Wie kam Mose zu seinen Hörnern?

Auf der berühmten Darstellung durch Michelangelo in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom für das Grabmal von Papst Julius II sind ganz deutlich zwei Hörner auf dem Kopf des Mose zu erkennen. Wieso eigentlich?

Quelle: Wikipedia

Die Hörner verdanken sich einer irrtümlichen lateinischen Übersetzung des hebräischen Textes von Ex 34,29. Dort steht: »Und es geschah, als Moscheh herabkam vom Berge Sinai – und die zwei Tafeln des Zeugnisses (waren) in der Hand Moscheh’s, indem er herabkam vom Berge – da wusste Moscheh nicht, daß die Haut seines Angesichtes strahlte dadurch, dass er mit ihm [nämlich Gott] geredet hatte.« (Zunz)

Die Vulgata aber liest: »Und als Moyses vom Berg Sinai herabstieg, hielt er die zwei Tafeln des Zeugnisses und wusste nicht, dass sein Antlitz gehörnt war durch die Gesprächsgemeinschaft mit dem Herrn.« (MÜ)

Die wahrscheinlichste Erklärung: Hieronymus interpretierte die hier vorliegende hebräische Wurzel qrn im Sinne von »gehörnt sein«. Das ist nicht so abwegig, wie es klingt. In Ps 69,32 kommt die gleiche Wortwurzel im Sinn von »Hörner haben« vor, und qæræn heißt wirklich »Horn«. Dazu kommt, dass der jüdische Übersetzer Aquila qrn ebenfalls mit »gehörnt sein« ins Griechische übersetzt hat.

Alle anderen Ausleger aber übersetzen – was vom Kontext her natürlich viel sinnvoller ist – mit »strahlen«. Doch die Hörner ist Mose in der lateinischen Tradition und ihrer Kunstgeschichte lange nicht mehr los geworden.

3 Gedanken zu „Wie kam Mose zu seinen Hörnern?“

  1. Interessierten Lesern sei auch Ruth Mellinkoffs Werk „The Horned Moses in Medieval Art and Thought” (Los Angeles 1970) empfohlen, in welchem sie nicht zuletzt auch auf die weitreichenden Folgen des biblischen Horns auf die jüdische Gemeinschaft eingeht: „And in a satirical caricature, „Der Jüden Ehrbarkeit“, of 1571, horned devil figures are identified as Jews by means of the best known of the Jewish badges, the rouelle, also known as the circular or wheel badge. Jews depicted with horns occur in a scurrilous seventeenth-century print, and in an almost completely similar picture at the beginning of the eighteenth century, where the artist has added, with what seems to be gratuitous literalness, „Dieses ist der Juden Teuffel”. It is pertinent to recall in this context that the pointed Jew’s hat, discussed above, was often referred to as a horned hat (pileum cornutum); and there is evidence that Philip III required the Jews of France to attach a horn-shaped figure to the customary Jew-badge. Is it possible that the preposterous fantasy that Jews had horns influenced the interpretation of horned Moses among those who held such attitudes? Perhaps the horned image of Moses, who in some circles was thought of as the Jew par excellence, even served as confirmation for the belief that all Jews had horns.”
    Hier noch zwei ganz unterschiedliche Interpretationen zu Moses‘ Horn:
    Dazu Rashi: לְשׁוֹן קַרְנַיִם ([Das Verb קרן ] ist mit dem Wort „Hörner“ verwandt) שֶׁהָאוֹר מַבְהִיק וּבוֹלֵט כְּמִין קֶרֶן (denn das Licht leuchtet und tritt wie ein Horn hervor) וּמֵהֵיכָן זָכָה מֹשֶׁה לְקַרְנֵי הַהוֹד (Und wie hat Moses die Strahlen solcher Pracht verdient?) רַבּוֹתֵינוּ אָמְרוּ (Unsere Rabbis sagten) מִן הַמְּעָרָה (aus der Höhle) שֶׁנָּתַן הַקָּדוֹשׁ בָּרוּךְ הוּא יָדוֹ עַל פָּנָיו (denn der Heilige, gelobt sei Er, legte Seine Hand über [Moses‘] Antlitz) שֶׁנֶּאֱמַר (so wie es heisst) וְשַׂכֹּתִי כַפִּי (und ich werde dich mit Meiner Hand beschützen; Zitat aus Midrasch Tanchuma Ki Tissa 37). Mit der Höhle (מְּעָרָה) meint Raschi die Kluft, welche in Ex 33,22 וְהָיָה֙ בַּעֲבֹ֣ר כְּבֹדִ֔י וְשַׂמְתִּ֖יךָ בְּנִקְרַ֣ת הַצּ֑וּר וְשַׂכֹּתִ֥י כַפִּ֛י עָלֶ֖יךָ עַד־עָבְרִֽי (Und es wird sein, wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, da bringe ich dich in die Kluft des Felsens und halte meine Hand vor über dir, bis ich vorübergezogen bin) zitiert wird.
    Benno Jacob (in: „Das Buch Exodus“) kommentiert das wie folgt: „Indem Aquila sich an das Nomen קרן Horn hielt und Hieronymus danach übersetzte: quia cornuta esset, entstand die sonderbare Idee und bildnerische Darstellung, dass aus der Stirn oder dem Haupte Moses zwei (feurige) Strahlenbündel gleich Hörnern hervorbrachen – wofür man sich auf das unverständliche קרנים מידו לו Hab 3,4 nicht berufen darf. Aber auch der Midrasch scheint diese Deutung, zu der er wenigstens eine halbrationale Erklärung gibt, gekannt zu haben. […] Ich glaube in dem Verbum קרן eine Nebenform von קרם (wie שטן – שטם u.ä.) erkannt zu haben. Dieses ist schon biblisch vom Überziehen und sich Überziehen mit Haut.“
    Benno Jacob bezieht sich dabei auf das Verb קרם in der Vision Ez 37,6 וְנָתַתִּי֩ עֲלֵיכֶ֨ם גִּדִ֜ים וְֽהַעֲלֵתִ֧י עֲלֵיכֶ֣ם בָּשָׂ֗ר וְקָרַמְתִּ֤י עֲלֵיכֶם֙ ע֔וֹר וְנָתַתִּ֥י בָכֶ֛ם ר֖וּחַ וִחְיִיתֶ֑ם וִידַעְתֶּ֖ם כִּֽי־אֲנִ֥י יְהוָֽה (und ich füge an euch Sehnen laß Fleisch euch überwachsen und Haut euch überschalen und lege Odem in euch daß ihr lebt und ihr erkennt daß ich der Ewige), das sich auch in Sir 43,20 על כל מעמד מים יקרים (Jedes stehende Gewässer überzieht er) oder in der Mischna Meila 2,6 קָרְמוּ בַתַּנּוּר (sobald sich eine Kruste im Ofen gebildet hat) findet. Jacob äussert auch die Vermutung, dass קרן vielleicht schon biblisch im Sinne von Haut zu verstehen sei. Er führt folgende Stellen auf: Hiob 16,15 שַׂ֣ק תָּ֭פַרְתִּי עֲלֵ֣י גִלְדִּ֑י וְעֹלַ֖לְתִּי בֶעָפָ֣ר קַרְנִֽי (Hab Sackzeug mir genäht an meine Haut und in den Staub mein Haupt getan) oder Mi 4,13 ק֧וּמִי וָד֣וֹשִׁי בַת־צִיּ֗וֹן כִּֽי־קַרְנֵ֞ךְ אָשִׂ֤ים בַּרְזֶל֙ וּפַרְסֹתַ֙יִךְ֙ אָשִׂ֣ים נְחוּשָׁ֔ה וַהֲדִקּ֖וֹת עַמִּ֣ים רַבִּ֑ים וְהַחֲרַמְתִּ֤י לַֽיהוָה֙ בִּצְעָ֔ם וְחֵילָ֖ם לַאֲד֥וֹן כָּל־הָאָֽרֶץ (Auf, drisch, Maid Zijons! Denn eisern mache ich dein Horn und ehern mach ich deine Klauen daß viele Völker du zermalmst dem Ewgen bannest ihren Raub ihr Gut dem Herrn von aller Erde).
    Der tiefere Sinn, warum Moses‘ Gesicht strahlend wurde, hat meines Erachtens bestimmt auch mit der Ausstrahlung der Tora zu tun. Der Vers Spr 6,23 sagt denn auch כִּ֤י נֵ֣ר מִ֭צְוָה וְת֣וֹרָה א֑וֹר וְדֶ֥רֶךְ חַ֝יִּ֗ים תּוֹכְח֥וֹת מוּסָֽר (Denn eine Leuchte ist Gebot, und Weisung Licht und Weg des Lebens sind die Mahnungen zur Zucht). So wie ein Licht einen dunklen Pfad erhellt, gibt die Tora einer Person die Weisheit, richtige Entscheidungen zu treffen.
    Es mag sein, dass ich mich täusche, wenn ich nicht daran glaube, dass Michelangelo durch einen Übersetzungsfehler irregeführt wurde, indem er sklavisch der Übersetzung des Hieronymus folgte. Wahrscheinlich war er sich der biblischen Tradition sehr wohl bewusst, hatte aber keine Möglichkeit, „Lichthörner“ aus dem Carrara-Marmor zu modellieren, und so nahm er sich die künstlerische Freiheit heraus, nichttierische Hörner zu formen, die so die Macht der Zehn Gebote symbolisieren sollten.
    Übersetzung der Bibelstellen nach N. Tur-Sinai

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