Ohne Punkt und Komma

Was dem modernen Leser häufig nicht bewusst ist: die antiken Texte wurden ohne Satzzeichen überliefert. Das kann – gerade bei längeren Texten – zu einer ganz eigenen Herausforderung werden. Denn es macht sinngemäß einen großen Unterschied, wo ein Übersetzer in einem solchen Satz eine Zäsur setzt. Ich will das an einem außergewöhnlich oft im Neuen Testament zitierten Jesaja-Wort verdeutlichen. „Ohne Punkt und Komma“ weiterlesen

»Ich aber sage euch …«

Eine der bekanntesten Formulierungen aus der Bergpredigt ist die mehrfach verwendete Formel: »Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist … ich aber sage euch« (Mt 5,21.27.35). Zusammen mit Mt 5,27+31+38 wird gerne von den »Antithesen« der Bergpredigt gesprochen – aus denen dann weitreichende christologische Folgerungen gezogen werden. Zu Recht? „»Ich aber sage euch …«“ weiterlesen

Copy and paste III

Manchmal reicht die Veränderung eines einzelnen Buchstabens, um den Sinn eines biblischen Satzes dramatisch zu verändern – das gilt nicht nur für die hebräische Bibel, sondern auch für das griechische Neue Testament. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist das der Geschlechtsumwandlung der Junia in einen Junias bei der Abschrift von Röm 16,7. „Copy and paste III“ weiterlesen

Götter, Engel oder Söhne Israels?

Ein spannender Text, was seine Übersetzung und Auslegung angeht, ist Dtn 32,8. Hier spielt es alle Stückerln, wie man in Wien sagen würde. Je nachdem welche Textzeugen man befragt, kommt man zu ganz unterschiedlichen Aussagen. In der Einheitsübersetzung lautet der Vers aus dem Lied des Mose: »Als der Höchste (den Göttern) die Völker übergab, / als er die Menschen aufteilte, / legte er die Gebiete der Völker / nach der Zahl der Götter fest«. „Götter, Engel oder Söhne Israels?“ weiterlesen

»Jeder Mensch« – oder »ein Mensch«?

Und wieder einmal die Einheitsübersetzung: diesmal hat sie im Buch Kohelet zugeschlagen. Dieses auch als »Prediger«, »Prediger Salomo« oder »Ekklesiastes« bekannte Buch gehört sicher zu den großen Herausforderungen jeder biblischen Auslegung, weil es so quer zum Mainstream der sonstigen Theologie der biblischen Bücher zu stehen scheint. Um so wichtiger ist es, den Textsignalen des Buches zu folgen, die zu einer kohärenten Deutung führen können. „»Jeder Mensch« – oder »ein Mensch«?“ weiterlesen

Papst Benedikt zur Übersetzung des Kelchwortes Jesu beim Abendmahl

Alle Themen, mit denen sich dieser Blog beschäftigt – die Übersetzung und Auslegung der Bibel und die damit verbundenen Konsequenzen – finden sich in diesem Brief von Papst Benedikt XVI an den Vorsitzenden der deutschen und österreichischen Bischofskonferenz.

Die Mischpoche Rahabs in Jericho

Über die Eroberung Jerichos und das dabei geschilderte Gemetzel habe ich hier schon geschrieben, ich möchte zu dieser Frage noch einen kleinen Nachschlag liefern. Der hebräische Text weist eine Eigenheit auf, die den Rabbinen zu denken gab – und sie wiederum zu weitreichenden Schlussfolgerungen führte.  „Die Mischpoche Rahabs in Jericho“ weiterlesen

Hieronymus und die Kunst der Übersetzung

Hieronymus wusste um die Komplexität einer guten Übersetzung – und er wurde für seine Übersetzung aus dem Hebräischen heftig angefeindet. Sein Brief an Pammachius: Über die beste Art zu übersetzen ist ein bemerkenswertes Zeugnis der Herausforderungen, vor denen er stand, und ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, »dass es in den heiligen Schriften nicht auf die Worte, sondern auf den Sinn ankommt« (non verba in scripturis consideranda, sed sensumCSEL LIV S. 522). Ich gebe hier einige Ausschnitte wieder, die in der Folge bedeutsam geworden sind. „Hieronymus und die Kunst der Übersetzung“ weiterlesen

Hieronymus zu seiner Psalmenübersetzung

Wie bereits erwähnt, hat Hieronymus den Psalter doppelt übersetzt: einmal nach der Septuaginta, das andere Mal aus dem Hebräischen. Dabei stand er unter einem doppelten Druck: er musste sich gegen innerkirchliche Kritiker verteidigen, die seiner Übersetzung aus dem Hebräischen grundsätzlich ablehnend gegenüber standen – und er wusste um die Unterschiede zwischen dem hebräischen Text und der LXX-Fassung, die christliche Apologeten in der Diskussion mit jüdischen Menschen stark verunsicherten.  „Hieronymus zu seiner Psalmenübersetzung“ weiterlesen

Gleiches gleich übersetzen?

Den alten Auslegern ist aufgefallen, dass ein Gebot der Tora an drei verschiedenen Stellen  vollkommen identisch formuliert ist – und sie zogen daraus weitreichende Schlüsse über seine Bedeutung und die Reichweite seiner Geltung. „Gleiches gleich übersetzen?“ weiterlesen