Hieronymus und Bereschit Rabba zu Lots Töchtern

Eine wirklich seltsame Erzählung der Genesis ist die von Lots Töchtern, die in der Meinung, sie und ihr Vater seien die letzten überlebenden Menschen, Lot betrunken machen, um dann mit ihm den Stammvater der Moabiter und Ammoniter zu zeugen. Das klang schon in der Antike sehr erklärungsbedürftig. „Hieronymus und Bereschit Rabba zu Lots Töchtern“ weiterlesen

Untersuchungen – Kapitel 19

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(Vers. 14-15) «Et locutus est ad generos suos, qui acceperant filias eius». Quia postea duae filiae Lot virgines fuisse dicuntur (de quibus et ipse dudum ad Sodomaeos dixerat: Ecce duae filiae meae, quae non cognoverunt virum), et nunc Scriptura commemorat eum habuisse generos; nonnulli arbitrantur illas, quae viros habuerunt, in Sodomis remansisse, et eas exisse cum patre, quae virgines fuerunt. Quod cum Scriptura non dicat, Hebraea veritas exponenda est, in qua scribitur: «Egressus est Lot, et locutus est ad sponsos, qui accepturi erant filias eius.» Necdum igitur virgines filiae matrimonio fuerant copulatae.

(Gen 19,14-15) »Und er sprach zu seinen Schwiegersöhnen, die seine Töchter bekommen hatten.« Später sagte man dann von den beiden Töchtern des Lot, dass sie Jungfrauen gewesen seien (schon vorher hatte er selbst zu den Sodomitern gesagt: Seht, meine beiden Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben), 1 und die Schrift erwähnt nun, dass er Schwiegersöhne hatte; einige nehmen an, dass die, die Männer hatten, in Sodom blieben, und dass (nur) die mit dem Vater hinausgingen, die Jungfrauen waren. 2 Da die Schrift das nicht sagt, ist der hebräische Urtext darzulegen, in dem geschrieben steht: »Und Lot ging hinaus und sprach zu den Verlobten, die seine Töchter bekommen sollten.« 3 Also waren seine Töchter Jungfrauen, die noch nicht verehelicht worden waren.

(Vers. 21.) Et dixit ei: «Ecce admiratus sum faciem tuam». In Hebraeo habet: «Ecce suscepi faciem tuam»: id est, acquiesco precibus tuis. Quod Symmachus secundum sensum interpretans ait, ὁράσει ἐδυσωπήθην τὸ πρόσωπόν σου.

(Gen 19,21): Und er sagte ihm: »Siehe, ich habe dein Angesicht geehrt.«Im Hebräischen steht: »Siehe, ich habe dein Gesicht angenommen«. 4 Das bedeutet: ich komme deinen Bitten nach. Das hat Symmachus dem Sinn gemäß so übersetzt: horásei edysópḗthēn tò prósōpón sou. (Ich bin durch das Ansehen deines Gesichtes erweicht worden).

Vers. 28.) «Et ecce ascendebat flamma de terra quasi vapor fornacis». Pro quo legimus in Hebraeo: Ecce ascendebat CITOR (קיטר), quasi ἀναθυμίασις fornacis: quod nos vaporem, vel fumum, sive favillam possumus dicere.

(Gen 19,28) »Und siehe, eine Flamme stieg von der Erde auf wie der Rauch des Ofens.« Stattdessen lesen wir im Hebräischen: siehe, qitor 5 stieg auf, wie anathymíasis (das Aufdampfen) des Ofens, was wir als Rauch, Qualm oder als glimmende Asche bezeichnen können.

(Vers. 30.) «Et ascendit Lot de Segor, et sedit in monte: et duae filiae eius cum eo. Timuit enim sedere in Segor». Quaeritur quare cum primum fugae montis Segor praetulerit, et eam in habitaculum suum voluerit liberari, nunc de Segor rursum ad montem migret? Respondebimus veram esse illam Hebraeorum coniecturam de Segor, quod frequenter terrae motu subruta, Bale primum, et postea Salisa appellata sit: timueritque Lot, dicens, Si cum caeterae adhuc urbes starent, ista saepe subversa est: quanto magis nunc in communi ruina non poterit liberari? Et ob hanc occasionem infidelitatis, etiam in filias coitus dedisse principium. Qui enim caeteras viderat subrui civitates, et hanc stare, seque Dei auxilio erutum: utique de eo, quod sibi concessum audierat, ambigere non debuit. Illud igitur, quod pro excusatione dicitur filiarum, eo quod putaverint defecisse humanum gentis, et ideo cum patre concubuerint, non excusat patrem. Denique Hebraei, quod sequitur:

(Gen 19,30): »Und Lot stieg von Segor hinauf und blieb auf dem Berg, und seine beiden Töchter mit ihm. Denn er fürchtete sich, in Segor zu bleiben.« Es stellt sich die Frage, weshalb er – obwohl er Segor zuerst der Flucht auf den Berg vorzog und obwohl er es als seine Wohnstätte unbewohnt lassen wollte – nun wieder von Segor zum Berg wanderte? Wir werden antworten, dass diese Deutung der Hebräer von Segor wahr ist: weil es häufig durch ein Erdbeben einstürzte, wurde es zuerst Bale, 6 und dann Salisa 7 genannt. Und Lot fürchtete sich und sagte: Jedes Mal, wenn die übrigen Städte stehen blieben, wurde diese oft zerstört. Wie könnte sie jetzt bei diesem allgemeinen Untergang nicht entvölkert werden? Und bei dieser Gelegenheit zur Treulosigkeit liegt auch der Ursprung dafür, dass er sich dem Geschlechtsverkehr mit den Töchtern hingab. Denn er, der gesehen hatte, dass die übrigen Städte zum Einsturz gebracht wurden, und diese stehen blieb und dass er durch die Hilfe Gottes gerettet wurde: da durfte er doch nicht an dem zweifeln, was ihm – wie er gehört hatte – gewährt wurde. 8 Das also, was man zur Entschuldigung der Töchter sagen kann, dass sie nämlich glaubten, das Menschengeschlecht sei untergegangen und dass sie deshalb mit dem Vater schliefen, kann den Vater nicht entschuldigen. Und daher (sagen) die Hebräer folgendes:

(Vers. 35.) Et nescivit cum dormisset cum eo, et cum surrexisset ab eo, appungunt desuper, quasi incredibile, et quod rerum natura non capiat, coire quempiam nescientem.

(Gen 19,35): Und er merkte es nicht, als sie mit ihm geschlafen hatte und als sie sich von ihm erhoben hatte – darüber punktieren sie: geradezu unglaublich 9 – auch weil die Natur der Dinge es nicht zulässt, dass einer mit irgendjemandem schläft, ohne es zu merken.

(Vers. 36 – 38) «Et conceperunt duae filiae Lot de patre suo, et genuit primogenita filium, et vocavit nomen eius Moab. Iste est pater Moabitarum usque in hanc diem. Et minor, et ipsa peperit filium, et vocavit nomen eius Ammon id est, filius populi mei. Ipse est pater filiorum Ammon». Moab interpretatur, ex patre: et totum nomen etymologiam habet. Ammon vero, cuius quasi causa nominis redditur, filius generi mei, sive ut melius est in Hebraeo (עמי), filius populi mei, sic derivatur, ut ex parte sensus nominis, ex parte ipse sit sermo: AMMI enim, a quo dicti sunt Ammonitae, vocatur populus meus.

(Gen 19,36-38): »Und die beiden Töchter Lots empfingen von ihrem Vater und die erstgeborene gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Moab. Der ist der Vater der Moabiter bis zum heutigen Tag. Auch die Jüngere brachte einen Sohn zur Welt und gab ihm den Namen Ammon, das bedeutet: Sohn meines Volkes. Er ist der Vater der Söhne Ammons.« Moab wird als aus dem Vater übersetzt und der ganze Namen hat eine besondere Bedeutung. Aber Ammon – die Ursache für seinen Namen wird etwa als Sohn meines Geschlechtes/meiner Familie wiedergegeben, oder wie es besser im Hebräischen heißt – Sohn meines Volkes – was so zum Teil von der Bedeutung des Namens, zum Teil von dem Ausdruck selbst hergeleitet wird: denn ammi, nachdem die Ammoniter benannt sind, heißt mein Volk.

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  1. Gen 19,8
  2. Diese Auslegung vertritt auch MBR: וידבר אל חתניו וגו‘ ארבע בנות היו לו שתים ארוסות ושתים נשואות – »Und er sprach zu seinen Schwiegersöhnen usw. Er hatte vier Töchter: zwei waren verlobt und zwei waren verheiratet« (MBR L, 9; MÜ) Zitiert nach: https://www.sefaria.org/Bereishit_Rabbah.50
  3. MT liest heute: וַיֵּצֵ֨א ל֜וֹט וַיְדַבֵּ֣ר אֶל־חֲתָנָ֣יו לֹקְחֵ֣י בְנֹתָ֗י – Und Lot ging hinaus und sprach zu seinen Schwiegersöhnen, die seine Töchter nehmen sollten (Partizip).
  4. MT liest: וַיֹּאמֶר אֵלָיו הִנֵּה נָשָׂאתִי פָנֶיךָ – »Und er sprach: Siehe, ich habe dein Angesicht erhoben.«
  5. קִיטֺר bedeutet Rauch.
  6. Nach Gen 14,2+8 hieß die Stadt, die Hieronymus als Segor (hebr. צוֺעַר) bezeichnet, Bæla (hebr. בֶּלַע), was Hieronymus hier als Bale vokalisiert. Das dahinter stehende Verb בלע bedeutet verschlingen, vernichten.
  7. Schon in seiner Auslegung von Gen 14,2 hat Hieronymus diese Deutung vorgetragen und שָׁלִשָׁה aus 1 Sam 9,4 genannt. Siehe auch dort zu den weiteren Details.
  8. In Gen 19,21 hatte Gott dem Lot versprochen, die Stadt Segor/Zoar nicht zu vernichten.
  9. Dieses Angabe des Hieronymus wird durch den hebräischen Bibeltext und MBR bestätigt: In dem fast gleichlautenden Vers 19,33 findet sich einer der puncta extraordinaria des hebräischen Bibeltextes, der sicher älter ist, als die masoretische Vokalisierung. MBR liest: ותשקן את אביהן יין וגו‘ נקוד על וי“ו של ובקומה שבשכבה לא ידע בקומה ידע – »Und sie gaben ihrem Vater Wein zu trinken usw. (Gen 19,33) Ein Punkt ist über dem Wav von und bei ihrem Aufstehen. (Das bedeutet) dass er bei ihrem sich Niederlegen nichts bemerkte, bei ihrem Aufstehen bemerkte er es«. (Bereschit Rabba LI,8 zu Gen 19,33)

Untersuchungen – Kapitel 18

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Cap. XVIII. – Vers. 6) «Et dixit ei: Festina, tres mensuras farinae similae commisce.» Quia tres mensurae absolute hic dictae videntur, et est incerta mensura: propterea addidi, quod in Hebraeo tria sata habeat, id est tres amphoras: ut idem mysterium et hic, et in Evangelio, ubi mulier tria sata farinae fermentare dicitur, cognoscamus (Matth. XIII, 33).

Gen 18,6): »Und er sagte zu ihr: Schnell, mische drei Maß Weizenmehl«. Die drei Maß steht hier anscheinend ohne nähere Bestimmung und die Menge ist unbestimmt. Deshalb habe ich hinzugefügt, dass im Hebräischen drei Scheffel 1 steht, das bedeutet drei Vorratskrüge: sodass wir sowohl hier als auch im Evangelium das selbe Gleichnis wiedererkennen, wo gesagt wird, dass eine Frau drei Sata Mehl durchsäuert (Mt 13,33).

Vers. 10.) «Dixit autem: Revertens veniam ad te in tempore hoc, et in hora, et habebit filium Sara.» Pro hora, vitam legimus in Hebraeo: ut sit ordo vel sensus: Revertar ad te in tempore vitae: quasi dixerit, si vixero, si fuerit vita comitata: haec autem ἀνθρωποπάθως, quomodo et caetera.

(Gen 18,10): »Er aber sagte: Ich werde zu dir wiederkommen zu dieser Zeit, und zu dieser Frist, und Sara wird einen Sohn haben.« Statt Frist lesen wir im Hebräischen Leben, 2 so dass sich als Reihenfolge und Sinn ergibt: ich werde zu dir zurückkehren in der Zeit des Lebens. So als wenn er sagt: so wahr ich leben werde, so wahr wird das Leben mich begleiten. Das aber (ist) anthrōpopáthōs (mit menschlichen Gefühlen) 3 (gesagt), auf welche Weise usw.

(Vers. 12.) «Risit autem Sara in semetipsa, dicens: Necdum mihi factum est usque nunc, et dominus meus senex est.» Aliter multo legitur in Hebraeo: Et risit Sara in semetipsa, dicens: Postquam attrita sum, et facta est mihi voluptas? Simul nota quod ubi nos posuimus, voluptatem, EDEN scriptum est in Hebraeo. Symmachus hunc locum ita transtulit: Postquam vetustate consenui, facta est mihi adolescentia?

Gen 18,12): »Aber Sara lachte bei sich und sagte: Noch ist es nicht an mir geschehen bis zum jetzigen Zeitpunkt, und mein Herr ist ein Greis.« Häufig wird im Hebräischen anders gelesen: Und Sara lachte bei sich und sagte: Nachdem ich schon verbraucht / aufgerieben worden bin, wird mir noch Wollust verliehen? Bedenke zugleich, dass dort wo wir Wollust lesen, im Hebräischen Eden 4 geschrieben steht. Symmachus hat diese Stelle so übersetzt: nach dem ich so alt geworden bin, ist mir noch Jugend geschenkt?

(Vers. 32.) «Et dixit: Numquid est, Domine, si loquar?» Quod Graece scriptum est, μήτι, Κύριε, ἐὰν λαλήσω. Secundo Abraham est locutus ad Dominum: quod non videtur manifeste sonare quid dicat. In Hebraeo igitur planius scribitur: Ne, quaeso, irascaris, Domine, si locutus fuero. Quia enim videbatur interrogans, Dominum arctare responsione, temperat praefatione quod quaerit.

Gen 18,32): »Und er sagte: Macht es etwas aus, Herr, wenn ich rede?« Das wird auf Griechisch geschrieben: mēti, kýrie, eàn lalḗsō. 5 Abraham hat zum zweiten Mal zum Herrn gesprochen, denn seine Worte scheinen nicht deutlich zu klingen. Folglich steht im Hebräischen deutlicher: Herr, bitte, sei nicht zornig, wenn ich (nochmals) spreche. Denn mit seiner Frage schien er den Herrn in seiner Erwiderung einzuschränken und milderte / mäßigte durch die im Voraus gesprochenen Worte das, worum er bittet.

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  1. Im Hebräischen wird das Wort סְאָה verwendet. Seāh ist ein Hohlmaß zur Messung von Getreide.
  2. כָּעֵת חַיָּה, was Buber/Rosenzweig als »wann die lebenspendende Zeit ist« übersetzen. Hieronymus übersetzt den Begriff hier wie das Targum Onkelos: (Ausgabe Berliner, Band I, S. 26)
  3. Vgl. Evangelinus Apostolides Sophocles: Greek Lexicon of the Roman and Byzantine Periods, S. 170
  4. Der hebräische Text liest heute עֶדְנָה(ædnāh), das ist die weibliche Form von עדן. Der Ausdruck ist ein Hapax Legomenon und bedeutet »Üppigkeit«, »Lustgefühl«.
  5. »Doch nicht etwa, Herr, wenn ich reden werde?« LXX Deutsch übersetzt: (Möge mir,) Herr, nicht etwas (geschehen), wenn ich spreche.

Das Gleichnis von den beiden Söhnen (Mt 21,28-31)

Nachdem ich bereits Textvarianten bei Markus, bei Lukas und Johannes analysiert habe, hier noch eine textkritische Nuss aus dem Matthäusevangelium: das Gleichnis von den beiden Söhnen, die der Vater bittet, in seinem Weinberg zu arbeiten. „Das Gleichnis von den beiden Söhnen (Mt 21,28-31)“ weiterlesen

Was brennt im Fegefeuer?

Eine in vielen künstlerischen Darstellungen präsente Jenseits-Vorstellung betrifft das Fegefeuer, das lateinisch als purgatorium – Reinigungsort – bezeichnet wird. Was da eigentlich genau brennt ist eine Frage, die schon in der alten Kirche diskutiert wurde, mit einem – wie ich finde – erstaunlich modern klingenden Diskussionsbeitrag aus Alexandria. „Was brennt im Fegefeuer?“ weiterlesen

Ältester lateinischer Evangelienkommentar gefunden

Letzte Woche habe ich hier in Wien einen sehr interessanten Vortrag von Dr. Lukas Dorfbauer vom CSEL der Universität Salzburg gehört. Er berichtete darin, wie er in der Kölner Dombibliothek den ältesten erhalten gebliebenen Evangelienkommentar in lateinischer Sprache entdeckte. „Ältester lateinischer Evangelienkommentar gefunden“ weiterlesen

Wen ließ Lukas das Magnificat sprechen?

»Was soll diese Frage?« – wird wohl die erste Reaktion beim Lesen sein. »Das Magnificat ist der Lobgesang Mariens und wird als solcher tagtäglich in der Liturgie der Kirche beim Abendgebet rezitiert«. Trotzdem lohnt sich die Rückfrage. „Wen ließ Lukas das Magnificat sprechen?“ weiterlesen

Untersuchungen – Kapitel 17

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(Vers. 3 et seqq.) «Et locutus est ei Dominus, dicens: Ecce testamentum meum tecum: et eris pater multitudinis gentium, et non vocabitur ultra nomen tuum Abram, sed erit nomen tuum Abraam, quia patrem multarum gentium posui te.» Notandum quod ubicumque in Graeco, Testamentum legimus, ibi in Hebraeo sermone sit foedus, sive pactum, id est, BERITH (ברית) Dicunt autem Hebraei, quod ex nomine suo, Deus, quod apud illos Tetragrammum est, HE litteram, Abraae et Sarae addiderit: dicebatur enim primum ABRAM (אברם) , quod interpretatur, pater excelsus: et postea vocatus est ABRAAM (אברהם), quod transfertur pater multarum: nam quod sequitur gentium, non habetur in nomine, sed subauditur. Nec mirandum, quare cum apud Graecos et nos Α littera videatur addita: nos HE (ה) litteram Hebraeam additam dixerimus; idioma enim linguae illius est, per HE quidem scribere, sed per A (א) legere: sicut e contrario A litteram saepe per HE pronuntiant.

(Gen 17,3): »Und Gott sprach zu ihm: Siehe, (das ist) mein Testament mit dir – du wirst der Vater einer Menge von Völkern sein, und du wirst (in Zukunft) nicht mehr Abram genannt werden, sondern dein Name wird Abraam sein, weil ich dich zum Vater vieler Völker eingesetzt habe.« Es ist anzumerken, dass überall da, wo wir im Griechischen Testament lesen, in der Hebräischen Sprache Bund oder Vertrag steht, das heißt berit. Die Hebräer sagen aber, dass Gott von seinem Namen, der bei ihnen aus vier Buchstaben geschrieben ist, Abraham und Sarah den Buchstaben He hinzugefügt habe. 1 Denn er wurde zuerst Abram genannt, was übersetzt heißt: erhabener Vater. Danach wurde er Abraham genannt, was als Vater der vielen übertragen wird. Denn das darauf folgende Völker steht nicht im Namen, sondern wird mitgehört. Es ist nicht verwunderlich, weshalb bei den Griechen und bei uns der Buchstabe A hinzugefügt erscheint: wir könnten sagen, dass der hinzugefügte hebräische Buchstabe ein He ist. Denn es ist eine Eigentümlichkeit jener Sprache, zwar ein He zu schreiben, aber es als A zu lesen, so wie sie umgekehrt den Buchstaben A häufig als He aussprechen.

(Vers. 15.) «Et dixit Deus ad Abraam: Sarai uxorem tuam non vocabis eam Sarai, sed Sara erit nomen eius.» Errant qui putant primum Saram per unum R scriptam fuisse, et postea ei alterum R additum. Et quia apud Graecos centenarius numerus est, multas super nomine eius ineptias suspicantur: cum utique utcumque volunt ei vocabulum commulatum, non Graecam, sed Hebraeam debeat habere rationem, cum ipsum nomen Hebraicum sit. Nemo autem in altera lingua quempiam vocans, etymologiam vocabuli sumit ex altera. SARAI (שרי) igitur primum vocata est per SIN, RES, IOD: sublato igitur IOD, id est, I elemento, addita est HE littera, quae per A legitur: et vocata est SARA (שרה). Causa autem ita nominis immutati, haec est, quod antea dicebatur, princeps mea, unius tantum domus materfamiliae. Postea vero dicitur absolute, princeps, id est, ἄρχουσα. Sequitur enim: «Dabo tibi ex ea filium, et benedicam ei, et erit in gentes: et reges populorum erunt ex eo.» Signanterque, non ut in Graeco legimus: «Dixit Deus ad Abraam. Sarai uxor tua non vocabitur nomen eius Sarai»: in Hebraeo habetur: «non vocabis nomen eius Sarai», id est, non dices ei, princeps mea es: omnium quippe gentium futura iam princeps est. Quidam pessime suspicantur, ante eam lepram fuisse vocitatam, et postea principem: cum lepra SARATH (צרעת) dicatur, quae in nostra quidem lingua videtur aliquam habere similitudinem; in Hebraeo autem penitus est diversa. Scribitur enim per SADE, et RES, et AIN, et THAU: quod multum a superioribus tribus litteris, id est, SIN, RES, et HE, quibus SARA scribitur, discrepare manifestum est.

(Gen 17,15) »Und Gott sagte zu Abraham: Sarai, deine Frau, du sollst sie nicht Sarai nennen, sondern Sara wird ihr Namen sein«. Es irren diejenigen, die glauben, dass Sara zuerst mit einem R geschrieben worden sei, dem später ein zweites R hinzugefügt wurde. 2 Und weil es (=das R) bei den Griechen der hundertste Buchstabe ist, 3 wurden über ihren Namen viele Unsinnigkeiten ersonnen. 4 Jedenfalls muss die Veränderung, 5 welche Bezeichnung sie auch immer ihm (=dem Namen Sara) geben wollen, nicht auf das Griechische, sondern auf das Hebräische Rücksicht nehmen, denn ihr Name ist ein hebräischer. Aber niemand, der einen beliebigen (Menschen) in einer Sprache nennt, nimmt aus einer anderen (Sprache) die Etymologie des Wortes. Sarai wird ursprünglich mit Sin, Resch und Jod geschrieben. Das Jod also, das heißt der Buchstabe I wurde weggenommen, hinzugefügt wurde der Buchstabe H, der als A gelesen wird, daher ist die Aussprache Sara. Aber der Grund für die Namensänderung liegt darin, dass vorher gesagt wurde: meine Herrscherin – sie war doch nur die Familienmutter eines Haushaltes. Danach aber wird sie vollkommen zurecht Fürstin, das heißt archūsa genannt. Denn es folgt: »Ich werde dir durch sie einen Sohn geben; und ich werde ihn segnen und er wird in/unter den Völkern sein und Könige von Völkern werden durch ihn sein«. Und es ist bezeichnend, dass wir nicht wie im Griechischen lesen: » Gott sagte zu Abraham: Sarai, deine Frau, wird nicht Sarai genannt werden«; auf Hebräisch lesen wir: »du sollst sie nicht Sarai nennen«, das bedeutet, du wirst nicht zu ihr sagen du bist meine Fürstin. Denn sie ist schon die zukünftige Fürstin aller Völker. Manche haben in übelster Weise vermutet, dass man sie zuerst Aussatz genannt habe und erst später Fürstin. Denn Aussatz heißt Zarat, ein Wort, das einem in unserer Sprache ähnlich zu sein scheint. Auf Hebräisch aber ist das etwas völlig anderes. Es wird nämlich mit Zajin, Resch, Ajin und Taw geschrieben, was sich ganz offensichtlich von den drei Buchstaben, mit denen Sara geschrieben wird, also Sin, Resch und Jod, unterscheidet.

Vers. 17.) «Et cecidit Abraam super faciem suam, et risit: et dixit in corde suo, Si centenario nascetur filius, et Sara nonagenaria pariet?» Et post paululum: «Et vocabis nomen eius Isaac». Diversa opinio, sed una est etymologia (vers. 19), quare appellatus sit Isaac. Interpretatur enim Isaac, risus. Alii dicunt, quod Sara riserit, ideo eum risum vocatum esse, quod falsum est. Alii vero quod riserit Abraham, quod et nos probamus. Postquam enim ad risum Abrahae, vocatus est filius eius Isaac, tunc legimus risisse et Saram. Sciendum tamen quod quatuor in veteri Testamento absque ullo velamine, nominibus suis antequam nascerentur, vocati sunt: Ismael, Isaac, Salomon, et Iosias. Lege Scripturas. (Gen. XVI,11; XVII,19; II Reg. XII,24; III Reg. XIII,2)

(Gen 17,17): »Und Abraham fiel auf sein Gesicht und lachte und er sagte in seinem Herzen: Wenn dem Hunderjährigen ein Sohn geboren wird, und Sara als Neunzigjährige gebären wird?« Und wenig später: »Und du wirst ihn Isaak nennen«. Es gibt verschiedene Ansichten, aber nur eine Etymologie, warum er Isaak genannt wurde. Isaak wird nämlich als Lachen übersetzt. Die einen sagen, dass er Lachen genannt wurde, weil Sara gelacht hatte: das ist falsch. Die anderen allerdings (sagen), was auch wir anerkennen: weil Abraham lachte. Denn da Abraham lachte, wird sein Sohn Isaak genannt, erst dann lesen wir, dass auch Sara gelacht habe. Man muss aber wissen, dass im Alten Testament vier ohne jede Verhüllung ihre Namen erhielten, noch bevor sie geboren wurden: Ismael, Isaak, Salomo und Josia. 6 Lies die Schrift! (Gen 16,11; 17,19; 2 Sam 12,24; 1 Kön 13,2).

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  1. In MBR 47 heißt es: »Rabbi Karcha sagte: das Jod, dass der Heilige, gepriesen sei er, von Sarai wegnahm, teilte er – eine Hälfte für Sarah, eine Hälfte für Abraham.« Vom Zahlenwert der Buchstaben her ist Jod = 10, He = 5.
  2. Die LXX liest hier wirklich: εἶπεν δὲ ὁ θεὸς τῷ αβρααμ σαρα ἡ γυνή σου οὐ κληθήσεται τὸ ὄνομα αὐτῆς σαρα ἀλλὰ σαρρα ἔσται τὸ ὄνομα αὐτῆς – Und Gott sagte zu Abraham: Deine Frau Sara wird nicht Sara genannt werden, sondern Sarra wird ihr Name sein.
  3. Das Rho hat im Griechischen den Zahlenwert von einhundert.
  4. Siehe dazu Philo: Quaestiones et Solutiones in Genesin III, 53 zu Gen 17,15. Vgl. Justin der Märtyrer, Dialog mit dem Juden Trypho 113,2.
  5. Ich weiß nicht, was commulatum bedeutet – vielleicht ist commutatum zu lesen?
  6. Die gleichen Namen werden in diesem Zusammenhang genannt in der Mekhilta de-Rabbi Jishmael, Traktat Pisha, Kapitel XVI (Ausgabe Stemberger S. 79-80)

»Blut ist ein ganz besondrer Saft« II

Über die Bedeutung des Blutes habe ich bereits im Zusammenhang mit Lev 17,11+14 geschrieben. Bevor ich dazu weitergehe, hier noch eine wichtige Auslegung des Hieronymus, der sich gegen ein magisches Missverständnis des Blutes wehrt.  „»Blut ist ein ganz besondrer Saft« II“ weiterlesen