Ist es vorstellbar, dass Atheisten die Bibel als Buch wertschätzen können? Nicht, wenn man es mit Richard Dawkins hält, der in seinem Bestseller „The God delusion“ schrieb:
Die Bibel ist in großen Teilen nicht systematisch böse, sondern einfach nur grotesk. Nichts anderes erwartet man von einer chaotisch zusammengestoppelten Anthologie zusammenhangloser Schriften, die von hunderten anonymen Autoren, Herausgebern und Kopisten verfasst, umgearbeitet, übersetzt, verfälscht und »verbessert« wurden, von Personen, die wir nicht kennen, die sich meist auch untereinander nicht kannten und deren Lebenszeiten sich über neun Jahrhunderte erstrecken. Das erklärt wahrscheinlich schon einen Teil der Ungereimtheiten in der Bibel, doch leider halten uns religiöse Eiferer genau dieses seltsame Buch als unfehlbare Quelle für Ethik und Lebensregeln unter die Nase. (S. 327-328)1
Und weiter, in Bezug auf die Landgabe-Erzählungen im Buch Josua:
Die biblische Geschichte über die Zerstörung Jerichos durch Joshua sowie ganz allgemein über den Einzug ins gelobte Land ist moralisch nicht von Hitlers Invasion in Polen oder Saddam Husseins Massakern an Kurden und Marsch-Arabern zu unterscheiden. (S. 342)
Es könnte aber sein, dass die Einordnung und Bewertung von Texten nicht unbedingt zu den Stärken Dawkins gehört. Ist hier auch ein anderer Zugang möglich? Ich möchte einen Zeugen aufrufen, der wahrscheinlich noch berühmter für seinen Atheismus ist, als Dawkins. Friedrich Nietzsche schrieb:
Das Meisterstück der deutschen Prosa ist deshalb billigerweise das Meisterstück ihres grössten Predigers: die
Bibelwar bisher das beste deutsche Buch. Gegen Luther’s Bibel gehalten ist fast alles Übrige nur „Litteratur“ – ein Ding, das nicht in Deutschland gewachsen ist und darum auch nicht in deutsche Herzen hineinwuchs und wächst: wie es die Bibel gethan hat. (Jenseits von Gut und Böse VIII,247; WA Band 5, S. 191)
Ich weiß, dass Nietzsche sich auch gewohnt kritisch und vernichtend über Luther und über biblische Inhalte äußern konnte, aber er war zumindest in der Lage, ihr literarische Qualität zuzugestehen. In diesem Sinne urteilte auch ein Literatur-Nobelpreis-Träger über die Psalmen:
Sie nehmen mir, der ich an Gott nicht glauben kann und nie glauben werde, den Ekel vor dem Leben; ich war daran zu ersticken und atmete glücklich auf. Es kommt auch bei der Gläubigkeit nur darauf an, wie reich und wie kräftig, wie unmittelbar, wie bestimmt und wie erwartungsvoll sie sich äussert. Die Erwartung der Psalmen gilt diesem Leben hier. Sie geben Gott dringlich zu verstehen, dass er nach dem Tode nichts von einem hätte. Sie raten ihm ab, einen sterben zu lassen. Hilfe und Kraft erbitten sie für diesen Augenblick. Sie entfernen sich nicht weit, sie haben ihre feste Stelle. Sie richten sich auf alle möglichen Weisen an Gott, sehr persönlich und doch ordentlich, so als könnte das Wichtigste nie verloren gehen.2
Ich schließe diesen Beitrag mit einem Hinweis auf Umberto Eco, der sich selbst als Nicht-Gläubigen bezeichnete. Man lese, wie Eco in seinem Buch „Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen“ ab S. 216 die Übertragung des Anfangs des Buches Kohelet untersucht, um seinen Respekt vor diesem kulturellen Erbe zu ermessen.
Also: Ja, die Bibel kann auch für Nicht-Glaubende und Atheisten ein Buch sein, mit dem es sich zu beschäftigen lohnt.
