Jesus ben Pantera?

Es ist ein uraltes Gerücht, dass bis heute seine Kreise zieht: Die neutestamentlichen Erzählungen von der Jungfrauengeburt seien nichts anderes als der legendenhafte Versuch, eine unehrenhafte Abstammung Jesu zu verschleiern. In Wahrheit sei er nämlich die Frucht einer ehebrecherischen Beziehung seiner Mutter mit einem römischen Soldaten namens Pantera. (Sofern nicht anders angegeben, sind alle Übersetzungen in diesem Artikel von mir).

Kelsos/Origenes

Die Quelle dieser Tradition ist der pagane Philosoph Kelsos, der in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts lebte. Er schrieb ein sehr kritisches Werk gegen das sich ausbreitende Christentum, von dem zahlreiche Ausschnitte nur deshalb erhalten geblieben sind, weil der Kirchenvater Origenes (um 185-253) eine Gegenschrift verfasste, in der er seinen schon verstorbenen Gengner ausführlich zu Wort kommen ließ. Hier lesen wir als wörtliches Zitat aus der Schrift des Kelsos:

XXXII: Ἀλλὰ γὰρ ἐπανέλθωμεν εἰς τὴν τοῦ Ἰουδαίου προσωποποΐαν, ἐν ᾗ ἀναγέγραπται ἡ τοῦ Ἰησοῦ μήτηρ ὡς ἐξωσθεῖσα ὑπὸ τοῦ μνηστευσαμένου αὐτὴν τέκτονος, ἐλεγχθεῖσα ἐπὶ μοιχείᾳ καὶ τίκτουσα ἀπό τινος στρατιώτου Πανθήρα τοὔνομα· (GCS 2, Leipzig 1899, S. 83)

32 Doch wir wollen uns nun wieder zu den Worten zurückwenden, die Celsus den Juden sagen läßt, zu der Behauptung nämlich, „die Mutter Jesu sei von dem Zimmermann, mit dem sie verlobt war, verstoßen worden, weil sie des Ehebruchs überführt worden sei und von einem Soldaten namens Panthera geboren habe“. (Gegen Celsus, I,32; Ü: Paul Koetschau für die BKV)

Kelsos will diese Tradition also von einem jüdischen Gesprächspartner erfahren haben1, der behauptete, der leibliche Vater Jesu sei ein stratiṓtēs (στρατιώτης) – ein Soldat oder Krieger namens Panthḗra gewesen. Ausführlicher zitiert er Kelsos dazu etwas früher in seinem Werk:

μετὰ ταῦτα προσωποποιεῖ Ἰουδαῖον αὐτῷ διαλεγόμενον τῷ Ἰησοῦ καὶ ἐλέγχοντα αὐτὸν περὶ πολλῶν μέν, ὡς οἴεται, πρῶτον δὲ ὡς πλασαμένου αὐτοῦ τὴν ἐκ παρθένου γένεσιν· ὀνειδίζει δ‘ αὐτῷ καὶ ἐπὶ τῷ ἐκ κώμης αὐτὸν γεγονέναι Ἰουδαϊκῆς καὶ ἀπὸ γυναικὸς ἐγχωρίου καὶ πενιχρᾶς καὶ χερνήτιδος. φησὶ δ‘ αὐτὴν καὶ ὑπὸ τοῦ γήμαντος, τέκτονος τὴν τέχνην ὄντος, ἐξεῶσθαι ἐλεγχθεῖσαν ὡς μεμοιχευμένην. εἶτα λέγει ὡς ἐκβληθεῖσα ὑπὸ τοῦ ἀνδρὸς καὶ πλανωμένη ἀτίμως σκότιον ἐγέννησε τὸν Ἰησοῦν· καὶ ὅτι οὗτος διὰ πενίαν εἰς Αἴγυπτον μισθαρνήσας κἀκεῖ δυνάμεών τινων πειραθείς, ἐφ‘ αἷς Αἰγύπτιοι σεμνύνονται, ἐπανῆλθεν ἐν ταῖς δυνάμεσι μέγα φρονῶν, καὶ δι‘ αὐτὰς θεὸν αὑτὸν ἀνηγόρευσε. (GCS 2, Leipzig 1899, S. 79)

Hierauf läßt Celsus einen Juden auftreten, der sich mit Jesus selbst unterredet und ihn, wie er meint, wegen vieler Dinge zur Rechenschaft zieht. Zuerst wirft er ihm vor, „dass er sich fälschlich als den Sohn einer Jungfrau ausgegeben habe“, er schmäht ihn aber auch, „dass er aus einem jüdischen Dorf und von einer einheimischen armen Handarbeiterin stamme“. Er sagt dann, „diese sei von ihrem Manne, der seines Zeichens ein Zimmermann gewesen, verstoßen worden, als des Ehebruchs schuldig“. Weiter bringt er vor, „von ihrem Manne verstoßen und unstet und ehrlos umherirrend, hätte sie den Jesus heimlich geboren. Dieser habe aus Armut sich nach Ägypten als Tagelöhner verdungen und dort sich an einigen Zauberkräften versucht, auf die die Ägyptier stolz seien; er sei dann zurückgekehrt und habe sich viel auf diese Kräfte eingebildet und sich ihretwegen öffentlich als Gott erklärt“. (Gegen Celsus, I,28)

In I,33 wiederholt Origenes dann noch einmal den Vorwurf des Kelsos, dass Jesus seine Existenz der Verbindung ἀπὸ Πανθήρα μοιχεύσαντος καὶ παρθένου μοιχευθείσης

eines „Ehebrechers Panthera und einer zum Ehebruch verführten Jungfrau“

verdanke, eine Formel, auf die ich noch zurückkommen werde. Natürlich weist Origenes diese Vorwürfe zurück und argumentiert, dass es doch erstaunlich sei, dass ein Mensch mit der bescheidenen Herkunft Jesu solche Lehren hervorbringen konnte.

Bevor ich mich mit der Herkunft dieser Panthera-Legende beschäftige, will ich noch einen Blick auf ihre merkwürdig anmutende positive Wirkungsgeschichte im griechisprachigen Christentum der Antike werfen.

Positive Christliche Rezeptionsgeschichte

Um diese Rezeption zu verstehen, muss man wissen, dass Panthera auf Griechisch nicht nur wie ‚Panther‘ klingt, sondern im Griechischen die Akkusativ-Form dieser Raubkatze ist . Nachdem im Neuen Testament Jesus als „Löwe aus dem Stamm Juda“ bezeichnet wird (Offb 5,5; vgl. Gen 49,9) und Gott in der Septuaginta Fassung des Propheten Hosea sagt:

διότι ἐγώ εἰμι ὡς πανθὴρ τῷ Εφραιμ καὶ ὡς λέων τῷ οἴκῳ Ιουδα. (Hos 5,14 LXX)

Daher bin ich wie ein Panther für Ephraim und wie ein Löwe für das Haus Juda. (Hos 5,14; LXX deutsch)

beziehungsweise καὶ ἔσομαι αὐτοῖς ὡς πανθὴρ καὶ ὡς πάρδαλις κατὰ τὴν ὁδὸν ᾿Ασσυρίων. (Hos 13,7 LXX)

Und ich will für sie wie ein Panther und wie ein Leopard sein auf dem Weg der Assyrer. (Hos 13,7; LXX deutsch)

sah man es offensichtlich als möglich an, aus dieser Panther-Symbolik etwa Positives abzuleiten. In einem Florilegium des Siebten Jahrhunderts aus den griechischen Kirchenvätern wird ‚Panther‘ als einer der Namen des Erlösers aufgezählt.2

Epiphanios von Salamis (um 315-403)

In seinem Panárion zitiert Epiphanios aus seinem eigenen „Brief an Arabien“, in dem er sich gegen Irrlehren bezüglich der Jungfräulichkeit Mariens wendet. Er richtet sich dabei auch gegen die Vorstellung, Maria habe nach der Geburt Jesu noch weitere Kinder mit Joseph zur Welt gebracht. In diesem Abschnitt beruft er sich dabei auf das Protoevangelium des Jakobus – und bringt seltsamerweise die Panthera-Tradition ein:

πῶς γὰρ ἠδύνατο ὁ τοσοῦτος γέρων παρθένον ἕξειν γυναῖκα, ὢν ἀπὸ πρώτης γυναικὸς χῆρος τοσαῦτα ἔτη; οὗτος μὲν γὰρ ὁ Ἰωσὴφ ἀδελφὸς γίνεται τοῦ Κλωπᾶ, ἦν δὲ υἱὸς τοῦ Ἰακώβ, ἐπίκλην δὲ Πάνθηρ καλουμένου· ἀμφότεροι οὗτοι ἀπὸ τοῦ Πάνθηρος ἐπίκλην γεννῶνται. ἔσχε δὲ οὗτος ὁ Ἰωσὴφ τὴν μὲν πρώτην αὐτοῦ γυναῖκα ἐκ τῆς φυλῆς Ἰούδα, καὶ κυΐσκει αὐτῷ αὕτη παῖδας τὸν ἀριθμὸν ἕξ, τέσσαρας μὲν ἄρρενας, θηλείας δὲ δύο, καθάπερ τὸ εὐαγγέλιον τὸ κατὰ Μάρκον καὶ κατὰ Ἰωάννην ἐσαφήνισαν. (MPG XLII 708-709)

Denn wie konnte so ein Greis eine Jungfrau zur Frau haben, der von seiner ersten Frau her so lange verwitwet war?3 Denn dieser Joseph ist als der Bruder des Klopas geboren, er war aber der Sohn des Jakob4, mit dem Beinamen ‚Panther‘ genannt: Diese beiden sind von dem mit dem Beinamen ‚Panther‘ gezeugt. Dieser Josef nun nahm seine erste Frau aus dem Stamm Juda, und sie empfing von ihm Kinder, sechs der Zahl, vier männliche und zwei weibliche, so wie es das Evangelium nach Markus und nach Johannes kundtun.5 (Panérion 78,7; MÜ)

Hier ist der Panther also nicht der illegitime Vater Jesu, sondern der Vater des Joseph. Insgesamt entsteht in seinen Ausführungen der Eindruck, dass Epiphanios bedenkenlos mit legendarischem Material arbeitet.

Johannes von Damaskus (um 650-754)

Der im Vergleich zu Epipahios ungleich bedeutenderer Theologe kommt ebenfalls auf die hier zu behandelnde Tradition zu sprechen. Dabei versucht er zu erklären, warum die Genealogie Jesu bei Matthäus über Salomon führt (Mt 1,6), während bei Lukas an erster Stelle nach David ein Natan genannt wird (Lk 3,31). Im Zuge dieser komplexen Argumentation äußert sich der Damaszener auch über die Genealogie Mariens:

Ἐκ τῆς σειρᾶς τοίνυν τοῦ Νάθαν τοῦ υἱοῦ Δαβιδ, γεννηθεὶς Λευΐ ἐγέννησε τὸν Μελχὶ καὶ τὸν Πάνθηρα· ὁ Πάνθηρ ἐγέννησε τὸν Βαρπάνθηρα, οὕτως ἐπικληθέντα. Οὕτος ὁ Βαρπάνθηρ ἐγέννεσε τὸν Ἰωαχείμ· ὁ Ἰωαχείμ ἐγέννεσε τὴν ἁγίαν Θεοτόκον. (MPG XCIV, 1156-1157)

Ferner zeugte der aus der Linie Nathans, des Sohnes Davids, stammende Levi den Melchi und den Panther. Der Panther zeugte den Barpanther, auf diese Weise wurde er benannt. Dieser Barpanther zeugte den Joachim. Joachim zeugte die Heilige Gottesgebärerin. (De fide orthodox. I,4,14; MÜ)

Auch Johannes von Damaskus bezieht sich also auf das Protoevangelium6 und kombiniert es mit der Panthera-Tradition, die bei ihm aber in den Stammbaum Mariens verpflanzt wird. Barpanthera bedeutet Sohn des Panthers – und die beiden Panther sind hier Großvater und Urgroßvater Mariens.

Sowohl der Epiphanios- wir auch der Johannes von Damaskus-Text machen nicht den Eindruck, eine belastbare historische Information wiederzugeben. Erstaunlich bleibt, dass eine Tradition, die Origenes ursprünglich vehement zurückwies, hier in positiver Weise rezipiert wurde. Es ist nun an der Zeit, einen Blick auf ältere christliche Texte zu werfen, in denen der ursprüngliche polemische Vorwurf des Ehebruchs noch deutlich erkennbar ist.

Negative christliche Rezeptionsgeschichte

Wie gehen andere (und ältere) christliche Quellen mit dem Vorwurf um, Jesu entstamme einem Ehebruch?

Justin der Märtyrer (gestorben um 162/168)

Hier ist zunächst einmal festzuhalten, dass Justin den Vorwurf der illegitimen Geburt Jesu nicht zu kennen scheint. In seinem Dialog mit dem Juden Trypho wird nur die Frage diskutiert, ob die Erzählung von der Jungfrauengeburt Jesu nicht zu sehr an pagane Mythen erinnern würde. (Dialog 67 und 70)

Tertullian (gestorben um 220)

In seiner Schrift „Über die Schauspiele“ polemisiert der lateinische Kirchenvater gegen die, die Jesus nicht als Sohn Gottes anerkennen wollten und malt sich aus, was er ihnen im Angesicht des wiederkommenden Menschensohnes beim jüngsten Gericht zurufen möchte. Es handelt sich also um eine ironische Zusammenfassung von Vorwürfen gegen Jesus:

hic est ille, dicam, fabri aut quaestuariae filius, sabbati destructor, Samarites et daemonium habens; hic est quem a Iuda redemistis, hic est ille harundine et colaphis diverberatus, sputamentis dedecoratus, felle et aceto potatus; hic est, quem clam discentes subripuerunt, ut surrexisse dicatur, vel hortulanus detraxit, ne lactucae suae frequentia commeantium adlaederentur. (De spectaculis XXX,6)

Hier ist, würde ich ihnen dann sagen, der Sohn des Zimmermanns und der Dirne, der Sabbatschänder, der Samariter, der Mensch, der den Teufel haben soll. Das ist er, den ihr dem Judas abgekauft habt, das ist er, den ihr mit dem Rohre und mit Ohrfeigen misshandelt, durch Anspeien besudelt, mit Galle und Essig getränkt habt. Das ist der, den die Schüler heimlich entwendet haben, um nachher sagen zu können, er sei auferstanden, den der Gärtner beiseite geschafft hat, damit nicht durch die Menge der Besucher sein Salat beschädigt würde. (Von den Schauspielen 30,6; Ü: Heinrich Kellner für die BKV)

Alle Vorwürfe bis auf einen lassen sich aus Texten der Evangelien ableiten7: Und das ist der, dass die Mutter Jesu eine quaestuaria – also eine gewerbsmäßige Prostituierte8 gewesen sei. Tertullian scheint also entsprechende Vorwürfe über die Herkunft Jesu gekannt zu haben.

Eusebius Hieronymus (347–419/420)

Hieronymus wiederum scheint den oben genannten Text von Tertullian gekannt zu haben, weil er ihn einem seiner Briefe paraphrasiert. Ebenfalls im Kontext der Gerichtserwartung schreibt er:

‚ecce crucifixus deus meus, ecce iudex, qui obuolutus pannis in praesepio uagiit. hic est ille operarii et quaestuariae filius, hic, qui matris gestatus sinu hominem deus fugit in Aegyptum, hic uestitus coccino, hic sentibus coronatus, hic magus daemonium habens et Samarites. cerne manus, Iudaee, quas fixeras; cerne latus, Romane, quod foderas. uidete corpus, an idem sit, quod dicebatis clam nocte tulisse discipulos‘. (Ad Heliodorum Monachum, 11)

Siehe meinen gekreuzigten Gott, siehe den Richter, der in Windeln eingewickelt in einer Krippe schreit. Dieser ist der Sohn des Arbeiters und der quaestuaria, der Gott, der an der Brust der Mutter getragen vor einem Menschen nach Ägypten floh, der mit einem Purpurgewand bekleidet, mit Dornen gekrönt wurde, der Magier, der einen Dämon hat und ein Samaritaner ist. Erkenne die Hände, Judäer, die du angeheftet, erkenne die Seite, Römer, die du durchbohrt hast. Betrachtet den Körper, von dem ihr sagtet, dass ihn die Schüler bei Nacht heimlich weggetragen hätten. (Aus dem Brief XIV,11 CSEL LIV (Wien 1910) S. 61; MÜ)

Nachdem wir es mit einer klaren literarischen Abhängigkeit zu tun haben, zeigt uns diese Passage bei Hieronymus nur, dass ihm solche Vorwürfe wohl bekannt, aber nicht näher detailliert waren.

Pilatus Akten (4. Jh?)

Zum derzeitigen Forschungsstand zu den apokryphen Pilatus-Akten vergleiche den Artikel von Jörg Röder, der schreibt:

Grundlegend ist festzuhalten, dass die Texttradition der Acta Pilati sehr kompliziert ist und noch immer nicht vollständig erschlossen zu sein scheint.

Niemand möge den Fehler machen, die folgende Passage als offizielles römisches Dokument zu betrachten. Trotzdem ist es eine interessante Stimme in der antiken Diskussion, die ich hier verfolge.

Ἀποκριθέντες δὲ οἱ πρεσβύτεροι τοῦ λαοῦ τῶν Ἰοθδαίων λέγουσι τῷ Ἰησοῦ· Τί ἡμεῖς ὀψόμεθα; πρῶτον ὅτι ἐκ πορνείας γεγέννησαι· δεύτερον ὅτι ἡ σὴ γένεσις ἐν Βηθλεὲμ νηπίων ἀναίρεσις γέγονε· τρίτον ὅτι ἁ πατήρ σου Ἰωσὴφ καὶ ἡ μήτηρ σου Μαρία εἰς Αἴγυπτον ἔφυγον διὰ τὸ μὴ ἔχειν αὐτοὺς παράκλησιν (παρρησίαν) ἐν τῷ λαῷ. Λέγουσί τινες τῶν ἑστηκότων εὐλαβεῖς τῶν Ἰουδαίων· Ἡμεῖς οὐ λέγομεν αὐτὸν εἶναι ἐκ πορνείας, ἀλλὰ οἴδαμεν, ὅτε ἐμνηστεύσατο Ἰωσὴφ τὴν Μαρίαν καὶ οὐ γεγέννηται ἐκ πορνείας. Λέγει ὁ Πιλάτος πρὸς τοὺς Ἰουδαίους τοὺς λέγοντας αὐτὸν εἶναι ἐκ πορνείας· Οὗτος ὁ λόγος ὑμῶν οὐκ ἔστιν ἀληθὴς, ὅτι ὅρμαστρα γεγόνασι, καθὰ καὶ αὐτοὶ λέγουσιν οἱ σύνεθνοι ὑμῶν. Λέγουσι τῷ Πιλάτῳ Ἄννας καὶ Καϊάφας· Τὸ πλῆθος κράζει, καὶ οὐ πιστεύεις, ὅτι ἐκ πορνείας γεγέννηται· οὗτοι προσήλυτοί εἰσι καὶ μαθηταὶ αὐτοῦ. (Codex apocryphus Novi Testamenti Ed. Johann Karl Thilo, Leipzig 1832, S. 526 ff.)

Da antworteten die Ältesten des Volkes der Juden [und] sagten zu Jesus: „Was haben wir gesehen? Erstens, dass du aus Unzucht gezeugt worden bist. Zweitens, dass durch deinen Ursprung in Betlehem die Ermordung der Kinder geschah. Drittens, dass dein Vater Joseph und deine Mutter Maria nach Ägypten flohen, weil sie im Volk keine Unterstützung (od. Redefreiheit) hatten.“ Da sagten einige von den frommen dabeistehenden Juden: „Wir sagen nicht, dass er aus Unzucht stammt, sondern wir wissen, dass Joseph mit Maria eine Ehe eingegangen ist und er nicht aus Unzucht gezeugt wurde9.“ Pilatus sagt zu den Juden, die gesagt hatten, dass er aus Unzucht stamme: „Diese eure Rede ist nicht wahr, denn sie sind durch Verlobung verbunden gewesen10, nachdem was auch Eure Mitbürger11 sagen“. Hannas und Kajaphas sagen zu Pilatus: Die Menge schreit, und du glaubst nicht, dass er aus Unzucht gezeugt wurde? Diese sind Proselyten (= Konvertiten zum Judentum) und seine Schüler.“ (MÜ)

Für alle genannten Zeugen (mit Ausnahme Justins) gilt: Sie kennen den Vorwurf von der angeblichen illegitimen Geburt Jesu, schweigen aber über die Pantera-Tradition. Damit wird es Zeit, sich jüdischen Texten zuzuwenden.

Aus der jüdischen Tradition

Durch Samuel Krauss bin ich auf folgende Aussage des Hieronymus in seinem Kommentar zu Tit 3,9 aufmerksam geworden, wo er anlässlich der Anweisung des Briefes, nicht über Genealogien zu streiten (μωρὰς δὲ ζητήσεις καὶ γενεαλογίας καὶ ἔρεις καὶ μάχας νομικὰς περιΐστασο) folgendes berichtet:

Audivi ego quendam de Hebraeis, qui se Romae in Christum credidisse simulabat, de genealogiis Domini nostri Jesu Christi, quae scripta sunt in Matthaeo et Luca facere quaestionem; quod videlicet a Salomone usque ad Joseph, nec numero sibi, nec vocabulorum aequalitate consentiant. (MPL XXVI, 595)

Ich selbst habe von einem von den Hebäern gehört, der in Rom vorgab, an Christus zu glauben, dass er Untersuchungen über die Genealogien unseres Herrn Jesus Christus anstellte, die bei Matthäus und Lukas aufgeschrieben sind; nämlich dass sie von Salomo bis Joseph weder von der Anzahl, noch von der Gleichheit der Namen her übereinstimmen würden. (Auslegung von Tit 3,9; MÜ)

Durch die Unterschiede in den Stammbäumen Jesu sah Hieronymus die Gefahr, dass die Christologie des NT angreifbar werden konnte. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen um den christlichen Anspruch begegnet uns in jüdischen Quellen der Namen des Pantera. Samuel Krauss hat dabei folgende Varianten dieses Namens in der rabbinischen Literatur ausgemacht12:

  • פנדרא (Pandera)
  • פנטרא (Pantera)
  • פנטירי (Pantiri)

Ich gehe hier die von Krauss angegebene Beleg-Stellen einmal durch.

TChull II,22-24

„Der Annahme einer Endredaktion von T[osefta] im späten 3. oder frühen 4. Jahrhundert lassen sich jedenfalls kaum schwerwiegende Gründe entgegenhalten.“13 Ich folge hier dem Text der Wiener Handschrift (Datei S. 452-453) aus dem 14. Jh,14 da die ältere Erfurter Handschrift der Tosefta leider unvollständig ist.

מעשה בר׳ לעזר בן דמה שנשכו נחש ובא יעקב איש כפר סמא לרפאתו משום ישוע בן פניטרא ולא הניחו ר׳ ישמעל אמרו לו אי אתה רשאי בן דמה אמר לו אני אביא לך ראיה שירפאני ולא הספיק להביא ראיה עד שמת׃

Eine Geschichte von Rabbi Eleazar ben Damah, dass eine Schlange ihn gebissen hatte. Da kam Jakob, ein Mann von Kefar Sama, um ihn zu zu heilen im Namen von Jeschua ben Panitera und Rabbi Jischmael erlaubte es ihm nicht. Sie sagten zu ihm: Es ist dir nicht gestattet, Ben Damah! Er sagte zu ihm: Ich bringe dir einen Beweis, dass er mich heilen darf. Und er hatte nicht genug Zeit, einen Beweis zu bringen, bis dass er starb. (tChull 2,22; MÜ)

Jeschua ben Panitera ist natürlich Jesus, der Sohn des Pantera. Wichtig scheint mir, dass diese kleine Episode mit dem Motiv einer Wunderheilung verbunden ist, wenn auch nicht durch Jesus selbst, sondern durch einen seiner Anhänger. Es geht dann so weiter:

אמר ר׳ ישמעל אשריך בן דמה שיצאת בשלום ולא פרצת גדירן של חכמים שכל הפורץ גדירן של חכמים לסוף פורענות באה עליו שנ׳ ופורץ גדר ישכנו נחש׃

Da sagte Rabbi Jischmael: Selig bist du, Ben Damah, dass du in Frieden gegangen bist und den Schutzzaun der Weisen [um die Halacha] nicht durchbrochen hast. Denn jeder, der den Schutzzaun der Weisen durchbricht, am Ende kommt die Bestrafung über ihn, denn es ist geschrieben: Wer eine Mauer einreißt – eine Schlange wird ihn beißen (Koh 10,8). (tChull 2,23; MÜ)

Assoziativ wird an die Erzählung von R. Eleazar ben Damah einer Erzählung über R. Eliezer angehängt, in der Jeschua ben Panitera ebenfalls eine Rolle spielt.

מעשה בר׳ ליעזר שנתפס על דברי מינות והעלו אותו לבמה לדון אמ׳ לו אותו הגמון זקן כמותך יעסוק בדברים הללו אמ׳ לו נאמן דיין עלי כסבור אותו הגמון שלא אמ׳ ר׳ ליעזר אלא לו ור׳ ליעזר לא נתכוין אלא נגד אביו שבשמים אמ׳ לו הואיל והאמנתני עליך אף אני כך אמרתי איפשר שהסבות הללו טועים בדברים דימוס הרי אתה פטור׃

 

Eine Geschichte von Rabbi Eliezer, dass er wegen der Lehre von minut (= Ketzerei) verhaftet worden war. Und sie brachten ihn hinauf zum Richterstuhl15, um ihn zu verurteilen. Jener hegemon sagte zu ihm: Ein Greis wie du sollte sich mit solchen Angelegenheiten befassen? Er sagte zu ihm: Mein Richter ist vertrauenswürdig, was mich angeht.16 Da wurde jener hegemon dazu gebracht zu meinen, dass Rabbi Eliezer nur von ihm sprach. Und Rabbi Eliezer hatte nicht diesen [Richter] im Sinn sondern im Gegenteil seinen Vater, der im Himmel ist. Er [= der Richter] sagte zu ihm: Weil du mich für vertrauenswürdig erklärt hast, was Dich angeht, spreche ich auch [als Richter] so: Ist es möglich, dass diese grauen [Haare] sich in [solchen] Angelegenheiten irren? [Wohl kaum – daher das Urteil:] dimos.17 Siehe, du bist frei! (tChull 2,24a; MÜ)

Auffällig sind das griechische Lehnwort hegemonἡγεμών = Statthalter18 und das schon erklärte dimissus – [er ist] befreit. Der Ausdruck minut wird von Jastrow (unter Angabe unserer Stelle) als Häresie übersetzt. Jesus ben Pantera findet sich dann in der Fortsetzung dieser Episode.

וכשנפטר מן הבמה היה מצטער שנתפס על דברי מינות נכנסו תלמידיו לנחמו ולא קבל נכנס ר׳ עקיבא ואמ׳ לו ר׳ אומ׳ לפניך דבר שמא אין הרי אתה מיצר אמ׳ לו אמור אמ׳ לו שמא אחד מן המינין אמ׳ לך דבר של מינות והנאך אמ׳ השמים הזכרתני פעם אחת הייתי מהלך באיסתרטיא של צפורי מצאתי יעקב איש כפר סכניא ואמ׳ דבר של מינות בשם ישוע בן פנטירא והנאני ונתפשתי על דברי מינות שעברתי על דברי תורה הרחק מעליה דרכך ואל תקרב אל פתח ביתה כי רבים חללים הפילה וגו׳ שהיה ר׳ ליעזר או׳ לעולם יהא אדם בורח מן הכיעור ומן הדומה לכיעור׃

Und als er von dem Richterstuhl wegging, tat es ihm leid, dass er wegen der Lehre von minut verhaftet worden war. Die Schüler versammelten sich, um ihn zu trösten aber er nahm es nicht an. Rabbi Akiva kam und sagte zu ihm: Rabbi, darf ich vor dir ein Wort sagen, damit du dich doch nicht bedrückt fühlst? Er sagte zu ihm: Sprich! Er sagte zu ihm: Vielleicht war es einer von den minin – hat er zu dir etwas über minut gesprochen und es hat dir gefallen? Er sagte: Himmel! Du bringst mich dazu, mich zu erinnern! Einmal bin ich auf der Straße19 nach Sepphoris gereist. Ich traf Jakob, einen Mann von Kefar Sichnia, und er sagte eine Lehre von minut im Namen von Jeschua ben Pantira und mir gefiel es und ich wurde verhaftet wegen der Worte von minut, weil ich die Worte einer Weisung übertreten habe: Halte fern von ihr deinen Weg und nahe dich nicht dem Eingang ihres Hauses (Spr 5,8) denn viele Erschlagene brachte sie zu Fall (Spr 7,26) usw. Denn Rabbi Eliezer pflegte zu sagen: Immer soll ein Mensch fliehen vor der Scheußlichkeit und vor dem Todesengel sich als zurückweisend erklären. (tChull 2,24b; MÜ)

tChull 2,24 (Handschrift Wien) © Österreichische Nationalbibliothek
Ich fand Jakob, einen Mann von Kefar Sichnia, und er sagte eine Lehre von minut im Namen von Jeschua ben Pantira und mir gefiel es und ich wurde verhaftet.
© Österreichische Nationalbibliothek Quelle: http://www.seforimonline.org/pdf/271

Hier begegnet uns wieder ein Mann Namens Jakob, der im Namen von Jesus ben Pantera lehrt und damit Rabbi Eliezer durch die Attraktivität seiner Lehre in Gefahr bringt. Zur Zeit der Abfassung der Tosefta im 3./4. Jh. war also diese Namenskonstruktion so selbstverständlich, dass sie einem christlichen Autor wie Epiphanios als authentisch erscheinen konnte. In diesem Abschnitt wird der Panter einmal als Panitera und einmal als Pantira wiedergegeben, was deutlich macht, dass es hier auf Genauigkeit nicht so sehr ankam.

Zum Audruck min, dessen Plural minin im Text vorkommt und der natürlich mit minut verwandt ist, lasse ich einen lateinischen Autor aus der Zeit der Entstehung der Tosefta zu Wort kommen, dem er geläufig war:

usque hodie per totas orientis synagogas inter Iudaeos heresis est, quae dicitur Minaeorum et a pharisaeis huc usque damnatur, quos uulgo Nazareos nuncupant, qui credunt in Christum, filium deum natum de Maria uirgine, et eum dicunt esse, qui sub Pontio Pilato et passus est et resurrexit, in quem et nos credimus, sed, dum uolunt et Iudaei esse et Christiani, nec Iudaei sunt nec Christiani. (CSEL 55, 381-382)

Bis heute gibt es in allen Synagogen im Osten eine jüdische Sekte, die Minäer, die von den Pharisäern bis jetzt verurteilt wird und unter der Bezeichnung ‚Nazaräer‘ bekannt ist. Sie glauben an Christus, den aus der Jungfrau Maria geborenen Sohn Gottes, und identifizieren ihn mit dem, der unter Pontius Pilatus gelitten hat und auferstanden ist, an den auch wir glauben. Doch während sie Juden und Christen zugleich sein wollen, sind sie weder Juden noch Christen. (Eusebius Hieronymus, Brief 112,13 an Augustinus; Ü: Alfons Fürst, Fontes Christiani 41/1 (Brepols 2002) S. 199-201)

Die Minäer sind wohl die minim.

Die Fassungen der Tosefta, die in Mechon Mamre bzw. Sefaria.org überliefert werden, gehen auf Druckausgaben zurück, die von christlichen Zensoren kontrolliert worden sind – hier fehlen beide Male die Hinweise auf die Heilung bzw. Lehre im Namen Jesu.

jSchab 14,3-4

Im Jeruschalmi begegnet uns die Erzählung des von der Schlange gebissenen Rabbi Eleazar ben Damah wieder, die ebenfalls mit dem Kohelet-Zitat beendet wird, das wir oben in tChull 2,22 vorgefunden haben. Doch zuvor wird eine weitere Geschichte erzählt, in der der gesuchte Ausdruck ebenfalls vorkommt. Ich folge hier dem Text der Handschrift Leiden Oriental 4720 von 1289, sie findet sich in der Datei des ersten Bandes auf S. 190.

בר בריה הוה ליה בלע אתא חד ולחש ליה מן שמיה [דישו פנטרא] ואינשם. [כדנפיק] אמ׳ ליה מאן לחשתה ליה אמ׳ ליה מילת פלן. אמ׳ ליה ניח הוה ליה אילו הוה […] ולא כן. והוות ליה כן כשגגה שיוצא מלפני השליט׃

Sein [=Rabbi Joshua ben Levis] Enkel hatte [etwas Giftiges] geschluckt. Es kam einer und flüsterte [einen Zauberspruch] im Namen [Ergänzung in den Leerraum durch zweite Hand: von Jeschu Pantera] und er erholte sich. [Einschub zweite Hand : Als er hinausging] sagte er zu ihm: Was hast du ihm geflüstert? Er sagte zu ihm ein bestimmtes Wort. Er sagte zu ihm: Es wäre besser für ihn gewesen, wenn er [unleserlich] und nicht so etwas [gehört hätte]. Und so geschah es ihm „wie eine Art Versehen, das vom Machthaber ausgeht“ (Koh 10,5). (jSchab 14,3; MÜ)

Auch hier geht es also um eine wundersame Heilung im Namen Jesu. Rabbi Yechiel Ben Yekutiel HaRofeh, der Schreiber dieser beindruckenden Leidener Handschrift, ließ den Namen – wohl auf Grund drohender Zensur – aus, eine zweite Hand trug ihn aber als Jeschu Pantera ein.

Jeschu Pantira Jeruschalmi MS Leiden zweite Hand
Quelle: https://www.yerushalmionline.org/manuscripts/

Wie stark hier die Zensur wirkt sieht man auch daran, dass auf der nächsten Seite, die die uns schon aus der Tosefta vertraute Erzählung des von der Schlange gebissenen Ben Damah bringt, der Ausdruck Jeschu Pantera ausradiert wurde.

Jeschu Pandeira jSchabbat 14,4 radiert - MS Leiden
Quelle: https://www.yerushalmionline.org/manuscripts/

Das Schicksal des Enkelkindes und der Abschluss der Einheit durch das Kohelet-Zitat kann meiner Meinung nach nur aus einer Parallel-Überlieferung im Jeruschalmi erschlossen werden.

jAvZa 2,2

Sie findet sich im Traktat über den Götzendienst (Avoda Zara) des Jeruschalmi. Ich folge wieder der Leidener Handschrift, die Stelle findet sich im zweiten Band auf der S. 273 der Datei.

בר בריה הוה ליה בלע אתא חד ולחש ליה [בשמיה דישו בן פנדרא] ואינשם. מי נפק אמ׳ ליה מאי אמרת אליי אמ׳ ליה מלת פלן. אמ׳ מה הוה ליה אילו מית ולא שמע הדא מילתא. והוות ליה כן כשגגה שיוצא מלפני השליט׃

Sein [=Rabbi Joshua ben Levis] Enkel hatte [etwas Giftiges] geschluckt. Es kam einer und flüsterte [einen Zauberspruch] [Ergänzung in den Leerraum durch zweite Hand: im Namen von Jeschu ben Pandira] und er erholte sich. Als der hinausging sprach er zu ihm: Was hast du über ihn gesprochen? Er [= der Heiler] sagte zu ihm ein bestimmtes Wort. Er [=Rabbi Joshua] sagte: In diesem Fall wäre es besser für ihn gewesen, wenn er gestorben wäre und nicht diese Worte gehört hätte! Und so geschah es ihm „wie eine Art Versehen, das vom Machthaber ausgeht“ (Koh 10,5). (jAvZa 2,2; MÜ)

Auf Grund dieser Paralleltradition kann also das gelöschte fehlende Wort im Text von jShab rekonstruiert werden. Aber was bedeutet der enigmatische Schluss-Satz mit dem Kohelet-Zitat? Zwei Deutungen sind möglich:

  • der Satz besagt, dass der Enkel dann doch starb und die Aussage von R. Joshua wie eine unbeabsichtigte Prophetie wirkte.20
  • der Satz erklärt, wieso der Enkel geheilt wurde, obwohl die Heilung aus einer solchen Quelle kam.21

Auf der S. 274 rechts findet sich dann wieder die Geschichte von Ben Damah, auch hier ist der Namen Jeschu ben Pandera wieder ausradiert. Christliche Zensoren reagierten also mit großer Empfindlichkeit auf diese eigentlich harmlose Erzählung.

bSanh 67a und bSab 104b

Damit kommen wir zum Bavli. Das Kapitel, in dem sich der hier vorzustellende Text befindet, spricht nach dem Text der Mischna über vier Arten von Todesstrafe (bSanh 49b).

Im Zuge der Diskussion wird folgendes Beispiel einer Todesstrafe berichtet, die für die Verführung des Volkes zum Götzendienst verhängt wurde – der Text findet sich allerdigs nicht in allen Druckausgaben des Bavli, da er der christlichen Zensur zum Opfer fiel. Ich folge hier der Ausgabe von Lazarus Goldschmidt, der sich auf nicht zensierte Handschriften stützte.

וכן עשו לבן סטדא בלוד ותלאוהו בערב הפסח

Und er (=der Gerichtshof) tat [so] mit Ben Stada in Lydda und hängte ihn am Vorabend von Pessach.

Über die Identität dieses Ben Stada diskutiert dann die Gemara weiter:

בן סטדא בן פנדירא הוא אמר רב חסדא בעל סטדא בועל פנדירא בעל פפוס בן יהודה הוא אלא אימא אמו סטדא אמו מרים מגדלא נשיא הואי כדאמרי בפומבדיתא סטת דא מבעלה׃

Ben Stada – er ist [doch eigentlich] Ben Pandira. Rav Chisda sagt: der Ehemann (ba’al) war Stada, der Liebhaber/Ehebrecher (bo’el) war Pandira. [Einwand:] Der Ehemann war Pappos ben Jehuda – ich sage [daher]: seine Mutter war Stada. [Einwand:] Seine Mutter war Mirjam, die lang wachsen (megadla) liess [das Haar] der Frau. [Einwand:] Es ist eine Redweise, wie sie in Pumbedita sagen: Diese geriet auf Abwege (satat da) von ihrem Ehemann. (bSanh 67a; MÜ)

Der Text ist nicht einfach zu verstehen, auch wegen der Sprachspiele und Andeutungen22. Die Hinrichtung am Vorabend von Pessach scheint ein deutlicher Hinweis auf den Tod Jesu zu sein, der allerdings nicht in Lydda hingerichtet wurde. Die Mutter Jesu, Mirjam, wird durch ein Wortspiel und die Anspielung auf das legendarische Motiv ihrer langen Haare mit Maria Magdalena identifiziert.23 Der Panter taucht als möglicher Ehebrecher auf. Stada wird von einem ähnlich klingenden Verb abgeleitet, das „auf Abwege geraten bedeutet“. Alles in allem ein Spiel mit Assoziationen und bekannten Traditionen, ohne dass der Eindruck eines wirklich historischen Interesses entstünde. Die gleiche Tradition findet sich dann nochmals im babylonischen Talmud, in bSabb104b. Sie ist so ähnlich erzählt, dass ich sie hier nicht extra darstelle, sondern nur ihren Anfang bringe:

תניא אמר להן רבי אליעזר לחכמים והלא בן סטדא הוציא כשפים ממצרים בסריטה שעל בשרו אמרו לו שוטה היה ואין מביאין ראיה מן השוטים בן סטדא בן פנדירא הוא

Es wird gelehrt (in einer Baraita): Rabbi Eliezer sprach zu ihnen, zu den Weisen: Und hat nicht Ben Stada Zauberei aus Ägypten gebracht, indem er sie auf sein Fleisch ritzte? Sie sagten ihm: Er war ein Verrückter und man bringt keinen Beweis von Verrückten! Ben Stada – er ist [doch eigentlich] Ben Pandira … (bSab 104b, MÜ)

Was hier noch zusätzlich aufscheint, ist der von schon von Kelsos her bekannte Vorwurf, Ben Stada bzw. Ben Pandira habe seine Zauberei in Ägypten erlernt. Durch Goldschmidt bin ich darauf aufmerksam geworden, dass sogar in den Tosafot die Gleichsetzung von Ben Stada und Ben Pandira auf Skepsis stieß. So heißt es dort in einem Rabbenu Tam zugeschriebenen Kommentar zu dem Namen Ben Stada24:

בן סטדה אור“ת דהא בן סטדא דאמרינן הכא דהוה בימי פפוס בן יהודה דהוה בימי רבי עקיבא כדמוכח בפרק בתרא דברכות (דף סא)׃

[Kommentar zum Namen] Ben Stada. Rabbenu Tam sagt: Aber war nicht Ben Stada, von dem hier gesprochen wird, [jemand] der in den Tagen von Pappos ben Jehuda lebte, der [seinerseites] in den Tagen von Rabbi Akiva lebte, wie bewiesen wird im letzten Kapitel von Berachot (Folio 61) [bBer 61b]?

Nachdem Rabbi Akiva zur Zeit des Bar Kochba Aufstandes gegen die Römer getötet wurde (132-136), kann Ben Stada nicht mit Ben Pantera identisch sein. Von daher bezweifelt dieser bedeutende Talmud-Komentator und Raschi-Enkel (ca. 1100–1171) die Historizität dieses Diskussionsbeitrags.

Kohelet Rabba zu Koh 1,8

Im großen Midrasch zum Buch Kohelet findet sich noch einmal die schon bekannte Erzählung von Rabbi Eliezer, der wegen minut angeklagt wird. Hier fällt auch wieder der Namen Ben Pantera. Ich folge
der kritischen Edition von Marc Hirshman (Jerusalem 2016), S. 70:

ד׳׳א כָּל הַדְּבָרִים יְגֵעִים דברי מינות מייגעים את האדם. מעשה בר׳ אליעזר שנתפש לשם מינות. נטלו אותו הגמון והעלהו על הבימה לדון אותו. אמ׳ לו אדם גדול כמותך יעסוק בדברים בטלים הללו. אמ׳ לו נאמן עלי הדיין. והוא סבר שבשבילו אמרה ולא אמרה אלא לשם שמים. אמ׳ לו מאחר שהאמנתני עליך אף אני הייתי סבור ואומר שישיבות הללו טועות בדברים בטלים הללו,הואיל וכך דימוס פטור אתה׃

Eine andere Auslegung von: Alle Dinge/Worte sind ermüdend (Koh 1,8). [Das bedeutet]: Worte von minut bringen den Menschen in Schwierigkeiten. [Als Beispiel:] Eine Geschichte von Rabbi Eliezer, der verhaftet wurde wegen dem Vorwurf von minut. Der hegemon nahm ihn und ließ ihn zu dem Richterstuhl hinaufbringen, um ihn zu richten. Er sagte zu ihm: „Ein großer Mann wie du ist mit solchen unnötigen Dingen beschäftigt?“ Er sagte zu ihm: „Der Richter ist vertrauenswürdig, was mich angeht“. Und er (= der hegemon) dachte, dass die Rede von ihm war und die Rede war es nicht, sondern mit Bezug auf den Himmel [=den himmlischen Richter]. Er sagte zu ihm: „Nachdem du mich für vertrauenswürdig erklärt hast, was Dich angeht, bin auch ich der Meinung und sage, dass diese Gerichtssitzungen mit diesen nichtigen Angelegenheiten vertan sind 25. Deshalb [urteile ich] so: dimos – du bist entlassen!“

Im großen und ganzen ist diese Erzählung identisch mit der aus der Tosefta Chullin, inklusive der Lehnwörter, die ich oben bereits erklärt habe. Bemerkenswert ist der Einstieg mit dem Ermüdungszitat aus dem Buch Kohelet, zu dem sich eine interessante Parallele bei Tertullian findet: In ipso uero congressu firmos quidem fatigant, infirmos capiunt, medios cum scrupulo dimittunt. Hunc igitur potissimum gradum obstruimus non admittendos eos ad ullam de scripturis disputationem. (Tertullian, De Praescriptione Haereticorum, XV,2) 26

Beim Kampfe selbst aber machen sie die, welche Festigkeit besitzen, müde, nehmen die Schwachen gefangen, und den Rest entlassen sie mit Zweifeln im Herzen. Diese Wehr also richten wir vor allem gegen sie auf: sie seien zu einer Disputation auf Grund der Schrift überhaupt nicht zuzulassen. (Tertullian, Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker, XV,2; Ü: Heinrich Kellner für die BKV)

Auch bei Tertullian sind die dibrei minut vor allem eins: ermüdend; und die Diskussionen darüber vertane Zeit, wie der hegemon im Midrasch sagt. Ich übersetze jetzt noch die Fortsetzung:

מאחר שנפטר ר׳ אליעזר מן הבימה היה מצטער על שנתפש למינות. נכנסו תלמידיו אצלו לנחמו ולא קבל. נכנס ר׳ עקיבא אצלו אמר לו ר׳ שמא אחד מן המינין אמר לפניך דבר וערב לפניך. אמ׳ לו הן השמים הזכרתני. פעם אחת הייתי עולה באיסטרטא של צפורי ובא אלי אדם אחד ויעקב איש כפר סכניא שמו, ואמ׳ לי דבר אחד משום ישו בן פנדרא והנאני. ואותו הדבר היה כתו׳ בתורתכם לֹא תָבִיא אֶתְנַן זוֹנָה וּמְחִיר כֶּלֶב (דברים כג, יט) מה הן. אמרתי לו אסורין. אמ׳ לי לקרבן אסורים לאבדן מותרין. אמרתי לו אם כן מה יעשה בהן. אמ׳ לי יעשה מהן בתי מרחצאות ובתי כסאות. אמרתי לו יפה אמרת, ונתעלמה הלכה ממני לשעה. כיון שראה שהודיתי לדבריו אמ׳ לי כך אמ׳ בן פנדירא מצואה באו ולצואה יצאו שנ׳ כִּי מֵאֶתְנַן זוֹנָה קִבָּצָה וְעַד אֶתְנַן זוֹנָה יָשׁוּבוּ (מיכה א, ז) כורסוון לרבים. והנאני ועל אותו דבר נתפשתי למינות׃

Nachdem Rabbi Eliezer von dem Richterstuhl entlassen worden war, tat es ihm leid, dass er wegen minut verhaftet worden war. Die Schüler versammelten sich bei ihm, um ihn zu trösten, aber er nahm es nicht an. Rabbi Akiva kam zu ihm. Er sagte zu ihm: „Rabbi, vielleicht hat einer von den minin vor dir ein Wort gesprochen und es gefiel dir? (Wörtlich: War angenehm vor Dir?)“ Er sagte zu ihm: „Ja! Himmel, Du bringst mich dazu, mich zu erinnern! Einmal ging ich auf der Strasse von Sepphoris, da kam zu mir ein Mensch und Jakob, Mann von Kefar Sichnia war sein Namen. Und er sagte mir ein Wort im Namen von Jeschu ben Pandira27 und es gefiel mir. Und dieses Wort war: ‚In eurer Tora ist doch geschrieben: Du darfst nicht Hurenlohn und das Geld eines Hundes [in das Haus des HERRN] bringen (Dtn 23,19). Was sind sie?‘ Ich sagte zu ihm: Sie sind verboten! Er sagte zu mir: ‚Zum Opfer (korban) sind sie verboten, zur Zerstörung sind sie erlaubt.‘ Ich sagte zu ihm: Wenn es so ist, was soll man mit ihnen machen? Er sagte zu mir: ‚Man soll aus ihnen Badehäuser und Klosetts machen.‘ Ich sagte zu ihm: Du hast schön gesprochen und die Halacha entfiel meiner Erinnerung zu dieser Stunde. Als er sah, dass ich den Worten zugestimmt hatte, sagte er zu mir: ‚So spricht Ben Pandira: Vom Kot kommen sie und zum Kot gehen sie [wieder] hinaus, denn es wird gesagt: „Denn man hat sie durch Hurenlohn gesammelt und zum Hurenlohn kehren sie zurück“ (Mi 1,7) – [das bedeutet, sie werden] zu öffentlichen Toiletten.‘ Und es gefiel mir und wegen diesem Wort wurde ich wegen minut verhaftet.

Es ist meines Erachtens nach relativ deutlich, dass hier auf die Aussagen von Mk 7 Bezug genommen wird, in denen es um Reinheit/Unreinheit sowie Ausscheidung geht und sogar der aramäische Ausdruck korban fällt (Mk 7,11). Besonders klar schein mir die Anspielung auf diese Worte zu sein:

¹⁸ οὐ νοεῖτε ὅτι πᾶν τὸ ἔξωθεν εἰσπορευόμενον εἰς τὸν ἄνθρωπον οὐ δύναται αὐτὸν κοινῶσαι ¹⁹ ὅτι οὐκ εἰσπορεύεται αὐτοῦ εἰς τὴν καρδίαν ἀλλ’ εἰς τὴν κοιλίαν, καὶ εἰς τὸν ἀφεδρῶνα ἐκπορεύεται. (Mk 7,18b-19a; NA XXVIII)

¹⁸ Begreift ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht verunreinigen kann? ¹⁹ Denn es geht nicht in sein Herz hinein, sondern in den Bauch, und es geht heraus in den Abort. (Mk 7,18b-19a; Elberfelder)28

Spannend finde ich, dass Rabbi Eliezer diese Auslegung gefällt, was ihm ja dann seine Probleme brachte. Ich folge weiter dem Text des Midrasch:

ולא עוד אלא שעברתי על מה שאמרה תורה הַרְחֵק מֵעָלֶיהָ דַרְכֶּךָ (משלי ה, ח) זה מינות וְאַל תִּקְרַב אֶל פֶּתַח בֵיתָהּ (שם) זה זנות, למה כִּי רַבִּים חֲלָלִים הִפִּילָה וַעֲצומִים כָּל הֲרוגֶיהָ (משלי ז, כו). ועד כמה. אמ׳ רב חסדא עד ד׳ אמות׃

Und nicht nur das, sondern ich übertrat, was eine Weisung sagt: „Halte fern von ihr deinen Weg“ (Spr 5,8) – das bedeutet: von minut – „und nahe dich nicht dem Eingang ihres Hauses“ (ebendort) – das bedeutet sexueller Begierde. Warum? „Denn viele Erschlagene brachte sie zu Fall und zahlreich sind alle, die sie ermordete“ (Spr 7,26). Bis zu wieviel? (= Wie weit soll man sich davon entfernt halten?) Rabbi Chisda sagte: Bis zu vier Ellen. 29

In umgedrehter Reihenfolge zur Tosefta erzählt der Midrasch die Geschichte des von einer Schlange gebissenen Rabbi Eleazar ben Damah erst nach der von Rabbi Eliezer. Ich setze fort:

מיכן היה ר׳ אלעזר בן דמא בן אחותו של ר׳ ישמעאל שנשכו נחש, ובא יעקב איש כפר סכניה לרפאתו משם ישו בן פנדירא, ולא הניחו ר׳ ישמעאל. אמ׳ לו אין אתה רשאי בן דמא. אמ׳ לו הנח לי ואני מביא עליך ראייה שהוא מותר. ולא הספיק להביא לו ראיה עד שיצתה נשמתו. ושמח ר׳ ישמעאל ואמ׳ אשריך בן דמא שיצאת מן העולם ולא פרצת גדרן של חכמים שכל מי שפורץ גדרן של חכמים הפרעניות באות עליו. ולא נשוך היה. אלא שלא ישכנו נחש לעתיד לבא. ומה הוה ליה ביה. אֲשֶׁר יַעֲשֶׂה אותָם הָאָדָם וָחַי בָּהֶם (ויקרא יח, ה) ולא שימות בהם׃

Von hier war [=kommt, was] Rabbi Eliazar Ben Dama, Sohn der Schwester von Rabbi Jischmael [geschah]: Als er von einer Schlange gebissen wurde, da kam Jakob, ein Mann von Kefar Sechanjah, um ihn zu zu heilen im Namen von Jeschu ben Pandira und Rabbi Jischmael erlaubte es ihm nicht. Er sagte zu ihm: „Es ist dir nicht gestattet, Ben Dama!“ Er sagte zu ihm: „Gestatte mir, und ich bringe euch einen Beweis, dass es ihm erlaubt ist!“ Und er hatte nicht genug Zeit, ihm einen Beweis zu bringen, bis sein Atem endete. Da freute sich Rabbi Jischmael und sagte: „Selig bis du, Ben Dama, dass du aus der Welt herausgegangen bist und nicht den Schutzzaun der Weisen [um die Halacha] durchbrochen hast. Denn jeder, der den Schutzzaun der Weisen durchbricht – die Strafen kommen über ihn!“ [Einwand:] Und ist er nicht gebissen worden? [Antwort: Es bedeutet] nur, dass ihn nicht eine Schlange im Jenseits beißt. [Frage:] Und was wäre für ihn darin [ein Schrift-Beweis] gewesen? [Antwort: Es heißt] „Durch sie wird der Mensch, der nach ihnen handelt, leben.“ (Lev 18,5). Und nicht, dass er durch sie sterben wird.

Stemberger vermutet, dass der Midrasch zum Buch Kohelet „vielleicht im 8. Jh. in Palästina“ entstanden ist 30. Er macht auf mich den reifsten und wohlformuliertesten Eindruck von allen zitierten Zeugen. Doch auch er setzt die Tradition von Jesus ben Pantera voraus und erklärt sie eigentlich nicht. Die einzige „Erklärung“ findet sich im Bavli und stößt bereits bei den mittelalterlichen Kommentatoren auf Skepsis. Es ist nun an der Zeit, nach einer Auflösung dieses Namens zu suchen.

Lösungsvorschlag

Ich halte Ben Pantera für einen Karikaturnamen, um sich über den Anspruch der göttlichen Herkunft Jesu lustig zu machen. Diese Einsicht stammt natürlich nicht von mir, sondern wurde schon früher geäußert. Dabei gab es mehrere Vorschläge:

  • Ben Pantera sei von der mythologischen Figur der Pandora abzuleiten, durch die alles Unheil der Welt auf die Menschheit gekommen ist.31
  • Samuel Krauss unternahm den Versuch, den Namen von πόρνος (pórnos = Freier, Ehebrecher) abzuleiten, zog diesen Vorschlag jedoch selbst zurück. 32
  • Heinrich W. Guggenheimer hat eine Entstellung von πανταρκής (pantarkés = allgewaltig) vorgeschlagen, ohne sich wirklich sicher zu sein.33

Die zutreffende Lösung scheint mir in der Deutung zu liegen, die Daniel Boyarin wieder hervorgeholt hat:

I believe that the most likely explanation was given over a hundred years ago by Paulus Cassel and has been forgotten.34

Diese Erklärung findet sich hier und besagt, dass Pantera eine Verballhornung von parthénos – Jungfrau – ist. Aus dem Sohn der Jungfrau wurde so der Sohn des Pantera, einfach durch die Vertauschung von Buchstaben: aus παρθένος wird πανθήρα, bzw. aus ἐκ παρθένουaus der Jungfrauἐκ πάνθηροςvon dem Panthera.35 Von daher scheint es mir plausibel zu sein, dass die Legende von einem römischen Soldaten namens Pantera als Vater Jesu eine frühe polemische Reaktion auf den Anspruch des von einer Jungfrau geborenen Gottessohnes darstellt.

Verblüfft hat mich, dass dieser Ausdruck in Syrien offensichtlich so verbreitet war, dass ihn Epiphanios von Salamis und Johannes von Damaskus in ihren Stammbaum Jesu übernahmen. Fakt ist, dass es römische Soldaten mit dem Beinnamen „Panther“ gegeben hat. Adolf Deissmann hat bereits 1906 entsprechende Belege zusammengetragen. Ich stimme allerdings Boyarin zu, der darin keinen Widerspruch zur These vom Karikaturnamen sieht.36

Für mich ist daher die Jesus ben Pantera Tradition nicht der wahre historische Kern hinter der christlichen Tradition von der Jungfrauengeburt, sondern eine sehr frühe polemische Zurückweisung des damit verbundenen Anspruchs. Ich vermute, dass die Tradition daher bis heute gerne genau zu diesem Zweck herangezogen wird.

Weiterführende Literatur

Efraim E. Urbach: Die Entstehung und Redaktion unserer Tossafot (Breslau 1937)
Abraham Berliner: Censur und Confiscation hebräischer Bücher im Kirchenstaate (Frankfurt am Main, 1891)
Peter Schäfer: Jesus in the Talmud (Princeton University Press 2007)
Daniel Boyarin: Dying for God. Martyrdom and the Making of Christianity and Judaism (Stanford University Press 1999)

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Fußnoten

  1. In Gegen Celsus I,28 äußert Origenes den Verdacht, dass es sich bei diesem Juden um eine literarische Fiktion des Kelsos handelt.
  2. Franz Diekamp: Doctrina Patrum de incarnatione Verbi. (Münster 1907) S. 288 Nr. 76
  3. Diese Vorstellung hatte Epiphanios aus dem Protoevangelium des Jakobus. Sie wurde in der bildenden Kunst wirksam, in der Joseph zumeist deutlich älter als Maria dargestellt wurde, obwohl das NT nichts über einen Altersunterschied der beiden sagt.
  4. Vgl. Mt 1,16
  5. Mk 6,3 und Joh 19,25
  6. Von dort stammen die Namen der Eltern Mariens, Joachim und Anna, die im NT nicht überliefert werden.
  7. Sohn des Zimmermanns: Mt 13,55. Sabbatschänder: Joh 5,18 + 9,16. Samariter: Joh 8,48. Den Teufel haben: Mt 9,34; Joh 7,20 + 10,20. Dem Judas abgekauft: Mk 14,10-11 par. Mit dem Rohr und mit Ohrfeigen misshandelt: Mt 27,30; Mk 14,65. Anspeien: Mt 26,67. Galle und Essig: Mt 27,34. Heimlich entwendet: Mt 28,13. Vom Gärtner beiseite geschafft: Joh 20,15.
  8. Zur Übersetzung vergleiche Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch (1907), Sp. 2127 mit unserer Stelle.
  9. Walter Bauer, Wörterbuch zum NT (Walter de Gruyter 1971)Sp. 1375 übersetzt ἐκ πορνεία γεννηθῆναι mit ein Hurenkind sein.
  10. Siehe Evangelinus Apostostolides Sophocles (a.a.o.) S. 818
  11. wörtlich: Menschen aus dem gleichen Volk – s. ebenda S. 1042
  12. Siehe Samuel Krauss: Griechische und lateinische Lehnwörter im Talmud, Midrasch und Targum, Teil II (Berlin 1899), S. 464
  13. Günter Stemberger: „Einleitung in Talmud und Midrasch“, ⁸1992 S. 161
  14. Zur Handschrift vgl. ebenda, S. 162
  15. Der Ausdruck בימה kommt von dem Griechischen βῆμα – ein erhöhter Ort, Rednertribühne, Tribunal, Richterstuhl; siehe Samuel Krauss, Lehwörter S. 150 a.a.o.
  16. Zur Übersetzung von נ׳ דיין עלי siehe Jastrow S. 77
  17. Dimos ist das lateinische Lehnwort dimissus – entlassen, befreit; vgl. Samuel Krauss, S. 205 a.a.o.
  18. S. 219 ebenda; dass man vor dem hegemon angeklagt wird, findet sich etwa auch in Mt 10,18. Jesus wird als Angeklagter vor den hegemon Pilatus gebracht (Mt 27,2).
  19. Der Ausdruck leitet sich von gr. στρᾶτα = Strasse ab. Siehe Krauss, Lehnwörter, S. 83 mit unserer Stelle (a.a.o.).
  20. Das ist die Deutung von Heinrich W. Guggenheimer in: The Jerusalem Talmud. Fourth Order: Neziqin; Studia Judaica 61 (De Gruyter 2011) S. 300 ff.
  21. Das ist die Deutung von Jakob Neusner in: The Jerusalem Talmud: Abodah Zara; A Translation and Commentary on CD
  22. Eine sehr gute Erklärung der ganzen Tradition bietet: Peter Schäfer: Jesus in the Talmud (Princeton 2007)
  23. Goldschmidt übersetzt מגדלא נשיא mit „die Frauenhaarflechterin“. Diese Übersetzung vetrtritt auch Michael Sokoloff: A Dictionary of Jewish Babylonian Aramaic (Bar Ilan University Press 2002) S. 261: „who plaits women(’s hair)“.
  24. Zu finden in Raschi-Schrift auf der Talmud-Seite von bSab 104b rechts.
  25. Vgl. zur Übersetzung Jastrow S. 600 zu unserer Stelle.
  26. Den Hinweis auf diese interessante Parallele verdanke ich Moritz Friedländer: Patristische und talmudische Studien (Wien 1878), S. 62 Fn. 9.
  27. Sefaria bietet hier den zensurierten Text, der liest: ואמר לי דבר אחד משום פלוני – und er sagte mir ein Wort im Namen von ploni = soundso. Das geschieht auch bei der nächsten Nennung des Namens im Text.
  28. Die Fortsetzung des Verses καθαρίζων πάντα τὰ βρώματα – w. reinigend alle Speisen bedeutet m.E. nicht, dass Jesus alle Speisen für rein erklärte, sondern dass die Ausscheidung alle Speisen rein macht. Zur Haltung Jesu zu den Speisegeboten vgl. John P. Meier: A marginal Jew IV (Yale University Press 2009) S. 342 ff.
  29. Der unkritische Text bei Sefaria liest מכאן היה מת רבי אלעזר – daher ist Rabbi Eliezer gestorben.
  30. Stemberger, Einleitung S. 311 a.a.o.
  31. So referiert Gustav Rösch den Deutungsversuch Huldreichs in: Die Jesusmythen des Judentums in: Theologische Studien und Kritiken 1873, S. 88
  32. Πόρνος ist entschieden unrichtig.“ Lehnwörter S. 464 a.a.o. Ich vermute mit Boyarin (s.u.), dass Krauss auf seine Deutung durch den Johanneskommentar des Origenes gekommen ist (XX, 130): ὡσεὶ ἔλεγον· ἡμεῖς μᾶλλον ἕνα πατέρα ἔχομεν τὸν θεόν, ἤπερ σύ, ὁ φάσκων μὲν ἐκ παρθένου γεγεννῆσθαι, ἐκ πορνείας δὲ γεγεννημένος. „Als ob sie sagen würden: Wir haben lieber einen Vater, Gott, im Gegensatz zu dir, der behauptet, aus einer Jungfrau geboren zu sein, aber aus porneía geboren ist.“ (MÜ) Allerdings ist der Origenes-Kommentar zu Joh 20,16, nicht zu 20,14, wie Boyarin schreibt.
  33. „Perhaps a distortion of Greek πανταρκής, (…) a surname of Jupiter.“ Heinrich W. Guggenheimer in: The Jerusalem Talmud. Second Order: Mo’ed; Studia Judaica 68 (De Gruyter 2012) S. 435
  34. (Daniel Boyarin: Dying for God. Martyrdom and the making of Christianity and Judaism (Standford University Press 1999), S. 154)
  35. Diese Deutung akzeptiert auch Loren T. Stuckenbruck in: The Myth of Rebellious Angels. Studies in second Temple Judaism and New Testament Texts (William B. Eerdmans Publishing Company 2017) S. 146
  36. ebenda, a.a.o.

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