Wer ist die Frau aus Offenbarung 12?

Albrecht Dürer: Frontispiz seiner Illustration zur Apokalypse von 1511

Offb 12 schildert eine Frau, bekleidet mit der Sonne. den Mond zu ihren Füßen und auf ihrem Kopf eine Krone von 12 Sternen. So wie Albrecht Dürer (1471-1528) auf dem Frontispiz seiner Illustration zur Apokalypse von 1511 werden viele Lesende sofort an Maria, die Mutter Jesu denken. Diese Deutung ist – vor allem auch durch die Kunst – weit verbreitet. Aber: sie ist nicht ursprünglich.

Zur Untersuchung der Auslegungstradition werfe ich hier einen ausführlicheren Blick in die Glossa Ordinaria, dem maßgeblichen Bibelkommentar der lateinischen Tradition bis zur Reformation. Ich folge dabei der Inkunabel-Ausgabe Venedig 1601, die auch die Postilla des Nikolaus von Lyra enthält.

Ich bringe hier den lateinischen Text der Glossa ordinaria, die Abkürzungen habe ich versucht, mit Hilfe dieses Lexikons aufzulösen. Die Väterkommentare habe ich – anders als die Vorlage, chronologisch geordnet, so dass deutlicher hervortritt, welche Deutung die ältere ist. Alle Übersetzungen stammen von mir.

Auszulegender Bibeltext

Et signum magnum apparuit in coelo. Mulier amicta sole, et luna sub pedibus eius, et in capite eius corona stellarum duodecim. Et in utero habens, et clamabat parturiens, et cruciatur ut pariat.

Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel. Eine Frau, bekleidet mit der Sonne und der Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie, als sie in Wehen war und litt Qualen, als sie gebar. (Offb 12,1)1

Ambrosius von Mailand (ca. 339-397)

Haec mulier ecclesiam designat, sol Christum. Mulier itaque amicta erat sole: quia fideles ex quibus ecclesia constat, in Baptismate Christum induunt. Per lunam autem quam sub pedibus suis habuisse visa est, quae crescit et decrescet, mundum istum possumus intelligere, quem ecclesia de spiciendo calcat, ut liberius ad coelestia tendat.

Diese Frau bedeutet die Kirche, die Sonne Christus. Die Frau war deshalb mit der Sonne bekleidet, weil die Gläubigen, aus denen die Kirche besteht, in der Taufe Christus anziehen 2. Unter dem Mond aber, den sie – wie es schien – unter ihren Füßen gehabt hat, können wir – weil er zunimmt und abnimmt – diese Welt verstehen, die die Kirche von oben herabsehend mit Füßen tritt, damit sie völlig frei nach den himmlischen Angelegenheiten strebt.

Gregor der Große (ca. 540-604)

Sancta ecclesia quia superni luminis splendore protegitur, quasi sole vestitur, quia vero cuncta temporalia despicit, lunam sub pedibus premit.

Die heilige Kirche: weil sie mit dem Glanz des Lichtes von oben geschützt wird, gleichsam mit der Sonne bekleidet ist; da sie aber alle zeitlichen Dinge verachtet, tritt sie auf den Mond unter den Füßen.

Haymo von Halberstadt (gestorben 853)

(Anmerkung: Wie ich mittlerweile erfahren habe, ist die Zuschreibung des folgendes Textes an Haymo wohl falsch. Dennoch dürfte er aus der Karolingerzeit stammen.)

Quaecunque; hic narrantur secundum litteram, Beatem virgini specialiter congruere non possunt, sed electorum ecclesiae, a secundum mysticam narrationem generaliter conveniunt: Ipsa est amicta sole, id est Christo. Aliter. In hac muliere possumus intelligere perfectiores in ecclesia qui omnia relinquunt, per lunam simplices, qui laborant ad aliorum usus.

Wer auch immer sie ist, das was hier nach dem wörtlichen Sinn erzählt wird, kann nicht eigens der Seligen Jungfrau entsprechen, sondern der Kirche der Erwählten; sie passen schlechthin entsprechend der mystischen Erzählung. Sie (die Kirche) ist mit der Sonne bekleidet, das bedeutet mit Christus. Eine andere (Deutung): Unter dieser Frau können wir die Vollkommenen in der Kirche verstehen, die alles verlassen haben3, unter dem Mond die Einfachen, die für die Bedürfnisse der anderen arbeiten.

Rupert von Deutz (ca. 1070-1129)

Rupert von Deutz: wikimedia commons
Rupert von Deutz: wikimedia commons

Significat mulier illa sanctam ecclesiam, quam et in pluribus locis scripturarum invenimus appellari mulierem viro suo, id est, Deo, dilectum, et nonnunquam pro parte praevaricatorum, vitiis et idololaria peccatis servientium redargui ut adulteram. In capite huius mulieris corona stellarum duodecim Patriarchae, itemque; in initio renascentis eiusdem duodecim Apostoli notissimi ac splendidi dinumerantur.

Diese Frau bedeutet die heilige Kirche, da wir an so vielen Stellen der Schrift finden, dass sie von ihrem Mann, das bedeute Gott, Frau genannt wird, als Liebender, der sie manchmal hinsichtlich der Sünder, durch Laster und die Sünden des Götzendienstes, als Ehebrecherin überführt. Auf dem Kopf dieser Frau eine Krone von Sternen – die zwölf Patriarchen. Und auf gleiche Weise werden seit dem Beginn der Wiedergeburt (durch die Taufe) die sehr berühmten und angesehenen Apostel als diese Zwölf gezählt. (Kommentar zu Offb Buch VII)

Link zum Bld des Rupert von Deutz

Zwischenfazit

Bis hierher ist der Fall klar: die Väter sind der einhelligen Meinung, dass die Frau aus Offb 12 die Kirche bedeutet. Sehr schön kommt das auch in den Illustrationen der damaligen Zeit zum Ausdruck, wie etwa in der Bamberger Apokalypse, einem Werk aus dem frühen 11. Jahrhundert. Hier ist die apokalyptische Frau eindeutig nicht Maria, die Mutter des Herrn.

Die apokalyptische Frau aus der Bamberger Apokalypse; Quelle: archive.org
Die apokalyptische Frau aus der Bamberger Apokalypse; Quelle: archive.org

Der Umschwung in der Auslegung

Wieso konnte dann Dürer die Frauengestalt als Gottesmutter malen? Das hängt mit dem Umschwung in der Auslegung zusammen, der nach der Jahrtausendwende deutlich sichtbar wird.

Bernhard von Clairveaux (ca. 1090-1153)

Bernhard von Clairveaux; wikimedia commons
Bernhard von Clairveaux; wikimedia commons

Vehementer quidem nobis dilectissimi vir unus et mulier una nocuere, sed gratia Dei, per unum nihilominus virum et mulierem unam omnia restaurantur, nec sine magno fervore gratiarum, possunt. Dignum plane stellis coronari caput, quod et ipsis longe clarius micans, ornet eas potius quam ornetur ab eis. Quidni coronent sydera quam sol vestit?

Geliebte (Brüder), gewiss ist, dass uns *ein* Mann und *eine* Frau zusammen gewaltig geschadet haben, aber alle nichtsdestotrotz mit Gottes Gnade durch *einen* Mann und *eine* Frau wiederhergestellt werden, was nicht ohne die gewaltige Glut der Gnadenerweise möglich war. (…)
Es ist angemessen, dass das Haupt völlig mit Sternen gekrönt wird, das selbst weitaus heller strahlt, und sie (die Sterne) mehr schmückt als dass es von ihnen geschmückt wird. Warum sollen die Sterne nicht die krönen, die die Sonne bekleidet?
(Predigt am Sonntag in der Oktav von der Aufnahme Mariens 1+7; in dieser Ausgabe S. 2155 u. S. 2159)

Zur Quelle des Bildes

Andreas von St. Victor (gest. 1175)

Hanc mulierem nonnulli Dei genitricem virginemque per omnia sanctissimam interpretati sunt, quam ea omnia quae ordine hunc consequuntur, prius perpessa autumant, quam divinus illius partus perfecte cognosceretur. At magnus ille Methodius ad ecclesiam retulit, cuius verba haec sunt. Mulier sole induta, est ecclesia: quod autem nobis vestis est, hoc illi lux est. Pari modo quod nobis est aurum, et pretiosi lapides, hoc illi sunt stellae, et quidem ceteris praestantiores et illustriores. Ascendit autem super lunam, quia synagogam sub pedibus prostratam habet.

Diese Frau haben nicht wenige in jeder Hinsicht als die allerheiligste Gottesgebärerin und Jungfrau gedeutet, sie glauben, dass sie früher gelitten habe, was an der göttlichen Geburt jenes (Kindes) als vollendet erkannt werden könne. Doch der große Methodius4 bezog dieses (Zeichen) auf die Kirche, seine Worte sind diese: „Die mit der Sonne bedeckte Frau ist die Kirche. Was aber für uns ein Kleidungsstück ist, das ist für sie das Licht. In gleicher Weise: was für uns Gold und kostbare Steine sind, das sind für sie die Sterne, und zwar vortrefflicher und heller als die übrigen (Sterne). Sie erhebt sich aber über den Mond, weil sie die Synagoge unter ihren Füßen niedergeworfen hat.“5

Zusammenfassung

Andreas ist ein gutes Beispiel: er kennt die Auslegung der apokalyptischen Frau als Gottesmutter Maria, aber er weiß, dass die Älteren sie als Kirche gedeutet haben. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant, dass das katholische Lehramt im Schlusskapitel von Lumen gentium, der Konzilskonstitution über die Kirche, das von der „seligen jungfräulichen Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche“ handelt, beim Durchgang durch die marianischen Aussagen der Schrift Offb 12 nicht zitiert, sehr wohl aber vorher:

Die Kirche wird auch „das Jerusalem droben“ und „unsere Mutter“ genannt (Gal 4,26; vgl. Offb 12,17). 6

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  1. Alle lateinischen Zitate nach der Druckausgabe Venedig 1601 S. 794 f. der Datei.
  2. Gal 3,27; vgl. Röm 13,14
  3. vgl. Mk 10,21 par.
  4. Methodius von Olympus, gest. um 311
  5. Auch wenn dieses Antijüdische Methodius-Zitat es nicht vermuten lässt: Andreas war ein bedeutender Hebraist und Ausleger des AT, der in einem erstaunlichen Ausmaß mit rabbinischer Auslegung vertraut war. Vgl. Herman Hailperin: Rashi and the christian scholars S. 174-175
  6. DH 4111

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