich ist: durch diese Frage bleibt der Ausgang offen – und Gott lässt sich vielleicht doch noch zum Eingreifen bewegen (was ER nach christlicher Überzeugung ja auch getan hat).

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