Ist die Mundkommunion katholisch?

Aus Wulff, Oskar Altchristliche und byzantinische Kunst (Band 1) Die altchristliche Kunst von ihren Anfängen bis zur Mitte des ersten Jahrtausends, S. 294 Digitalisiert von der Universitätsbibliothek der Universität Heidelberg

Im Zug der Corona-Krise war eine Zeitlang hier in Wien im Gottesdienst die Mundkommunion aus hygienischen Gründen verboten – was zu bemerkenswerten Reaktionen führte: so sah ich Gläubige, die sich die Kommunion vom Spender in ein Gefäß legen ließen, mit dessen Hilfe sie sich dann selbst die Mund-Kommunion spendeten. Unabhängig davon fiel mir ein reaktionäres Pamphlet in die Hände, das die Handkommunion als Ursache aller Übel in Welt und Kirche ausmachte. Zeit also, einmal einen gründlicheren Blick in die katholische Tradition zu werfen. Dabei gehe ich strikt chronologisch vor.

Passio Perpetuae (Martyrium 203)

Diese sehr alte Passionserzählung schildert den Tod der Martyrerin Perpetua im Jahr 203. Auf die Traditionsgeschichte kann ich nicht eingehen.1 In diesem Text schildert Perpetua ihre Vision eines Aufstiegs in den Himmel:

et vīdīspatium immensum hortī et in mediō sedentem hominem canum in habitū pastōris, grandem, ovēs mulgentem. et circumstantēs candidātī mīlia multa. et levāvit caput et aspēxit mē et dīxit mihī: Bene vēnistī, teknon. et clamāvit mē et dē caseō quod mulgēbat dedit mihī quāsī buccellam; et ego accēpī iunctīs manibus et mandūcāvī; et universī circumstantēs dīxērunt: Amen. (Quelle)

Und ich sah einen weit ausgedehnten Garten und in seiner Mitte einen altersgrauen Mann sitzen im Gewande eines Hirten; der war groß und molk die Schafe, und viele Tausende in weißen Kleidern standen umher und er erhob sein Haupt, sah mich an und sagte zu mir: Willkommen, Kind. Er gab mir von dem Käse der Milch, die er molk, einen Bissen; ich empfing ihn mit zusammengelegten Händen und aß ihn, wobei die Umstehenden sagten: Amen. (Passio Perpetuae 4,8-9; Ü: Gerhard Rauschen für die BKV)

Der Satz et ego accēpī iunctīs manibus et mandūcāvī – ich empfing mit zusammengelegten Händen und aß – gibt die Art des Kommunion-Empfangs im frühen 3. Jh. wieder. Diese Formel der zur Kommunion verbundenen Hände wird uns noch öfters begegnen.

Clemens von Alexandria (ca. 150 – 215)

Dieser frühe griechische Kirchenvater berichtet von dem Brauch, dass sich die aus dem Volk die Kommunion selbst nehmen. Der griechische Text findet sich bei GCS XV, S. 5 (Leipzig 1906):

Ἀνάγκη τοίνυν ἄμφω τούτω δοκιμάζειν σφᾶς αὐτούς, τὸν μὲν εἰ ἄξιος λέγειν τε καὶ ὑπομνήματα καταλιμπάνειν, τὸν δὲ εἰ ἀκροᾶσϑαί τε καὶ ἐντυγχάνειν δίκαιος· ᾗ καὶ τὴν εὐχαριστίαν τινὲς διανείμαντες, ὡς ἔϑος, αὐτὸν δὴ ἕκαστον τοῦ λαοῦ λαβεῖν τὴν μοῖραν ἐπιτρέπουσιν. (Stromata, I,5,1)

Diese beiden müssen sich also selbst prüfen, der eine, ob er würdig ist, zu reden und Schriften zu hinterlassen, der andere, ob er befugt ist, zu hören und zu lesen. So gestatten auch manche bei der üblichen Verteilung des Herrenmahles (eucharistía), daß sich jeder einzelne vom Volk selbst seinen Teil nimmt. (Ü: Otto Stählin für die BKV; Stählin hatte praktischerweise auch gleich den Text für die GCS editiert.)

Dass sich jeder einzelne vom Volk bei der Eucharistie seinen Teil selbst nimmt, setzt die Handkommunion voraus.

Tertullian (gestorben um 220)

In seinem Werk gegen den Götzendienst führt der bedeutende afrikanische Theologe aus:

Ad hanc partem zelus fidei perorabit ingemens: Christianum ab idolis in ecclesiam uenire, de aduersaria officina in domum dei uenire, attollere ad deum patrem manus matres idolorum, his manibus adorare, quae foris aduersus deum adorantur, eas manus admouere corpori domini, quae daemoniis corpora conferunt? (De Idolatria VII,1)

Ganze Tage lang könnte hier der Glaubenseifer sich darüber beklagen, dass Christen von den Idolen weg zur Kirche gehen, dass sie aus der Werkstätte des bösen Feindes zum Hause Gottes kommen, dass sie ihre Hände, die Mütter von Götzenbildern sind, zu Gott dem Vater erheben, dass die ihre Hände anbetend zum Himmel erheben, deren Werke draußen gegen den Willen Gottes angebetet werden, dass sie Hände mit dem Leibe des Herrn in Berührung bringen, welche den Dämonen Leiber verleihen. (Über den Götzendienst, 7,1; Ü: Heinrich Kellner für die BKV)

Cyprian von Karthago (hingerichtet am 14. September 258)

In seinem Werk über die Gefallenen – also Christen, die sich in der Verfolgung von ihrem Glauben losgesagt hatten – kommt der nordafrikanische Bischof auf den Empfang der Eucharistie zu sprechen:

iacens stantibus et integris uulneratus minatur et quod non statim Domini corpus inquinatis manibus accipiat aut ore polluto Domini sanguinem bibat, sacerdotibus sacrilegus irascitur. (De lapsis 22; CSEL 3,253)

Der Gestürzte droht den Stehenden, der Verwundete den Unverletzten, und weil er nicht sofort den Leib des Herrn mit seinen besudelten Händen empfangen oder das Blut des Herrn mit seinem befleckten Munde trinken darf, zürnt der Gottesschänder den Gottesdienern. (Über die Gefallenen, 22; Ü: Julius Baer für die BKV)

In einer weiteren Passage des Werkes schildert Cyprian, wie es solchen Gefallenen erging, die ohne Busse zu tun, den Leib des Herrn empfangen wollten:

et cum quaedam arcam suam in quo Domini sanctum fuit manibus inmundis temptasset aperire, igne inde surgente deterrita est ne auderet adtingere. et alius qui et ipse maculatus sacrificio a sacerdote celebrato partem cum ceteris ausus est latenter accipere, sanctum Domini edere et contrectare non potuit, cinerem ferre se apertis manibus inuenit. documento unius ostensum est Dominum recedere cum negatur nec inmerenti ad salutem prodesse quod sumitur, quando gratia salutaris in cinerem sancto fugiente mutetur. (De lapsis, 26 CSEL 3,256)

Und als eine andere Frau ihr Kästchen, in dem sie den heiligen Leib des Herrn aufbewahrt hatte, mit ihren unreinen Händen zu öffnen versuchte, schlug Feuer daraus hervor, und sie erschrak so, daß sie ihn nicht zu berühren wagte. Und auch ein anderer, der gleichfalls befleckt war, sich aber dennoch erlaubte, nach der Feier des Opfers durch den Priester einen Teil gleich den übrigen heimlich in Empfang zu nehmen, vermochte den heiligen Leib des Herrn nicht zu genießen und zu berühren: als er die Hände öffnete, fand er, daß er Asche darin trug. An dem Beispiel dieses einen hat es sich gezeigt, daß der Herr entschwindet, wenn er verleugnet wird, und daß dem Unwürdigen das, was er sich nimmt, nicht zum Heile dient, da das Heilige entweicht und die heilbringende Gnade sich in Asche verwandelt. (Über die Gefallenen, 26.)

Entscheidend an diesem seltsamen Text ist für unser Frage, wie die Kommunion in der nordafrikanischen Kirche empfangen wurde: nämlich mit den Händen. Der Grund für die angebliche Verwandlung der Eucharistie in Asche war nicht die Handkommunion, sondern wiederum die Weigerung der Gefallenen, vor ihrem Empfang Busse zu tun. Das Kästchen wurde benutzt, um Kranken zu Hause die Kommunion zu bringen.

Bischof Kornelius von Rom (um 250)

In seiner Kirchengeschichte, die eine Fülle von Zitaten aus verloren gegangenen Büchern des frühen Christentum enthält, lässt Eusebius Papst Kornelius zu Wort kommen. In der geschilderten Szene geht es um die Auseinandersetzung mit Novatian, einem Gegenbischof zu Kornelius. Ursache ihrer Auseinandersetzung war die Frage nach dem Umgang mit den schon bei Cyprian erwähnten „Gefallenen“ (lapsi). Novatian warf Kornelius einen zu laxen Umgang mit diesen abgefallenen Christen vor. Hier der Wortlaut bei Eusebius:

εἶτ‘ ἄλλο τι τούτοις χείριστον προστίθησιν τῶν τοῦ ἀνδρὸς ἀτοπημάτων, λέγων οὕτως· «ποιήσας γὰρ τὰς προσφορὰς καὶ διανέμων ἑκάστωι τὸ μέρος καὶ ἐπιδιδοὺς τοῦτο, ὀμνύειν ἀντὶ τοῦ εὐλογεῖν τοὺς ταλαιπώρους ἀνθρώπους ἀναγκάζει, κατέχων ἀμφοτέραις ταῖς χερσὶ τὰς τοῦ λαβόντος καὶ μὴ ἀφιείς, ἔστ‘ ἂν ὀμνύοντες εἴπωσιν ταῦτα τοῖς γὰρ ἐκείνου χρήσομαι λόγοις· «ὄμοσόν μοι κατὰ τοῦ αἵματος καὶ τοῦ σώματος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ μηδέποτέ με καταλιπεῖν καὶ ἐπιστρέψαι πρὸς Κορνήλιον». καὶ ὁ ἄθλιος ἄνθρωπος οὐ πρότερον γεύεται, εἰ μὴ πρότερον αὑτῶι καταράσαιτο, καὶ ἀντὶ τοῦ εἰπεῖν λαμβάνοντα τὸν ἄρτον ἐκεῖνον τὸ ἀμήν, «οὐκ ἐπανήξω πρὸς Κορνήλιον» λέγει. (HE VI,43,18-19)

„Sodann erwähnt Kornelius noch die schlimmste Torheit des Novatus mit den Worten: „Wenn nämlich Novatus nach Darbringung der Opfergaben jedem das Seinige zuweist und darreicht, zwingt er die armen Menschen, statt sie zu segnen, zum Schwören; er hält mit beiden Händen die Hände des Kommunizierenden fest und läßt sie erst nach folgendem Schwure los, den ich wörtlich anführen will: ‚Schwöre mir beim Blute und Leibe unseres Herrn Jesus Christus, daß du mich nie verlassen und nie zu Kornelius übergehen werdest!’ Der Unglückliche kostet so nicht eher das heilige Mahl, als bis er sich selbst verflucht hat. Statt beim Empfang des Brotes Amen zu sagen, erklärt er: ‚Ich werde nicht zu Kornelius zurückkehren.’“ (HE VI, 43; Ü: Philipp Häuser für die BKV)

Aus der Schilderung der Szene lässt sich wiederum erschließen, dass in Rom in der Mitte des 3. Jh. die Handkommunion gespendet wurde.

Dionysus von Alexandria (gestorben 264/265)

Eusebius zitiert in seiner Kirchengeschichte aus einem Brief dieses Bischofs, der die Handkommunion bezeugt. Konkret geht es um den Fall eines Mannes aus der Gemeinde, der seine Taufe für ungültig hielt und den Bischof um die Wiedertaufe bat. Dazu schrieb Dionysus:

1 ὅπερ ἐγὼ μὲν οὐκ ἐτόλμησα ποιῆσαι, φήσας αὐτάρκη τὴν πολυχρόνιον αὐτῶι κοινωνίαν εἰς τοῦτο γεγονέναι. εὐχαριστίας γὰρ ἐπακούσαντα καὶ συνεπιφθεγξάμενον τὸ ἀμὴν καὶ τραπέζηι παραστάντα καὶ χεῖρας εἰς ὑποδοχὴν τῆς ἁγίας τροφῆς προτείναντα καὶ ταύτην καταδεξάμενον καὶ τοῦ σώματος καὶ τοῦ αἵματος τοῦ κυρίου ἡμῶν μετασχόντα ἱκανῶι χρόνωι, οὐκ ἂν ἐξ ὑπαρχῆς ἀνασκευάζειν ἔτι τολμήσαιμι· θαρσεῖν δὲ ἐκέλευον καὶ μετὰ βεβαίας πίστεως καὶ ἀγαθῆς ἐλπίδος τῆι μετοχῆι τῶν ἁγίων προσιέναι. (HE VII,9,4)

Doch wagte ich es nicht, ihm die Bitte zu gewähren, und erklärte, seine vieljährige Gemeinschaft (mit uns) genüge. Denn da er seit so langer Zeit die Danksagung mit angehört und das Amen mit den Gläubigen gesprochen habe, an den Tisch getreten sei, die Hände zum Empfang der heiligen Speise ausgestreckt, diese entgegengenommen und den Leib und das Blut unseres Herrn genossen habe, könnte ich es nicht wagen, ihn von neuem zu taufen. Ich mahnte ihn, guten Mutes zu sein und mit festem Glauben und guter Hoffnung zum Genusse des Heiligen zu gehen. (Ü: Philipp Häuser für die BKV)

Aphrahat (Erste Hälfte des 4. Jh.)

Der im Westen des Sassanidenreiches wirkende Theologe hat um 343/344 die Darlegungen (Demonstrationes) verfasst2, die ich hier zitieren werde. In ihnen bezeugt er den Brauch, dass die Kommunikanten ihre Sinne mit der Eucharistie segneten, nachdem sie sie in die Hand empfangen hatten:

Seinen Leib nehmen sie und legen ihn auf ihre Augen. (Demonstrationes 20,8; Ü: Peter Bruns, FC 5/2 S. 465; vgl. auch Demonstrationes 7,21; FC 5/1 S. 229)

Konzil von Saragossa (380)

Der Kanon III dieses Konzils lautet nach Mansi (III,634):

Eucharistiae gratiam si quis probatur acceptam in ecclesia non sumpsisse, anathema sit in perpetuum.

Wenn bewiesen ist, dass jemand die empfangene Gnade der Eucharistie in der Kirche nicht zu sich genommen hat, sei er auf Dauer ausgeschlossen. (MÜ)

Die Differenzierung zwischen Empfang der Eucharistie und ihrem Verzehr legt nahe, dass die spanischen Bischöfe die Handkommunion voraussetzen.

Cyrill von Jerusalem (um 313 – etwa 387)

Die Autorenschaft der Mystatgogischen Katechesen durch Cyrill ist nicht unumstritten, vielleicht war der Autor auch sein Nachfolger Johannes von Jerusalem (gestorben 417).3 In ihnen findet sich die vielleicht eindrücklichste Schilderung des Kommunionempfangs in der alten Kirche:

Μετὰ ταῦτα ἀκούετε τοῦ ψάλλοντος μετὰ μέλους ϑείου προτρεπομένου ὑμᾶς εἰς τὴν κοινωνίαν τῶν ἁγίων μυστηρίων | καί λέγοντος »Γεύσασϑε καί ἴδετε ὅτι χρηστός ὁ Κύριος.« Μὴ τῷ λάρυγγι τῷ σωματικῷ ἐπιτρέπητε τὸ κριτικόν, ἀλλὰ τῇ ἀνενδοιάστῳ πίστει· γευόμενοι γὰρ οὐκ ἄρτου καὶ οἴνου γεύεσϑε, ἀλλὰ ἀντιτύπου σώματος καὶ αἵματος Χριστοῦ. Προσιὼν οὖν μὴ τεταμένοις τοῖς τῶν χειρῶν καρποῖς προσέρχου, μηδὲ διῃρημένοις τοῖς δακτύλοις· ἀλλὰ τὴν ἀριστερὰν ϑρόνον ποιήσας τῇ δεξιᾷ, ὡς μελλούσῃ Βασιλέα ὑποδέχεσϑαι, καὶ κοιλάνας τὴν παλάμην δέχου τὸ σῶμα τοῦ Χριστοῦ, ἐπιλέγων „Ἀμήν“. Μετ‘ ἀσφαλείας οὖν ἁγιάσας τοὺς ὀφϑαλμοὺς τῇ ἐπαφῇ τοῦ ἁγίου σώματος μεταλάμβανε, προσέχων μὴ παραπολέσῃς τι ἐκ τούτου· ὅπερ γὰρ ἐὰν ἀπολέσῃς, τοῦτο ὡς ἀπὸ οἰκείου ἐζημιώϑης μέλους. Εἰπὲ γάρ μοι, εἴ τίς σοι ἔδωκε ψήγματα χρυσίου, οὐκ ἂν μετὰ πάσης ἀσφαλείας ἐκράτεις, φυλαττόμενος μή τι αὐτῶν παραπολέσῃς καὶ ζημίαν ὑποστῇς; Οὐ πολλῷ οὖν μᾶλλον ἀσφαλέστερον τοῦ χρυσίου καὶ λίϑων τιμίων τιμιωτέρον διασκοπήσεις ὑπὲρ τοῦ μὴ ψῖχα ἐκπεσεῖν; (Mystagogicae Catecheses V,20-21, zitiert nach Fontes Christiani 7, S. 162)

Danach hört ihr, wie euch der Psalmensänger mit einer göttlichen Melodie zur Teilnahme an den heiligen Mysterien einlädt. Er sagt: „Kostet und seht, wie gütig der Herr ist“ (Ps 34,9: LXX Ps 33,9). Urteilt nicht mit dem leiblichen Gaumen, sondern mit überzeugtem Glauben. Denn wenn ihr kostet, kostet ihr nicht Brot und Wein sondern das Abbild des Leibes und Blutes Christi. Wenn du dann hingehst, komm nicht mit vorgestreckten Handflächen oder gespreizten Fingern. Mache die Linke zum Thron für die Rechte, die den König empfangen soll. Mache die Hand hohl, empfange so den Leib Christi und sage „Amen“ dazu. Nimm es vorsichtig, heilige die Augen durch die Berührung mit dem heiligen Leib und paß auf, daß du nichts davon verlierst. Denn wenn du etwas verlierst, so ist das, als littest du an den eigenen Gliedern Schaden. Sag mir: Wenn dir jemand Goldstaub gäbe, würdest du ihn dann nicht mit großer Vorsicht festhalten und aufpassen, daß du nichts davon verlierst und Schaden leidest? Wirst du also nicht noch viel sorgfältiger auf das achten, was wertvoller ist als Gold und Edelsteine um keine Stücke davon fallen zu lassen? (Fünfte Mystagogische Katechese, 20-21; Ü: Georg Röwekamp S. 163 a.a.o.)

Cyrillonas (Bittgesang zum Allerheiligenfest 396)

Im Bittgesang dieses syrischen Dichters zu einer Heuschreckenplage im Jahr 396 lässt er die personalisierte Kirche sagen:

Durch ein einziges Wort erschuf uns Dein Wille und ward ich Mutter; durch einen einzigen Tropfen Deiner Gnade heile meine Kinder und verscheuche meine Schmerzen! Wenn die Kranke, die Deine Gewänder erfasste, durch Deinen Mantel Heilung empfing4, um wie viel mehr wird mir, da ich Deinen ganzen Leib ergriffen habe5, Hilfe und Heil zuteil werden! (Sämtliche Gedichte des Cyrillonas, 1; Ü: Simon Konrad Landersdorfer für die BKV)

Auch hier ergreifen die Angehörigen der syrischen Kirche also den Leib des Herrn.

Ambrosius von Mailand (um 339-397)

Der Bischof von Mailand kommt in seinem Exameron (= Auslegung des Sechstagewerkes) in eindrucksvollen Worten auf die gottesdienstliche Funktion der Hand zu sprechen, als er die Schönheit des geschaffenen menschlichen Körpers beschreibt:

Sequitur guttur, per quod toto corpori uitale commercium et spiritus huius conmeatus infunditur. succedunt brachia et ualidi lacertorum tori, ualidae ad operandum manus et procerioribus digitis habiles ad tenendum. hinc aptior usus operandi, hinc scribendi elegantia et ille calamus scribae uelociter scribentis, quo diuinae uocis exprimuntur oracula. manus est quae cibum ori ministrat, manus est quae praeclaris eminet factis, quae conciliatrix diuinae gratiae sacris infertur altaribus, per quam offerimus et sumimus sacramenta caelestia, manus est quae operatur pariter atque dispensat diuina mysteria, cuius uocabulo non dedignatus est se dei Helisaeus declarare dicente Dauid: dextera domini fecit uirtutem, dextera domini exaltauit me. manus est quae fecit omnia, sicut deus dixit omnipotens: nonne manus mea fecit haec omnia? manus est totius corporis propugnaculum, capitis defensatrix. quae cum sit loco inferior, totum uerticem comit et honesto uenustat ornatu. (CSEL XXXII, 257)

Es folgt die Gurgel, durch welche dem ganzen Körper der Lebensbedarf und die Luftzufuhr vermittelt wird. Dann kommen die Arme und die kraftschwellenden Armmuskeln, sowie die arbeitskräftigen, mit ihren langgestreckten Fingern zum Halten geeigneten Hände. Sie ermöglichen eine erhöhte Arbeitsleistung, sie ermöglichen eine zierliche Schrift und jenen „Griffel des hurtigen Schreibers“ (Ps 45,2), der die Aussprüche des göttlichen Mundes widergibt. Die Hand ist es, welche die Speise zum Munde führt. Die Hand ist es, die durch herrliche Taten sich auszeichnet; die als Mittlerin der göttlichen Gnade zum Altare ausgestreckt wird; mittels der wir die himmlischen Geheimnisse darbringen und empfangen. Die Hand ist es, welche die göttlichen Mysterien zugleich setzt und spendet; deren Namen der Sohn Gottes als Selbstbezeichnung nicht verschmähte, indem David beteuert: „Die Rechte des Herrn hat Macht gewirkt, die Rechte des Herrn hat mich erhöht“. (Ps 118,16) Die Hand ist es, die alles gemacht, wie Gott der Allmächtige es bezeugt hat: „Hat nicht dies alles meine Hand gemacht?“ (Jes 66,2; vgl. Apg 7,50) Die Hand ist die Schutzwehr des ganzen Körpers, des Hauptes Schirmerin. Ob sie auch ihren Platz ziemlich unten einnimmt: sie kämmt den ganzen Scheitel und ziert das Haupt mit ehrbarem Schmucke. (Exameron VI,9,69; Ü: Johannes Evangelist Niederhuber für die BKV)

Konzil von Toledo (400)

Ähnlich wie in Saragossa zwanzig Jahre zuvor bestimmen die versammelten Bischöfe in Kanon 14:

Si quis autem acceptam a sacerdote eucharistiam non sumpserit, velut sacrilegus propellatur. (Mansi III, 1000)

Wenn aber jemand die vom Priester empfangene Eucharistie nicht zu sich nimmt, soll er wie ein Tempelräuber davongejagt werden. (MÜ)

Auch diese Bestimmung setzt wohl die Handkommunion voraus.

Johannes Chrysostomos (344/354 – 407)

Von dem Patriarchen von Konstantinopel erzählt der Historiker Sozomenos in seiner wohl zwischen 443 und 450 geschriebenen Kirchengeschichte6 eine Begebenheit, die der ähnelt, die uns schon bei Cyprian begegnet ist. Es geht wieder um den Kommunion-Empfang von Häretikern:

Ἀνήρ τις τῆς Μακεδονίου αἱρέσεως τοιαύτῃ γυναικὶ συνῴκει. Περιτυχὼν δὲ αὐτῷ διδάσκοντι ὅπως χρὴ περὶ Θεοῦ δοξάζειν, ἐπαινέτης ἦν τοῦ δόγματος, καὶ τὴν γυναῖκα ὁμοφρονεῖν αὐτῷ παρεκάλει. Ἐπεὶ δὲ τῇ πρὸ τούτου συνηθείᾳ, καὶ ταῖς ὁμιλίαις τῶν γνωρίμων γυναικῶν ἡττᾶτο, καὶ πολλάκις νουθετῶν ὁ ἀνὴρ οὐδὲν ἤνυεν, Εἰ μὴ, φησὶ, κοινωνήσεις μοι τῶν θείων, οὐδὲ τοῦ βίου κοινωνὸς ἔσῃ μοι τοῦ λοιποῦ.

Ἐνταῦθα δὲ ἡ γυνὴ συνθεμένη τοῦτο ποιεῖν, κοινοῦται τινὶ τῶν θεραπαινίδων ἣν ἡγεῖτο πιστὴν, καὶ παραλαμβάνει συνεργὸν ἐς ἀπάτην τοῦ ἀνδρός. Περὶ δὲ τὸν καιρὸν τῶν μυστηρίων (ἴσασι δὲ οἱ μεμυημένοι ὃ λέγω), ἡ μὲν, ὅπερ ἐδέξατο κατέχουσα, ὡς εὐξομένη ἀπέκυψε. Παρεστῶσα δὲ αὐτῇ ἡ θεράπαινα, λάθρα δέδωκεν ὃ μετὰ χεῖρας ἦλθε φέρουσα· τὸ δὲ, πρὸς τοῖς ὀδοῦσι λίθος ἐπήγνυτο.

Περιδεὴς δὲ γενομένη ἡ γυνὴ μή τι πάθοι, θεῖον οὕτω πρᾶγμα ἐπ‘ αὐτῇ συμβὰν, δρομαία ἐπὶ τὸν ἐπίσκοπον ἐλθοῦσα, ἑαυτὴν κατεμήνυσε. Καὶ τὸν λίθον ἐπέδειξεν, εἰκόνα φέροντα τοῦ δήγματος, ἀγνῶτα δὲ τὴν ὕλην, καὶ παράξενόν τι δεικνύντα χρῶμα. Σὺν δάκρυσί τε συγγνώμην αἰτήσασα, ὁμοφρονοῦσα τῷ ἀνδρὶ συνῆν.

Ἀλλὰ τάδε μὲν εἴ τῳ μὴ πιθανὰ δοκεῖ, μάρτυς αὐτὸς ὁ λίθος, εἰσέτι νῦν ἐν τοῖς κειμηλίοις τῆς ἐκκλησίας Κωνσταντινουπόλεως φυλαττόμενος. (MPG LXVII, 1528-1529)

Ein Mann, der zur Häresie der Macedonianer gehörte, war mit einer ebensolchen Frau verheiratet. Als er Johannes darüber predigen hörte, wie man Gott bekennen soll, wurde er ein Anhänger dieses Glaubens und bat seine Frau, mit ihm einer Meinung zu sein. Weil sie aber der bisherigen Gewohnheit und dem Einfluß der mit ihr bekannten Frauen unterlag und ihr Mann trotz häufigen Zuredens nichts ausrichtete, sagte er schließlich: „Wenn du mit mir nicht das Heiligste teilst, sollst du künftig auch nicht meine Lebensgefährtin sein.“

Darauf versprach die Frau, dies zu tun, vertraute sich aber einer ihrer Dienerinnen an, die sie für ihr ergeben hielt, und gewann sie als Mithelferin zum Betrug an ihrem Mann. Zur Zeit der Mysterien – die Eingeweihten wissen, was ich meine – behielt sie, was sie empfangen hatte, und beugte sich darüber wie um zu beten. Die neben ihr stehende Dienerin reichte ihr heimlich, was sie in der Hand mitgebracht hatte7; das aber wurde an ihren Zähnen hart wie Stein.

Da bekam die Frau es mit der Angst zu tun, es könne ihr schlimm ergehen, wenn sie einen so übernatürlichen Vorgang verheimlichte, der ihr widerfahren war, und sie machte sich eilig auf den Weg zum Bischof, um sich selbst anzuzeigen. Sie zeigte ihm auch den Stein, der noch den Abdruck ihres Bisses trug, aus einem unbekannten Material bestand und eine seltsame Farbe aufwies. Unter Tränen bat sie um Vergebung und lebte fortan einträchtig mit ihrem Mann zusammen.

Nun, wenn das jemandem nicht glaubhaft erscheint, Zeuge dafür ist der Stein selbst, der noch jetzt im Kirchenschatz der Kirche von Konstantinopel bewahrt wird. (Sozomenos, Kirchengeschichte VIII,5,3-6; Ü: Günther Christian Hansen, FC 73/4 S.973 u. 975)

Auch hier gilt – wie zu der Wundererzählung bei Cyprian: Entscheidend ist, dass die Erzählung die Handkommunion in der Hagia Sophia voraussetzt und auch für Sozomenos Mitte des 5. Jh. selbstverständlich ist. Johannes Chrysostomos bestätigt diese Aussage selbst in seinen Taufkatechesen, die er noch als Presbyter in Antiochia gehalten hat, wohl in den Jahren 388-392.8

Ταῦτα δὴ πάντα εἰδὼς, ἀγαπητἑ, ἄμειψαί σου τὸν εὐεργέτην ἀρίστῃ πολιτείᾳ, καὶ ἐννοήσας τῆς θυσίας τὸ μέγεθος, καλλώπισόν σου τὰ μέλη τοῦ σώματος. Ἐννόησον τί δέχῃ τῇ χειρὶ, καὶ μηδέποτε ἀωάσχῃ τυπτῆσαί τινα, μηδὲ τὴν τοσούτῳ τιμηθεῖσαν δώρῳ καταισχύνῃς τῇ τῆς πληγῆς ἀμαρτίᾳ· ἐννόησον τί δέχῃ τῇ χειρὶ, καὶ καθαρὰν αὐτὴν πλεονεξίας καὶ ἁρπαγῆς πάσης διατήρησον. (Katechese II – MPG XXXIX, 233)

Da du nun Das alles weißt, Geliebter, so vergilt deinem Wohlthäter durch einen untadelhaften Lebenswandel! Denke an die Erhabenheit des heiligen Opfermahles — und heilige die Glieder deines Leibes! Bedenke, was deine Hand empfängt, — und wage nie, Jemand zu schlagen, auf daß du nie die Hand, die durch eine solche Gnade ausgezeichnet worden, durch die Sünde des Schlagens entweihest. Bedenke, was deine Hand empfängt, und halte sie rein von Habsucht und Ungerechtigkeit jeglicher Art! (2. Anrede an die Täuflinge 2, Ü: Matthias Schmitz für die BKV)9

Sowohl in Antiochia als Presbyter und als Patriarch von Konstantinopel ist für Johannes die Handkommunion selbstverständlich.

Gaudentius von Brescia (spätes 4. – frühes 5. Jh.)

Um 390 wurde Gaudentius Bischof von Brescia. Einige seiner Oster-Predigten sind erhalten geblieben, ich zitiere hier aus der zweiten dieser Predigten, die das Buch Exodus auslegten.

Voluit enim beneficia sua permanere apud nos, voluit animas pretioso sanguine suo sanctificari per imaginem propriae Passionis; et ideo discipulis fidelibus mandat, quos primos Ecclesiae suae constituit sacerdotes, ut indesinenter ista vitae aeternae mysteria exercerent, quae necesse est a cunctis sacerdotibus per singulas totius orbis Ecclesias celebrari, usquequo iterum Christus de coelis adveniat, quo et ipsi sacerdotes, et omnes pariter fidelium populi, exemplar Passionis Christi ante oculos habentes quotidie, et gerentes in manibus, ore etiam sumentes ac pectore, redemptionis nostrae indelebilem memoriam teneamus, et contra venena diaboli dulcem medicinam sempiterni tutaminis consequamur; sicut Spititus sanctus hortatur: Gustate et videte quoniam suavis est Dominus (Ps XXXIII). (MPG XX, 859-860)

Denn er wollte, dass seine Wohltaten bei uns fortdauern, er wollte die Seelen mit seinem kostbaren Blut durch den Anblick seines eigenen Leidens heiligen; und deshalb befahl er seinen treuen Schülern, welche er als erste Priester seiner Kirche einsetzte, dass sie unablässig diese Mysterien des ewigen Lebens begehen sollten, die von allen Priestern um der einen Kirche des ganzen Erdkreises willen gefeiert werden müssen, bis dass Christus wiederum aus den Himmeln ankommt, damit sowohl die Priester, als auch in gleicher Weise die Gläubigen des Volkes täglich das Beispiel des Leidens Christi vor Augen haben und in den Händen tragen, sowohl mit dem Mund als auch mit dem Herzen zu sich nehmen, sollen wir ein unauslöschliches Gedächtnis unserer Erlösung einhalten und gegen die Gifttränke des Teufels die süße Medizin des ewigen Schutzmittels erlangen; so fordert (uns) der Heilige Geist auf: Kostet und seht, wie lieblich der Herr ist (Ps 34,9). (Zweite Predigt über die zweite Lesung aus dem Buch Exodus; MÜ)

Der Psalmvers zur Kommunion ist uns schon bei Cyrill in Jerusalem begegnet.

Theodor von Mopsuestia (um 350 – ca. 428)

Der spätere Bischof von Mopsuestia trat im Alter von 20 Jahren zusammen mit Johannes Chrysostomos in Antiochia in ein Kloster ein und wurde in dieser Stadt zum Priester geweiht. Dort hielt er wohl vor 392 seine Katechetischen Homilien, in denen er den Taufkandidaten u.a. auch die Eucharistie vermittelte. Diese nur auf Syrisch überlieferten Predigten wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt.10 Hier nun der Abschnitt über den Empfang der Kommunion:

Dabei naht sich ein jeder von uns gesenkten Blickes, seine beiden Hände ansgestreckt. Gesenkten Blickes zollt er eine gewisse Form der Anbetung und bringt dadurch eine Art Lobpreis dar, da er den Leib des Königs empfängt, welcher dem allmächtigen Herrn durch die Verbindung (συνάφεια) mit der göttlichen Natur (θεία φύσις) zu eigen ist und der im Range (ἐν τάξει) des Herrn gleichermaßen von der gesamten Schöpfung angebetet wird. Dadurch, daß beide Hände gleichermaßen ausgebreitet sind, erkennt er die Erhabenheit dieses Geschenkes, das er empfangen soll, an.

Der Priester spricht also beim Ansteilen: „Der Leib Christi“ und lehrt dich durch dieses Wort, nicht auf das äußere sichtbare Geschehen zu starren, sondern dir vorzustellen, daß das Dargebrachte (προκείμενον) durch das Kommen des Heiligen Geistes Leib Christi geworden ist. So mußt du dich der Majestät jenes Geschenkes mit viel Ehrfurcht und großer Liebe nahen. Denn es verdient Ehrfurcht wegen der Größe der Ehre und Liebe aufgrund der Gnade. Deshalb sagst du auch anschließend: „Amen.“ Durch deine eigene Antwort bekräftigst du das Wort des Priesters und besiegelst sein Wort, das er gibt. Ebenso verfährt man mit dem Empfang des Kelches.

Sobald du ihn mit deinen eigenen Händen empfangen hast, betest du ihn an — was die Anerkennung der Macht dessen, der in deine Hände gelegt ist, bedeutet —, wobei du jenes Wort, das unser Herr als Auferstandener von den Toten zu seinen Jüngern sprach, in Erinnerung rufst: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde“ (Mt 28,18). Mit großer und echter Liebe heftest du deine Augen darauf, küßt ihn und bringst also gleichsam unserem Herrn Christus, der dir nahe ist, deine Gebete dar, da dir solch große Freimütigkeit (παρρησία), die du erhofftest, zuteil wurde. Wenn du dich ihm nahst und ihn empfängst, hast du solchen Freimut (παρρησία). Du betest nun, indem du deine Schwachheit und die Fülle deiner Sünden bekennst, daß du viel zu gering bist für diese Gabe. Du verherrlichst den, der dir solches gegeben hat und die Gunst erwies, Hilfe empfangen zu können, damit man würdig wird, das Opfer zu empfangen, frei von allem Bösen und alles Gute wirkend. (Katechetische Homilie 16,27-28; Ü: Peter Bruns, Fontes Christiani 17/2 S. 442-444)

Aurelius Augustinus (354-430)

In seinem Werk gegen den donatistischen Bischof von Karthago, Parmenian, schreibt der nordafrikanische Kirchenvater in einer Auseinandersetzung um Reinheit und Sündenfreiheit in der Kirche:

cur ergo accedebat offere dona deo et ab eo ceteri coniunctis manibus accipiebant, quod maculosus et uitiosus obtulerat? (Contra epist. Parmeniani 2.7.13, CSEL 51, S. 58)

Warum also trat er heran um Gott Gaben zu opfern und (warum) empfingen von ihm die übrigen mit zusammengelegten Händen, was er befleckt und lasterhaft dargebracht hatte? (MÜ)

Auch hier begegnen uns wieder die zusammengelegten Hände (coniunctis manibus), die schon zweihundert Jahre früher im Martyrium der Perpetua genannt wurden. Das nächste Zitat stammt aus einem weiteren Werk Augustins, dass sich gegen einen donatistischen Bischof richtet: Petulian von Cirta, der Hauptstad der römischen Provinz Numidien. In seiner Argumentation kommt Augustinus auf einen Mann zu sprechen, einen Kollegen seines Diskussionspartners Petilian (illo collega uestro), dessen Namen er allerdings nicht erwähnt. Über ihn, der offensichtlich bei den Donatisten verleumdet worden war (falsa fama … iusto et innocente mentita est), sagt er:

huc accedit, quia ego illum commemoro qui uobiscum uixit, cuius natalicia tanta celebratione frequentabatis, cui pacis osculum inter sacramenta copulabatis, in cuius manibus eucharistiam ponebatis, cui uicissim danti manus porrigebatis, cuius aures inter tantos Africae gemitus surdas libera uoce offendere timebatis; Contra litteras Petiliani, 2,23,53 CSEL 52, S. 51-52

Dazu kommt noch, dass ich denjenigen erwähne, der mit euch gelebt hat, dessen Geburtstagsfest ihr samt einer großen Feier zahlreich besuchtet, mit dem ihr den Friedenskuss bei den Mysterien wechseltet, in dessen Hände ihr die Eucharistie legtet, dem ihr wiederum die Hand zum Opfern ausstrecktet, dessen Ohren ihr durch freie Rede zu kränken fürchtetet, als sie während des großen Wehklagens Afrikas taub waren. (MÜ)

Auch hier ist zu konstatieren, dass die Eucharistie im Nordafrika des frühen fünften Jahrhunderts weiterhin in die zusammengelegten Hände gelegt wurde.

Ein koptischer Text aus dem St. Makarios Kloster des Wadi ‚N Natrun (Mitte 5. Jh.)

Der koptische Text und seine englische Übersetzung finden sich hier auf S. 176-177. Otto Nußbaum hat den Inhalt der Erzählung so zusammengefasst:

Eine vermutlich vor dem Jahre 451 entstandene koptische Schrift erzählt, daß es einmal einem heidnischen Jungen gelang, sich zwischen die Kommunikanten zu drängen und vom Bischof das heilige Brot zu erhalten. Als er es dann anschauen wollte, hatte das Brot in seiner Hand die Gestalt eines Menschen angenommen. 11

Auch die ägyptische Kirche des 5. Jahrhunderts praktizierte die Handkommunion.

Quodvultdeus (gestorben um 453)

Der Schüler und Freund des Augustinus (hier ein mögliches Bild des Quodvultdeus) wurde um 437 Bischof von Karthago. Von den Vandalen unter Geiserich nach nur zwei Jahren im Amt vertrieben, ging er nach Italien, wo er starb. In einer Schrift über die Zeit der Barbaren-Invasion heißt es bei ihm über einen römischen Gegenkaiser:

Sed si ista quae in scholis cantastis, filiosque vestros in hodiernum cantantes audistis, revocare vos ab ista vanitate atque impietate non possunt, praesens vos tempus edoceat. Quoniam sacrificantem iuvenem fortem, in regno constabili iure a militibus ordinatum, illi dii, quibus sacrificavit eum tueri minime potuerunt, ipsamque manum prius amisit, quae post Christi corpus aram diabolo consecravit. (De temp. barb. II 84 ff., zitiert nach: Die Werke des hl. Quodvultdeus, hg. von Desiderius Franses, München 1920, S. 66)

Wenn aber die (Dinge), die ihr in Schulen besungen habt und eure Söhne heute singen hörtet, euch von dieser Nichtigkeit und Gottlosigkeit nicht abhalten konnten, soll euch die gegenwärtige Zeit nachdrücklich belehren. Da er ja als starker junger Mann opferte, wurde er von Soldaten rechtmässig in eine dauerhafte Herrschaft eingesetzt.12 Jene Götter, welchen er opferte, konnten ihn überhaupt nicht beschützen, und er verlor zuerst die Hand, deren Altar er nach dem Leib Christi dem Teufel weihte. (MÜ)

Nach dem Herausgeber bezieht sich diese Episode auf Priscus Attalus, der nach Orosius (VII,2,9) eine Verstümmelung seiner Hand erlitt. Er ergänzt als Erklärung in einer Fußnote: „Die Hand nl., welche erst das eucharistische Brot empfing und später Weihrauch streute für die Götter.“ (ebenda) So bezeugt auch diese Passage die Handkommunion, die die Hand gleichsam zum Altar macht.

Caesarius von Arles (469/470–542)

Der gallische Einsiedler, Abt und seit 502 auch Bischof von Arles kommt in seinen Predigten auf den Kommunionempfang in seiner Kirche zu sprechen, wobei es bei ihm zu einer Differenzierung von Männern und Frauen kommt: „Die Frauen erhielten den eucharistischen Leib auf ein reines Linnentüchlein, die Männer auf die bloße Hand gelegt.“13 Doch lassen wir den Bischof zu Wort kommen:

Ad extremum, fratres carissimi, non est grave nec laboriosum quod suggero: hoc dico, quod vos frequenter facere aspicio. Omnes viri, quando communicare desiderant, lavant manus suas; et omnes mulieres nitida exhibent linteamina, ubi corpus Christi accipiant. Non est grave quod dico, fratres: quomodo viri lavant aqua manus suas, sic de elemosinis lavent conscientias suas; similiter et mulieres, quomodo nitidum exhibent linteolum, ubi corpus Christi accipiant, sic corpus castum et cor mundum exhibeant, ut cum bona conscientia Christi sacramenta suscipiant.

Was ich euch letztlich zu sagen habe, ist weder schwer noch mühevoll: Ich sage, was ich euch oft tun sehe. Alle Männer waschen ihre Hände, wenn sie zum Altare treten wollen, und alle Frauen bringen reine Linnentüchlein mit, auf denen sie den Leib des Herrn erhalten. Was ich euch sagen will, Brüder, ist nicht schwer: Wie die Männer ihre Hände mit Wasser waschen, so sollen sie ihre Seelen durch Almosen reinigen; und wie die Frauen ein reines Linnentüchlein mitbringen, auf das sie den Leib Christi gelegt erhalten, so sollen sie auch einen keuschen Leib und ein reines Herz mitbringen, damit sie die Sakramente Christi mit gutem Gewissen empfangen.

Et si erubescimus ac timemus eucharistiam manibus sordidis tangere, plus debemus timere ipsam eucharistia intus in anima polluta suscipere.

Wenn wir erröten und uns scheuen die Eucharistie mit schmutzigen Händen zu berühren, so müssen wir uns mehr davor fürchten, dieselbe Eucharistie in befleckter Seele aufzunehmen. (Lateinischer Text und Übersetzung: Karl Berg)

Cassiodor (485/490 – ca. 580)

In seiner Historia Tripartita schildert der römische Staatsmann die berühmte Szene in Mailand, als Bischof Ambrosius dem römischen Kaiser Theodosius den Zutritt zum Gottesdienst verweigerte, weil Blut an seinen Händen klebte. Er hatte 390 ein Massaker in Thessaloniki verursacht, bei dem tausende Menschen ums Leben gekommen waren. 14 Cassiodor lässt den Kirchenvater sagen:

Quibus igitur oculis aspicies communis Domini templum? Quibus palpabis pedibus sanctum illius pavimentum? Quomodo manus extendes, de quibus adhuc sanguis stillat injustus? Quomodo hujusmodi manibus suscipies sanctum Domini corpus? Quae praesumptione ore tuo poculum sanguinis pretiosi percipies, dum furore verborum tuorum tantus injuste sit sanguis effusus? (MPL LXIX, 1145)

Mit welchen Augen wirst du also den Tempel des allgemeinen Herren schauen? Mit welchen Füßen wirst du dessen heiligen Boden berühren? Wie wirst du die Hände ausstrecken, von denen immer noch ungerechtes Blut tropft? Wie wirst du mit solchen Händen den heiligen Leib des Herrn empfangen? Mit welcher Anmaßung wirst Du mit deinen Mund den Trank des kostbaren Blutes empfangen, wenn nur durch das Wüten deiner Worte soviel unrechtes Blut vergossen wurde? (Historia Tripartita IX,30; MÜ)

Auch für Cassiodor im 6. Jahrhundert ist die Handkommunion selbstverständlich.

Codex purpureus Rossanensis (6. Jh.)

Eine schöne Illustration der bisherigen Texte ist die Apostelkommunion des Codex von Rossano. Aus urheberrechtlichen Gründen kann ich hier nur diese schwarz-weiß Darstellung abbilden

Codex von Rossano, © archive.org
Codex von Rossano, © archive.org

und auf die Farbdarstellung bloß verlinken. Eine Erklärung des Bildes findet sich hier.15

Evangeliar des Rabbula (586)

In diesem syrischen Evangeliar findet sich die Abbildung, die den gesamten Artikel illustriert: Christus spendet die Handkommunion

Benedikt von Aniane (gestorben 821)

Durch den großen Benediktiner ist das Fragment einer Nonnenregel aus dem 7. Jahrhundert auf uns gekommen, in der es heißt:

Quando sacrosancta communicare debent misteria, lauent manus ante oratorii introitum secundum ordinem earum, nisi prius lauerint, ordine quo in ecclesia introeunt. (Zeitschrift für Kirchengeschichte 16 (1896), S. 466)

Wenn sie die allerheiligsten Mysterien kommunizieren sollen, waschen sie die Hände vor dem Betreten des Gotteshauses gemäß ihrer Ordnung, außer sie haben (sie) früher gewaschen, gemäß der Ordnung, nach der sie in die Kirche hineingehen.

Auch diese Regel setzt also die Handkommunion voraus.

Bildersammlung zur Apostelkommunion

Eine beeindruckende Fülle von Illustrationen zur Apostelkommunion bietet die Bilderdatenbank Omnia.

Fazit

Zurück zur Ausgangsfrage: Ist die Mundkommunion katholisch? Nachdem sie von Millione Katholiken praktiziert wird, natürlich. Aber die ursprünglichere und traditionellere Form ist und bleibt die Handkommunion. (Kennt jemand Beispiele für die Mundkommunion aus den ersten 600 Jahren der Kirchengeschichte?) Die unamitas patrum entlarvt hier alle Verschwörungsmythen als ebendas, was sie sind. Und dabei habe ich hier nur einen Bruchteil der Beispiele ausgearbeitet, die mein akademischer Lehrer Otto Nußbaum bereits in den 50er Jahren aufgelistet hat …

Fußnoten


  1. Vgl. den Artikel ‚Märtyrerakten‘ von Wolfgang Wischmeyer in RGG⁴ Band 5, S. 874-875↩︎
  2. Vgl. Charles Kannengiesser: Handbook of Patristic Exegesis. The Bible in Ancient Christianity, S. 1392↩︎
  3. Zur Diskussion siehe den Band 7 der Fontes Christianae, S. 8-15. Georg Röwekamp schreibt hier zur Recht, dass unabhängig von der Verfasserfrage gilt: „Mit Sicherheit geben die Mystagogischen Katechesen einen Einblick in den Verlauf der christlichen Initiation in Jerusalem (…) am Ende des 4. Jahrhunderts.“ (S. 15)↩︎
  4. Markus 5,25 ff.; Lukas 8,43 ff↩︎
  5. Kommentar der BKV: „In der alten Kirche empfingen die Kommunikanten die hl. Hostie in ihre Hand“.↩︎
  6. Vgl. Siegmar Döpp / Wilhelm Geerlings (Hg.): Lexikon der antiken christlichen Literatur ²1999 S. 565↩︎
  7. Hansen erklärt dazu: „Offenbar Brot von der Eucharistiefeier der macedonianischen Gemeinde“ (FC 73/4, S. 974 FN 918)↩︎
  8. Vgl. die Einordnung von Reiner Kaczynski in FC 6/1 S. 45↩︎
  9. Aufgrund neuerer Handschriftenfunde zählen die FC diese Rede als Taufkatechese I,6.↩︎
  10. Zu Theodor siehe: Lexikon der antiken christlichen Literatur, S. 592-594 a.a.o.↩︎
  11. Otto Nußbaum: Die Handkommunion (Köln 1969), S. 22↩︎
  12. Die ganze Aussage trieft vor Ironie: Attalus war bei seiner Ausrufung als Gegenkaiser kein junger Mann mehr – und die Rechtmässigkeit seines Anspruchs stand überhaupt zur Debatte. Vgl. die Angaben des Herausgebers Franses S. 66. f.↩︎
  13. Karl Berg: Cäsarius von Arles. Ein Bischof im sechsten Jahrhundert erschließt das liturgische Leben seiner Zeit, Dissertation an der Gregoriana 1935/1944/1946; Kulturverlag 1994, S. 251. Von hier stammen auch die folgenden Zitate und Übersetzungen.↩︎
  14. Zur Historizität dieser Szene vergleiche Ernst Dassmann: Ambrosius von Mailand (Kohlhammer 2004), S. 187 ff.↩︎
  15. Außerdem verweise ich auf das schöne Buch von Alfons Fürst: Die Liturgie der Alten Kirche, Aschendorff 2008, S. 43 f., wo das Bild ebenfalls erklärt und kontextualisiert wird.↩︎

Ein Gedanke zu „Ist die Mundkommunion katholisch?“

  1. Und wie ging’s weiter? Wie konnte die Mundkommunion sich so generell und dauerhaft durchsetzen? Wie ist die gute alte Praxis der Handkommunion in Vergessenheit geraten?
    (Vermutung: im Mittelalter, aber Angenendt (Geschichte der Religiosität im MA) erwähnt zwar das Problem unreiner Hände bzw. die Wichtigkeit der reinen (und gesalbten) Hände des Priesters, spricht aber fast ausschließlich über die Kommunionspendung und nicht über den Kommunionempfang, bis auf die lapidare Information: „Selbstverständlich wurde auch von den Laien Reinheit gefordert. Sie durften die Kommunion nicht auf der Hand entgegennehmen.“ (S.512)

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