Von Ägypten über Oxford nach Washington und zurück – ein aktueller Papyri-Skandal

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Der in diesem Blog schon mehrfach erwähnte Papyrologe Brent Nongbri hat durch seine Beharrlichkeit einen Skandal (mit)aufgedeckt, der derzeit die scheinbar so beschauliche Welt der Papyrologie durcheinander wirbelt. Verwickelt sind ein renommierter Professor aus Oxford, das von einer evangelikalen US-Familie finanzierte „Museum of the Bible“ in Washington und ein gewisser Scott Carroll. Aber der Reihe nach.

Am 17. November 2017 öffnete in Washington das Museum of the Bible seine Pforten, in dessen Einrichtung vor allem die Green-Familie, Besitzer der Hobby-Lobby Einrichtungskaufhäuser, angeblich mehr als vierhundert Millionen Dollar investierte. Dabei kam es zu einer erstaunlich rasch aufgebauten Sammlung von mehr als vierzigtausend Sammel-Gegenständen, für deren Zusammenkommen die Huffpost eine Erklärung hat: die unglaublichen Fähigkeiten von Scott Carroll.

Dr. Scott Carroll’s expertise in ancient languages, ancient history, archaeology and religion, as well as his passion for research, has uniquely prepared him to take the reigns as director of The Green Collection. In less than 24 months, Carroll has helped arts and crafts retailer Hobby Lobby acquire more than 40,000 items and made The Green Collection, named for Hobby Lobby’s founder-owners, the world’s newest and largest private collections of rare biblical texts and artifacts in the world.

Dass diese Sammlung dabei nicht immer mit lauteren Mitteln zustande kam, wurde erstmals offensichtlich, als das U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE) Hobby Lobby dazu zwang, mehr als dreitausendachthundert antike Artefakte an den Irak zurückzugeben, aus dem sie herausgeschmuggelt worden waren – und dafür eine Strafe von drei Millionen Dollar zu zahlen.

Aber damit war noch nicht erklärbar, wie das Museum zu einer erstaunlichen Anzahl antiker ägyptischer Papyri gekommen war, teilweise mit biblischem Inhalt. Brent Nongbri, der sich dazu viele Stunden von auf Youtube dokumentierten Präsentationen Scott Carrolls angesehen hatte, stellte schließlich den missing link her: diese Papyri waren durch die Hände von Prof. Dirk Obbink gegangen. Sie waren eigentlich im Besitz der Egypt Exploration Society (EES), die englische Ausgrabungen in Ägypten finanziert.

Am 23. Juni 2019 veröffentlichte Brent Nongbri auf seinem Blog eine E-Mail von Mike Holmes, der ein Dokumment beigefügt war, aus dem hervorging, dass Prof. Obbink Papyri an Hobby Lobby verkauft hatte, die ihm gar nicht gehörten. Das war quasi die rauchende Pistole, nach der er schon länger gesucht hatte. Erstaunlicherweise dauerte es gut vier Monate – bis zum 14. Oktober 2019, ehe die EES reagierte. In einem dürren Statement wurde mitgeteilt, dass man Prof. Obbink bereits im August 2016 nicht mehr als „General Editor of the Oxyrhynchus Papyri“ wiederbestellt habe,

primarily because of unsatisfactory discharge of his editorial duties, but also because of concerns, which he did not allay, about his alleged involvement in the marketing of ancient texts.

Das Museum of the Bible habe die entsprechenden Handschriften zurückgegeben, weitere Untersuchungen seien am Laufen, auch die Universität Oxford prüft den Fall noch. So weit, so ungeheuerlich – siehe die öffentlich geäußerte Enttäuschung von Larry Hurtado.

Doch damit ist vermutlich gerade einmal die Spitze des Eisbergs sichtbar geworden. Brent Nongbri hat eine Liste an Handschriften veröffentlicht, die exakt in der Zeit aufgetaucht sind, als Hobby Lobby und Prof. Obbink ihre Geschäftsbeziehungen pflegten. Ich denke, da wird noch eine Menge kommen.

Alles in allem wirft das wieder einmal kein gutes Licht auf das Museum in Washington, das nach der Schmuggelware aus dem Irak und dem Reinfall mit gefälschten Handschriften vom Toten Meer mit dem dritten und wohl größten Skandal konfrontiert ist.

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