Gog und Magog I

Allen apokalyptisch Gestimmten dieser Erde sind Gog und Magog wohl vertraut: die Namen begegnen ausführlich in Ezechiel 38 und 39, und sie spielen eine Rolle in der Offenbarung des Johannes (Offb 20,8). Wer oder was könnte damit gemeint sein?  „Gog und Magog I“ weiterlesen

Hieronymus lernte von Origenes, beide von den Juden

Ich kann das sehr schön anhand der Auslegung von Ez 9,4 zeigen. Es handelt sich dabei um die Deutung eines geheimnisvollen Zeichens, das seine Träger vor dem Gericht in Jerusalem bewahren kann. „Hieronymus lernte von Origenes, beide von den Juden“ weiterlesen

Untersuchungen – Kapitel 8 und 9

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(Vers. 2.) «Et quievit aqua, et revelati sunt fontes abyssi, et cataractae coeli.» Pro revelatis fontibus, clausos et obturatos, omnes interpretes transtulerunt. Et pro eo quod sequitur: «cessavit aqua super terram», et reliqua, scriptum est, «et reversae sunt aquae de terra, euntes et redeuntes [Eccles. I, 7]». Nota secundum Ecclesiasten, quod omnes aquae atque torrentes, per occultas venas ad matricem abyssum [Al. abyssi.] revertantur.

(Gen 8,2) »Und das Wasser verstummte, und aufgedeckt wurden die Quellen der Urflut und die Wasserfälle des Himmels.« Für aufgedeckte Quellen haben alle Übersetzer verschlossen und verstopft übersetzt. 1 Und für das, was folgt: »Das Wasser ließ nach auf der Erde« und das übrige, steht geschrieben »und zurückgekehrt sind die Wasser der Erde, indem sie fließen und zurückfließen« (Koh 1,7) (Das ist) ein Vermerk des Kohelet, dass alle Wasser und auch Sturzbäche durch verborgene Wasseradern zur Quelle der Urflut [andere lesen Urfluten] zurückkehrten.

(Vers. 6.) «Post quadraginta dies aperuit Noe ostium arcae quod fecit, et emisit corvum, et egressus non rediit ad eum, donec siccarentur aquae de terra». Pro ostio, fenestra scripta est in Hebraeo. Et de corvo aliter dicitur: «Emisit corvum et egressus est, exiens et revertens donec siccarentur aquae de terra.»

(Gen 8,6): »Nach vierzig Tagen öffnete Noah die Tür der Kiste, die er gemacht hatte, und er ließ einen Raben aus und der flog hinaus, kehrte aber nicht zu ihm zurück, bis die Wasser der Erde getrocknet waren.« Für Tür steht im Hebräischen Fenster geschrieben. Und über den Raben wird etwas anderes gesagt: »Er schickte den Raben aus und der flog hinaus und flog hin und her, solange bis die Wasser der Erde getrocknet waren.«

Kapitel 9

(Vers. 18.) «Et erant filii Noe, qui egressi sunt de arca, Sem, Cham, et Iapheth». Frequenter Septuaginta Interpretes non valentes HETH (ח) litteram, quae duplicem aspirationem sonat, in Graecum sermonem vertere, chi (χ) Graecam litteram addiderunt: ut nos docerent in istiusmodi vocabulis aspirare debere: unde et in praesenti loco, Cham transtulerunt, pro eo quod est HAM, a quo et Aegyptus usque hodie Aegyptiorum lingua HAM dicitur.

(Gen 9,18) »Und die Söhne Noes, die aus der Arche herauskamen, waren Sem, Cham und Japheth.« Häufig fügen die Siebzig Übersetzer, die den Buchstaben Chet, der eine doppelte Aspiration anklingen lässt, nicht in die griechische Sprache übersetzen konnten, den griechischen Buchstaben Chi an: um uns zu belehren, dass wir bei derartigen Worten anhauchen müssen. Daher haben sie an der vorliegenden Stelle Cham übersetzt, für das, was Ham heißt, nachdem auch bis heute in der Sprache der Ägypter Ham »Ägypter« genannt wird.

(Vers. 27) «Dilatet Deus Iapheth, et habitet in tabernaculis Sem». De Sem, Hebraei; de Iapheth, populus gentium nascitur. Quia igitur lata est multitudo credentium, a latitudine, quae IAPHETH (יפט) dicitur, latitudo nomen accepit. Quod autem ait: «Et habitet in tabernaculis Sem», de nobis prophetatur, qui in eruditione et scientia Scripturarum, eiecto Israele, versamur.

(Gen 9,27) »Ausbreiten möge Gott Jafet, und er soll in Sems Zelten wohnen. Von Sem stammen die Hebräer, von Jafet die Völker der Heiden ab. Weil also die Menge der Gläubigen von der weiten Ausbreitung kommt, die Jafet genannt wird, 2 erhielt er den Namen Ausbreitung. Was er noch sagt: »Und er soll in Sems Zelten wohnen« – das wird über uns [die Christen] prophezeit, die wir uns nach der Vertreibung Israels mit Lernen und Kenntnis der Schriften 3 beschäftigen.«

(Vers 29.) «Et facti sunt omnes dies Noe nongenti quinquaginta anni.» Ecce post diluvium trecentis quinquaginta annis vixit Noe. Ex quo perspicuum est, centum viginti annos generationi illi, ut supra diximus, ad poenitentiam datos, et non vitae mortalium constitutos.

(Gen 9,29) »Und alle Tage Noahs ergaben 950 Jahre«. Seht, Noe lebte nach der Sinflut 350 Jahre. Daraus wird deutlich, dass jener Generation, wie wir oben gesagt haben, 120 Jahre zur Busse gegeben, und nicht als (Spanne) des Lebens für die Sterblichen festgesetzt wurden.

Show 3 footnotes

  1. Nach der Vetus Latina Ausgabe des Benediktiners Pierre Sabatier (1682-1742) lässt sich diese Lesart des Hieronymus durch eine Verwechslung der griechischen Verbformen ἐπεκαλύφθησαν (=sie wurden verborgen) und ἀπεκαλύφθησαν (=sie wurden enthüllt) erklären.
  2. im Hebräischen steht ein Wortspiel: jafǝtt ælohim lǝjæfæt – weit soll machen Gott den Jafet
  3. Diese antijudaistische Aussage des Hieronymus setzt wiederum eine jüdische Auslegungstradition voraus (!). Denn was hat das Wohnen in Zelten mit dem Lernen und der Kenntnis der Schriften zu tun? Die Antwort liegt in Gen 25,27: »Und die Knaben wuchsen, und es ward Esav ein jagdkundiger Mann, ein Mann des Feldes, aber Jaakob ein schlichter Mann, wohnend in Zelten.« (Ü: Zunz) Die antiken Ausleger beschäftige die Frage, warum Jakob in Zelten wohnte, und nicht einfach nur in einem Zelt. Ihre Antwort: in einem Zelt wohnte er, in dem anderen war ein Lehrhaus, in dem er lernte. Diese Deutung ist sehr alt und das erste Mal im Jubiläenbuch (Anfang – Mitte des 2. Jh. BCE) bezeugt: »Jakob aber war vollkommen und rechtschaffen und Esau war ein rauher, wilder und haariger Mann; und Jakob wohnte in Zelten. Und die Jünglinge wuchsen heran, und Jakob lernte die Schrift, Esau aber lernte sie nicht.« (Jub 19, 13-14; Ü: Enno Littmann). MBR: »Jacob war ein frommer Mann, ein Zeltbewohner d.i. er wohnte im Lehrhause Schems und Ebers«(Ü: August Wünsche). Ähnlich äußern sich das Targum Onkelos und das Targum Neophyti zur Stelle

Wann begann die Vokalisierung der hebräischen Bibel?

Masoretische Beobachtungen III

Um die Leistung der Masoreten würdigen zu können, ist ein Blick auf einen der ältesten erhaltenen griechischen Texte hilfreich, es handelt sich um den sog. Nestorbecher von Ischia„Wann begann die Vokalisierung der hebräischen Bibel?“ weiterlesen

Untersuchungen – Kapitel 6

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(Vers. 2.) «Videntes autem filii Dei filias hominum, quia bonae sunt.» Verbum Hebraicum ELOIM (אלהים), communis est numeri: et Deus quippe et dii similiter appellantur: propter quod Aquila plurali numero, filios deorum ausus est dicere: Deos intelligens, Sanctos, sive Angelos. Deus enim stetit in synagoga deorum: in medio autem deos discernit. [Al. diiudicat] [Psal. LXXXI, 1]. Unde et Symmachus istiusmodi sensum sequens, ait: «Videntes filii potentium filias hominum», et reliqua.

(Gen 6,2): »Die Söhne Gottes sahen aber, dass die Töchter der Menschen schön sind«. Das hebräische Wort Elohim ist nicht auf eine Zahl festgelegt und kann also sowohl Gott als auch Götter heißen. Deshalb wagte es Aquila, in der Mehrzahl Söhne der Götter zu sagen. Er verstand »die Götter« als »Heilige« oder »Engel«. Denn Gott stand in der Versammlung der Götter, und in (ihrer) Mitte urteilt er1 über sie (Ps 81,1 LXX). Daher sagt Symmachus, folgerichtig und sinngemäß: »Die Söhne der Mächtigen sahen die Töchter der Menschen« usw.

(Vers. 3.) «Et dixit Dominus Deus: Non permanebit spiritus meus in hominibus istis in aeternum, quia carnes sunt.» In Hebraeo scriptum est, Non iudicabit spiritus meus homines istos in sempiternum, quia caro sunt: hoc est, quia fragilis est in homine conditio, non eos ad aeternos servabo cruciatus: sed hic illis restituam quod merentur. Ergo non severitatem, ut in nostris codicibus legitur, sed clementiam Dei sonat, dum peccator hic pro suo scelere visitatur. Unde et iratus Deus loquitur ad quosdam: Non visitabo filias eorum, cum fuerint fornicatae, et sponsas eorum, cum adulteraverint (Osee IV, 14). Et in alio loco: Visitabo in virga iniquitates eorum, et in flagellis peccata eorum: verumtamen misericordiam meam non auferam ab eis [Ps. LXXXVIII, 33]. Porro ne videretur in eo esse crudelis, quod peccantibus locum poenitentiae non dedisset, adiecit: «Sed erunt dies eorum centum viginti anni». Hoc est, habebunt centum viginti annos ad agendam poenitentiam. Non igitur humana vita, ut multi errant, in centum viginti annos contracta est: sed generationi illi, centum viginti anni ad poenitentiam dati sunt. Siquidem invenimus, quod post diluvium Abraham vixerit annos centum septuaginta quinque, et caeteri amplius ducentis et trecentis annis. Quia vero poenitentiam agere contempserunt, noluit Deus tempus exspectare decretum: sed viginti annorum spatiis amputatis, induxit diluvium anno centesimo agendae poenitentiae destinato.

(Gen 6,3): »Und Gott der Herr sprach: Mein Geist wird nicht auf ewig in diesen Menschen bleiben, weil sie Fleisch sind.« Im Hebräischen steht geschrieben: »Nicht wird mein Geist diese Menschen für immer verurteilen, weil sie Fleisch sind.«2 Das heißt: Weil die Natur des Menschen zerbrechlich ist, werde ich sie nicht zu ewiger Qual aufsparen. Aber ich werde ihnen hier vergelten, was sie verdienen. Daher klingt hier nicht die Strenge Gottes an, wie man in unseren Handschriften lesen kann, sondern seine Güte, da ja der Sünder hier für seine Bosheit gestraft wird. Daher spricht Gott zornig zu einigen: Ich werde ihre Töchter nicht heimsuchen, wenn sie Unzucht treiben, und ihre Bräute nicht, wenn sie die Ehe brechen. (Hos 4,14 LXX) Und an einer anderen Stelle: Ich werde mit einer Zuchtrute ihr schuldhaftes Handeln strafen und mit Geißeln ihre Sünden; trotzdem werde ich mein Erbarmen nicht von ihnen nehmen (Ps 88,33). Weiters, damit er ihnen gegenüber nicht als grausam erscheine, weil er den Sündern keinen Zeitraum zur Busse vorgegeben hatte, fügt er an: »Aber ihre Tage werden 120 Jahre sein«. Das bedeutet, dass sie 120 Jahre Zeit hätten, um Busse zu tun. So wurde das menschliche Leben nicht, wie viele irrtümlich meinen, auf 120 Jahre verkürzt: Sondern jener Generation sind 120 Jahre zugesprochen worden, um Buße zu tun. 3 Denn wir finden in den Schriften, dass Abraham nach der Sintflut 175 Jahre lebte, und andere mehr als 200 und 300 Jahre. Da sie aber die Busse missachteten, wollte Gott den festgesetzten Zeitpunkt nicht abwarten: Sondern er kürzte den Zeitraum (zur Buße) um 20 Jahre und ließ die Sintflut kommen, und zwar im hundertsten Jahr, das er noch für das Bußetun bestimmt hatte.

(Vers. 4.) «Gigantes autem erant super terram in diebus illis, et post haec quomodo ingrediebantur filii Dei ad filias hominum, et generabant eis. Illi erant gigantes a saeculo homines nominati». In Hebraeo ita habet: «Cadentes erant in terra in diebus illis», id est, ANNAPHILIM (הנפלים). «Et post haec ut ingrediebantur filii deorum ad filias hominum, et generabant eis: hi erant fortes a principio viri nominati». Pro cadentibus, sive gigantibus, violentos interpretatus est Symmachus. Et angelis autem et sanctorum liberis convenit nomen cadentium.

(Gen 6,4): »Giganten aber waren auf der Erde in jenen Tagen und danach, wie die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen hineingingen, zeugten sie ihnen Kinder. Jene waren von Anbeginn an Giganten und wurden Menschen genannt.« Auf hebräisch heißt es so: »Die Fallenden waren auf der Erde in jenen Tagen«, das heißt ha nefilim.4 »Und danach, wie die Söhne der Götter zu den Töchtern der Menschen hineingingen und ihnen (Nachkommen) zeugten: Das waren die, die am Anfang starke Männer/Helden genannt wurden. »Fallende« oder »Giganten« hat Symmachus mit Gewalttätige übersetzt. Aber sowohl zu den Engeln als auch zu den Kindern der Heiligen passt die Bezeichnung »Fallende« besser.

(Vers. 9.) «Noe vir iustus atque perfectus in generatione sua, Deo placuit». Signanter ait, in generatione sua: ut ostenderet non iuxta iustitiam consummatam: sed iuxta generationis suae iustitiam fuisse eum iustum. Et hoc est quod in Hebraeo dicitur: «Noe vir iustus, perfectus erat in generationibus suis: cum Deo ambulabat Noe»: hoc est illius vestigia sequebatur.

(Gen 6,9): »Noe war ein gerechter und vollkommener Mann in seiner Generation. Er gefiel Gott«. Bezeichnenderweise wird in seiner Generation gesagt, um zu zeigen, dass sie nicht entsprechend ihrer Gerechtigkeit ihr Ende fand, sondern dass er entsprechend der Gerechtigkeit seiner Generation gerecht gewesen sei.5 Und im Hebräischen wird gesagt: »Noe war ein gerechter Mann, vollkommen in seinen Generationen: Noe wandelte mit Gott«: Das bedeutet, dass es er seinen Spuren folgte.6

(Vers. 14.) «Fac tibi arcam de lignis quadratis». Pro quadratis lignis, bituminata legimus in Hebraeo.

(Gen 6,14): »Mache für dich eine Kiste aus viereckigen Hölzern.« Statt viereckigen Hölzern lesen wir im Hebräischen mit Pech abgedichtete.

(Vers. 16.) «Colligens, facies arcam, et in cubito consummabis eam desuper». Pro eo quod est, colligens facies arcam, in Hebraeo habet, meridianum facies arcae, quod manifestius interpretatus est Symmachus, dicens, διαφανὲς, hoc est, dilucidum facies arcae, volens fenestram intelligi.

(Gen 6,16): »Du wirst die Kiste machen in dem du sie berechnest und sie oben um eine Elle machst (in einer Elle vollendest?).« Für das, was »du wirst die Kiste machen, in dem du sie berechnest« heißt, steht im Hebräischen, einen Mittag 7 sollst du der Kiste machen, was Symmachus deutlicher übersetzt hat, in dem er diaphanḕs (durchscheinend) sagt, das heißt: Ein Helles sollst du der Kiste machen – er wollte das als »Fenster« verstehen. 8

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Show 8 footnotes

  1. Andere Handschriften lesen: Hielt er Gericht über …
  2. Die Bedeutung von lo jādōn ruchi wā’ādām lǝ’olām ist umstritten; je nachdem, ob jādon יָדוֹן von דון abgeleitet wird, was Gesenius als »walten« deutet; oder von דין = »richten« kann übersetzt werden: a: Nicht soll walten mein Geist in dem Menschen für immer (Zunz; Luther); b: Mein Geist soll nicht ewiglich mit dem Menschen rechten (Elberfelder 1905, Schlachter 2000); Koehler/Baumgartner bezeichnen das Wort als unerklärt und erschließen – wie die LXX – aus dem Kontext die Bedeutung »bleiben«. Diese Übersetzung hat auch die EÜ gewählt: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben.
  3. Ähnlich Philo von Alexandria in seinen Fragen zur Genesis: »Aber vielleicht sind 120 Jahre nicht das allgemeine Maß des menschlichen Lebens, sondern nur das der Menschen, die zu dieser Zeit (=der Zeit Noes) lebten, die später in der Flut nach so einer Zahl von Jahren zugrunde gehen mussten, die ein gütiger Wohltäter verlängerte, um Busse für die Sünden zu ermöglichen.« Quaestiones in Genesim, I 91.
  4. Hieronymus leitet seine Deutung von der Wurzel נפל ab, was fallen bedeutet. Dabei greift er wieder eine alte jüdische Deutung auf: »Sie heissen endlich נפלים, weil sie die Welt zum Falle brachten und weil sie aus der Welt fielen und diese durch Ausschweifung mit Riesen füllten.« (MBR XXVI; Ü: August Wünsche)
  5. »Nach Rabbi Jehuda: Unter seinen Zeitgenossen war er ein Gerechter, hätte er aber in der Zeit Moses oder Samuels gelebt, so wäre er es nicht gewesen. Auf der Strasse, wo Blinde sind, wird ein Einäugiger ein Hellsehender genannt.« (MBR XXX; Ü: August Wünsche) Allerdings vertritt Rabbi Nechemja die entgegengesetzte Deutung: »Wenn Noach schon unter seinen Zeitgenossen gerecht war, um wieviel mehr würde er es gewesen sein, wenn er im Zeitalter Moses oder Samuels gelebt hätte!« (Ebenda)
  6. Ein ähnliches Bild zu diesem Vers bietet der Midrasch, der Noach mit einem Kleinkind vergleicht, das seinem Vater hinterhergeht – und Abraham mit einem älteren Kind, das dem Vater vorausgeht. a.a.o.
  7. Im Hebräischen steht das Wort צֹהַר tsōhar, dessen Bedeutung und Herleitung unsicher sind.
  8. Auch diese Übersetzung ist wieder nur vor dem Hintergrund der rabbinischen Tradition zu verstehen: »Nach Rabbi Abba bar Kahana bedeutet צהור (sic!) Fenster, nach Rabbi Levi dagegen: Perle (Edelstein). Rabbi Pinchas sagte im Namen des Rabbi Levi: Während der 12 Monate, in welchen Noach in der Arche war, bedurfte er am Tage nicht des Sonnen- und des Nachts nicht des Mondlichtes, sondern er hatte einen in der Luft schwebenden Edelstein, war dieser finster, so wusste er, dass es Tag war, leuchtete er, so wusste er, dass es Nacht war.« (MBR XXXI; Ü: August Wünsche)

Wie beginnt die hebräische Bibel?

Masoretische Beobachtungen I

Wie beginnt eigentlich die hebräische Bibel? Mit bərēschit oder brēsith oder barēsēth oder vielleicht gar mit bārāschit? Für alle Lesarten gibt es antike Zeugen, aber nur eine hat sich als heute gültige durchgesetzt. „Wie beginnt die hebräische Bibel?“ weiterlesen

War Methusalem in der Arche?

Was ziemlich seltsam klingt, war nach dem Zeugnis des Hieronymus eine in der alten Kirche heiß diskutierte Frage. Und sie hing wieder einmal mit Unterschieden zwischen dem hebräischen Text der Bibel und der Septuaginta zusammen. „War Methusalem in der Arche?“ weiterlesen

Untersuchungen – Kapitel 5

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(Vers. 2.) «Virum et mulierem fecit eos, et benedixit eos, et vocavit nomen eorum Adam, id est, homo.» Hominis autem nomen, tam viro quam feminae convenit.

(Gen 5,2) »Als Mann und als Frau machte er sie, 1 und segnete sie, und er nannte sie Adam, das bedeutet Mensch«. Die Bezeichnung Mensch kommt nämlich sowohl einem Mann als auch einer Frau zu.

(Vers. 3.) «Vixit autem Adam ducentos et triginta annos, et genuit ad imaginem et similitudinem suam, et vocavit nomen eius Seth». Sciendum quod usque ad diluvium, ubi in nostris codicibus, ducentorum et quod excurrit annorum genuisse quis dicitur: in Hebraeo habeat centum annos, et reliquos qui sequuntur.

(Gen 5,3): »Adam lebte aber 230 Jahre, 2 und er zeugte nach seinem Bild und seiner Ähnlichkeit (einen Nachkommen) und er nannte in Seth.« Man muss wissen, dass bis zur Sintflut, wo in unseren Handschriften (steht), jemand soll mit über 200 Jahren noch (einen Nachkommen) gezeugt haben, im Hebräischen „hundert Jahre“ und noch mehr steht (= über 100 Jahre steht).

(Vers. 4.) «Fuerunt autem dies Adam, postquam genuit Seth, septingenti anni». Quia in ducentis erraverat, consequenter hic posuit septingentos, cum in Hebraeo hic habeatur octingentos, et supra centum.

(Gen 5,4): »Es waren aber die Tage Adams, nachdem er Seth gezeugt hatte, 700 Jahre.« Da er mit den 200 (Jahren) geirrt hatte, setzte er hier folgerichtig 700 Jahre, weil im Hebräischen an dieser Stelle von 800 die Rede ist und vorher von 100 (geschrieben wurde).

(Vers. 25.) «Et vixit Mathusala annis centum sexaginta septem, et genuit Lamech. Et vixit Mathusala, postquam genuit Lamech, annos octingentos duos, et genuit filios et filias. Et fuerunt omnes dies Mathusalae, quos vixit, anni nongenti sexagintanovem, et mortuus est.» Famosa quaestio, et disputatione omnium Ecclesiarum ventilata, quod iuxta diligentem supputationem, quatuordecim annos post diluvium Mathusala vixisse referatur. Etenim cum esset Mathusala annorum centum sexaginta septem, genuit Lamech. Rursum Lamech, cum esset annorum centum octoginta octo, genuit Noe. Et fiunt simul usque ad diem nativitatis Noe, anni vitae Mathusalae, trecenti quinquaginta quinque. Sexcentesimo autem anno vitae Noe, diluvium factum est. Ac per hoc, habita supputatione per partes, nongentesimo quinquagesimo quinto anno Mathusalae, diluvium fuisse convincitur. Cum autem supra nongentis sexaginta novem annis vixisse sit dictus, nulli dubium est quatuordecim eum annos vixisse post diluvium. Et quomodo verum est, quod octo tantum animae in arca salvae factae sunt? Restat ergo, ut quomodo in plerisque, ita et in hoc sit error in numero. Siquidem et in Hebraeis et Samaritanorum libris, ita scriptum reperi: «Et vixit Mathusala centum octoginta septem annis, et genuit Lamech. Et vixit Mathusala, postquam genuit Lamech, septingentos octoginta duos annos et genuit filios et filias. Et fuerunt omnes dies Mathusalae, anni nongenti sexagintanovem, et mortuus est. Et vixit Lamech centum octoginta duobus annis, et genuit Noe.» A die ergo nativitatis Mathusalae, usque ad diem ortus Noe, sunt anni trecenti sexaginta novem: his adde sexcentos annos Noe: quia in sexcentesimo vitae eius anno factum est diluvium: atque ita fit, ut nongentesimo sexagesimo nono vitae suae Mathusala mortuus sit, eo anno, quo coepit esse diluvium.

(Gen 5,25): »Und Mathusala lebte 167 Jahre und zeugte Lamech. Und Mathusala lebte, nachdem er Lamech gezeugt hatte, 802 Jahre, und er zeugte Söhne und Töchter. Und es waren alle Tage des Mathusala, die er lebte, 969 Jahre, und er starb.« Das ist eine berühmte Frage 3, die durch die Diskussion aller Kirchen bekannt gemacht worden ist, weil nach sorgfältiger Berechnung überliefert wird, dass Mathusala nach der Sintflut noch 14 Jahre gelebt habe. Und in der Tat, als Mathusla 167 Jahre alt war, zeugte er Lamech. Lamech wiederum zeugte Noe, als er 188 Jahre alt war. Und das macht zusammen bis zum Tag der Geburt des Noe 355 Lebensjahre des Methusala. Im sechshundersten Lebensjahr des Noe ereignete sich die Sintflut. Und deshalb wird durch das Zusammenrechnen der einzelnen Zahlen bewiesen, dass die Sintflut im 955. Lebensjahr des Mathusala war. Da es aber oben heißt, er habe 969 Jahre gelebt, ist es für niemanden zweifelhaft, dass er nach der Sintflut (noch) 14 Jahre gelebt hat. Und wie kann das stimmen, dass nur 8 Seelen in der Arche gerettet wurden (1 Petr 3,20)? Also bleibt nur, dass wie schon oft, so auch hier ein Fehler in der Zahlenangabe vorliegt. So habe auch ich hier herausge­funden, dass in den hebräischen Büchern und in denen der Samariter (Folgendes) geschrieben steht: »Und Methusala lebte 187 Jahre und er zeugte den Lamech. Und es lebte Methusala, nachdem er den Lamech gezeugt hatte, (noch) 782 Jahre und er zeugte Söhne und Töchter. Und alle Tage des Methusala waren 969 Jahre, und er starb. Und Lamech lebte 182 Jahre, und er zeugte den Noe.« Also sind es vom Geburtstag des Mathusala bis zum Tag der Geburt des Noe 369 Jahre: diesen füge 600 Jahre des Noe hinzu – denn im sechshundertsten Jahr seines Lebens ereignete sich die Sinflut. Und so geschah es, dass Mathusala im 969ten Jahr seines Lebens starb, dem Jahr, in dem die Sinflut begann. 4

(Vers. 29.) «Et vocavit nomen eius Noe, dicens: Iste requiescere nos faciet ab operibus nostris». NOE (נה), requies interpretatur. Ab eo igitur, quod sub illo omnia retro opera quieverunt per diluvium, appellatus est requies.

(Gen 5,29): »Und er nannte ihn Noe, indem er sagte: dieser wird uns ausruhen lassen von unseren Mühen.« Noe wird als Ruhe 5 übersetzt. Von daher also, dass unter ihm alle vorherigen Arbeiten durch die Sinflut ruhten, wurde er »Ruhe« genannt.

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Show 5 footnotes

  1. MT und LXX haben »männlich und weiblich« – nicht »Mann und Frau«. Diese Version hier ist insofern ungewöhnlich, als sowohl die Vetus Latina wie die Vulgata masculum et feminam (männlich und weiblich) lesen.
  2. Im hebräischen Text sind es 130 Jahre.
  3. Augustinus befasst sich mit der hier behandelten Frage sehr ausführlich im Gottesstaat: https://www.unifr.ch/bkv/kapitel1933-12.htm. Die einzige ihm möglich scheinende Erklärung ist dabei, dass der erste Abschreiber der Septuaginta sich bei den Zahlenangaben geirrt habe, und dass spätere Kopisten den Fehler noch verschlimmerten, weil sie ihn durch nochmals anderen Angaben korrigieren wollten. Alles in allem machen diese unleugbaren Fehler im Text dem Bischof von Hippo große Probleme.
  4. Dass die Rabbinen davon ausgingen, das Methusalem – der Gerechte – sicher vor der Flut gestorben war, belegt Susanne Plietzsch in ihrer Übersetzung des Midrasch Bereschit Rabba: https://bereschitrabba.hypotheses.org/543
  5. Anlass dieser Deutung ist, dass die Etymologie des Namens Noah durch die hebräische Bibel Schwierigkeiten bereitet: »Und nannte seinen Namen Noach, um zu sagen, dieser wird uns trösten wegen unserer Arbeit.« (Gen 5,29; Ü: Zunz). Er wird uns trösten – jechamenu – ist Piel Imperfekt von nchm, was nicht wirklich gut zu dem hebräischen Namen Noach passt. Daher versucht die LXX eine Herleitung von dem Verb nwch, was zu folgender Übersetzung führt: »Und er gab ihm den Namen Noah, indem er sagte: Dieser wird uns ein wenig ausruhen lassen von unseren Arbeiten« (Gen 5,29 Ü: LXX deutsch). Dem hat sich Hieronymus angeschlossen. Die Rabbinen sagen zur Stelle in MBR: »Nach Rabbi Jochanan stimmt die Erklärung nicht mit dem Namen und der Namen nicht mit der Erklärung, es brauchte nur zu heissen: er nannte ihn entweder Noach, weil er uns Ruhe verschaffte, oder Nachman, weil er uns trösten wird.« (MBR XXV Ü: August Wünsche) Mit anderen Worten, wenn die Tora den Namen von nchm herleitet, dann soll sie Noah auch gleich Nachman nennen!