Woher kommt die so genannte Kanonformel?

Generell wird die Formel »nichts hinzufügen – nichts mehr wegnehmen« gerne als »Kanonformel« bezeichnet. Sie findet sich innerbiblisch zunächst zweimal im Buch Deuteronomium, jeweils in den Versen Dtn 4,2 und 13,1. 1

לֹא תֹסִפוּ עַל־הַדָּבָר אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוֶּה אֶתְכֶם וְלֹא תִגְרְעוּ מִמֶּנּוּ לִשְׁמֹר אֶת־מִצְוֹת יְהוָה אֱלֹֽהֵיכֶם אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוֶּה אֶתְכֶֽם׃

Ihr sollt nichts hinzufügen zu dem Wort das ich euch geboten habe und nichts abziehen von ihm, um zu bewahren das Gebot des HERRN eures Gottes, das ich euch geboten habe. (Dtn 4,2; MÜ)

אֵת כָּל־הַדָּבָר אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוֶּה אֶתְכֶם אֹתֹו תִשְׁמְרוּ לַעֲשֹׂות לֹא־תֹסֵף עָלָיו וְלֹא תִגְרַע מִמֶּֽנּוּ׃

Das ganze Wort, das ich euch geboten habe, ihr sollt es bewahren um es zu tun. Du sollst zu ihm nichts hinzufügen und nichts abziehen von ihm. (Dtn 13,1; MÜ)

Eckart Otto hat in seinem Kommentar zum Deuteronomium darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff »Kanonformel« allerdings nicht zutreffend ist, weil „diese Formel nicht der Abgrenzung eines Kanons heiliger Schriften dienen sollte, sondern der Sicherung des Wortlautes eines autoritativen Textes.“ 2 Woher aber kommt diese Formel des Nichts hinzufügen und Nichts wegnehmen?

Lehre des Ptahhotep

Das wohl älteste Beispiel für die Formel findet sich in einem weisheitlichen Text aus der 5. Dynastie des Alten Ägypten, in der Weisheitslehre des Ptahhotep (um 2500/2400 v.Chr.).

Hier eine Abbildung der Schreibtafel, die Lord Carnavon 1909 gefunden hat, sie enthält die ersten Zeilen der Lehre des Ptahotep und dürfte mindestens dreitausend-fünfhundert Jahre alt sein. 3

Carnavon_Tafel
Carnavon_Tafel

Ich zitiere die Stelle hier in einer Englischen Übersetzung:

Take not any word away, neither add one; set not one in the place of another. (Lehre des Ptahhotep 41; Ü: Battiscombe Gunn) 4

Der Kontext dieser Aussage zeigt, dass sich diese Aussage nicht auf eine Textsammlung bezieht, sondern auf die getreue Überlieferung der von den Lehrern empfangenen Weisheit. Ptahhotep selbst macht deutlich, dass dies auch schriftlich geschehen konnte, aber auch hier haben wir es nicht mit einer »Kanonformel«, sondern mit einer Wortsicherungsformel zu tun.

Hammurabi

Exemplarisch ist das Beispiel des »Codex« Hammurabi. 5 Hier der Anfang der Kolumne XXVI:

Hammurabi Anfang der Kol. XXVI
Hammurabi Anfang der Kol. XXVI

Wenn dieser Mann | auf meine Worte, | die ich in meiner Inschrift geschrieben habe, | hört und | mein Recht nicht abschafft, | meine Worte | nicht vertauscht, | meine Reliefs nicht verändert, | diesem Manne | möge gleich mir, | dem König der Gerechtigkeit, | Samas Dauer seiner Herrschaft gewähren, | seine Leute möge er | in Gerechtigkeit regieren. | Wenn dieser Mann | meine Worte, | die ich in meiner Inschrift | geschrieben habe, | nicht hört und meinen Fluch | vergisst, | den Fluch der Götter | nicht fürchtet und | das Recht, das ich richtete, | austilgt, | meine Worte vertauscht, | meine Reliefs | verändert, | meinen geschriebenen Namen | auslöscht und seinen Namen schreibt, | wegen der folgenden Flüche | einen andern | beauftragt, | dieser Mann (…)
(Kol. XXVI 2-39; Ü: Kohler/Peiser)

Es folgen in den Zeilen 40-100 dieser Kolumne und den 183 Zeilen der folgenden zwei Kolumnen umfangreiche Fluchbestimmungen, was diesem Menschen alles an Bösem und Schlechten geschehen soll. Doch auch hier haben wir es – analog zum Deuteronomium – nicht mit einer Kanonformel zu tun. Die große Angst des Hammurabi war, dass die Zeugen seiner königlichen Tätigkeit vor Göttern und Menschen verändert oder zerstört werden könnten. Um eine Sammlung heiliger Bücher geht es auch bei ihm nicht.

Theognis von Megara

In der von Hieronymus weitergeführten Chronik des Eusebius und der Suda 6 wird als Zeit des Theognis von Megara 544-541 v. Chr. angegeben. 7 In seinen Elegien richtet er vor allem Ratschläge an seinen Freund/Liebhaber Kyrnos. Dabei findet sich folgender Abschnitt im ersten Buch:

Τόρνου καὶ στάϑμης καὶ γνώμονος ἄνδρα ϑεωρεὶν
εὐϑύτερον χρὴ νοῦν Κύρνε φυλασσόμενον,
ᾧ τινί κεν Πυϑῶνι ϑεοῦ χρήσασ᾽ ἱέρεια
ὀμφὴν σημήνῃ πίονος ἐξ ἀδύτου˙
οὔτε τι γὰρ προσϑεὶς οὐδέν κ᾽ ἔτι φάρμακον εὕροις,
οὔτ᾽ ἀφελὼν πρὸς ϑεῶν ἀμπλακίην προφύγοις.

Dass ein Mann genauer als Zirkel, Richtschnur und Maßstab überlegt,
ist für den Verstand notwendig zu beachten, Kyrnos!
Wem wohl die Priesterin des Gottes zu Delphi geweissagt,
ein Wort als Vorzeichen gegeben hat aus dem reichen Tempelinnersten:
Du kannst weder durch Hinzufügung irgendein Heilmittel finden,
noch durch Wegnahme ein Vergehen vor den Göttern fliehen.
(Elegien 805-810; MÜ)

Wir haben es hier also nach Weisheit und Rechtsüberlieferung mit der Mantik zu tun, die m.E. der Ursprung der beiden erstgenannten Bereiche ist. Dem Wort des delphischen Apoll durch Veränderung seine Wirksamkeit nehmen zu wollen, davor warnt der Dichter seinen Freund/seinen Geliebten.

Philo von Alexandria

Der Zeitgenosse von Jesus und Paulus schildert in seinem »Leben des Moses« die Entstehung der Septuaginta, wobei er der Darstellung des Pseudo-Aristeas folgt. Er kommt auf die Gesandtschaft zu sprechen, die für den König die Tora des Mose übersetzen sollte. Nachdem der König ihre Weisheit getestet hatte, schreibt Philo:

δοκομασϑέντες δ᾽ εὐϑὺς ἤρξαντο τὰ τῆς καλῆς πρεσβείας ἀποτελεῖν καὶ λογισάμενοι παρ᾽αὑτοῖς, ὅσον ἐίη τὸ πρᾶγμα ϑεσπισϑέντας νόμους χρησμοῖς διερμηνεύειν, μήτ᾽ ἀφελεῖν τι μήτε προσϑεῖναι ἢ μεταϑεῖναι δυναμένους, ἀλλὰ τὴν ἐξ ἀρχῆς ἰδέαν καὶ τὸν τύπον αὐτῶν διαφυλάττοντας, ἐσκόπουν τὸ καϑαρώτατον τῶν περὶ τὸν τόπον χωρίων ἔξω πόλεως· τὰ γὰρ ἐντὸς τείχους ἅτε παντοδαπῶν πεπληϑότα ζῴων διὰ νόσους καὶ τελευτὰς καὶ τὰς ὑγιαινόντων οὐκ εὐαγεῖς πράξεις ἦν ὕποπτα.
Vita Mosis II,34

Als sie gefallen hatten, begaben sie sich sofort an die Geschäfte ihrer heiligen Gesandtschaft. Nachdem sie unter einander überlegt, welche schwierige Sache es wäre, die von Gott durch Orakel verliehenen Gesetze zu verdollmetschen, ohne etwas wegzulassen, hinzusetzen oder umändern zu dürfen, sondern stets in getreuer Bewahrung
des ursprünglichen Gedankens und der ursprünglichen Ansdrucksweise, so erwählten sie sich zuerst den reinsten Ort der Gegend, außerhalb der Stadt. Denn die Plätze innerhalb der Mauern waren ungeeignet, da sie voll waren der Geschöpfe, welche starben, krank dalagen oder als Wiedergenesende unreine Handlungen begingen. (Ü: M.J. – Isaak Marcus Jost?)

Hier bezieht sich die Bewahrungsformel auf die adäquate Übersetzung eines Textes aus einer Sprache in eine andere. Von einer »Wortbewahrung« kann dabei natürlich keine Rede sein – es geht um eine »Sinnbewahrungsformel« – nahe dem, was Theognis von Megara über das Orakel gesagt hat – Philo verwendet ja explizit den Begriff χρησμός (= Orakel).

Offenbarung des Johannes

In Offb 22,19 ist in der Ausgabe XXVIII des Nestle-Aland zu lesen:

καὶ ἐάν τις ἀφέλῃ ἀπὸ τῶν λόγων τοῦ βιβλίου τῆς προφητείας ταύτης, ἀφελεῖ ὁ θεὸς τὸ μέρος αὐτοῦ ἀπὸ τοῦ ξύλου τῆς ζωῆς καὶ ἐκ τῆς πόλεως τῆς ἁγίας τῶν γεγραμμένων ἐν τῷ βιβλίῳ τούτῳ.

Und wenn einer wegnimmt von den Worten des Buches dieser Prophetie, den in diesem Buch geschriebenen, wird wegnehmen Gott seinen Anteil vom Baum des Lebens und von der heiligen Stadt. (Ü: Münchener NT)

Ohne hier auf die sehr komplexen Probleme betreffend der Überlieferung der Offenbarung näher eingehen zu können, nur so viel: Erasmus von Rotterdam verfügte bei seinem Textus Receptus nur über eine mittelalterlich Handschrift der Offenbarung (die Minuskel 2814), bei der auch noch die Verse 22,16-21 fehlten. Er übersetzte sie kurzerhand aus der Vulgata zurück ins Griechische. So wurde jahrhundertelang eine Fassung unseres Verses verwendet, die sich in keiner einzigen griechsichen Handschrift fand. 8 Statt »Anteil vom Baum bzw. Holz des Lebens« las man (und liest man in der KJV bis heute) »Anteil vom Buch des Lebens«.

Wie auch immer, hier gilt ebenfalls der Befund: keine Kanon – sondern eine Wortsicherungsformel. Um den aktuellen Kommentar zur Offb. von Martin Karrer zu zitieren: 9

Die Vorgeschichte der Formel führt uns (…) zur inhaltlich Wahrung religiös bedeutsamer Wort in der Lebenswirklichkeit: In vorneutestamentlichen griechischen und jüdischen Belegen geht es um die Achtung des göttlichen Wortes, nicht um eine Bewahrung des Wortlauts in neuzeitlich-textkritischem Sinn. Unsere Formel bildet also bis zur Zeit des Sehers, genau gelesen, keine textkritische, sondern eine literarisch-hermeneutische Regel.

Kanon-Listen

Das erste Mal im Sinn einer Kanonformel taucht das Verbot des Hinzufügens- und Wegnehmens nicht etwa im Canon Muratori auf, sondern bei der ersten bekannten vollständigen Überlieferung eines NTlichen Kanons von 27 Büchern – und zwar der Bücher, die sich heute noch im NT finden. Ich spreche von dem berühmten neununddreißigsten Festbrief des Athanasius von Alexandria (298/299-373). Nach der Aufzählung der Bücher des AT und des NT schreibt der Kirchenvater – ich zitiere die lateinische Übertragung der syrischen Übersetzung des ursprünglich auf Griechisch verfassten Textes nach der Patrum nova bibliotheca:

Hi sunt salutis fontes, unde satiantur ii qui viventium verborum ibi contentorum sitim prae se ferunt. Per hos tantummodo pietatis magisterium traditur; nemo eos augeat, nemo deminuat. (Patrum nova bibliotheca VI, 154-155)

Dieses sind die Quellen des Heiles, welche den Dürstenden mit ihren Worten erfüllen; in diesen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündet. Niemand darf diesen etwas beifügen, und Niemand von diesen etwas wegnehmen. (Ü: Ottmar Strüber, BKV)

Auswertung

Bemerkenswerter Weise wird die »Kanonformel« erst nach einer Entwicklung von fast dreitausend Jahren zu dem, was sie ihrer Bedeutung nach sein sollte: eine Auflistung eines fest umrissenen Corpus von Büchern. Es scheint fast so, als ob die Formel mit dieser Aufgabe fremdelt. Das Konzil von Trient etwa kommt am 8. April 1546 ganz ohne sie aus, als es ein Verzeichnis der heiligen Bücher (sacrorum vero librorum indicem) vorlegt. 10

Footnotes:

1

In alten Bibelausgaben auch als Dtn 12,32 angegeben.

2

Eckart Otto: Deuteronomium 1,1-4.43 (HThKAT) S. 539

3

Günter Burkard in TUAT III,195 datiert sie auf ca. 1554 v. Chr. Die fast komplette erhaltene Handschrift der Lehre auf dem Papyrus Prisse, die ebenfalls in diesem Band abgebildet ist, wird ebenda auf ca. 1990 v. Christus datiert.

4

Die deutsche Übersetzung von Burkard in TUAT III, 220 Z. 608-609 entspricht dem inhaltlich. Er deutet das Wort in seinem Kommentar so: »sage nicht heute dies und morgen etwas anderes«.

5

Dass es sich bei den Stelen nicht um einen Codex handelt, hoffe ich einmal an anderer Stelle begründen zu können.

6

Byzantinisches Lexikon aus dem 10. Jh.

7

Vgl. den Artikel von Rudolf Keydell in: Der kleine Pauly, V,706 f.

8

Siehe Bruce M. Metzger: A textual commentary on the greek New Testament² S. 690

9

EKK XXIV/1 Johannesoffenbarung (Offb. 1,1-5,14), S. 80

10

vgl. DH 1501-1505

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