Hieronymus lernte von Origenes, beide von den Juden

Ich kann das sehr schön anhand der Auslegung von Ez 9,4 zeigen. Es handelt sich dabei um die Deutung eines geheimnisvollen Zeichens, das seine Träger vor dem Gericht in Jerusalem bewahren kann. Ich bringe den Text, um den es geht, zunächst in der Übersetzung der Übersetzung des Hieronymus: »Und der Herr sagte zu ihm: Gehe mitten durch die Stadt in die Mitte Jerusalems und zeichne ein Tau 1 auf die Stirnen der Männer, die seufzen und Schmerz empfindenden über alle Greuel in ihrer Mitte. Und ich hörte, wie er jenen sagte: Geht durch die Stadt und folgt ihm, schlagt zu! Euer Auge soll keine Schonung gewähren, noch sollt ihr Erbarmen zeigen. Den Greis, den Heranwachsenden und die Jungfrau, das Kleinkind und die Frauen macht nieder bis zur Vernichtung! Aber alle, auf denen ihr das Tau seht, sollt ihr nicht töten: Und beginnt von meinem Heiligtum an.« (MÜ; In Ezechielem 3, Caput IX, MPL XXV 87-88)

Die Deutung des Origenes

Der Sinn und die Bedeutung dieses Buchstabens weckte schon früh die Neugier der Kirchenväter. Hier habe ich übersetzt, was Origenes dazu herausgefunden hat.

»Und gib das Zeichen«. Die Siebzig sagen von dem in einen langen Mantel Gekleideten, dass er von der Herrlichkeit des Herrn den Auftrag hatte, ein Zeichen auf die Stirnen der Seufzenden und Leidenden zu geben. Aber Aquila und Theodotion sagen: Bezeichnung mit dem Tau 2 auf die Stirnen der Seufzenden und Schmerzerfüllten. Durch Befragungen der Hebräer, ob sie eine väterliche Lehre über das Tau hätten, die sie erzählen könnten, haben wir das erfahren: Einer behauptete, dass das Tau der Letzte bei den zweiundzwanzig Buchstaben der Hebräer sei, entsprechend der Reihenfolge des Geschriebenen bei ihnen. Der letzte Buchstabe wird als Unterpfand der Vollkommenheit derer genommen, die durch ihre Tugend seufzen und schmerzerfüllt sind über die Sünder im Volk und mit den Gesetzesübertretern mitleiden.

Der Zweite sagte, dass das Tau ein Symbol für diejenigen sei, die das Gesetz halten, da ja doch das Gesetz bei den Hebräern Tora genannt wird – und ihr erster Buchstaben ist das Tau: Und es sei Symbol derer, die nach dem Gesetz leben. 3

Der Dritte – einer von denen, die auch an Christus glauben – behauptete: Der alte Buchstabe Tau habe Ähnlichkeit mit dem Zeichen des Kreuzes und prophezeie über das Zeichen, das bei den Christen auf die Stirn gelange: (es ist ) ganz dasselbe, was alle Gläubigen machen, ob sie auch nur mit den (Glaubens)Dingen begonnen haben, oder mit der höchst anspruchsvollen Lektüre sowohl der Gebete als auch der Opfer (befasst sind). (MÜ; Selecta in Ezechielem, MPG XIII, 800 D)

Die Deutung des Hieronymus

Was macht Hieronymus in seinem Ezechiel Kommentar? Nun, er referiert im Grunde genommen Origenes.

»Für Zeichen, was die Siebzig, Aquila und Symmachus übersetzt haben, verwendet Theodotion dieses hebräische Wort Tau, das der letzte der zweiundzwanzig Buchstaben bei den Hebräern ist, damit es die vollkommene Einsicht an den seufzenden und Schmerz empfindenden Männern zeige. Oder, wie die Hebräer behaupten, weil bei ihnen das Gesetz »Tora« genannt wird, die am Anfang ihres Namens mit diesem Buchstaben geschrieben wird: dass jene dieses Abzeichen empfingen, die die Vorschriften des Gesetzes erfüllten.

Und um zu den Unsrigen zu kommen: Bei den alten hebräischen Buchstaben, die bis heute von den Samaritanern gebraucht werden, hat der letzte Buchstabe, Tau, Ähnlichkeit mit dem Kreuz, das auf die Stirnen der Christen gezeichnet und häufig mit der Hand als (Kreuz)Zeichen geschlagen wird. Es gibt welche, die glauben, weil gemäß dem hebräischen Alphabet dies der letzte Buchstabe ist, dass so gezeigt werde, dass in der Menge der Sünder die Nachkommen der Heiligen übrig bleiben werden.« (MÜ; In Ezechielem 3, Caput IX, MPL XXV 88)

Fazit

Origenes brauchte, um zu einer Erklärung zu kommen, die Informationen seiner jüdischen Gewährsleute, die er ausdrücklich erwähnt. Sie wurden von Hieronymus übernommen, der allerdings seine Quellen nicht nannte. Diese Unterlassung will ich hier nicht begehen – meine Quelle für diesen Artikel ist der großartige Saul Liebermann und sein von unfassbarem Wissen und Können erfülltes Werk »Greek in Jewish Palestine«.

Zur Verdeutlichung hier noch den Buchstaben Tav in den alten Schreibweisen; aus I. Benzinger, Hebräische Archäologie S. 181

Das Tav in älterer semitischer Schreibweise
Das Tav in älterer semitischer Schreibweise

 

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  1. Dass es dabei um den hebräischen Buchstaben Tav geht, habe ich bereits hier gezeigt
  2. Damit ist der griechische Buchstabe T gemeint.
  3. Vgl. TB Sabbath 55a: »Rabbi Schmuel b. Rachmani sagte: Das sind die Leute, die die ganze Tora von Aleph bis Tav erfüllt haben«. אמר רבי שמואל בר נחמני אלו בני אדם שקײמו את התור׳ מאלף ועד תיו

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