Dies ist ein Blog über die Auslegung der Bibel, aber seit wann gibt es das Wort „Bibel“ überhaupt? Meines Wissens nach wird es das erste Mal von Johannes Chrysostomos verwendet (344/354-407), und zwar in einer seiner Predigten über den Kolosserbrief. „Die erstmalige Verwendung des Wortes „Bibel““ weiterlesen
Kategorie: Übersetzung
Eusebius an Karpian
In seinem berühmten Brief an Karpian schildert Bischof Eusebius von Cäsarea (gestorben 399/340) sein Tabellen-System, das es ermöglicht, auf einen Blick zu sehen, welche Aussagen der vier Evangelisten wo vorkommen. Dieses System funktioniert heute noch und ist – ebenso wie der besagte Brief – in die wissenschaftlichen Ausgaben des NT integriert. Nachdem ich keine brauchbare deutsche Übersetzung gefunden habe – die der Wikipedia ist m.E. eine deutsche Übertragung einer englischen Übersetzung des Briefes – bringe ich hier meine Eigene. „Eusebius an Karpian“ weiterlesen
Unser tägliches Brot gib uns heute
Die vierte Vaterunser-Bitte »unser tägliches Brot gib uns heute« wirft Fragen auf. Was genau ist damit gemeint? Und wie lässt sich der ursprüngliche Sinn rekonstruieren?
Was ist ein Nebochant?
In meiner zweiten Heimatstadt Wien wird heute noch ein Deutsch gesprochen, das viele Begriffe kennt, die über das Jiddische aus dem Hebräischen eingewandert sind. Eine Kostbarkeit ist das schöne Wort »Nebochant« – zu dessen Etymologie ich hier einen Vorschlag mache:
„Was ist ein Nebochant?“ weiterlesen
Ich gab ihnen Satzungen, die nicht gut waren?
Zur Übersetzung und Auslegung von Ez 20,25-26
Die Aussage in gängiger Übersetzung
Im masoretischen Text lauten die beiden Verse:
וְגַם־אֲנִי נָתַתִּי לָהֶם חֻקִּים לֹא טוֹבִים וּמִשְׁפָּטִים לֹא יִֽחְיוּ בָּהֶֽם׃ וָאֲטַמֵּא אוֹתָם בְּמַתְּנוֹתָם בְּהַעֲבִיר כָּל־פֶּטֶר רָחַם לְמַעַן אֲשִׁמֵּם לְמַעַן אֲשֶׁר יֵֽדְעוּ אֲשֶׁר אֲנִי יְהוָֽה׃
Abba heißt nicht lieber Vater
Dreimal kommt im Neuen Testament der Ausdruck αββα ὁ πατήρ (Abba, ho patḗr) vor: in Mk 14,36; Röm 8,15 und Gal 4,6. Luther 2017 gibt das im Evangelium mit »Abba, Vater« und bei Paulus jeweils mit »Abba, lieber Vater« wieder. Beide Übersetzungen treffen exakt nicht den Sinn des griechischen Textes bzw. sind einfach falsch.
Frogzilla?
Im Zug der Exodus-Erzählung kommt es in Ex 7,26-8,11 zur Froschplage. Die revidierte Einheitsübersetzung hat dazu:
Aaron streckte seine Hand über die Gewässer Ägyptens aus. Da stiegen die Frösche herauf und bedeckten das Land Ägypten.
Ein Problem besteht darin, dass der hebräische Text hier allerdings nicht von Fröschen spricht, sondern im Singular von einem weiblichen Frosch. Das muss ein besonderes Exemplar gewesen sein, wenn es allein das ganze Land Ägypten füllte! Aber spricht das Hebräische hier wirklich von einer Art »frogzilla«?
Vom Saulus zum Paulus?
Der Ausdruck ‚vom Saulus zum Paulus werden‘ ist sprichwörtlich geworden und scheint seinen Ausgang im Neuen Testament genommen zu haben. Das ist aber nicht richtig, denn Apg 13,9 macht unmissverständlich klar, dass der Apostel einen Doppelnamen trug. Wie kam es dann zu der Redewendung? Das lässt sich sehr gut an Origenes (185-253) nachvollziehen, der sich zweimal ausführlicher mit dieser Frage befasst hat.
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Sind Diskussionen über Bibelauslegung sinnvoll?
»It was Blasphemy to talk Scripture out of Church.« (Mrs. Adams in Henry Fieldings Joseph Andrews, IV,12,253)
Einleitung
So alt wie die biblischen Texte ist die Frage ihrer Auslegung. Ein kleines, aber kanongeschichtlich gesehen, feines Beispiel, stellt diese Aussage des zweiten Petrusbriefes dar:
Und die Geduld unseres Herrn betrachtet als eure Rettung. Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben;
es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist einiges schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, werden diese Stellen ebenso verdrehen wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben. (2 Petr 3,15-16; REÜ)
Interessantwerweise konstantiert der Autor diese Verdrehungen einfach, ohne aber eine Gegenmaßnahme vorzuschlagen. Jeder Mensch, der sich, wie ich, mit Bibelauslegung beschäftigt, wird aber auf Deutungen treffen, die er oder sie als katastrophisch empfindet. Soll man dann darüber diskutieren?
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Wo ist das Reich Gottes?
Im Sondergut des Lukas-Evangeliums bekommt Jesus einmal die Frage gestellt, wann die Königsherrschaft Gottes komme. Seine Antwort ist kryptisch: »Das Königtum Gottes kommt nicht in beobachtbarer Erscheinung. Auch wird man nicht sagen: Da – hier ist es! Oder – dort ist es! Das Königtum Gottes ist entos hymon.« (Lk 17,20-21; Ü. nach Fridolin Stier).