Über die Grenzen der Bibelauslegung durch die Kirchenväter

 

Es ist notwendig, die Ansichten der Alten zu erlernen. (…) Das wird nämlich auch zu zweierlei nützlich sein. Erstens, weil wir das, was von ihnen gut gesagt worden ist, zu unserer Unterstützung erlernen werden. Zweitens, weil wir das, was schlecht ausgedrückt wurde, vermeiden werden. (Thomas v. Aquin: Über die Seele I,2)

In diesem Blog lasse ich immer wieder die Kirchenväter ausführlich zu Wort kommen, da sie die biblischen Texte bereits vor mehr als anderthalb Jahrtausenden gründlich gelesen und oft sehr tiefsinnig ausgelegt haben. Ihr spiritueller Zugang kann auch heutigen Menschen eine Hilfe sein, die antiken biblischen Texte besser zu verstehen und sich existentiell anzueignen. Dennoch ist es notwendig, sich über die Grenzen ihres Zugangs Rechenschaft abzulegen und nicht den Fehler zu machen, sich in einer Art spirituellem Märchenwald zu verlaufen.

Judenfeindschaft

Judenfeindschaft gehört bei den Vätern zum Kern ihrer Bibelauslegung. An diesem Befund führt kein Weg vorbei, wie ich mit wenigen Beispielen zeigen möchte. Ich beginne mit der Erklärung von Num 12,14 bei Origenes (Num Hom VI,4,2) und deren Aufnahme in die Glossa ordinaria, was ihr eine anhaltende Wirkungsgeschichte bescherte. Das zwölfte Kapitel des vierten Buches der Torah erzählt von einem Konflikt zwischen den Geschwistern Mirjam, Aaron und Moses. Auslöser war dabei die kuschitische Frau des Moses. Im Zuge der Auseinandersetzung werden Mirjam und Aaron vor den HERRN zitiert und zurechtgewiesen. Mirjam bleibt aussätzig zurück und kann erst nach sieben Tagen außerhalb des Lagers auf Fürbitte des Mose wieder zum Volk zurückkehren. Dabei heißt es in Vers 14: Und der HERR sprach zu Mose: Hätte ihr Vater ihr ins Gesicht gespuckt, müsste sie sich nicht sieben Tage lang schämen? Sie soll sieben Tage außerhalb des Lagers eingeschlossen werden, danach soll sie wieder aufgenommen werden. (Num 12,14; Elberfelder)

Origenes legte die Szene typologisch aus: Für ihn repräsentierte Mirjam das jüdische Volk, die Frau des Moses aber die Kirche.

Damit wir dies kürzer erklären: Wir sagen, dass Maria die Gestalt des früheren Volkes hatte, dass Mose, das heißt das Gesetz des Herrn, zu einer Ehe mit dieser Äthiopierin übergegangen ist, die aus den Völkern zusammengeführt wurde. Mose also, das heißt das geistige Gesetz, nahm sie zur Frau; und wegen dieser Tat empört sich Maria, die nun die Synagoge ist, und spricht dagegen, zusammen mit Aaron, nämlich mit den Priestern und den Pharisäern.1

Das frühere Volk ist für Origenes Israel, das durch die Kirche abgelöst wurde. Moses als geistiges Gesetz ist eine Formulierung, die auf Philo von Alexandra zurückgeht2 und sich bereits bei Clemens von Alexandria im christlichen Bereich findet3. Maria ist die lateinische Form des hebräischen Namens Mirjam. Origenes weiter:

Darüber hinaus aber wird Maria auch aussätzig. Betrachte nun jenes Volk und sieh, wie groß in ihm der Aussatz der Sünde ist, wie groß die Finsternis des Verstandes, wie groß die Hässlichkeit der Lebensweise, wie groß die Schändlichkeit seines Anblicks. Doch dieser Aussatz bleibt nicht auf ewig bestehen, sondern wenn die Woche der Welt sich zu vollenden beginnt, wird es ins Lager zurückgerufen werden. Am Ende der Welt nämlich, »wenn die Fülle der Heidenvölker eingegangen sein wird, dann wird auch ganz Israel gerettet werden« (Röm 11,25-26) – und dann ist es, wenn der Aussatz vom Angesicht Marias weichen wird; denn es wird die Schönheit des Glaubens empfangen und den Glanz der Erkenntnis Christi erlangen, und sein Antlitz wird wiederhergestellt werden, wenn »beide eine Herde sein werden und ein Hirte« (Joh 10,16).4

Die siebte Weltwoche ist eine Anspielung auf Dan 9,25. Origenes kommt in seiner typologischen Auslegung also zu dem Schluss, dass das jüdische Volk aussätzig ist, dass Gott ihm gleichsam ins Gesicht gespuckt habe und nur die Bekehrung zum Christentum am Ende der Zeiten es retten könne.

Moses und Christus in einer Initiale zum Beginn des Buches Numeri

Beginn des Buches Numeri in einer französischen Handschrift mit Glossa Ordinaria, vermutlich 13. Jh. (Nordfrankreich). Heute: Knihovna Západočeského muzea v Plzni, Tschechien.

In dieser Bibelhandschrift aus dem 12. Jh. (Frankreich) kann man Fol. 30v gut erkennen, dass sich die Glossa Ordinaria aus der Auslegung des Origenes speist.

Diese generelle Herabwürdigung des jüdischen Volkes findet sich auch bei Augustinus. In seiner Auslegung des Psalmverses Gott wird ihre Zähne zerschlagen in ihrem eigenen Mund, die Backenzähne der Löwen wird der Herr zerbrechen (Ps 57(58),7 Vetus Latina) schreibt der Kirchenvater:

Was für Zähne sind das? Es sind die Zähne jener, deren Zorn gleich dem der Schlange ist, gleich dem der Natter, die ihre Ohren zuhält, um nicht die Stimme der Beschwörer zu hören. (…) Gleich jener Schlange und jener Natter, wollten die Pharisäer von Christus nicht das Gesetz hören, wollten von ihm nicht die Lehren der Wahrheit hören. Sie gefielen sich ja in ihren vergangenen Sünden, und das gegenwärtige Leben wollten sie nicht verlieren, das heißt, sie wollten die irdischen Freuden nicht hergeben für die ewigen. Das eine Ohr verschlossen sie durch ihre Liebe zum Vergangenen, dass andere durch ihre Liebe zum Gegenwärtigen: darum wollten sie nicht hören. (…) Es steht auch von ihnen geschrieben, dass sie habsüchtig und geldgierig waren, und ihr ganzes Leben, auch ihr vergangenes, hat der Herr im Evangelium beschrieben. (Ennerationes in Psalmos LVII,11)5

Entscheidend ist in seiner Auslegung die Aussage: „Factum est hoc, primo factum est et modo fit“6 – „Dies ist geschehen, es ist zuerst geschehen und geschieht auch jetzt noch“. Polemische Aussagen im NT über die Pharisäer werden als ewig gültige Wesensbeschreibung aller Juden an allen Orten zu allen Zeiten verstanden. Dieser Gedanken findet sich auch in der Auslegung des Augustinus von Ps 56(57),4 Vetus Latina: Der Schmach übergab er, die mich zertraten.

Jene, die ihn mit Füßen traten, die den Toten verhöhnten, die ihn als bloßen Menschen kreuzigten, weil sie ihn nicht als Gott erkannten – er hat sie der Schmach preisgegeben. Seht, ob dies nicht geschehen ist: Wir glauben nicht, dass es noch kommen wird, sondern wir erkennen es als bereits erfüllt. Die Juden wüteten gegen Christus, sie erhoben sich gegen Christus – wo? In der Stadt Jerusalem. Denn dort herrschten sie, dort blähten sie sich auf, dort reckten sie ihre Nacken. Nach dem Leiden des Herrn wurden sie von dort ausgerissen und verloren das Königreich, in dem sie Christus als König nicht anerkennen wollten. Seht, auf welche Weise sie der Schmach preisgegeben wurden: Sie sind unter alle Völker zerstreut, nirgends eine Bleibe habend, nirgends einen sicheren Wohnsitz.

Doch deshalb sind sie noch immer Juden, damit sie unsere Bücher zu ihrer eigenen Beschämung tragen. Wenn wir nämlich zeigen wollen, dass Christus geweissagt wurde, legen wir den Heiden jene Schriften vor – und damit diese nicht etwa, weil sie mühsam zum Glauben [zu bringen sind], sagen könnten, wir Christen hätten sie selbst verfasst und hätten zusammen mit dem Evangelium, das wir verkünden, auch die Propheten erdichtet, durch die vorhersagt zu sein scheint, was wir verkünden – eben darin überführen wir sie: denn alle jene Schriften, in denen Christus geweissagt wurde, befinden sich bei den Juden, alle diese Schriften haben die Juden. Wir legen Handschriften von Feinden vor, um andere Feinde zu widerlegen.

In welch einer Schmach befinden sich also die Juden? Der Jude trägt das Buch, aus dem der Christ glaubt – sie sind unsere Schreiber geworden! Wie Sklaven gewöhnlich ihren Herren die Bücher nachtragen, damit jene sich beim Tragen abmühen und diese beim Lesen Gewinn davontragen – in eine solche Schmach sind die Juden gegeben worden; und erfüllt ist, was so lange zuvor geweissagt wurde: Er hat der Schmach preisgegeben, die mich mit Füßen traten.

Was aber für eine Schmach ist es, Brüder, dass sie diesen Vers lesen und blind wie sie sind, dennoch ihr eigenes Spiegelbild betrachten! Denn so erscheinen die Juden durch die Heilige Schrift, die sie tragen, wie das Gesicht eines Blinden in einem Spiegel: von anderen gesehen, von ihm selbst nicht gesehen. (Ennerationes in Psalmos LVI,9)7

Die Juden als blinde, Bücher-schleppende Sklaven der Christen: das ist die judenfeindliche Position des Augustinus in nuce.

Hieronymus kann den Hass auf die Juden und die Frömmigkeit des Glaubens in einem Atemzug nennen, wenn es darum geht, einfältigere Brüder zu entschuldigen, die rote Steinblöcke in den Trümmern des Jerusalemer Tempels für durch das Blut des Zacharias besudelt hielten.8 Judenhass und Frömmigkeit schienen für ihn einen guten Christen auszumachen. Spätere Kompilationen aus Väter-Zitaten (Glossa Ordinaria, Catena Aurea) spiegeln diese Judenfeindschaft natürlich Länge mal Breite wider. Ich halte es daher für problematisch, wenn heutige Online-Projekt wie catenea-aurea.de diese Passagen einfach stillschweigend ausblenden und damit das Problem aus der Welt schaffen wollen.

Als Beispiel greife ich die Perikope vom armen Lazarus und dem reichen Prasser im 16. Kapitel des Lukas-Evangeliums heraus. In Vers 28 bittet der Reiche den Abraham, Lazarus zu seinen fünf Brüdern zu schicken, um sie zu warnen. Thomas v. Aquin hat dazu u.a. folgende Auslegungen zusammengetragen:

Chrysostomus. Dass es aber wahr ist, dass, wer nicht auf die Schriften hört, auch Toten, die wieder auferstehen, nicht zuhört, haben die Juden gezeigt, die zu einer Zeit den Lazarus töten wollten, zu einer anderen Zeit die Apostel anfielen – obwohl doch zur Stunde der Kreuzigung einige von den Toten auferstanden waren.9 Augustinus aus den Quaestiones Evangeliorum: Im allegorischen Sinne aber können diese Dinge so verstanden werden, dass in dem Reichen die hochmütigen Juden zu erkennen sind, die Gottes Gerechtigkeit nicht kennen und ihre eigene aufrichten wollen (vgl. Röm 10,3). Der Purpur und das feine Leinen bedeuten die Würde des Königreichs: und das Reich Gottes wird von euch genommen werden (Mt 21,43). Das glänzende Gastmahl ist der Prunk mit dem Gesetz, mit dem sie sich brüsteten, es mehr zum Gepränge der Überheblichkeit missbrauchend als es zum notwendigen Heil gebrauchend.10 Augustinus: Die fünf Brüder aber, von denen er sagt, dass er sie im Hause seines Vaters habe, bezeichnen die Juden, die als „Fünf“ bezeichnet wurden, weil sie unter dem Gesetz festgehalten wurden, das durch Mose gegeben wurde, der fünf Bücher verfasste.11 Gregor der Große: Das jüdische Volk aber, weil es die Worte des Mose geistlich zu verstehen verschmähte, gelangte nicht zu dem, von dem Mose gesprochen hatte.12

Keine dieser Aussagen hat ihren Niederschlag auf der Homepage des Projekts gefunden – was nachvollziehbar ist. Doch wird so der Eindruck einer spirituellen Schatzkiste erweckt, deren toxische Inhalte verschwiegen werden.

Frauenfeindlichkeit

Ein weiterer Charakterzug, der die Bibelauslegung der Väter bestimmt, ist ihre Frauenfeindlichkeit. Ich beginne mit einer Auslegung der Begegnung des Auferstandenen mit Maria von Magdala durch Ambrosius, bei der in Joh 20,17 der bekannte Ausspruch noli me tangere fällt. Der Mailänder Bischof dazu:

Denn wie am Anfang die Frau dem Mann Urheberin der Schuld war, der Mann Vollstrecker des Irrtums, so hat nun die, die den Tod zuerst gekostet hatte, die Auferstehung zuerst gesehen – der Ordnung der Schuld nach zuerst als Heilmittel. Und damit sie bei den Männern nicht die Schmach einer dauernden Anklage ertragen müsse – sie, die dem Mann die Schuld übertragen hatte –, überträgt sie ihm auch die Gnade und gleicht die Last des alten Falles durch die Botschaft der Auferstehung aus. Durch den Mund der Frau war zuvor der Tod hervorgegangen, durch den Mund der Frau wird das Leben erneuert. Da aber die Beständigkeit zum Verkünden geringer und das Geschlecht zur Ausführung schwächer ist, wird den Männern das Amt der Evangeliumsverkündigung aufgetragen. Denn wie durch Jesus den Frauen nicht nur die Schuld gelöst, sondern auch die Gnade vervielfältigt wird – damit sie viele überrede, die zuvor einen einzigen betrogen hatte –, so musste auch der Mann, der zuvor leichtfertig geglaubt hatte, die mit Zinsen vermehrte Gabe zurück empfangen, damit der, der für sich selbst zum Glauben schwankend gewesen war, für andere tauglich würde zum Verkünden. (Expositio euangelii Lucae X,156-157)13

Dass Frauen defektive menschliche Wesen seien, dürfte zur Grundüberzeugung antiker Männer gehört haben. Immer wieder wird dabei Eva die Schuld an der menschlichen Misere gegeben, obwohl der biblische Befund hier viel differenzierter ist. Augustinus, der von Ambrosius in Mailand getauft worden war, bringt seine Frauenfeindlichkeit mit unnachahmlicher Prägnanz zum Ausdruck, wenn er bei der Auslegung des verstörenden Jesus-Satzes in Lk 14,26 schreibt:

So findet sich, dass ein guter Christ in einer Frau das Geschöpf Gottes liebt, das er zu verbessern und zu erneuern wünscht, aber die verderbliche und tödliche Vereinigung und Verbindung hasst, das bedeutet, an ihr zu lieben, dass sie ein Mensch ist und zu hassen, dass sie eine Frau ist. (De sermone Domini in monte I,15,41)14

Begleitet wird diese Frauenverachtung von einer enormen gynäkologischen Unwissenheit. Folgende Aussage des Hieronymus wurde gut tausend Jahre lang als Gewissheit weiterverbreitet, er tätigte sie in seiner Auslegung von Ez 18,6 – der Vers verbietet unter anderem den Verkehr mit einer menstruierenden Frau.

Während jedem Monat werden die schwerfälligen und trägen Körper der Frauen durch den Ausfluss des unreinen Blutes erleichtert; wenn ein Mann zu dieser Zeit mit einer Frau geschlafen haben sollte, sagt man, dass die empfangene Leibesfrucht einen Mangel des Samens nach sich zieht, sodass Aussätzige und mit der Elefantiasis behaftete aus dieser Empfängnis geboren werden und bei beiden Geschlechtern abstoßende Körper – durch die Kleinheit oder übermäßige Größe der Glieder – ein verderblicher Wundeiter entarte. (In Hiezechielem VI,xviii,5/9)15

Man macht es sich zu einfach, wenn man hier auf die Ahnungslosigkeit zölibatärer Kleriker verweisen will16. Augustinus und Hieronymus wussten, wovon sie sprachen. Ersterer hatte seiner Autobiografie zufolge (Confessiones VI,15) jahrelang mit einer Lebensgefährtin zusammengelebt, mit der er auch einen Sohn zeugte. Der Umstand, dass Augustinus niemals den Namen dieser Frau nennt, könnte ein Hinweis sein, dass es sich um (s)eine Sklavin handelte. Und Hieronymus sagte über die Jungfräulichkeit:

Die Jungfräulichkeit erhebe ich in den Himmel, nicht weil ich sie habe, sondern weil ich bewundere, was ich nicht besitze. (Ep. XLIX (XLVIII) 20)17

Thomas von Aquin konnte in der Summa Theologica an die Väter-Auslegungen und an Aristoteles anknüpfen, wenn er ausführte:

Ich antworte, dass es notwendig war, die Frau zu erschaffen, wie die Schrift sagt, dem Mann zur Hilfe – jedoch nicht zur Hilfe bei irgendeiner anderen Tätigkeit, wie manche gesagt haben, da für jede andere Tätigkeit ein Mann von einem anderen Mann besser unterstützt werden kann als von einer Frau –, sondern zur Hilfe bei der Zeugung. (Iª q. 92 a. 1 co.)18

Immanente Schwierigkeiten

Textliche Grenzen

Ein Faktor, der auch Berücksichtigung finden muss, ist die materielle Ausgangslage der Väter-Auslegung. Sie verfügten großteils nicht über den Zugang zu einem halbwegs gesichertem Text, wie er nach der Einführung des Buchdrucks weithin möglich war und im Zug der Digitalisierung der letzten Jahrzehnte praktisch uneingeschränkt möglich ist. Die Klage des Johannes Scotus Eriugena (9. Jh.), keinen Zugang zu einer Ausgabe der Septuaginta zu haben, spricht da Bände.19

Hieronymus wiederum, der sich textkritischer Probleme durchaus bewusst war20, kann mit Bibelversen argumentieren, die in keiner uns heute bekannten Handschrift zu finden sind. So zitiert er in seinem Jesaja-Kommentar den Satz:

Weil geschrieben steht: Verflucht ist die Unfruchtbare, die keinen Samen hervorbringt in Israel. (In Esaiam II,4,1)21

Dieser Vers findet sich weder in der hebräischen Bibel noch in der Septuaginta, ist aber auch im griechischen Sprachraum bekannt gewesen, denn er wird bei Johannes Damascenus zitiert. (De fide orth. IV,24)22 Doch weitaus problematischer sind irreführende oder schlichtweg falsche Übersetzungen des Bibeltextes bei den lateinischen Kirchenvätern. Ein sehr bekanntes Beispiel ist die Fassung, in der Augustinus den Vers Röm 5,12 las. Im griechischen Text sagt der Apostel – wörtlich übersetzt:

„Durch dieses, so wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt hineinkam und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen durchdrang, wegen dem, [dass] alle sündigten.“ (Röm 5,12)23

Augustinus las dagegen in seiner Vetus latina Fassung:

Deswegen, wie durch einen Menschen in diese Welt die Sünde eingetreten ist, und durch die Sünde der Tod, und so auf alle Menschen übergegangen ist, in dem alle Menschen gesündigt haben. (Röm 5,12 VL; Ü: OA)24

Hier wurde das Griechische ἐφ’ ᾧ (=wegen dem) mit dem Lateinischen in quo (=in dem) übersetzt. Die Folge: Während bei Paulus die Sünde auf alle Menschen überging, weil alle sündigten, haben bei Augustinus alle Menschen in Adam gesündigt, der seine Sündhaftigkeit durch sexuelle Zeugung auf seine Nachkommen überträgt. In diesem Sinne argumentierte Augustinus, erkennbar genervt vom Widerspruch seiner pelagianischen Gegner:

Dass trotzdem, obwohl der Apostel vom ersten Menschen gesagt hat – in dem alle gesündigt haben – bis jetzt über die Fortpflanzung der Sünde debattiert wird und ich weiß nicht welche Nebel der Nachahmung entgegengehalten werden! (De peccatorum meritis et remissione I,9,11 a.a.o.)25

Wirkungsgeschichtlich ebenso problematisch war auch seine Textfassung eines anderen Apostelwortes: der Aussage des Paulus in 1 Kor 7,6. Dort heißt es eigentlich:

„Das sage ich aber als Erlaubnis und nicht als Gebot“. (Luther 2017)

In diesem Sinne auch die Vulgata:

„Dies aber sage ich aus Nachsicht, nicht als Befehl“. (1 Kor 7,6; Vulgata Deutsch)

Augustinus aber las in seiner Vetus latina statt Erlaubnis oder Nachsicht das Wort Vergebung und folgerte daraus:

Offensichtlich brandmarkt er ja eine Schuld, wenn er Vergebung erteilt. (De peccato originali XXXVIII,43)26

In letzter Konsequenz bedeutete das, dass jeder Geschlechtsverkehr sündhaft sei – eine Vorstellung, die die kirchliche Ehelehre über ein Jahrtausend lang belasten sollte.27

Grenzen der Auslegungs-Methoden

Ein großes Problem sind die überschießende Typologisierungen und Allegoresen, also die ständig zum Einsatz kommende Deutungsmethoden, insbesondere bei schwierigen Bibelstellen. Ich will hier noch einmal Augustinus zu Wort kommen lassen, und zwar mit seiner Auslegung des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Ich verweise dabei auf ein klassisches Beispiel, das Charles Harold Dodd bereits 1935 in seinem Werk Parables of the Kingdom angeführt hat. Ich bringe hier den ungekürzten Text, Dodd hatte sich noch mit wesentlichen Auszügen begnügt.

Ein gewisser Mann stieg hinab von Jerusalem nach Jericho. Darunter ist Adam selbst hinsichtlich des menschlichen Wesens zu verstehen. Jerusalem ist jene Stadt des himmlischen Friedens (vgl. Hebr 12,22), aus deren Seligkeit er gefallen ist. Jericho wird als Mond übersetzt28 und bezeichnet unsere Sterblichkeit, weil das, was geboren wird, heranwächst, altert und stirbt. Räuber, der Teufel und seine Engel. Die ihn beraubten, der Unsterblichkeit. Und als sie [ihm] Schläge zugefügt hatten – durch die Überredung, Sünden zu begehen: ließen sie ihn halb lebendig zurück: weil der Mensch, insoweit er Gott verstehen und erkennen kann, zum Teil lebendig ist; und zum Teil tot ist, insoweit er durch Sünden niedersinkt und niedergehalten wird, und darum halb lebendig genannt wird. Ein Priester und ein Levit aber, die, als sie ihn sehen, vorübergingen, bedeuten das Priestertum und den Gottesdienst des Alten Testamentes, die nicht zum Heil verhelfen konnten. Samariter wird als „Beschützer“ übersetzt und daher bezeichnet dieser Namen den Herrn selbst. Das Verbinden der Wunden ist die Verhinderung der Sünden. Das Öl, der Trost der guten Hoffnung, gegeben für den Nachlass der Sündenstrafen zur Wiederherstellung des Friedens. Der Wein, eine Ermahnung, in einem glühenden Geist zu handeln. Sein Maultier ist das Fleisch, in dem er zu uns kommen wollte. Auf das Maultier setzen, ist an diese Menschwerdung Christi zu glauben. Die Herberge ist die Kirche, wo sich die Pilger auf der Wanderschaft zum ewigen Vaterland erholen. Am folgenden Tag, das ist nach der Auferstehung des Herrn. Zwei Denare sind entweder die zwei Liebesgebote, die die Apostel durch den Heiligen Geist zur Evangelisierung mit den Übrigen empfingen (Mt 22,37-40), oder die Verheißung des gegenwärtigen und zukünftigen Lebens. Denn gemäß der zwei Verheißungen wird gesagt: Er wird in diesem Zeitalter das Siebenfache erhalten, und im zukünftigen Zeitalter das ewige Leben erlangen (Lk 18,30 Vetus Latina). Der Herbergsvater ist daher der Apostel. Was er darüber hinaus zahlt, ist entweder dieser Ratschlag, den er sagt: Betreffend die Jungfrauen habe ich kein Gebot des Herrn, aber ich gebe einen Rat (1 Kor 7,25) oder dass er auch mit eigenen Händen gearbeitet hat (vgl. 1 Kor 4,12), damit er nicht irgendjemand von den Schwachen durch die Neuartigkeit des Evangeliums belaste (vgl. 2 Thess 3,8-9), obwohl es ihm zustand vom Evangelium ernährt zu werden (vgl. 1 Kor 9,14). (Quaest. Evang. II,19)29

Dieser allegorische Exzess ist um so bemerkenswerter, als er gegen die von Augustinus selbst zuvor publizierte Auslegungsregel verstieß, einen biblischen Text, in dem es um Gottes- und Nächstenliebe geht, nur dem Literalsinn nach zu deuten.30

Fazit

Ich werde weiterhin die Bibelauslegung der Väter im Blick behalten, aber mir der Grenzen ihrer Auslegung bewusst sein. Wer immer sich in ihre Werke vertieft, sollte, um eine Formulierung Friedrichs Nietzsches zu gebrauchen, Handschuhe anziehen …31


  1. Der Text ist in der lateinischen Übersetzung des Rufin von Aquileia auf uns gekommen: „Quod ut compendiosius explicemus, Mariam dicimus formam habuisse plebis prioris, Moysen, id est legem Domini, transisse ad conubium Aethiopissae huius, quae ex gentibus congregata est. Hanc ergo Moyses, id est lex spiritalis, accepit uxorem; et pro hoc facto Maria, quae nunc synagoga est, indignatur et detrahit una cum Aaron, cum sacerdotibus scilicet et Pharisaeis.“ (In Numeros Homilie VI,4; GCS 30 – Leipzig 1921 – S. 36)↩︎
  2. De Vita Moyses I,162↩︎
  3. Stromata I,26(167),3↩︎
  4. Insuper autem et >leprosa< efficitur Maria. Adspice nunc ad illam plebem et vide, quanta in illa est lepra peccati, quanta intelligentiae caligo, quanta observantiae foeditas, quanta turpitudo conspectus. Verumtamen haec lepra non perpetuo permanet, sed ubi septimana compleri coeperit mundi, revocabitur ad castra. In fine enim mundi >cum plenitudo gentium introierit, tunc etiam omnis Istrabel salvabitur< et tunc est, cum cessabit lepra de facie Mariae; recipiet enim decus fidei et splendorem Christi agnitionis accipiet et restituetur vultus eius, cum >fiet uterque unus grex et unus pastor<. (S. 36; a.a.o.)↩︎
  5. Ü: Erich Zenger, in: Ein Gott der Rache? Psalmen verstehen. (Herder, 2003)S. 89-90. Der lateinische Text lautet: Quorum? Quibus INDIGNATIO est SICUT SIMILITUDO SERPENTIS ET ASPIDIS OBTURANTIS AURES SUAS, ne audiat VOCEM INCANTANTIUM. (…) Nolebant audire legem, nolebant audire praecepta veritatis a Christo Pharisaei similes serpenti illi et aspidi. Praeteritis enim suis peccatis delectabantur, et vitam praesentem nolebant amittere, id est gaudia terrena. Unam aurem claudebant ex delectatione praeteritorum, alteram ex delectatione praesentium: ideo nolebant audire. (…) Dictum est de Illis et quod avari erant et amatores pecuniae, et omnis vita eorum, etiam praeterita, descripta est a domino in evangelio. (CSEL 96,1; S. 285-286)↩︎
  6. CSEL 96,1; S. 286↩︎
  7. Qui illum conculcaverunt, qui mortuo insultaverunt, qui tamquam hominem crucifixerunt quia deum non intellexerunt, DEDIT eos IN OPPROBRIUM. Videte si non est factum: non futurum credimus, sed completum agnoscimus. Saevierunt Iudaei in Christum, superbierunt in Christum ubi? In civitate Ierusalem. Ibi enim regnabant, ibi tumebant, ibi cervices erexerant. Post passionem domini eradicati inde sunt et perdiderunt regnum, in quo regem Christum agnoscere noluerunt. Quemadmodum dati sunt in opprobrium videte: dispersi sunt per omnes gentes, nusquam habentes stabilitatem, nusquam certam sedem. Propterea autem adhuc Iudaei sunt, ut libros nostros portent ad confusionem suam. Quando enim volumus ostendere prophetatum Christum, proferimus paganis istas litteras, et ne forte dicant duri ad fidem quia nos illas Christiani composuimus, ut cum evangelio quod praedicamus finxerimus prophetas per quos praedictum videretur quod praedicamus, hinc eos convincimus quia omnes ipsae litterae quibus Christus prophetatus est apud Iudaeos sunt, omnes ipsas litteras habent Iudaei: proferimus Codices ab inimicis, ut confundamus alios inimicos. In quali ergo opprobrio sunt Iudaei? Codicem portat Iudaeus unde credat Christianus: librarii nostri facti sunt! Quomodo solent servi post dominos codices ferre, ut illi portando deficiant, illi legendo proficiant, in tale opprobrium dati sunt Iudaei; et impletum est quod tanto ante praedictum est: DEDIT IN OPPROBRIUM CONCULCANTES ME. Quäle autem opprobrium est, fratres, ut hunc versum legant et ipsi caeci adtendant speculum suum! Sic enim apparent Iudaei de scriptura sancta quam portant, quomodo apparet facies caeci de speculo: ab aliis videtur, ab ipso non videtur. (CSEL 96,1 S. 238-240)↩︎
  8. Simpliciores fratres inter ruinas templi et altaris siue in portarum exitibus quae Siloam ducunt, rubra saxa monstrantes Zachariae sanguine putant esse polluta. Non condemnamus errorem qui de odio Iudaeorum et fidei pietate descendit. (In Mattheum IV,23,25; CCSL LXXVII S. 220)↩︎
  9. Chrysostomus. Quod autem verum sit quod qui non auscultat Scripturis, nec mortuis redivivis auscultat, ostenderunt Iudaei, qui nunc quidem volebant occidere Lazarum, nunc vero invadebant apostolos; cum tamen a mortuis nonnulli resurrexerint hora crucis. (Quelle: corpusthomisticum) Chrysostomus nimmt auf Mt 27,52-53 Bezug.↩︎
  10. Augustinus de quaest. Evang. Per allegoriam autem haec sic accipi possunt, ut in divite intelligantur superbi Iudaeorum ignorantes Dei iustitiam, et suam volentes constituere. Purpura et byssus dignitas regni est: et auferetur a vobis regnum Dei. Epulatio splendida, iactantia legis est, in qua gloriabantur, plus ad pompam elationis abutentes ea, quam ad necessitatem salutis utentes. (ebenda)↩︎
  11. Augustinus: Quinque autem fratres, quos habere dicit in domo patris sui, Iudaeos significant qui appellati sunt quinque, quia sub lege detinebantur, quae per Moysen data est, qui quinque libros conscripsit. (ebenda)↩︎
  12. Gregorius. Iudaicus autem populus, quia Moysi verba spiritualiter intelligere contempsit, ad eum de quo Moyses locutus fuerat, non pervenit.(ebenda)↩︎
  13. sicut enim in principio mulier auctor culpae uiro fuit, uir exsecutor erroris, ita nune quae mortem prior gustauerat resurrectionem prior uidit culpae ordine remedio prior. et ne perpetui reatus aput uiros obprobrium sustineret, quae culpam uiro transfuderat, transfudit et gratiam ueterisque lapsus conpensat aerumnam resurrectionis indicio. per os mulieris mors ante processerat, per os mulieris uita reparatur. sed quia constantia ad praedicandum inferior, sexus ad exsequendum infirmior, uiris euangelizandi mandatur officium. nam sicnt mulierum per Iesum non solum culpa soluitur, Sed etiam multiplicatur gratia, ut pluribus suadeat quae unum ante deceperat, ita et uir, qui temere ante crediderat, faeneratum munus recuperare debuit, ut qui sibi ipse fuerat ad credendum lubrieus, fieret aliis ad praedicandum idoneus. (CSEL 32,4 S. 514-515)↩︎
  14. Sic inuenitur bonus christianus diligere in una femina creaturam dei, quam reformari et renouari desiderat, odisse autem coniunctionem copulationemque corruptibilem atque mortalem, hoc est diligere in ea quod homo est, odisse quod uxor est. (CCSL XXXV,45)↩︎
  15. Per singulos menses grauia atque torpentia mulierum corpora immundi sanguinis effusione releuantur, quo tempore si uir coierit cum muliere, dicuntur concepti foetus uitium seminis trahere, ita ut leprosi et elephantiaci ex hac conceptione nascantur et foeda in utroque sexu corpora, paruitate uel enormitate membrorum, sanies corrupta degeneret. (CCSL LXXV, S. 235)↩︎
  16. Anders als bei Thomas, der Juden und Frauen in seinem Leben so gut wie nicht begegnet sein dürfte; vgl. Otto Hermann Pesch: Thomas von Aquin. Grenze und Größe mittelalterlicher Theologie (²1989) S. 64-65; 208 f.↩︎
  17. uirginitatem autem in caelum fero, non quia habeo, sed quia miror, quod non habeo. (CSEL 54, S. 385) In Ep. 7,4 findet sich dazu die Aussage: scitis ipsi lubricum adulescentiae iter, in quo et ego lapsus sum – „Ihr kennt selbst den schlüpfrigen Pfad der Jugend, auf dem auch ich gefallen bin“ (S. 29 a.a.o.)↩︎
  18. Respondeo dicendum quod necessarium fuit feminam fieri, sicut Scriptura dicit, in adiutorium viri, non quidem in adiutorium alicuius alterius operis, ut quidam dixerunt, cum ad quodlibet aliud opus convenientius iuvari possit vir per alium virum quam per mulierem; sed in adiutorium generationis. (Zitiert nach dem Corpus Thomisticum)↩︎
  19. Septuaginta enim prae manibus non habemus (MPL CXXII, 243) Ich verdanke den Hinweis auf diese Stelle Beryl Smalley: The Study of the Bible in the Middle Ages, University of Notre Dame Press, Notre Dame – Indiana, (1978, Third Printing), S. 44.↩︎
  20. Siehe etwa de Aufstellung von Bruce M. Metzger: St Jerome’s explicit references to variant readings in manuscripts of the New Testament; in: Text and Interpretation. Studies in the New Testament presented to Matthew Black . Cambridge University Press (1979) S. 179-190↩︎
  21. Quod scriptum est: Maledicta sterilis et quae non facit semen in Israel (CCSL 73, S. 59) Dieser Vers wird von ihm auch in Adversus Helvidium de perpetua virginitate b. Mariae I,20 zitiert.↩︎
  22. MPG XCIV, 1206↩︎
  23. Διὰ τοῦτο ὥσπερ δι’ ἑνὸς ἀνθρώπου ἡ ἁμαρτία εἰς τὸν κόσμον εἰσῆλθεν καὶ διὰ τῆς ἁμαρτίας ὁ θάνατος, καὶ οὕτως εἰς πάντας ἀνθρώπους ὁ θάνατος διῆλθεν, ἐφ’ ᾧ πάντες ἥμαρτον· (Röm 5,12; NA XXVIII)↩︎
  24. Propterea sicut per unum hominem in hunc mundum peccatum intravit, et per peccatum mors, et ita in omnes homines pertransiit, in quo omnes peccaverunt. (Röm 5,12; Vetus latina)↩︎
  25. CSEL LX S. 13↩︎
  26. evidenter quippe dum tribuit ueniam, denotat culpam. (CSEL XLII, 201) Die unterschiedlichen Fassungen des Ausgangsverses 1 Kor 7,6 lauten: τοῦτο δὲ λέγω κατὰ συγγνώμην οὐ κατ’ ἐπιταγήν. (NA XXVIII). hoc autem dico secundum indulgentiam | non secundum imperium (Vulgata). quod secundum ueniam non secundum imperium dicit apostolus (CCSL XXXV,46).↩︎
  27. Vergleiche die ausführliche Darstellung dieser Wirkungsgeschichte in Michael Müller: Die Lehre des Hl. Augustinus von der Paradiesesehe und ihre Auswirkung in der Sexualethik des 12. und 13. Jahrhunderts bis Thomas von Aquin. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg (1954).↩︎
  28. Ich weiß nicht, wie Augustinus auf diese Etymologie gekommen ist. Das Onomastikon des Eusebius enthält sie nicht und auch Hieronymus bietet eine solche Ableitung nicht.↩︎
  29. «Homo quidam descendebat ab Jerusalem in Jericho:» ipse Adam intelligitur in genere humano. «Jerusalem,» civitas pacis illa coelestis, a cujus beatitudine lapsus est. «Jericho,» Luna interpretatur, et significat mortalitatem nostram , propter quod nascitur, crescit , senescit, et occidit. «Latrones,» diabolus et angeli ejus: « Qui eum spoliaverunt,» immortalilate: «Et plagis impositis» peccata suadendo: «Reliquerunt semivivum:» quia ex parte qua potest intelligere et cognoscere Deum, vivus est homo: ex parte qua peccatis contabescit et premitur, mortuus est et ideo semivivus dicitur. «Sacerdos» autem et «Levita,» qui eo viso praeterierunt, sacerdotium et ministerium Veteris Testamenti significant, quae non poterant prodesse ad salutem. «Samaritanus,» Custos interpretatur: et ideo ipse Dominus significatur hoc nomine. Alligatio vulnerum, est cohibitio peccatorum. Oleum, consolatio spei bonae, propter indulgentiam datam ad reconciliationem pacis. Vinum, exhortatio ad operandum ferventissimo spiritu. Jumentum ejus, est caro, in qua ad nos venire dignatus est. Imponi jumento, est in ipsam incarnationem Christi credere. Stabulum, est Ecclesia, ubi reficiuntur viatores de peregrinatione redeuntes in aeternam patriam. Altera dies, est post resurrectionem Domini. Duo denarii, sunt vel duo praecepta charitatis, quam per Spiritum sanctum acceperunt Apostoli ad evangelizandum caeteris; vel promissio vitae praesentis et futurae. Secundum enim duas promissiones dictum est, «Accipiet in hoc saeculo septies tantum, et in saeculo futuro vitam aeternam consequetur.» Stabularius ergo est Apostolus. Quod supererogat, aut illud est consilium quod ait: «De virginibus autem praeceptum Domini non habeo,» consilium autem do: «aut quod etiam manibus suis operatus est, ne infirmorum aliquem in novitate Evangelii gravaret, cum ei liceret pasci ex Evangelio.» (Zitiert nach dieser Ausgabe. Der Text findet sich auch in CCSL 44B, S. 62-63.)↩︎
  30. Für die Quaestiones setzen die Herausgeber „etwa 399-400“ (CCSL 44B, XXXI). Die ersten drei Bücher De doctrina christiana entstanden laut Retr. II,30,1 bis 396/397. Hier formulierte der Kirchenvater: „Wenn die Redeweise [der Heiligen Schrift] aber ein Gebot enthält und (…) eine Wohltätigkeit befiehlt, dann ist sie nicht figürlich.“ (III,24,55; Ü: Karla Pollmann. Vgl. auch III,10,14: „Es muss also zuerst die Art der Redeweise ausfindig gemacht werden, ob sie eigentlich oder bildlich ist. Und diese Art ist insgesamt so, dass du, was auch immer in der göttlichen Redeweise weder auf die Sittlichkeit des Lebenswandels noch auf die Wahrheit des Glaubens bezogen werden kann, als bildlich wahrnehmen sollst. Die Sittlichkeit des Lebenswandels bezieht sich darauf, Gott und den Nächsten zu lieben, die Wahrheit des Glaubens – Gott und den Nächsten wahrzunehmen.“ Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist aber die Auslegung des Gebotes der Nächstenliebe durch Jesus!↩︎
  31. Vgl. Der Antichrist 46↩︎

 

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