Ein Text vom Toten Meer zum Thema Scheidung (frühes 2. Jh.)

Das Dokument wurde in Murabba’at am Toten Meer gefunden und ist ein Papyrus, auf den in Kursivschrift ein aramäische Text geschrieben wurde. Seine Erstveröffentlichung datiert aus dem Jahr 1961. 1 Aufgrund der großen Unterschiede in der Buchstabengröße gehen die Herausgeber von einer wenig geübten Hand aus („La main est peu habile“). Dieser Eindruck wird durch die Fehler und Verschreibungen im Text verstärkt. Die Aussagen der Zeilen 1-11 auf der Vorderseite werden in den Zeile 12-25 wiederholt. Diese Wiederholung habe ich nicht noch einmal übersetzt.

Text

Ich gebe hier eine vereinfachte Fassung des Textes wieder, so wie ihn die Herausgeber ursprünglich emendiert und transkribiert haben. Bei der Übersetzung gehe ich dann in den Anmerkungen immer wieder auf diese wissenschaftliche Fassung des Textes ein, die das großartige Comprehensive Aramaic Lexicon des Hebrew Union College veröffentlicht hat.

Erste Seite

באחד למרחשון שנת שת במצדא
שבק ומתרך מן רעתי יומא דנה אנה
יהסף בר נקסן מן [ ]ה יתב במצדא לכי אנתי
מרים ברת יהונתן [מ]ן הנבלטא יתבא
במצדא די הוית אנתי מן קדם דה די את
רשיא בנפשכי למהך ולמהי אנת לכול גבר
יהודי די תצבין וב[די]ן להוי לכי מני שפר תרכין
וגט שבקין בדין [ ]קא יהבנא וכול חריבין
ונזקן ו…ן [ ] ע לכי כדן יהי קים
ומשלום לרבעין ובז[מן ]די תמרין לי אחלף לכי
שטרה כדי חיא
בא[ח]ד למרחש[ון ] שנת שת במצדא
(…)

Zweite Seite

יהוסף בר נק[סן] על נפשה
אליעזר [בר] מלכה שהד
יהוסף בר מלכה שהד
אלעזר בר חננה שהד

Übersetzung

Erste Seite

  1. Am ersten des Marḥešwan2 des sechsten Jahres3 in Masada.
  2. Weggeschickt und geschieden wurde aus meinem freien Willen, heute, also von mir4,
  3. Josef, Sohn des Naqsan von [ ]h, wohnhaft in Masada, von mir 5
  4. Mariam, Tochter des Jonatan [vo]n Hanablata6, wohnhaft
  5. in Masada, dass du meine Frau warst zuvor, das bedeutet du bist
  6. ermächtigt, du selbst7, zu gehen und die Frau zu werden von jedem judäischen
  7. Mann, den du wünschst und mit der Entscheidung/dem Richtsspruch8 erhältst du von mir einen Scheidungsbrief 9
  8. und einen Get10 der Scheidung mit der Entscheidung/dem Richtspruch [unleserlich]11 gebe ich 12 und alle fehlerhaften (?)13
  9. und Schäden14 und [unleserlich] [werde ich] dir [zurückzahlen]15, so wird es dauerhaft
  10. zurückgezahlt in Vierteln/Quartalen16 und zu der Zeit in der du es mir sagen wirst, werde ich dir aushändigen
  11. das Dokument wenn ich (noch) lebe.
  12. Am ersten des Marḥeš[wan] des sechsten Jahres in Masada.

(…)

Zweite Seite

  1. Josef, Sohn des Naqsan, persönlich
  2. Eli’azar (Sohn des) Malka, Zeuge
  3. Josef, Sohn des Malka, Zeuge
  4. Eleazar, Sohn des Ḥanana, Zeuge

Ergebnis

Der Text bietet einen interessanten Hintergrund zu den Diskussionen über Scheidung im NT (Mt 5,31; 19,7; Mk 10,4) . Bemerkenswert finde ich, dass der Text zwischen dem Scheidungsbrief und dem Get zu differenzieren scheint – dazu habe ich allerdings in der Literatur noch keine erklärenden Hinweise gefunden.

Fußnoten

  1. P. Benoit, J.T. Milik und R. de Vaux: Discoveries in the Judean Desert II; Oxford, Clarendon Press 1961, S. 104
  2. Nach Jastrow S. 841 der achte Monat des jüdischen Kalenders, zwischen dem fünften Oktober und dem zweiten Dezember gelegen. Nach Sokoloff: A dictionary of Jewish Babylonian Aramaic S. 706 aber der zweite Monat. Das aramäische Online-Lexikon gibt als Übersetzung Oktober/November an.
  3. Nach dem Kommentar der Herausgeber bezieht sich die Jahresangabe auf den Beginn der Eparchie in der Provinz Arabia am 22. März 106, daher wird das Dokument von ihnen auf den Oktober/November 111 datiert.
  4. wörtlich: das bin ich
  5. Nach den Herausgebern ist אנתי eine Variante von את/אנת – „Du“ (vgl. Dalman, Grammatik S. 395). Das stimmt wohl nicht, heute wird der Ausdruck als „meine Frau“ übersetzt.
  6. Die Herausgeber identifizieren den Ort mit Bîr Nabâla, 7 km nordöstlich von Jerusalem. Das CAL liest stattdessen den Namen als דרפלטא – und meint lakonisch: ein geographischer Namen.
  7. Wörtlich: mit deiner Seele
  8. Die Herausgeber interpretierten diese Form als באדין – danach.
  9. Der aramäische ספר תירוכין entspricht dem hebräischen ספר כריתת aus Dtn 24,1.
  10. Der Get ist das Dokument über die Scheidung, vom Plural des Ausdrucks – Gittin (גִּטִּין) leitet sich der entsprechende Talmud-Traktat ab (Jastrow S. 233)
  11. Die Herausgeber vermuten das griechische Lehn-Wort גמיקאγαμικάThe Comprehensive Aramaic Lexicon (CAL) hält das Wort für nicht entzifferbar. Samuel Krauss „Griechische und Lateinische Lehnwörter im Talmud, Midrasch und Targum“ kennt den Ausdruck גמיקון – von γαμικόν = Alles zur Hochzeit gehörige, Ehepakt, Morgengabe. (Teil II, S. 178)
  12. Die Herausgeber sehen eine phonetische Lesart von יהב אנא – ich gebe.
  13. Das Online Lexikon sieht eine Verlesung von חריבין (verwüsteten/zerstörten) für חסרנין (fehlerhaften).
  14. Das Wort נזקן ist Plural von נֵזֶק – Schaden. Nach ihm ist die vierte Ordnung der Mischnah benannt – Seder N’ziḳin (Jastrow S. 892)
  15. The Comprehensive Aramaic Lexicon emendiert den unklaren Text hier so: אנה אפרוע – ich werde zurückzahlen
  16. Das bedeutet entweder in vier Raten oder alle drei Monate. So das CAL.

 

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