»Wer sein Kind liebt, der züchtigt es«

Ist die Bibel ein Buch für Prügelpädagogen? Was hat es mit dem berüchtigten Satz auf sich: »Wer sein Kind liebt, der züchtigt es«? Zitiert wird in diesem Zusammenhang gerne Spr 13,24, der Vers liest sich in der Lutherübersetzung von 1912 so:

»Wer seine Rute schont, der haßt seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald.« Ähnlich die Fassung von Martin Buber und Franz Rosenzweig: »Wer mit seinem Stecken kargt, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, bereitet ihm Zucht.«

Zur Übersetzung:

Zwei Anmerkungen zur Übersetzung: das Wort schewæt, das Luther mit »Rute« und Buber/Rosenzweig mit »Stecken« übersetzt haben, hat auch die Bedeutung von »Hirtenstab«, »Szepter« oder »Stamm« (im Sinn der »zwölf Stämme Israels«). Die Konnotierung mit der Prügelstrafe ist also nicht zwangsläufig. 1

Man soll für sein Kind musār suchen, was sich von jsr – erziehen, ableitet. Eine sachgerechte inhaltliche Übersetzung wäre daher für mich: Wer als Eltern seiner Verantwortung für sein Kind nicht nachkommt, schadet ihm; wer es liebt, versucht es zu erziehen.

Zur Rhetorik des Textes:

Was in meiner Verdeutschung nicht herauskommt, ist der Umstand, dass dieses Sprichwort eine eminent poetische Dimension besitzt:

hosæch schavto soneh bǝno
wǝ ohavo schacharo musār

In der Handschrift der Bibel wird das schon durch das Schriftbild deutlich, und dabei ist auch zu beachten, dass es sich hier um einen weisheitlichen Text handelt. Hier wird also in poetischer Weise eine uralte, nicht auf die Bibel beschränkte Einsicht wiedergegeben, die alle, die Kinder und Kindeskinder haben, wohl bestätigen können.

Dass der Vers auch benutzt wurde, um Prügelstrafen zu rechtfertigen, will und kann ich nicht bestreiten. Aber ich halte eine solche Auslegung für falsch und schädlich.

Nachtrag vom 1. August 2017

Ein Blick in die älteste Übersetzung unseres Textes zeigt, dass ich mit meiner Deutung nicht allein bin. Die LXX liest:
ὃς φείδεται τῆς βακτηρίας, μισεῖ τὸν υἱὸν αὐτοῦ·
ὁ δὲ ἀγαπῶν ἐπιμελῶς παιδεύει.

Wer die baktēría spart, hasst seinen Sohn:
der [ihn] aber liebt, erzieht ihn sorgfältig.

Als Verb wird hier παιδεύω (paideúō) verwendet: das Verb bedeutet: erziehen, unterrichten, belehren, bilden, unterweisen, von ihm leitet sich der Begriff Pädagogik ab.

Die baktēría ist wiederum ein mehrdeutiger Begriff: sie steht für den Stab, auf den man sich beim Wandern stützt – einen Stock (Thukydides VIII,84,2); einen Herrscherstab – eine Art Szepter (Aristoteles: Über die Athener Republik 65,2); in der LXX wird sie in Jer 1,11 für den Mandel-Zweig verwendet. Dass eine Konnotation des Wortes mit Gewalt oder Schlägen nicht notwendig ist, zeigt Gregor von Pisidien – ein christlicher Autor des 7. Jh. – in seinen unveröffentlichten Liedern:

Εἰς τὸν ἅγιον Πέτρον.
Προφῆτα, κήρυξ τῆς παλαιᾶς καὶ νέας,
ψυχῶν ἁλιεύς τε καὶ πυλωρὸς τῶν ἄνω,
ὁ ταξίαρχος τῶν ἀποστόλων Πέτρος,
ἡ τῶν νοητῶν θρεμμάτων βακτηρία.
(Carm. 82,4)

Auf den Heiligen Petrus.
Prophet, Verkünder des Alten und Neuen,
Lebensfischer und Türhüter droben,
der Kommandant der Apostel – Petrus,
der Stab (baktēría) der geistlichen Herdentiere.

(Unveröffentlichte Lieder 82,4; MÜ. Den gr. Text hat der 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordete Leon Sternbach in den Wiener Studien editiert.)

Auch hier ist deutlich, dass der Hirtenstab gemeint ist. In diesem Sinne wird auch im NT die Aussage im Buch der Sprichwörter ausgelegt:

ἐγὼ ὅσους ἐὰν φιλῶ ἐλέγχω καὶ παιδεύω· ζήλευε οὖν καὶ μετανόησον. (Offb 3,19; NA XVIII)

Ich – all denen ich Freund bin: die weise ich zurecht und erziehe (paideúō) sie. Sei also eifrig und kehr um. (Ü: Fridolin Stier)

Show 1 footnote

  1. Im bekannten Psalm 23 heißt es: Denn du bist bei mir, dein schewæt und dein Stab trösten mich (V 4).

4 Gedanken zu „»Wer sein Kind liebt, der züchtigt es«“

  1. Ich bin stets voller Bewunderung für Ihre Auslegungen, zweifle aber hier ein wenig, ob Ihre angedeutete Übersetzung den Text nicht doch etwas zu sehr beschönigt. So berechtigt Ihr Anliegen ist, scheinen Sprüche 19.18, 22.15, 23.13-14, 29.15 doch ebenfalls eher auf das klassische Verständnis zu verweisen. Sicher rechtfertigt und befürwortet der Text keine „sinnlose“ Kinderprügelei. Aber denken Sie wirklich, dass man über ein vom Text befürwortetes „Schlagen mit Bedacht“ hinauskommen kann?

    1. Herzlichen Dank für das positive Feedback im Allgemeinen und die kritische Rückfrage im Besonderen. Ich habe mir die von Ihnen genannten Parallelstellen noch einmal angesehen – und finde, dass sie meiner Deutung nicht entgegenstehen. Spr 29,15 nennt im vorhergehenden Vers den König als Adressaten, zu dem der schewæt wieder gut dazu passt: 22,15 und 23,13-14 verbinden musār mit dem Herzen (es geht also um ein innerliches Geschehen, kein äußerliches). Spr 19,18 ist schwierig zu übersetzen, ich würde es so machen: erziehe deinen Sohn, denn es gibt (dann) Hoffnung, und zu seinem Getötet werden soll deine Seele nicht beitragen. Das kann meiner Meinung nach nie bedeutet haben, dass man sein Kind beim Prügeln nicht totschlagen soll. Und kann man auf Züchtigung (im Sinne einer Prügelstrafe) hören? Davon spricht aber 19,27: lischmo’a musār. Mit anderen Worten: Ich möchte an meiner Deutung gerne festhalten.

  2. Mein Vater, der sich Christ schimpft, und mich gefoltert hat, und meine Mutter, die sich Christin schimpft, die mich als ich ein Kind war verprügelt hat, die ihren Nächsten (mich) nicht liebevoll behandelt haben, diese beiden Menschen und ihre verfluchten Taten haben mich auf diese Seite gebracht. Denn meine Mutter meint sie könne anhand dieser Bibelstelle belegen daß sie ein Recht besessen habe mich zu mißhandeln. Ich bin heute selbst Vater und habe mein Kind noch nie geschlagen. Nichts ist UNNÜTZER als das. Meine Eltern haben 7 Kinder. Von diesen 7 Kindern haben 4 Selbstmordversuche begangen, und 3 laufen mit Narben herum weil sie sich selbst verletzt haben. Meine Eltern behaupten daß sie eine Verbindung zu einem lebendigen Gott besäßen, ich jedoch nicht, aber ich weiß schon heute daß mein Kind NIEMALS so etwas tun wird, weil es eine glückliche Kindheit (ohne diese fürchterlichen Menschen) erleben darf. Ich HASSE diesen Bibelspruch, und ich weiß genau daß der ECHTE Gott mich versteht. Aber der Gott, von dem dieser Spruch da stammt, den meine Eltern so zweckentfremdet haben, der ist ein MONSTER, und ich hasse auch dieses Monster. Ich habe KEINE Toleranz für diesen Unrat, denn in meinem Leben sind die wahren Christen, die mich so behandelt haben wie Jesus es täte, immer genau die Menschen, von denen meine Eltern behaupten daß sie verloren wären und in die Hölle kämen.

    Einfach nur schrecklich!

    Mit freundlichem Gruß, muss das irgendwo loswerden da diese selbstgerechten, ignoranten Sadisten sich vehement weigern anzuerkennen was für irreparable Schäden sie in mir und meinen Geschwistern angerichtet haben.

    B. Metzger

  3. Ergänzend: Lieber Herr Achilles, VIELEN Dank für IHRE Auslegung. Die zeigt wes Geistes Kind sie sind – des WAHREN Gottes, der LIEBE. Diese soll in ihrem Leben überfließen!

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