Die erstmalige Verwendung des Wortes „Bibel“

Dies ist ein Blog über die Auslegung der Bibel, aber seit wann gibt es das Wort „Bibel“ überhaupt? Meines Wissens nach wird es das erste Mal von Johannes Chrysostomos verwendet (344/354-407), und zwar in einer seiner Predigten über den Kolosserbrief.

In seiner Auslegung von Kol 3,16 – Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. In aller Weisheit belehrt und ermahnt einander! Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen! (Elberfelder) schreibt der Kirchenvater:

Μηδὲ περιμείνῃς ἕτερον διδάσκαλον·ἔχεις τὰ λόγια τοῦ Θεο· οὐδείς σε διδάσκει ὡς ἐκεῖνα. Οὕτος μὴν γὰρ πολλὰ καὶ διὰ κενοδοξίαν καὶ διὰ βασκανίαν ἐπικρύπτει πολλάκις. Ἀκούσατε, παρακαλῶ, πάντες οἱ βιωτικοὶ, καὶ κτᾶσθε βιβλία φάρμακα τῆς ψυχῆς. Εἰ μηδὲν ἕτερον βούλεσθε͵ τὴν γοῦν Καινὴν κτήσασθε͵ τῶν ἀποστόλων τὰς Πράξεις͵ τὰ Εὐαγγέλια͵ διδασκάλους διηνεκεῖς. Ἂν λύπη συμβῇ͵ ὥσπερ εἰς ἀποθήκην φαρμάκων ἔγκυψον· λάβε παραμυθίαν ἐκεῖθεν τοῦ δεινοῦ͵ ἂν ζημία͵ ἂν θάνατος͵ ἂν ἀποβολὴ οἰκείων· μᾶλλον δὲ μὴ ἔγκυπτε͵ ἀλλὰ ἀνάλαβε πάντα͵ ἔχε ἐπὶ τῆς διανοίας. Τοῦτο πάντων αἴτιον τῶν κακῶν͵ τὸ μὴ εἰδέναι τὰς Γραφάς. Χωρὶς ὅπλων εἰς πόλεμον βαδίζομεν· καὶ πῶς ἔδει σωθῆναι; Ἀγαπητὸν μετὰ τούτων σωθῆναι͵ μήτι γε χωρὶς τούτων. (MPG LXII, 361-362)

„Du erträgst keinen anderen Lehrer: du hast die Worte Gottes! Niemand lehrt dich so wie sie. Dies wird größtenteils sowohl durch ungerechtfertigte Ruhmsucht als auch durch böse Einflüsse verheimlicht. Hört, bitte ich, alle die dem irdischen Leben verhaftet sind und verschafft euch Bücher (biblía) als Heilmittel der Seele. Nichts anderes sollt ihr begehren, jedenfalls das Neue [Testament] verschafft euch, die Taten der Apostel [= die Apostelgeschichte], die Evangelien als ständige Lehrer. Wenn Schmerz widerfährt, erforsche sie 1 wie einen Aufbewahrungsort von Heilmitteln (apothēkēn pharmákōn)! Empfange von dort Zuspruch vor dem was du fürchtest, sei es Schaden, Tod oder Überwerfung mit einem Angehörigen: oder vielmehr – erforsche nicht, sondern lerne alles auswendig, habe es auf dem Schirm! Das ist der Grund allen Übels, die Schriften (tàs graphás) nicht zu kennen. Ohne Waffen marschieren wir in den Krieg: und wie soll man da wohlbehalten zurückkehren? Man kann zufrieden sein, wenn man durch sie wohlbehalten zurückkehrt, geschweige denn ohne sie.“ (Predigten über den Kolosserbrief 9,1; MÜ)

Zunächst nennt der Goldmund zwar nur das NT, wobei er die Briefe auslässt (aber er legt ja gerade einen Brief aus!). Und dann nennt er die Schriften – damit sind die Schriften des christlichen AT gemeint. Wichtig: das Wort biblia ist ebenso wie die Evangelien und die Schriften ein Plural. Niemand wäre in der Antike auf die Idee gekommen, die Bibel als ein Buch aufzufassen. Sie war und ist eine Sammlung von Texten.


  1. Aorist Imperativ Sing. von ἐγκυπτω

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