»Niemand hat Gott je gesehen«

Gegen Ende des Johannes-Prologs heißt es: Θεὸν οὐδεὶς ἑώρακεν πώποτε· Gott hat niemand jemals gesehen (Joh 1,18) Das ist eine erstaunliche Aussage, wenn man einen Blick in die Bibel wirft, die an etlichen Stellen das Gegenteil berichtet.

Hier zunächst einmal einige wichtige Aussagen aus der Tora (alle nun folgenden Übersetzung stammen, sofern nichts anderes angegeben ist, von mir): Jakob kämpft die ganze Nacht mit einem Mann am Jabbok und sagt, nachdem sein Namen zu Israel geändert wurde, weil er sich gegen Gott und die Menschen behauptete:

Und Jakob nannte den Namen des Ortes Pniel (=Gesicht Gottes) — denn ich habe Gott [von] Gesicht zu Gesicht gesehen und mein Leben wurde gerettet. (Gen 32,31)

Im Zusammenhang des Bundesschlusses am Sinai heißt es:

⁹ Und es stieg hinauf Mose und Aaron, Nadav und Avihu und Siebzig von den Ältesten Israels.
¹⁰ Und sie sahen den Gott Israels und unter seinen Füßen war etwas wie mit Saphir-Steinen Gearbeitetes und wie der Himmel selbst an Klarheit.
¹¹ Und gegen die Edlen der Kinder Israel streckte er seine Hand nicht aus und sie schauten Gott und sie aßen und tranken. (Ex 24,9-11)

Moses wird im Buch Numeri besonders ausgezeichnet, wenn Gott auf die Eifersucht seiner Geschwister Aaron und Miriam antwortet:

⁶ Und er sagte:
Hört doch meine Worte!
Wenn euer Prophet da sein wird [für] den HERRN,
in einer Vision werde ich mich ihm zu erkennen geben,
in einem Traum werde ich zu ihm sprechen.
⁷ Nicht so mein Knecht Mose:
mein ganzes Haus ist ihm anvertraut.
⁸ Mund zu Mund spreche ich mit ihm,
und [durch] eine Vision und nicht in Rätseln
und die Gestalt des HERRN schaut er an.
Und aus welchem Grund fürchtet ihr euch nicht, gegen meinen Diener, gegen Moses, zu reden? (Num 12,6-8)1

Im Deuteronomium sagen die Stammeshäupter und Ältesten zu Mose:

Siehe, sehen gelassen hat uns der HERR, unser Gott, seine Herrlichkeit und seine Größe und seine Stimme haben wir gehört mitten aus dem Feuer. An diesem Tag haben wir gesehen, dass Gott mit dem Menschen spricht — und er am Leben bleibt. (Dtn 5,24)

Abschließend noch eine Schlüsselszene aus der prophetischen Literatur, der Berufung des Propheten Jesaja:

Und ich sprach: Weh mir – denn ich bin vernichtet – denn ein Mann von unreinen Lippen bin ich und inmitten eines Volkes von unreinen Lippen wohne ich. Denn den König, den HERRN Zebaoth haben meine Augen gesehen. (Jes 6,5)

Doch es wäre nicht die Bibel, wenn es nicht auch Aussagen gäbe, die die Position des vierten Evangeliums stützten würden. Auf die Bitte des Mose, ihn sein Angesicht sehen zu lassen, antworte ihm der HERR:

Und er sagte: du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn der Mensch wird mein Angesicht nicht sehen und am Leben bleiben. (Ex 33,20)

Zur altkirchlichen Auslegungsgeschichte

Der Verfasser des vierten Evangeliums war ein sehr guter Kenner der Heiligen Schriften Israels und wusste, was er schrieb. Seine Lösung des Widerspruchs zwischen seiner Aussage und den von mir zitierten Zeugnissen aus der Tora und Jesaja findet bei Johannes eine verblüffende Lösung. Wen Moses und Jesaja eigentlich da von Angesicht zu Angesicht oder mit ihren eigenen Augen gesehen hätten? Christus! Nach einem Zitat aus der Berufungserzählung (Jes 6,10) sagt der Evangelist:

Das sagte Jesaja, weil er Jesu Herrlichkeit gesehen hatte; über ihn nämlich hat er gesprochen. (Joh 12,41; REÜ)

Eine fast gleichlautende Aussage findet sich auch zu Moses:

Wenn ihr Mose glauben würdet, müsstet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben. (Joh 5,46; REÜ)

Im näheren Kontext dieses Wortes geht es wiederum um die Frage nach der Schau Gottes (Joh 5,37). Im Verbund mit der Aussage des Apostels, Christus sei bereits mit den Kindern Israel durch die Wüste gezogen (1 Kor 10,4), war damit die Auslegung der frühen Kirchenväter vorgegeben. Origenes schreibt zu der Frage, mit wem Jakob da am Jabbok gekämpft habe:

Es war ohne Zweifel der, der an vielen Orten und auf viele Weisen mit den Vätern gesprochen hat (Hebr 1,1), das heißt das allerheiligste Wort Gottes, das Mensch ist und Gott und Engel des großen Ratschlusses (Jes 9,6 LXX). Ihn erblickten die Menschen des Heiligen Gottes, wie zum Beispiel auch der, der sagt: Was von Anfang an war, was wir mit unseren Augen gesehen haben und was unsere Hände berührt haben vom Wort des Lebens (1 Joh 1,1). Als Jakob ihn – das Wort und das Leben – erblickte, ruft er aus: Denn ich habe Gott Angesicht zu Angesicht gesehen und meine Seele ist gerettet worden (Gen 32,31) (Fragment aus dem Katenenkommentar des Prokop von Gaza zur Genesis)

In der Nachfolge des Origenes deutet Eusebius von Cäsarea die Schau Gottes durch die Siebzig Ältesten Israels in Ex 24,9-11 ebenfalls auf diese Weise:

Wegen des niemand hat Gott jemals gesehen (Joh 1,18) wird wahrscheinlich die vorliegende Aussage [aus dem Buch Exodus] aufgefasst, als ob sie dem Wort des Erlösers entgegengesetzt sei, indem man annimmt, dass ein unsichtbares Wesen sichtbar sei. Jedoch wenn du auch das über das Wort Gottes, das viele Male und auf viele Weisen den Vätern erschienen ist, dem von uns zuvor Bewiesenen als gleich annehmen willst, wirst du nicht länger meinen, Gegenteiligem zu begegnen. Es lehrt, dass der hier gesehene Gott Israels jener ist, der auch dem [Jakob] Israel erschien, als ein Mensch mit ihm rang, der zuerst seinen Familiennamen von Jakob auf Israel veränderte, als er sagte: dass du stark warst mit Gott (Gen 32,28 LXX). Als er den Sinneseindruck seiner göttlichen Kräfte begriff, nannte Jakob jenen Ort Aussehen Gottes, indem er sagte denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und gerettet wurde mir mein Leben (Gen 32,30) Wir haben zu passender Gelegenheit dargelegt, dass [hier] kein anderer als das Wort Gottes anwesend ist. (Demonstratio V,18)

Zur Vision des Jesaja führt Origenes in einer nur durch die lateinische Übersetzung des Hieronymus auf uns gekommenen Predigt aus:

Und den König, den Herrn Zebaoth, habe ich mit meinen Augen gesehen und einer der Seraphim wurde zu mir gesandt (Jes 6,5-6 Vetus Latina). Es gibt nicht die eine Ankunft meines Herrn Jesus Christus, bei der er auf Erden niederstieg! Er kam sowohl zu Jesaja, als er auch zu Moses kam und er kam zum Volk und er kam zu jedem einzelnen der Propheten! Und auch du fürchte dich nicht! Auch wenn er schon vom Himmel aufgenommen worden ist2, wird er wiederkommen. Dass er aber auch schon vor seiner fleischlichen Anwesenheit zu den Menschen gekommen ist, [dazu] höre den Zeugen selbst, der prophezeit und und der sagt: Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tötest und die steinigst, die zu dir gesandt sind: wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen! (Mt 23,37). Wie oft habe ich gewollt. Er sagt nicht: Ich habe dich nicht gesehen, außer bei dieser Ankunft [=der Menschwerdung]. Sondern er sagt: Wie oft habe ich gewollt. Und durch jeden einzelnen der Propheten wendet er sich zu, er sagt: Ich war es, Christus, der durch die Propheten sprach! Ich sage: auch du fürchte dich nicht – auch jetzt wird Christus gesandt. Er lügt nicht. Ich bin bei euch, spricht der Herr, alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters (Mt 28,20). Er lügt nicht. Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, bin auch ich in ihrer Mitte (Mt 18,20). (Übersetzung der Predigten des Origenes über die Visionen Jesajas durch Hieronymus, 1.5)

Im lateinischen Westen vertreten Justin von Rom sowie Tertullian die gleiche Deutung.

Also weder Abraham, noch Isaak, noch Jakob, noch sonst jemand sah den Vater und unnennbaren Herrn aller überhaupt und auch Christi. Sie sahen vielmehr den, der durch den Willen des Vaters Gott war, seinen Sohn, den, der Engel war, da er dem Willen des Vaters diente, den, der nach dem Willen des Vaters durch die Jungfrau auch Mensch wurde und geboren worden ist, den, der einst Feuer war, als er vom Dornstrauch aus mit Moses sprach. (Dialog 127,4; Ü: Philipp Hauser für die BKV)

Der Afrikaner Tertullian sagt:

Dieses Wort sei sein Sohn genannt worden, unter dem Namen Gott verschiedentlich von den Patriarchen geschaut, in den Propheten beständig vernommen, zuletzt aus dem Geiste und durch die Kraft Gottes des Vaters in die Jungfrau Maria herabgestiegen, in ihrem Mutterschoße Fleisch geworden und als Jesus Christus von ihr geboren worden. (De praescr. haer. 13; Ü: Heinrich Kellner für die BKV)

Bemerkenswert ist, dass diese Auslegung mit Augustinus weiter ausdifferenziert wird: In einem langen Abschnitt seines Genesis-Kommentares geht er der Frage nach „wie ich glaube, was über Moses geschrieben ist, verstehen zu müssen“ und diskutiert dann alle schon genannten Stellen von Exodus bis Deuteronomium. Der Schlüssel ist für ihn die Beobachtung, dass Moses, der laut Ex 33,11 mit Gott wie mit einem Freund von Angesicht zu Angesicht spricht, vom HERRN auf die Bitte, ihn seine Herrlichkeit sehen zu lassen, die Antwort bekommt: Du wirst mein Gesicht nicht sehen können, und leben [bleiben]. Denn ein Mensch wird mein Gesicht nicht sehen und wird leben (Ex 33,20) Augustinus folgert daraus: Sentiebat ergo quid videbat, et quod non videbat desiderabat – „Er verstand also, was er sah, und was er nicht sah, ersehnte er.“ Was Mose von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte, war nicht Gott seiner Wesenheit nach, sondern nur durch ein geschaffenes Wesen vermittelt.

Doch wenn es Mose nicht verdient hätte, die heftig verlangte und ersehnte Herrlichkeit Gottes zu sehen, würde Gott nicht zu seinen Geschwistern Aaron und Myriam sagen: „Hört auf meine Worte: Wenn euer Prophet da sein wird, werde ich mich ihm in einer Vision zu erkennen geben und im Traum werde ich zu ihm sprechen; auf diese Weise aber nicht so mein Diener Moses, dem mein ganzes Haus anvertraut ist. Von Mund zu Mund werde ich zu ihm durch meinen Anblick reden, und nicht durch Rätselbilder und er sieht die Herrlichkeit des Herrn“ (Num 12,6-8). Und das ist nicht gemäß der Wesenheit des Körpers zu verstehen, die sich den fleischlichen Sinnen darstellt; denn jedenfalls während er so zu Mose von Gesicht zu Gesicht, von Gegenüber zu Gegenüber sprach, sagte er trotzdem zu ihm: Zeige mir dich selbst (Ex 33,18). Und nun sprach er auf diese Weise auch zu denen, die er tadelte, und denen er das Verdienst des Moses schilderte: indem er sich durch eine körperliche Kreatur den fleischlichen Sinnen darstellte. (Aurelius Augustinus: Über die wörtliche Bedeutung der Genesis XII,27,55)

Die Lösung dieser Frage lag für Augustinus bei Paulus – hatte doch der Apostel gesagt:

² Ich kenne einen Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde; ³ ich weiß allerdings nicht, ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es. ⁴ Und ich weiß, dass dieser Mensch in das Paradies entrückt wurde; ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, weiß ich nicht, nur Gott weiß es. Er hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen darf. (2 Kor 12,2-4; REÜ)

Für Augustinus war klar, dass Paulus hier von sich selbst sprach und mit dem Entrückt werden in den dritten Himmel die Schau Gottes gemeint war – die natürlich nur außerhalb des Leibes geschehen konnte. Thomas schließt sich dieser Deutung des Augustinus an und untermauert sie durch ein Zitat aus dem Buch der Psalmen.

Außerdem wird in Psalm 68(67),28 gesagt: „dort ist Benjamin, ein sehr junger Mann in der Vision des Geistes“. Die Glosse [sagt dazu]: Benjamin, das bedeutet Paulus, in der Vision des Geistes – im Geist [bedeutet] offensichtlich entfremdet von den körperlichen Sinnen, wie als er bis zum dritten Himmel entrückt wurde. Aber unter dem dritten Himmel ist die Schau Gottes gemäß seiner Wesenheit zu verstehen, wie Augustinus im zwölften Buch über die wörtliche Bedeutung der Genesis sagt. Also verlangt die Schau Gottes der Wesenheit nach eine Entfremdung von den körperlichen Sinnen. (De veritate Q. XIII, a. 3 ad. 3)

Anmerkung: Die Übersetzung des Psalmverses erfolgt iuxta LXX interpretes nach den Siebzig Übersetzern, also der Septuaginta: ἐκεῖ Βενιαμιν νεώτερος ἐν ἐκστάσει (Ps 67,28 LXX) – dort ist Benjamin, der Jüngste, in Verzückung. Auf Hebräisch liest sich der Abschnitt so: שָׁם בִּנְיָמִן ׀ צָעִיר רֹדֵם – dort ist Binjamin, der Jüngste, rodem. Dieses rodem ist nach Gesenius ein Partizip + Suffix von רדה, und bedeutet dann: der sie Beherrschende. Aber diese Ableitung ist unklar und hat bereits zu wilden Emendationen geführt. 3 Die Übersetzer der LXX leiteten es offensichtlich von רדם her, in tiefem Schlaf liegen, und übersetzten es wie das Derivat תּ֚רְדֵּמָה in Gen 2,11 und 15,12 mit ἔκστασις (siehe dazu den Kommentar des Hieronymus). Nachdem der Apostel aus dem Stamm Benjamin stammte (Phil 3,5) und in gewisser Weise der Jüngste der Apostel war (vgl. 1 Kor 15,8), außerdem auch noch in Apg 7,58 als adolescentulus bezeichnet wird, war es für die Glossa ordinaria und für Thomas klar, dass dieser Psalmvers von Paulus sprach, der noch dazu (s)eine Ekstase in 2 Kor 12,1-4 schilderte. Und genau um die Frage εἴτε ἐν σώματι οὐκ οἶδα, εἴτε ἐκτὸς τοῦ σώματος οὐκ οἶδαsei es im Leib, ich weiß es nicht, sei es außerhalb des Leibes, ich weiß es nicht geht es ihm hier.

Augustinus – und in seiner Schule Thomas – stehen natürlich hinter der Aussage von Joh 1,18 und Ex 33,20. Aber sie versuchen, die Aussagen über die direkte Gottesschau des Mose durch das Pauluswort über die Entrückung in den dritten Himmel plausibel zu machen. Es ist nun an der Zeit, einen Blick in jüdische Auslegungstraditionen zu werfen, die sich der Widersprüche zwischen den einzelnen Aussagen natürlich bewusst waren.

Jüdische Traditionen

Origenes berichtet von einer jüdischen Auslegungstradition, die den Widerspruch zwischen Jes 6,5 (meine Augen haben den HERRN gesehen) und Ex 33,20 (kein Mensch kann Gott sehen und am Leben bleiben) thematisiert: 4

„Und den König, den Herrn Zebaoth, habe ich mit meinen Augen gesehen“ (Jes 6,5) Warum sollen wir jetzt nicht eine Tradition der Juden erwähnen (sie ist zwar wahrscheinlich, jedoch nicht wahr) und weshalb sollten wir die Auflösung dieser [Tradition] nicht finden? Sie sagen, dass Jesaja deshalb vom Volk zersägt wurde, weil er angeblich das Gesetz übertreten und über die Schriften hinaus verkündigt haben sollte. Denn die Schrift sagt: „Niemand wird mein Angesicht sehen und wird leben“ (Ex 33,20). Dieser aber sagt: „Ich sah den Herrn Zebaoth“ (Jes 6,5). Moses, sagen sie, hat nicht gesehen und du hast gesehen? Und deswegen haben sie ihn zersägt und ihn schuldig gesprochen, dass [er] gottlos [sei]. Denn sie verstanden nicht, dass die Seraphim mit zwei Flügeln das Angesicht/den Anblick Gottes verhüllten5. „Ich habe den Herrn gesehen“, aber das Angesicht hat Jesaja nicht gesehen, und auch Moses hat [es] nicht gesehen. Moses sah die Rückseite, wie geschrieben ist6. Gleichwohl hat er den Herrn gesehen, auch wenn er sein Angesicht nicht gesehen hat. Auch dieser [=Jesaja] hat [den Herrn] gesehen, obwohl er das Angesicht nicht gesehen haben dürfte. Unrichtigerweise haben sie daher den Propheten schuldig gesprochen. (Übersetzung der Predigten des Origenes über die Visionen Jesajas durch Hieronymus, 1.5)

Jahrhunderte später findet sich diese Tradition im Babylonischen Talmud wieder.

R. Šimôn b. Âzaj sagte &c. Es wird gelehrt: Šimôn b. Âzaj sagte: Ich fand in Jerusalem eine Geschlechtsrolle, und in dieser stand geschrieben: N ist ein Bastard von einem Eheweib. Ferner stand darin geschrieben: Die Lehre des R. Eliezer b. Jaqob [fasst nur] einen Kab, ist aber geläutert. Ferner stand darin geschrieben: Menase tötete Ješâja. Raba sagte: Er liess ihn verurteilen und tötete ihn. Er sprach nämlich zu ihm: Dein Lehrer Mošeh sagte: „mich schaut kein Mensch und bleibt leben“ (Ex 33,20) und du sagtest: „Da sah ich den Herrn auf hohem und erhabenem Thron sitzen“ (Jes 6,1). Dein Lehrer Mošeh sagte: „denn welches &tc. wie der Herr unser Gott, so oft wir zu ihm rufen“ (Dtn 4,7) und du sagtest: „sucht den Herrn, wenn er zu finden ist“ (Jes 55,6). Dein Lehrer Mošeh sagte: „die Zahl deiner Tage werde ich voll machen“ (Ex 23,26)7 und du sagtest: „ich werde zu deinen Lebenstagen fünfzehn Jahre hinzufügen“ (2 Kön 20,6). Ješâja sagte sich: ich bin überzeugt, dass er meine Erwiderung nicht anerkennen wird, und wenn ich ihm etwas erwidre, mache ich ihn nur zum vorsätzlichen [Verbrecher]. Da sprach er den Gottesnamen und verschwand in eine Zeder. Hierauf liess jener die Zeder holen und zersägen, und als [die Säge] ihm an den Mund herankam, starb er. Dies, weil er gesagt hat: „und unter einem Volk unreiner Lippen verweile ich“ (Jes 6,5). — Aber immerhin widersprechen ja die Schriftverse einander!? — „Da sah ich den Herrn“, wie gelehrt wird: Alle Propheten schauten durch einen nicht hell leuchtenden Spiegel, Mošeh aber schaute durch einen hell leuchtenden Spiegel. 8 (bJeb 49b; Text, Übersetzung und Fußnoten von Lazarus Goldschmidt.)

Was hat es mit diesen beiden Spiegeln auf sich? Das Wort אספקלריא (iŝpaklarjā) ist ein griechisches Lehnwort: »Da von dem u des lateinischen specularia keine Spur vorhanden ist, ist σπεκλάρια vorauszusetzen« (Samuel Krauss)9 Das σπεκλάριον (lat. specularium) bedeutet nach Montanari „Spiegel“, wird aber bei Galen auch als eine mineralische Bezeichnung für Glimmer oder Talk verwendet. 10. Ein christlicher Leser wird an 1 Kor 13,12 denken, wo Paulus ein ganz ähnliches Bild verwendet. In jedem Fall wird aber auch hier eine direkte Schau Gottes ausgeschlossen.

Zu beachten ist: die Vorwürfe des Widerspruchs von Tora und Prophetenwort kommen aus dem Mund des blutdürstigen Königs Manasse. Daher hebt der Jeruschalmi bei seiner Diskussion des Martyriums des Jesaja die Übereinstimmung von Moses und Jesaja hervor.

Aber ist nicht geschrieben: „Und auch schuldloses Blut vergoss Manasse – sehr viel – bis dass er Jerusalem von Mund zu Mund [= von einem Ende bis zum anderen] angefüllt hatte.“ (2 Kön 21,16) Aber wie ist es für Fleisch und Blut möglich, Jerusalem von Mund zu Mund mit unschuldigem Blut zu füllen? Nur dadurch, dass er Jesaja ermordete, der gleichwertig wie Moses war. Denn über ihn ist geschrieben: „Mund zu Mund werde ich mit ihm sprechen“ (Num 12,18). (jSanh 10,2)

Die Lösung dieses Schriftbeweises liegt in der Formulierung von Mund zu Mund. Von Mund zu Mund hat Manasse Jerusalem mit Blut gefüllt und von Mund zu Mund sprach der Herr mit Mose. Also muss Manasse jemand getötet haben, der wie Mose war. Und hier kam zu seiner Zeit nur der Prophet Jesaja in Frage.

Durch Abraham Geigers Urschrift bin ich auf diese Aussage der Sifra zum Thema „Niemand hat Gott jemals gesehen“ aufmerksam geworden:

R. Dossa sagt – das ist derselbe Fall (הוא הדין), [wenn die Schrift] sagt: „Denn der Mensch wird mich nicht sehen und am Leben bleiben“ (Ex 33,20). [Das bedeutet:] Während ihrem Leben sehen sie [ihn] nicht, sondern sie sehen ihn in ihrem Tod. Und so heißt es: „Vor ihm müssen auf die Knie gehen alle, die [in den] Staub sinken, und [wer] seine Seele nicht am Leben erhielt“ (Ps 22,30). So auch die heiligen Lebewesen, die den Thron der Herrlichkeit tragen: [auch] sie sehen die Herrlichkeit nicht. 11 R. Schimon sagt: Ich bin nicht wie einer, der gegen die Worte meines Lehrers argumentiert 12, aber wie einer, der [etwas] zu den Worten hinzufügt 13. „Denn der Mensch wird mich nicht sehen und am Leben bleiben“ (Ex 33,20) – [das bedeutet:] Auch Engel, die ein ewiges Leben leben, sehen die Herrlichkeit nicht. (Sifra II,12)

Von dieser überaus transzendenten Auslegung von Ex 33,20 gibt auch Ibn Ezra Zeugnis ab, wenn er als Deutung von Ex 33,20 anführt, dass nicht einmal die Engel Gott schauen.

Und es gibt welche, die sagen „der Mensch wird mich nicht sehen“ [bedeutet]: Nur wer ewig lebt [wird den HERRN sehen]. Aber das zerstört die Redeweise [der Schrift]. Und andere sagen, die Erklärung des Wortes „lo“ (=nicht) dient zu etwas anderem. Und so [wäre] dies [zu verstehen]: Der Mensch wird mich nicht sehen und [auch] nicht, der lebt.14 Und der Sinn [dieser Deutung bezieht sich auf] die Engel. (Kommentar zum Buch Exodus)

Aber was ist mit der kunstvoll gestalteten Aussage über Moses in Num 12,6-8? Einer der ältesten rabbinischen Kommentare überhaupt, Sifre Numeri aus dem 3. Jh., deutet diese Aussage so:

Und das Bildnis JHWHs erblickte er. (Nu 12,8)
Dies ist die Schau der Rückseite.
Du sagst, dies ist die Schau der Rückseite. Oder ist es nicht vielmehr die Schau des Angesichts (פנים)?
Die Bibel lehrt: Dann werde ich meine Hand wegziehen, und du wirst mich von hinten sehen. (Ex 33,23)
Und es heißt:
Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorderseite (פנים) und auf der Rückseite (אחור) beschrieben. (Ez 2,10)
Schreiben nicht auch die ungebildeten und gewöhnlichen Leute so?
Und was lehrt die Bibel [mit]: Vorderseite … und Rückseite? (Ez 2,10)
Die Vorderseite – in dieser Welt. Und die Rückseite – in der Welt, die kommt.
(Auslegung zu Num 12,8; Ü: Dagmar Börner-Klein)

Die Übersetzerin erklärt die sich anschließende Ausfaltung dieser Deutung zu Gottesschau des Moses unter Zuhilfenahme eines Ezechiel-Wortes sehr schön:

Die Rabbinen hatten Probleme mit dieser Aussage, da Gott nach Ex 33,23 Mose nur seine „Rückseite“ (אחור) sehen ließ, weil die Schau seines „Angesichtes“ (פנים) kein Mensch überlebe. Zum anderen waren sie bemüht, diesen Anthropomorphismus abzumildern. Daher zog der Kommentator in Sifre Numeri eine Auslegung zu Ez 2,10 heran, weil dort ebenfalls die Wörter פנים und אחור, in der Bedeutung Vorder- und Rückseite einer Schriftrolle, allegorisch auf die kommende Welt (Rückseite) und die jetzige Welt gedeutet werden.

Im Endeffekt macht auch dieser sehr alte exegetische Kommentar klar, dass Moses den HERRN nicht gesehen habe. Dass Moses nur die „Rückseite“ Gottes gesehen habe, hat ebenfalls schon Origenes berichtet.

Eine Gegenposition

Im großen und ganzen scheinen die antiken Ausleger darin übereinzustimmen, dass kein Mensch Gott jemals geschaut habe. Die christologische Erklärung der Kirchenväter, die heiligen Männer und Frauen Israels hätten nicht den Vater, sondern den Sohn gesehen, war für die Rabbinen natürlich undenkbar. Aber durch das sorgfältige Austarieren der Aussagen der Tora (und aus den Propheten) wurde erreicht, dass ein direktes Schauen Gottes für einen Menschen in diesem irdischen Leben – und sei es für Moses – als unmöglich erschien. 15

Aber widerfährt mit diesem breiten Konsens der ursprünglichen Aussageabsicht der biblischen Texte Gerechtigkeit? Daran hat aus einer jüdischen Perspektive James Kugel in seinem Werk „The God of Old. Inside the lost world of the Bible“ erhebliche Zweifel geäußert.

Er fordert dort dazu auf, die von unserem heutigen Verständnis vollkommen verschiedene Sichtweise einer Gottesbegegnung im Alten Israel, wie sie uns die Texte der hebräischen Bibel schildern, ernst zu nehmen. Dort wird Gott von den Menschen nicht gesucht, sondern erscheint unerwartet und wird oftmals nicht erkannt. Das Göttliche ist nicht in einer säuberlich von der irdischen Existenzweise getrennten spirituellen Sphäre zu finden, vielmehr überlappen sich die spirituelle und die materielle Welt beständig. „And God was always standing just behind the curtain of the everyday world.“

In seiner Analyse von Ex 33,17-23 schreibt Kugel:

Dieser Abschnitt hat eine wunderbar reiche Interpertationsgeschichte erfahren. Von der Spätantike über das Mittelalter und darüber hinaus, war seine offensichtliche Zuschreibung eines physischen Körpers an Gott die Quelle eines Skandals, und Philosophen und Theologen rangen in genialer Weise darum, ihn unter nicht-körperlichen Voraussetzungen zu lesen. Ihre Erklärungen sind zeitweise von einer atemberaubenden Originalität, aber die Verwunderung bleibt, warum ein Text das ganz einfache Bild einer körperlichen Begegnung zeigt, wenn er eigentlich erhaben metaphysische Absichten hat. Mit dem Aufstieg der modernen Bibelwissenschaft setzte eine gegenteilige Bewegung ein: dieser Abschnitt wurde das Paradebeispiel eines frühen (und „primitiven“) Verständnisses Israels von seinem Gott (…) Wer hat Recht bei diesem Abschnitt – die mittelalterlichen Metaphysiker oder die modernen Bibelwissenschaftler? Im Lichte dessen, was wir in den vorhergehenden Kapitel gesehen haben, wäre ich geneigt, den Abschnitt auf eine etwas andere Art zu lesen als beide. (The God of Old (2003) S. 132 + 134)

Ich möchte diese Anregung gerne aufgreifen und abschließend versuchen, eine Art Ertrag meines Durchgangs durch die Antworten auf Aussage des vierten Evangelisten zu finden.

Ertrag

Um mit etwas Selbstverständlichem zu beginnen – und das ist sehr oft das Unbeachteste – wir haben es mit Texten zu tun, die beschreiben, dass Menschen Gott gesehen haben. Um die bekannte Aussage zu zitieren, die Walter Brueggemann unter Berufung auf Karl Barth getätigt hat:

The God of the Bible is not „somewhere else“, but is given only in, with, and under the text itself. [ Theology of the Old Testament (1997), S. 18]

Daher kann ich die eingehende Frage, ob es zutrifft, dass niemand Gott jemals gesehen habe, hier nur im biblischen Kontext stellen. Dabei fällt mir auf, dass die Rede vom „Angesicht Gottes“ hier vielleicht weiter helfen kann. In dem bekannten Priester-Segen aus Lev 6,24-26 (hier im Originalklang) heißt es:

²⁴ Der HERR segne dich und behüte dich!
²⁵ Der HERR lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig!
²⁶ Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!

Dass das bildlich und und nicht körperlich gemeint ist, scheint mir im wahrsten Sinne des Wortes einleuchtend zu sein. Ich komme noch einmal zu Johannes, der diesem Thema in seinem Evangelium viel Raum gegeben hat. Nach dem anfänglichen „niemand hat Gott jemals gesehen“ (Joh 1,18) sagt Christus in Joh 14,8: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“. Dem folgt allerdings in Joh 20,29 das Wort: „Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Glückselig , die nicht gesehen und geglaubt haben!“. (Alle Joh Übersetzungen in diesem Absatz: Elberfelder). Ich schätze mal, dass diese Pointe für einen hohen Prozentsatz derer, die das hier lesen, zutrifft.

Ich habe die Quellen und Übersetzungen dieses Artikels hier zusammengetragen.

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  1. Zur Übersetzung dieses eigenwilligen Textes waren mir die Anmerkungen Robert Alters in: The five Books of Moses (2004) S. 742 f. sehr hilfreich.
  2. Lk 24,51; Apg 1,11
  3. Der von Cheyne zitierte Aufsatz Eberhard Nestles findet sich hier. Auch Nestle ist sich über den Stamm von רדם nicht in Klaren.
  4. Die in einer äthiopischen Übersetzung auf uns gelangte Vorlage dieser Legende findet sich hier.
  5. Vgl. Jes 6,2
  6. S. Ex 33,23
  7. Jed. nichts hinzufügen
  8. Er wusste, dass er Gott nicht sah, die andren aber, auch Ješâja, glaubten, ihn gesehen zu haben.
  9. Griechische und Lateinische Lehnwörter im Talmud, Midrasch und Targum, Teil II (1899) S. 93
  10. Franco Montanari: The Brill dictionary of ancient Greek (2015) S. 1944
  11. In Jes 6,2 bedecken die Engel am Thron des HERRN ihr Gesicht.
  12. Part. Hif. von שׁוּב – siehe Jastrow S. 1528
  13. Part. Hif. von ישף – siehe Jastrow S. 583
  14. Das lo bezieht sich in dieser Deutung nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf das Verb leben.
  15. Eine systematische Zusammenfassung der kirchenväterlichen Sichtweise findet sich im Quellenanhang weiter unten. Sie stammt aus dem Kommentar des Thomas über das Werk des Magister Sententiarum.

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