Abba heißt nicht lieber Vater

Dreimal kommt im Neuen Testament der Ausdruck αββα ὁ πατήρ (Abba, ho patḗr) vor: in Mk 14,36; Röm 8,15 und Gal 4,6. Luther 2017 gibt das im Evangelium mit »Abba, Vater« und bei Paulus jeweils mit »Abba, lieber Vater« wieder. Beide Übersetzungen treffen exakt nicht den Sinn des griechischen Textes bzw. sind einfach falsch.

Der Ausdruck »Abba« ist aramäisch und hier gilt eine grammatikalische Besondeheit, die ich gemäß Frederick E. Greenspahns »Introduction to Aramaic« ²2007 S. 25 wiedergebe, die Übersetzung aus dem Englischen stammt von mir.

»Hauptwörter verhalten sich im Aramäischen auf die gleiche Art, wie im Hebräischen: Sie können männlich oder weiblich sein, absolut oder verbunden, Einzahl oder Mehrzahl (oder Dual). Wie auch immer, aramäische Hauptwörter sind einzigartig, was zwei nahezu allgegenwärtige Merkmale betrifft.

(1) Neben dem absolutus und constructus hat Aramäisch einen dritten „status“, der „determiniert“ genannt wird. Diese Form endet normalerweise mit א ָ-, obwohl sie manchmal mit dem Buchstaben ה geschrieben wird. Sie funktioniert ganz wie der bestimmte Artikel im Hebräischen (-הָ); das heißt, Wörter mit der determinativen Endung א ָ- können als „der/die …“ übersetzt werden.« 1

Als Beispiel bringt Greenspahn dann das Wort Abba, das die determinative Form des Wortes אָב (Ab = Vater ist). Dem entspricht auf weiblicher Seite die Form אִמָּא (Imma), die die determinative Form von אם= Mutter ist. Abba bedeutet also: der Vater (האב). Genauso übersetzen es Markus und Paulus, wenn sie αββα ὁ πατήρ (Abba, ho patḗr) schreiben: »Abba [das ist gleich] der Vater« (im Griechischen durch den Artikel ho bestimmt). Woher kommt dann die hartnäckige Behauptung, Abba bedeute so etwas wie »Papa« oder eben »lieber Vater«?

Gustaf Dalman

1905 schrieb Dalman in der zweiten Auflage seiner »Grammatik des Jüdisch-Palästinensischen Aramäisch«, bei der Form אבא und אימא handle es sich um die Anrede »mein Vater« bzw. »meine Mutter«, die nicht als Personalsuffix (»mein Vater«), sondern als Determinationsformen (»der Vater«) verkannt worden seien (S. 90 und 91). Was Dalman damit implizit behauptet: Markus und Paulus hätten die wahre grammatikalische Eigenschaft des Ausdrucks falsch verstanden und wiedergegeben. Eine starke Behauptung, vor allem bei einem Evangelisten, der immer wieder aramäische Ausdrücke verwendet.

Greenspahn gibt 2007 allerdings als Personal-Suffix in der ersten Person אבִי (Abi) an, die erste Person Plural endet auf -na, was sich in einer Form des NT erhalten hat: μαραναθα = מָרַנָא תָה= Marana tha! = Unser Herr, komm! (1 Kor 16,22; übersetzt in Offb 22,20). Das alles spricht dafür, dass Dalman falsch lag und Markus und Paulus richtig übersetzt haben.

Joachim Jeremias

1954 hielt Jochim Jeremias einen Vortrag beim Berliner Theologentag, in dem er die Dalmansche Interpretation nochmals abwandelte:

»Dieses ‚abba‘ ist nicht ein als Vokativ benutzter status emphaticus, sondern eine der Kindersprache entstammende Diminutivform. Es ist beispiellos, daß Jesus diese Alltagsanrede auf Gott anzuwenden wagt und daß er auch seinen Jüngern den Gebrauch dieser Gottesanrede erlaubt.« (ZNW 1954, S. 131)

Bei Jeremias wird also die Behauptung greifbar, dass Abba so etwas wie »Papi« bedeute, woraufhin der Autor unter Berufung auf Mt 11,27 und Lk 10,22 ergriffen fortfährt:

Das Wort ‚abba ist wichtigstes Kennzeichen der esoterischen Botschaft Jesu. (S. 132)

Dass seine Gewährstellen das Wort »Abba« gar nicht enthalten, stört ihn weiter nicht, und dass dieser »Diminutiv« frei erfunden ist, geschenkt. Hauptsache, wir haben wieder etwas ‚gefunden‘, was im Judentum angeblich unmöglich und vollkommen undenkbar war.

Gerhard Kittel

Jeremias ‚Befund‘ passt gut zu der Behauptung des Nationalsozialisten und Herausgebers der ersten vier Bände des Theologischen Wörterbuchs zum NT, Gerhard Kittel: Jesus habe immer Abba gesagt (de facto kommt das Wort in den Evangelien nur einmal vor – Mk 14,46) – weil das eben im Judentum angeblich unmöglich sei.

Fazit

Abba heißt nicht »Papi« oder »lieber Vater«, es heißt, wie Markus und Paulus richtig übersetzt haben: der Vater. Die Thesen von Dalman, Jeremias und Kittel sind bloße Behauptungen, gespeist aus einer trüben Quelle. So schmerzhaft es für Christen auch sein mag, wir haben kein Copyright auf die Vater-Anrede Gottes.

Fußnoten:

1 Die zweite Besonderheit ist dann die Endungsform im Maskulin Plural, die auf ן- lautet, statt auf ם-.

6 Gedanken zu „Abba heißt nicht lieber Vater“

  1. Es kommt wohl auf den Kontext ab. Grammatikalisch bedeutet אבא zweifellos »der Vater«, doch es gibt etliche Stellen, vorab in der rabbinischen Literatur, wo dasselbe Wort mit »mein Vater« übersetzt werden sollte. Jastow führt in seinem Wörterbuch nur einige wenige Beispiele (my father) an.

    1. Danke für die Antwort. Ich habe mir die beiden Stellen in der Mischna, die Jastrow nennt, angesehen. Da bedeutet »Abba« sinngemäß »mein Vater«, ok. Ich nehme an, dass Dalman von diesen Texten aus argumentiert hat. Aber diese Texte sind jünger als die des NT – weshalb meines Erachtens die Hauptaussage meines Artikels Bestand hat: Abba bedeutet im NT nicht »lieber Vater«.

  2. Hallo,

    ich beschäftige mich auch zur Zeit mit diesem Thema und da kommt man natürlich nicht um Jeremias herum. Aber ich glaube hier wurde er etwas ungenau wiedergegeben, da er in seinem Buch Abba (S. 63-64) schreibt, dass es eine „unzulässige Verharmlosung“ sei zu sagen, Jesus habe einfach das Lallwort des Kleinkindes aufgegriffen. Seine These ist viel mehr, dass zwar das „abba“ ursprünglich aus der Kleinkindersprache stammt, aber bereits in vorchristlicher Zeit auch als Anrede eines Erwachsenen an seinen Vater verwendet wurde; also das Jargon des Kleinkindes verlassen und die Form „abhi“ verdrängt hat.
    Jeremias führt weiter aus, dass Jesu „Abba“ nicht nur eine Vertraulichkeit beinhaltet, sondern gerade die völlige Hingabe im Gehorsam gegenüber dem Vater deutlich wird (S. 64).

    Das wollte ich nur anmerken, so hatte ich es verstanden. 🙂

    1. Hallo Teresa,
      Sie haben recht, dass Jeremias seine ursprünglichen Aussagen von 1954, die ich oben meines Erachtens korrekt wiedergegeben habe, 1966 relativiert hat. Georg Schelbert hat in seiner gründlichen Untersuchung dazu geschrieben: „Wichtig ist vor allem die (…) Ablehnung des verhängnisvollen Fehlschlusses, dass Jesus dieses Lallwort übernommen habe, sowie dass Abba gleich »Papa« sei.“ (S. 20). Aber im zusammenfassenden Ertrag seiner Arbeit schreibt er, dass diese Revision seiner eigenen Aussagen durch Jeremias „vielfach ohne Wirkung“ blieb. „Bis heute wird die Wiedergabe von Abba mit »Papa« mit Berufung auf seine Forschung weiter verbreitet. (…) Jeremias hat ferner auch selber darauf hingewiesen, dass אבא die hebräische Form אבי fast vollständig ersetzt habe, und belegt, dass אבא »höfliche und ehrende Anredeform« gewesen sei. Doch er hat daraus nicht die Konsequenz gezogen, dass mit diesen Feststellungen dem wiederholten Urteil, ein Jude hätte nie gewagt, Gott so anzureden, die Grundlage entzogen wurde.“

      Ich selbst habe die in meinen Ohren unsinnige Aussage „unser Papi im Himmel“ noch vor wenigen Wochen in Wien in einer Kirche gehört. (Literatur: Georg Schelbert: ABBA Vater. Der literarische Befund vom Altaramäischen bis zu den späten Midrasch- und Haggada-Werken in Auseinandersetzung mit den Thesen von Joachim Jeremias. Studien zur Umwelt des Neuen Testaments Band 81).

      1. Das ist sehr interessant!
        Ja, ich habe nur dieses spätere Werk hinzugezogen. Aber ich habe das Buch von Schelbert bereits da und bin gespannt, es zu lesen.

        Vielen Dank für die informative Antwort. 🙂

        1. Gern geschehen.
          Ich würde allerdings unbedingt noch das Griechisch-Sprachige Judentum hinzunehmen, was Schelbert auslässt, obwohl das NT in Griechisch geschrieben wurde. Hier kann ich den Artikel „Abba and „Father“: Imperial Theology and the Jesus Traditions von Mary Rose d’Angelo empfehlen, erschienen in JBL 1992, S. 611-630.

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