Ohne Punkt und Komma

Was dem modernen Leser häufig nicht bewusst ist: die antiken Texte wurden ohne Satzzeichen überliefert. Das kann – gerade bei längeren Texten – zu einer ganz eigenen Herausforderung werden. Denn es macht sinngemäß einen großen Unterschied, wo ein Übersetzer in einem solchen Satz eine Zäsur setzt. Ich will das an einem außergewöhnlich oft im Neuen Testament zitierten Jesaja-Wort verdeutlichen. „Ohne Punkt und Komma“ weiterlesen

»Ich aber sage euch …«

Eine der bekanntesten Formulierungen aus der Bergpredigt ist die mehrfach verwendete Formel: »Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist … ich aber sage euch« (Mt 5,21.27.35). Zusammen mit Mt 5,27+31+38 wird gerne von den »Antithesen« der Bergpredigt gesprochen – aus denen dann weitreichende christologische Folgerungen gezogen werden. Zu Recht? „»Ich aber sage euch …«“ weiterlesen

Das bittere, fluchbringende Wasser (Num 5,11-31)

Ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit eines zweiten und genauen Blicks auf einen schwierigen und anstößige Text bietet das Eifersuchtsordal aus Num 5. Hier wird ausführlich geschildert, wie ein eifersüchtiger Mann seine Frau, die er – ohne Beweise zu haben – des Ehebruchs bezichtigt, in den Tempel bringen soll. Dort bereitet der Priester einen Trunk aus »bitterem und fluchbringendem Wasser«, das im Fall der Untreue »ihren Bauch anschwelle und ihre Hüften einfallen« lassen wird. Wenn ich diesen Text mit einer Gruppe lese, ruft er zunächst immer Entsetzen hervor. Tut er das nicht zu Recht? „Das bittere, fluchbringende Wasser (Num 5,11-31)“ weiterlesen

Copy and paste III

Manchmal reicht die Veränderung eines einzelnen Buchstabens, um den Sinn eines biblischen Satzes dramatisch zu verändern – das gilt nicht nur für die hebräische Bibel, sondern auch für das griechische Neue Testament. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist das der Geschlechtsumwandlung der Junia in einen Junias bei der Abschrift von Röm 16,7. „Copy and paste III“ weiterlesen

Copy and paste II

Ein Mann der alten Kirche, der unglaublich viel geschrieben hat – und von dem unglaublich viel abgeschrieben wurde – war der große Origenes († 254). Bald nach seinem Tod begannen die origenistischen Streitereien, die letztendlich dazu führten, dass dieser »Riese« unter den Theologen als Häretiker bezeichnet wurde. Zu den Verteidigern des Origenes im Westen gehörte Rufin von Aquilea († 412) – dessen Freundschaft mit Hieronymus († 420) wegen dieser Frage zerbrach.  „Copy and paste II“ weiterlesen

Lieben oder Hassen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin immer wieder gerne auf Diaspora unterwegs, und dort begegnen mir regelmäßig unter dem Stichwort #bible Beiträge, die in Form von Pictogrammen Kritik an der Bibel üben. In diesem Fall werden zwei auf den ersten Blick widersprüchliche Bibeltexte abgebildet: »Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder« (1 Joh 3,15) und »Wenn jemand zu mir kommt und nicht seine Brüder hasst, der kann nicht mein Jünger sein« (Lk 14,26). Der gewünschte Eindruck: die Bibel, ein hochproblematisches Buch. Hier meine 5 Cent dazu:  „Lieben oder Hassen?“ weiterlesen

Götter, Engel oder Söhne Israels?

Ein spannender Text, was seine Übersetzung und Auslegung angeht, ist Dtn 32,8. Hier spielt es alle Stückerln, wie man in Wien sagen würde. Je nachdem welche Textzeugen man befragt, kommt man zu ganz unterschiedlichen Aussagen. In der Einheitsübersetzung lautet der Vers aus dem Lied des Mose: »Als der Höchste (den Göttern) die Völker übergab, / als er die Menschen aufteilte, / legte er die Gebiete der Völker / nach der Zahl der Götter fest«. „Götter, Engel oder Söhne Israels?“ weiterlesen

Die »noachidischen Gebote«

Aus der Auslegungstradition der Fluterzählung entwickelte sich die nähere Bestimmung eines Noach-Bundes (KKK 56-58). Die jüdische Tradition kennt sieben noachidische Gebote, und es gibt gewichtige Hinweise, dass diese Vorstellung im Urchristentum eine entscheidende Rolle gespielt hat. Was sind diese Gebote – und wo findet man sie?   „Die »noachidischen Gebote«“ weiterlesen