In meiner Institution lesen wir derzeit in der Ausgangssprache im Text des Markus-Evangeliums. Was einen sehr heftigen Eindruck hinterlässt, ist der exzessive Gebrauch des Wortes εὐθὺς (deutsch: sofort) durch den Evangelisten, wodurch seine Darstellung einen geradezu atemlosen und unglaublich drängenden Charakter bekommt. Doch wie gehen die Übersetzungen damit um? „Sofort unterschlagen“ weiterlesen
Autor: Oliver Achilles
Von Ägypten über Oxford nach Washington und zurück – ein aktueller Papyri-Skandal
Der in diesem Blog schon mehrfach erwähnte Papyrologe Brent Nongbri hat durch seine Beharrlichkeit einen Skandal (mit)aufgedeckt, der derzeit die scheinbar so beschauliche Welt der Papyrologie durcheinander wirbelt. Verwickelt sind ein renommierter Professor aus Oxford, das von einer evangelikalen US-Familie finanzierte „Museum of the Bible“ in Washington und ein gewisser Scott Carroll. Aber der Reihe nach. „Von Ägypten über Oxford nach Washington und zurück – ein aktueller Papyri-Skandal“ weiterlesen
Ein Text vom Toten Meer zum Thema Scheidung (frühes 2. Jh.)
Das Dokument wurde in Murabba’at am Toten Meer gefunden und ist ein Papyrus, auf den in Kursivschrift ein aramäische Text geschrieben wurde. Seine Erstveröffentlichung datiert aus dem Jahr 1961. 1 Aufgrund der großen Unterschiede in der Buchstabengröße gehen die Herausgeber von einer wenig geübten Hand aus („La main est peu habile“). Dieser Eindruck wird durch die Fehler und Verschreibungen im Text verstärkt. Die Aussagen der Zeilen 1-11 auf der Vorderseite werden in den Zeile 12-25 wiederholt. Diese Wiederholung habe ich nicht noch einmal übersetzt. „Ein Text vom Toten Meer zum Thema Scheidung (frühes 2. Jh.)“ weiterlesen
Kannte Lukas das Corpus Paulinum?
Eine Frage, die für die Datierung des Lukas-Evangeliums und der Apostelgeschichte nicht unerheblich ist: Kannte Lukas1 eine Sammlung von Paulusbriefen – oder nicht? „Kannte Lukas das Corpus Paulinum?“ weiterlesen
Die Schrift in der Bibel
Immer wieder finden sich im neuen Testament Schrift-Zitate, die sich (mit wenigen Ausnahmen) auf die Texte beziehen, die Christen heute als Altes Testament bezeichnen. Dabei differenzieren die griechischsprachigen Schreiber des NT sorgfältig zwischen Aussagen im Singular („die Schrift“) und Aussagen im Plural („die Schriften“) – was in einigen deutschsprachigen Übersetzungen unterschlagen wird. Nach einer Analyse der relevanten Stellen werde ich die theologische Bedeutung dieser Differenzierung untersuchen.
Die erstmalige Verwendung des Wortes „Bibel“
Dies ist ein Blog über die Auslegung der Bibel, aber seit wann gibt es das Wort „Bibel“ überhaupt? Meines Wissens nach wird es das erste Mal von Johannes Chrysostomos verwendet (344/354-407), und zwar in einer seiner Predigten über den Kolosserbrief. „Die erstmalige Verwendung des Wortes „Bibel““ weiterlesen
Eusebius an Karpian
In seinem berühmten Brief an Karpian schildert Bischof Eusebius von Cäsarea (gestorben 399/340) sein Tabellen-System, das es ermöglicht, auf einen Blick zu sehen, welche Aussagen der vier Evangelisten wo vorkommen. Dieses System funktioniert heute noch und ist – ebenso wie der besagte Brief – in die wissenschaftlichen Ausgaben des NT integriert. Nachdem ich keine brauchbare deutsche Übersetzung gefunden habe – die der Wikipedia ist m.E. eine deutsche Übertragung einer englischen Übersetzung des Briefes – bringe ich hier meine Eigene. „Eusebius an Karpian“ weiterlesen
Spezialkurs Handschriften der Bibel in Wien
Auf diesen Spezialkurs bin ich als sein Organisator besonders stolz:
Interview mit Kristin de Troyer
Die in Salzburg und St. Andrews lehrende Kristin de Troyer hat ein sehr lesenswertes Interview gegeben, dessen Schlusswort jedem biblisch interessierten Menschen zu denken geben sollte:
A debate needs to take place in every institution: which text do we use for teaching: the Old Greek, the MT, a Qumran text, or what? Similarly, how do we communicate to colleagues in Classics or History that “the Bible” no longer exists, but that multiple versions of it are worth reading.
Wie alt ist Papyrus 52?
Seit seiner ersten Publikation machte 𝔓 52 Furore: er galt als der älteste erhaltene Text des NT und wurde in der zweiten Auflage des Lehrbuches »Der Text des Neuen Testamentes« von Kurt und Barbara Aland auf dem Einband dargestellt, quasi als Symbol für die wissenschaftliche Sicherung des ursprünglichen Bibeltextes.
Die Alands schrieben in ihrem Lehrbuch, der Papyrus gehöre
zu den wahrlich sensationellen Funden der letzten Generation. 𝔓 52 bot zwar nur ein Fragment aus Kap. 18 des Johannesevangeliums, aber die Datierung »um 125 n. Chr.« durch die führenden Papyrologen war an ihm das Entscheidende. Nun schließt »um 125« zwar einen Spielraum von ca. 25 Jahren nach beiden Seiten ein, neuerdings scheint sich aber die Überzeugung durchzusetzen, daß das Jahr 125 die Endgrenze darstellt, so daß 𝔓 52 ganz dicht an die wahrscheinliche Entstehung des Johannesevangeliums um 90-95 n. Chr. heranrückt. 1