„Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein.“

So übersetzt die revidierte Einheitsübersetzung die zweite Hälfte von Mk 7,19. Ich halte das für falsch und möchte einen genaueren Blick auf die Übersetzungstradition dieser biblischen Aussage werfen – es lohnt sich.

Griechischer Text

Hier der Text des Nestle-Aland XXVIII:

¹⁷ Καὶ ὅτε εἰσῆλθεν εἰς οἶκον ἀπὸ τοῦ ὄχλου, ἐπηρώτων αὐτὸν οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ τὴν παραβολήν. ¹⁸ καὶ λέγει αὐτοῖς· οὕτως καὶ ὑμεῖς ἀσύνετοί ἐστε; οὐ νοεῖτε ὅτι πᾶν τὸ ἔξωθεν εἰσπορευόμενον εἰς τὸν ἄνθρωπον οὐ δύναται αὐτὸν κοινῶσαι ¹⁹ ὅτι οὐκ εἰσπορεύεται αὐτοῦ εἰς τὴν καρδίαν ἀλλ’ εἰς τὴν κοιλίαν, καὶ εἰς τὸν ἀφεδρῶνα ἐκπορεύεται, καθαρίζων πάντα τὰ βρώματα.

¹⁷ Und nachdem er in ein Haus hineinging, weg von der Menge, fragten ihn seine Schüler nach dem Gleichnis. ¹⁸ Und er sagte ihnen: Demnach seid auch ihr unverständig? Begreift ihr nicht, dass alles, das von außerhalb in den Menschen hineingeht, ihn nicht gemein machen kann, ¹⁹ denn es geht nicht in sein Herz hinein sondern in den Bauch und geht hinaus in den Abort, und reinigt so alle Speisen. (MÜ)

Der Namen Jesus kommt im griechischen Text gar nicht vor. Der Duktus der Argumentation ist klar – Speisen machen einen Menschen nicht gemein (dazu gleich mehr), weil sie im Zuge des Verdauungsvorgangs ausgeschieden werden. Ein deklaratorisches Eingreifen Jesu ist hier gar nicht notwendig, es handelt sich eindeutig um eine weisheitliche Argumentation. Ein paar lexikalische Beobachtungen:

Lexikalische Beobachtungen

  • κοινῶσαι – Aorist Infinitiv aktiv von κοινόω – das Verb leitet sich von κοινός = gemeinsam ab und bedeutet gemein machen. Am ehesten ist es wohl noch vom Koine-Griechisch her bekannt, der allgemein verbreiteten Sprachform des Griechischen. In diesem Satz hat das Wort natürlich eine übertragene Bedeutung, die aus der LXX erschlossen werden muss. Zu verweisen ist hier auf IV Makk 7,6: ὦ ἄξιε τῆς ἱερωσύνης ἱερεῦ, οὐκ ἐμίανας τοὺς ἱεροὺς ὀδόντας οὐδὲ τὴν θεοσέβειαν καὶ καθαρισμὸν χωρήσασαν γαστέρα ἐκοίνωσας μιαροφαγίᾳ.1 „O des Priestertums würdiger Priester, du hast die heiligen Zähne nicht besudelt, noch hast du den der Gottesverehrung und Reinigung Raum gebenden Bauch gemein gemacht durch das Essen von verwerflicher Speise2.“ (MÜ) ‚Gemein‘ hat hier die Bedeutung von ‚kultisch unrein‘.
  • καθαρίζων – Partizip Singular Präsens aktiv von καθαρίζω – reinigen, wörtlich übersetzt also reinigend. Walter Bauer schreibt, dass die eigentliche Bedeutung die sei: etwas von physischem Schmutz reinigen oder säubern und fügt betreffend Mk 7,19 hinzu: „Hierher gehört wohl auch irgendwie die vielgedeutete Stelle καθαρίζων πάντα τὰ βρώματα.3

Textkritische Beobachtungen

Die Schreiber der Texte hatten erkennbare Mühe mit der entscheidenden Verbform καθαρίζων. Neben dieser mehrheitlich bezeugten Form finden sich ebenfalls καθαρίζον, καθαρίζει und καθαρίζεται4. Bruce Metzger schreibt in seinem textkritischen Kommentar:

The difficulty of construing this word in the sentence prompted copyists to attempt various corrections and ameliorations. 5

In einer Fußnote verweist er dann darauf, dass viele moderne Wissenschaftler einer Auslegung dieses Wortes folgen, die auf Origenes und Chrysostomos zurückgeht.

Origenes

Der Alexandriner kommt in seinem Matthäus-Kommentar auf unseren Vers zu sprechen:

  1. Καὶ προσκαλεσάμενος τὸν ὄχλον, εἶπεν αὐτοῖς· ἀκούετε καὶ συνίετε καὶ τὰ ἡξῆς (15,10-20).

Σαφῶς διὰ τούτων ὑπὸ τοῦ σωτὴρος διδασκόμεθα, ἀναγινώσκοντες ἐν τῷ Λευϊτικῷ καὶ ἐν τῷ ∆ευτερονομίῳ τὰ περὶ καθαρῶν καὶ ἀκαθάρτων βρωμάτων, ἐφ‘ οἷς ὡς παρανομοῦσιν ἐγκαλοῦσιν ἡμῖν οἱ σωματικοὶ Ἰουδαῖοι καὶ οἱ ὀλίγῳ διαφέροντες αὐτῶν Ἐβιωναῖοι, μὴ νομίζειν τὸν σκοπὸν εἶναι τῇ γραφῇ τὸν πρόχειρον περὶ τούτων νοῦν. εἰ γὰρ οὐ τὸ εἰσερχόμενον εἰς τὸ στόμα κοινοῖ τὸν ἄνθρωπον, ἀλλὰ τὸ ἐξερχόμενον ἐκ τοῦ στόματος, καὶ μάλιστα ἐπεὶ καὶ ἐν τῷ κατὰ τὸν Μᾶρκον ταῦτα ἔλεγεν ὁ σωτὴρ »καθαρίζων πάντα τὰ βρώματα«, δῆλον ὅτι οὐ κοινούμεθα μὲν ἐσθίοντες ἅ Ἰουδαῖοι φασι (τῷ γράμματι τοῦ νόμου δουλεύειν ἐθέλοντες) εἶναι ἀκάθαρτα. (GCS XL Leipzig 1935 S. 52-53)

  1. „Und die Menge hinzurufend sagte er ihnen: Hört und begreift usw.“ (Mt 15,10)

Ganz genau werden wir durch diese (Worte) von dem Erlöser belehrt, wenn wir in dem Levitikus und in dem Deuteronomium über die reinen und unreinen Speisen lesen, derentwegen uns die leibhaftigen Juden und die sich von ihnen wenig unterscheidenden Ebionäer anklagen, das Gesetz zu übertreten, dass wir nicht glauben, dass die Bedeutung bei dem Schriftwort der leicht fassliche Sinn von diesen [Worten] ist. Wenn doch „nicht das, was in den Mund hineingeht, den Menschen gemein macht, sondern das, was aus dem Mund herausgeht“ (Mt 15,11) und vor allem wenn der Erlöser in dem [Evangelium] nach Markus dies sagt »alle Speisen reinigend« (Mk 7,19), ist offensichtlich, dass wir nicht gemein werden, wenn wir essen, was die Juden (die dem Buchstaben des Gesetzes dienen wollen) als unrein zu sein behaupten. (Matthäus Kommetar XI,12; MÜ)

Für Origenes wird Mk 7,19 so zu einer Aussage Christi, durch die alle Speisen für rein erklärt werden. Der Kontext seiner Auslegung ist sein Versuch, Jesus vom Judentum zu entfernen.

Chrysostomos

In diesem Sinn deutet auch Chrysostomos die Aussage in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium:

Ὁ δὲ Μάρκος φησὶν, ὅτι καθαρίζων τὰ βρώματα, ταῦτα ἔλεγεν. (MPG LVIII, 515)

Und Markus führt aus, dass er – dadurch die Speisen reinigend – dies sagt … (Homilie 51 über das Matthäusevangelium zu Mt 15,1 , Ende von Punkt 4; MÜ)6

Auch hier finden wir also die Bedeutungsverschiebung, die Origenes vorgezeichnet hat.

Vetus Latina und Vulgata

Wie sehr die Deutung des Origenes und Chrysostomos in den Text hineingelesen ist, wird auch an den alten lateinischen Übersetzungen deutlich. Ich beginne mit der Vetus Latina:

¹⁸ Et ait illis: Sic & vos imprudentes estis? Non intellexistis, quoniam omne quod introit extrinsecus in hominem, non potest eum communicare: ¹⁹ quia non intrat in cor ejus, sed in ventrem; & in secessum exit, purgans escam? (Band III, S. 212-213)

¹⁸ Und er sagte zu ihnen: So seid auch ihr unverständig? Habt ihr nicht verstanden, weil alles, was in den Menschen von außen hineingeht, ihn nicht gemein machen kann: ¹⁹ da es nicht in sein Herz hineingeht, sondern in den Bauch; und in den Abort hinausgeht, die Speise reinigend? (MÜ)

Schon durch das Fragezeichen am Schluss wird deutlich, dass das ganze ein Gedankengang ist, dem nicht ein zusätzlicher Kommentar über die eigentliche Absicht Jesu nachgeschoben wird. Ähnlich sieht es in der Vulgata aus:

¹⁸ Et ait illis: Sic & vos imprudentes estis? Non intelligitis, quia omne extrinsecus introiens in hominem, non potest eum communicare: ¹⁹ quia non intrat in cor ejus, sed in ventrem vadit, & in secessum exit, purgans omnes escas?

Und er sagte zu ihnen: So seid auch ihr unverständig? Versteht ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht gemein machen kann: da es nicht in sein Herz hineingeht, sondern in den Bauch geht und in den Abort hinausgeht, alle Speisen reinigend? (MÜ)

Für mich unterstütz dieser Befund meine Eingangsthese.

Glossa Ordinaria

Die Glossa Ordinaria bewahrt einen interessanten Kommentar, den sie Victor von Antiochia zu dem Satz: So seid auch ihr unverständig? zuschreibt.7

Corripiuntur, quia, quae per se patent, mystica putant. Ex quo advertimus vitiosum esse auditorem, qui obscura manifeste, aut manifeste dicta obscure vult intelligere.

Sie werden getadelt, weil sie das, was offensichtlich ist, für mystisch halten. Dadurch erkennen wir, dass ein Zuhörer sich fehlerhaft verhält, der das verborgene als offenkundig oder das offenkundig Gesagte als verborgen verstehen möchte. (MÜ)

Erasmus von Rotterdam

In der Ausgabe seines griechisch/lateinischen NT von 1519 fügte Erasmus eine kleine Veränderung im Hinblick auf die Vulgata ein:

¹⁸ Nondum intelligitis, quod omne foris introiens in hominem, non potest eum inquinare, ¹⁹ quia non intrat in eius cor, sed in uentrem: & in secessum exit, repurgans omnes escas. (Novum Testamentum omne von 1519)

¹⁸ Begreift ihr noch nicht, dass alles, was von draußen her in einen Menschen hineingeht, ihn nicht verunreinigen kann, ¹⁹ weil es nicht in sein Herz hineinkommt, sondern in den Magen und in den Abort hinausgeht, wieder rein machend alle Speisen. (MÜ)

Klingt in dem repurgans – dem wieder rein machen, nicht die Deutung des Origenes an?

Dr. Martin Luther

Luther übersetzte 1522:

¹⁸ Und er sprach zu jnen, Seid jr denn auch so vnuerstendig? Vernemet jr noch nicht, das alles was aussen ist, und in den Menschen gehet, das kann jn nicht gemein machen? ¹⁹ Denn es gehet nicht in sein hertz, sondern in den bauch, vnd gehet aus durch den natürlichen gang der alle speise ausfeget. (Weimarer Ausgabe, Die deutsche Bibel 6. Band 1929 S. 163)

Eine sehr schöne Übersetzung, an der es nichts zu meckern gibt. Allerdings wurde sie von der aktuellen Lutherübersetzung aufgegeben (s.u.)

Adolf Jülicher

Im ausgehenden 19. Jh. kam Adolf Jülicher in seinen 1899 erschienenen Gleichnisreden Jesu wieder auf Origenes zurück.

Mir scheint allein möglich, was schon ORIG. (tom. XI 12 in Mt) vorschlug und jüngst Nestle und Wzs.8 („so sprach er alle Speisen rein“) acceptiert haben, das καθαρίζων auf Jesus zu deuten, im Sinne von „als rein behandeln, für rein erklären“ (vgl. Act 10¹⁵ 11⁹) wie ἁγιάζειν, δικαιοῦν. Nur wird man dann weitergehen und eine wenn auch uralte Glosse hier anerkennen müssen; denn im Texte, wo das λέγει αὐτοῖς ¹⁸ doch gar zu weit entfernt steht und das unmittelbar folgende ἔλεγεν δὲ wegen des δὲ die Verbindung ausschliesst, hat es keinen Halt; ein Leser, der sich als νοῶν und nicht ἀσύνετος erweisen wollte, wird an den Rand geschrieben haben καθαρίζει (oder καθαρίζων) πάντα τὰ βρ. (wie Rm 14²⁰ πάντα καθαρά): hier erklärt der Herr alle Speisen für rein; in einer Abschrift wurde die Marginalnote als echter Nachtrag angesehen und, freilich recht unglücklich, in den Text eingeschoben. (Die Gleichnisreden Jesu II, S. 59)

Ich finde es ziemlich abenteuerlich, wie Jülicher an der eindeutigen und klaren Bedeutung der markinischen Aussage vorbeifantasiert, wenige Seiten später macht er dann den wahren Grund für seine Rückkehr zu Origenes deutlich:

Mc 7¹⁸ff. dagegen enthalten eine neue Offenbarung, den radikalen Bruch mit der jüdischen Ethik. (…) Nie hat Jesus Stücke der h. Schrift, wie die Reinigkeitsvorschriften im Pentateuch für abrogiert erklärt, ein ἀφιέναι der ἐντολὴ τοῦ θεοῦ, die er wie seine Jünger in „Mose“ fanden, war für ihn auch nach Mc ⁸ ausgeschlossen, und in der Praxis wird er schwerlich die mosaischen Speisegebote übertreten haben. Aber mit dem Recht der religiösen Genialität hat er dieses Gottesgesetz ausgelegt nach dem Kanon des eigenen Gewissens, und, ohne die levitischen Speisesatzungen anzugreifen oder zu verteidigen, ein sittliches Prinzip ausgesprochen, von dessen Höhe aus die Entwertung grosser Teile des Mosegesetzes von selbst erfolgte. (S. 64 und 65 ebenda)

Es geht nur darum, Jesus möglichst weit vom Judentum wegzubringen. Verblüffend ist die Nähe zu der Lehre der Kirchenväter, Jesus habe die Toara aufgehoben, indem er sie vollkommen eingehalten habe …

Fazit

Die „Übersetzung“ von Mk 7,19 in der REÜ ist textlich nicht gedeckt und beruht auf fragwürdigen Vorentscheidungen. Sie zeigt aber auch anschaulich die anhaltende Wirkmächtigkeit antiker Auslegungstraditionen – hier allerdings in einer durchaus negativen Weise. Schließen möchte ich mit einem Überblick gängiger aktueller deutscher Übersetzungen von Mk 7,19.

Übersetzung Lösung
Luther 2017 Damit erklärte er alle Speisen für rein.
Zürcher Damit erklärte er alle Speisen für rein.
Elberfelder {Damit} erklärte er alle Speisen für rein.
Fn: w. reinigend alle Speisen
Fn: in den Abort, der alle Speisen reinigt
BigS Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein.
Münchener NT {Damit} rein erklärend alle Speisen.
Fridolin Stier So erklärte er alles Eßbare für rein.

Das ist durch die Bank nicht gut, am besten schlägt sich mal wieder – Dank ihrer Fußnoten – die Elberfelder. Die anderen Übersetzungen hätten die Warnung des byzantinischen Katenen-Kommentars beherzigen sollen, nicht Verborgenes an das Offensichtliche herantragen zu wollen.

Fußnoten


  1. Ich folge dem Text der Rahlfs-Edition, Deutsche Bibelgesellschaft 1979
  2. μιαροφαγία: Zu dieser Wortprägung der LXX siehe Franco Montanari: The Brill Dictionary of ancient Greek (Leiden/Boston 2015) S. 1346
  3. Walter Bauer: Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testamentes und der übrigen urchristlichen Literatur (Walter de Gruyter 1971), 765.
  4. Also Part. Präsens Sing. Nom. Neutrum, 3. Person Sing. Indikativ Präsens und 3. Person. Sing. Ind. Präsens Passiv von καθαρίζω.
  5. Bruce M. Metzger: A textual Commentary on the Greek New Testament (Deutsche Bibelgesellschaft ²2012) S. 81.
  6. Lateinische Übersetzung ebendort: Marcus (Cap. 7,19) autem dicit, ipsum ad purgandos cibos haec dicisse.
  7. Dabei schient es sich um eine alte byzantinische Katenen-Sammlung zu handeln.
  8. Damit meint Jülicher m.E. Bernhard Weiß (1827-1918), einen Neutestamentler.

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