Kol haOlam kulo

Ich beschäftige mich derzeit intensiv mit Abraham Geigers Lehrbuch zur Mischna, das er 1845 in Breslau verfasst hat. Und dabei stieß ich auf eine Erklärung, die mir geholfen hat, die Formulierung eines sehr bekannten hebräischen Verses zu verstehen, der als Lied besondere Verbreitung gefunden hat:

Es handelt sich um die bekannten Worte von R. Nachman von Bratslaw (ר׳ נחמן מברסלב):

כָּל הָעוֹלָם כּוּלוֹ גֶשֶׁר צַר מְאוֹד
וְהָעִיקָר – לֺא לְפַחֵד כְּלָל

Die ganze Welt ist eine sehr enge Brücke.
Aber die Hauptsache ist: sich überhaupt nicht zu fürchten.

Hier die bekannte Vertonung des Textes, gesungen von Ofra Haza.

»Die ganze Welt« – kol haOlam kulo – war die mir grammatikalisch nicht so einsichtige Formulierung, die Geiger in § 22,4 seines Lehrbuches so erklärt:

»Bei Hinzufügung des allgemeinen Zahlwortes ganz findet auch zuweilen ein eigenthümlicher Pleonasmus Statt: das כֺּל wird nämlich vor das Nomen gesetzt, zugleich aber nochmals nach dem Nomen und zwar hier mit dem Suffixe, z.B. כָּל הַיּוֹם כֻּלּוֹ, den ganzen Tag; כָּל הַפָּרָשָׁה כֻּלָּהּ, den ganzen Abschnitt, Peßachim 10,43; כָּל הַשָּׂדֶה כֻּלָּהּ, das ganze Feld, Schekalim 1,2.«

Diesem Gebrauch ist R. Nachmann ersichtlich gefolgt.

Ein Gedanke zu „Kol haOlam kulo“

  1. Dieses schöne kleine Lied half mir schon oft – als mein Vater tödlich erkrankte, ich ihn pflegte; er starb trotzdem und ich fragte mich, was ich falsch machte, und als mein geliebter „großer“ Bruder starb. Als meine Mutter starb, noch nicht, denn da war ich zu klein. Und meine einzige Schwester starb schon vor meiner Geburt, und war oft Thema zwischen meiner traurigen Mutter und mir. Irgendwie scheine ich eine besondere Beziehung zum Tod zu haben, weil er mich so früh traf. Die Welt ist erstaunlich, und man sollte das Gute „picken“, meine ich.

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