Damit das hier kein Mäkel-Blog wird, in dem nur schlechte Übersetzungen beklagt werden (und Übersetzung ist schon immer Auslegung), zur Abwechslung mal ein Beitrag über gelungene Beispiele, in diesem Fall an Hand einer klassischen Formulierung aus Jesaja.
Kategorie: Übersetzung
David und Batseba in den Fassungen der LXX
Im letzten Semester haben wir in einem Septuaginta Lektüreseminar die großartige Erzählung von David und seinem Ehebruch mit Batseba gelesen, wobei nicht nur die Unterschiede zwischen dem hebräischen Text und der Septuaginta, sondern die beiden unterschiedlichen Textzeugen innerhalb der griechischen Varianten sehr aufschlussreich sind. „David und Batseba in den Fassungen der LXX“ weiterlesen
Petrus als Satan
Und wieder einmal die Einheitsübersetzung: Als Petrus nach der ersten Leidensankündigung Jesu seinem Herrn den Weg nach Jerusalem ausreden möchte, fährt ihn sein Meister laut EÜ an: »Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!« (Mt 16,23). Aber in Mt 4,19 wird der gleiche griechische Ausdruck opísō mu mit »folgt mir nach« übersetzt. Ohne auf den Gesamtkontext des Evangeliums zu achten, unterschlägt die Version von Mt 16,23 in der EÜ so, dass die heftige Zurückweisung des Petrus mit einem Ruf in die erneute Nachfolge verbunden ist. Denn opísō mu heißt hier schlicht und einfach: »hinter mich!« – eben im Sinne von: folge mir nach (vgl. Mk 8,33+34).
Gefallene Engel I
Tertullian († um 220) schreibt in seinem Apologeticum: »Doch wie von einigen Engeln, die aus eigenem Willen verdorben wurden, ein noch verdorbeneres Volk von Dämonen hervorging, das von Gott zusammen mit den Urhebern der Nachkommenschaft und mit dem, den wir den Fürsten [=der Satan] genannt haben, verdammt wurde: dieser Hergang wird in den Heiligen Schriften erkannt« (XXII,3). Die Bibliothek der Kirchenväter merkt in ihrer Übersetzung dazu an, dass Tertullian dabei wohl an Gen 6,2 denke. Diese Auskunft scheint mir unvollständig zu sein. „Gefallene Engel I“ weiterlesen
Ohne Punkt und Komma
Was dem modernen Leser häufig nicht bewusst ist: die antiken Texte wurden ohne Satzzeichen überliefert. Das kann – gerade bei längeren Texten – zu einer ganz eigenen Herausforderung werden. Denn es macht sinngemäß einen großen Unterschied, wo ein Übersetzer in einem solchen Satz eine Zäsur setzt. Ich will das an einem außergewöhnlich oft im Neuen Testament zitierten Jesaja-Wort verdeutlichen. „Ohne Punkt und Komma“ weiterlesen
»Ich aber sage euch …«
Eine der bekanntesten Formulierungen aus der Bergpredigt ist die mehrfach verwendete Formel: »Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist … ich aber sage euch« (Mt 5,21.27.35). Zusammen mit Mt 5,27+31+38 wird gerne von den »Antithesen« der Bergpredigt gesprochen – aus denen dann weitreichende christologische Folgerungen gezogen werden. Zu Recht? „»Ich aber sage euch …«“ weiterlesen
Copy and paste III
Manchmal reicht die Veränderung eines einzelnen Buchstabens, um den Sinn eines biblischen Satzes dramatisch zu verändern – das gilt nicht nur für die hebräische Bibel, sondern auch für das griechische Neue Testament. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist das der Geschlechtsumwandlung der Junia in einen Junias bei der Abschrift von Röm 16,7. „Copy and paste III“ weiterlesen
Götter, Engel oder Söhne Israels?
Ein spannender Text, was seine Übersetzung und Auslegung angeht, ist Dtn 32,8. Hier spielt es alle Stückerln, wie man in Wien sagen würde. Je nachdem welche Textzeugen man befragt, kommt man zu ganz unterschiedlichen Aussagen. In der Einheitsübersetzung lautet der Vers aus dem Lied des Mose: »Als der Höchste (den Göttern) die Völker übergab, / als er die Menschen aufteilte, / legte er die Gebiete der Völker / nach der Zahl der Götter fest«. „Götter, Engel oder Söhne Israels?“ weiterlesen
»Jeder Mensch« – oder »ein Mensch«?
Und wieder einmal die Einheitsübersetzung: diesmal hat sie im Buch Kohelet zugeschlagen. Dieses auch als »Prediger«, »Prediger Salomo« oder »Ekklesiastes« bekannte Buch gehört sicher zu den großen Herausforderungen jeder biblischen Auslegung, weil es so quer zum Mainstream der sonstigen Theologie der biblischen Bücher zu stehen scheint. Um so wichtiger ist es, den Textsignalen des Buches zu folgen, die zu einer kohärenten Deutung führen können. „»Jeder Mensch« – oder »ein Mensch«?“ weiterlesen
Papst Benedikt zur Übersetzung des Kelchwortes Jesu beim Abendmahl
Alle Themen, mit denen sich dieser Blog beschäftigt – die Übersetzung und Auslegung der Bibel und die damit verbundenen Konsequenzen – finden sich in diesem Brief von Papst Benedikt XVI an den Vorsitzenden der deutschen und österreichischen Bischofskonferenz.