Wer nicht Vater und Mutter und Frau und Kinder hasst, kann nicht mein Schüler sein

Wenn Jesus für eine Aussage besonders bekannt ist, dann die, seinen Nächsten so zu lieben wie sich selbst (Lev 19,18; Mt 22,39; Mk 12,31; Lk 10,27). Da ist es einigermaßen verstörend, in Lk 14,26 zu lesen:

Wenn einer kommt zu mir und nicht hasst seinen Vater und seine Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern und auch noch sein eigenes Leben, nicht kann er sein mein Schüler (Ü: Münchner NT).

Da erheben sich doch einige Fragen.

Ist die Aussage richtig übersetzt?

Antwort: Ja. Das hier von Lukas verwendete Verb μισέω bedeutet hassen, mit Hass verfolgen, verabscheuen. In diesem Sinne wird das Verb in der Ilias verwendet, wo Zeus die Vorstellung verabscheut, dass der Leichnam des Patroklos den Hunden vorgeworfen werden solle (Il XVII, 272). Auch im sonstigen NT ist die Bedeutung klar: Wer sagt, er sei im Licht, aber seinen Bruder hasst, (μισέω) ist noch in der Finsternis (1 Joh 2,9; EÜ).

Gibt es textkritische Bedenken?

Antwort: Nicht wirklich. Statt μισεῖ τὸν πατέρα ἑαυτοῦ = seinen Vater hasst lesen einige Zeugen μισεῖ τὸν πατέρα αὐτοῦ, was dasselbe bedeutet. Statt ἔτι τε καὶ = und auch noch lesen etliche Zeugen ἔτι δὲ καὶ, was wieder nur einen Buchstaben Unterschied ausmacht und ja mehr noch auch heisst – vom Sinn her also keinen Unterschied ergibt. Der Ausdruck οὐ δύναται εἶναί μου μαθητής = kann nicht mein Schüler sein wird von manchen Textzeugen mit den selben Worten, nur in einer anderen Reihenfolge angeordnet, geboten – auch hier ergibt das keinen andere Sinnspitze der Aussage.

Kann es sein, dass das Wort gar nicht auf Jesus zurückgeht?

Antwort: Wohl kaum. Der Umstand, dass Matthäus das Logion ebenfalls überliefert hat, während es bei Markus fehlt, lässt darauf schließen, dass beide Evangelisten es aus der Logienquelle Q übernommen haben, einer älteren Sammlung von Aussprüchen Jesu. Dass Matthäus das Verb μισέω = hassen durch wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich ersetzt und die Aussage über den Selbsthass weggelassen hat, deutet meiner Meinung nach darauf hin, dass Lukas die ursprünglichere, radikalere Fassung bewahrt hat. 1 Schwierige Aussagen werden in der Regel nicht erfunden, sondern weggelassen oder abgemildert. Das tut zum Beispiel die Einheitsübersetzung, die das hassen in Lk 14,26 einfach mit der matthäischen Formulierung wiedergibt.

Steht dieses Wort nicht im Widerspruch zu der sonstigen Verkündigung Jesu?

Antwort: Ja und Nein. Ja, das Wort steht in eklatantem Widerspruch zum Gebot der Nächstenliebe und ist von Jesus meiner Meinung nach auch bewusst so formuliert worden. Meiner Erfahrung nach ist bei solchen greifbaren Widersprüchen in der Bibel der Widerspruch die Botschaft 2. Jesus stößt seine Zuhörer und damit auch uns heutige Lesende absichtlich vor den Kopf. Dieser Ausspruch generiert Aufmerksamkeit. Und nein, das Wort passt generell in die Aussagen Jesu zur Familie, die wir in der synoptischen Tradition finden.

Jesus über die Familie

In einer weiteren Parallelüberlieferung (Mt 19,29; Mk 10,29; Lk 18,29) – die den jesuanischen Ursprung des Wortes unterstreicht – heißt es:

Amen, ich sage euch: keiner verließ Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker wegen meiner und wegen des Evangeliums, ohne dass er erhält Hundertfaches, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker unter Verfolgungen, und im kommenden Aion ewiges Leben (Mk 10,29-30; Ü: Münchner NT).

Die radikale Form der Jesusnachfolge beinhaltet also das Verlassen der Familie. Dazu passt auch das folgende Jesus-Wort aus Mt 12,46-50; Mk 3,31-35; Lk 8,19-21:

Und es kommen seine Mutter und seine Brüder; und sie standen draußen, sandten zu ihm und riefen ihn. Und eine Volksmenge saß um ihn her; sie sagten aber zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen suchen dich. Und er antwortete ihnen und spricht: Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Und er blickte umher auf die um ihn im Kreise Sitzenden und spricht: Siehe, meine Mutter und meine Brüder! Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Mk 3,31-35; Ü: Elberfelder)

Nur bei Markus findet sich diese Notiz, die Matthäus und Lukas ausgelassen haben:

Und er ging nach Hause. Wieder versammelte sich das Volk, so dass sie nicht einmal etwas Brot essen konnten. Als seine Verwandten das hörten, kamen sie herbei, um ihn wegzuschleppen. Sie sagten nämlich: ‚Er hat den Verstand verloren‘. (Mk 3,20-21; Ü: BigS)

Es ist gut zu sehen, dass die Bedeutung der Familie im Umkreis Jesu eine Bedeutungsverschiebung erfährt: weg von der biologischen Familie hin zu der Familie Gottes (wer den Willen Gottes tut, ist meine Familie). Jesus ging dabei soweit, von seinen Anhängern – zumindest zeitweise – das Zurücklassen der Familie zu verlangen, um ihm auf seinem Weg zu folgen. 3

Alttestamentlicher Hintergrund

Im Segen des Moses in Dtn 33,9 wird über den Priester-Stamm Levi gesagt:

הָאֹמֵר לְאָבִיו וּלְאִמֹּו לֹא רְאִיתִיו וְאֶת־אֶחָיו לֹא הִכִּיר וְאֶת־ בָּנֹו לֹא יָדָע כִּי שָֽׁמְרוּ אִמְרָתֶךָ וּבְרִֽיתְךָ יִנְצֹֽרוּ׃

Der von seinem Vater und von seiner Mutter sagt: ‚Ich habe ihn nicht gesehen‘ und seinen Brüdern ‚ich habe keine Rücksicht genommen‘; und seinen Sohn kannte er nicht. Denn sie haben dein Wort bewahrt und deinen Bund haben sie gehalten (Dtn 33,9; MÜ)

Die zelotische Rücksichtslosigkeit gegenüber der Familie, die wohl auf die Szene in Ex 32,26 ff. anspielt, wird von Jesus bildhaft auch in dem Wort eingespielt, das ebenfalls aus der Logienquelle Q stammen dürfte (Mt 10,34-36; Lk 12,51-53) und das ich hier in der Fassung des Matthäus wiedergebe:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. (Mt 10,34-36; EÜ)

Auch bei diesem Ausspruch bewegen wir uns auf festem historischen Boden, was die Urheberschaft Jesu angeht. 4 Es wird sogar ein roter Faden sichtbar, was diese Worte über die Familien betrifft.

Zu ergänzen ist noch, dass die problematischen Konsequenzen der Jesus-Nachfolge für eine Familie auch in dem bei allen Synoptikern überlieferten Wort Mt 24,10; Mk 13,12; Lk 21,16, hier im Kontext bevorstehender Verfolgungen, angesprochen werden:

Und es wird ein Bruder den andern dem Tod preisgeben und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören gegen die Eltern und werden sie töten helfen. (Mk 13,12; Ü: Luther)

Fazit

Wie kann man diese radikalen Aussagen Jesu heute verstehen? Sie sind provozierend und frustrierend zugleich. Provozierend, weil sie so ganz anders daherkommen, als man es von Jesus gewohnt ist. Frustrierend, weil sie sich ausschließlich an seine Anhänger und Anhängerinnen wenden. Was bedeuten diese Worte dann für Menschen mit Familien und Kindern? Kann man Jesus nur ehelos nachfolgen? Wohl kaum, denn dann hätte das Christentum nicht bis heute überlebt. Doch ein Stachel bleibt – und ich vermute, dass das Absicht ist.

Show 4 footnotes

  1. Anders Markus Tiwald in »Die Logrienquelle« (Kohlhammer 2016); er scheidet in seiner Rekonstruktion das Wort vom Selbsthass aus und betont unter Verweis auf Mk 10,29 par. und 1 Kor 9,5 dass das Einfügen der Ehefrau in die Aufzählung das Werk des Lukas sei. Die Wanderradikalen, aus deren Mitte Q hervorging, missionierten als Ehepaare (S. 177 f.)
  2. Vergleiche Spr 26,4-5
  3. Dass die Familie Jesu ihm gegenüber zunächst skeptisch eingestellt war, berichtet auch das Vierte Evangelium: Joh 7,5
  4. Ich gehe hier mit Tiwald davon aus, dass in diesem Fall Matthäus den ursprünglicheren Wortlaut besser bewahrt hat – Lukas hat das Schwert aus Ex 32,27 weggelassen. Aber in jedem Fall muss klar sein, dass sich Jesus in diesem Logion einer bildhaften Sprache bedient!

5 Gedanken zu „Wer nicht Vater und Mutter und Frau und Kinder hasst, kann nicht mein Schüler sein“

  1. Sehr geehrter Herr Achilles!
    Ihre Auslegungen dieser uns verstörenden Verse von Jesus sind sehr umfassend und ausgewogen.
    Mir scheint es, dass Jesus wohl eine gestörte Beziehung zu seiner Familie hatte, deren Ursache wir nicht kennen, über die wir nur spekulieren können (Pantera-Problem). Dass Maria unter dem Kreuz stand, ist auch nur bei Johannes zu lesen, historisch aber völlig unwahrscheinlich aufgrund der Entfernung von Nazareth (ca. 150km). Es ist zudem kennzeichnend, dass die Evangelien nicht über eine Erscheinung des auferweckten Jesus vor seinen Geschwistern, nicht einmal vor seiner Mutter berichtet. Und in der Apostelgeschichte ist von Maria erst nach der „Himmelfahrt“ Jesu die Rede. Ob sie an Pfingsten überhaupt anwasend war ( in der Apostelgeschichte heißt es nur „alle“)bleibt offen, zeugt aber von der geringen Bedeutung Mariens als Mutter Jesu. In der Frühphase des Christentums spielt sie also gar keine Rolle, was doch sehr erstaunt, wenn man an das Magnificat und die Ankündigung des Erzengels durch denselben Autor denkt.
    Kurzum, von einer Heiligen Familie kann m.E. beim historischen Jesus keine Rede sein.

    Desgleichen spielt die Familie Jesu auch bei Paulus überhaupt keine Rolle. Maria wird nicht einmal mit Namen erwähnt. Die spätere dogmatische Erhöhung Mariens zur „jüngfräulichen Gottes-mutter“ ist also völlig abhängig von der dogmatischen Bestimmung Jesu. Ihre Bedeutung ist rein theologischer Natur ohne historische Grundlage.

    Fazit: Als Christ muss man mit den Unklarheiten und Widersprüchen im Leben Jesu leben. Je mehr man aber das Mensch-Sein Jesu betont und ihm Irrtum (Naherwartung des Weltendes), Widersprüchlichkeit (Feindesliebe vs. Familienhass) und ethische Überforderung (radikaler Verzicht auf Besitz, ,Verzicht auf Widerstand gegen Gewalt: „rechte Wange“) zubilligt, umso eher kann man seine Menschenfreundlichkeit hinsichtlich der Armen und Kranken sowie seine Hinwendung zu den Frauen überzeugend herausarbeiten. Und das ist von zeitloser Bedeutung.
    Mit freundlichen Grüßen
    Hans-Christian Rump

    P.s Es wäre interessant zu erfahren, wie in der Antike die jüdische Rechtssprechung im Fall von kör-perlicher Gewalt aussah. Jesus setzt einseitig auf die Ethik des Gewaltverzichts, m.E. eine für eine Gesellschaft viel zu idealistische Forderung. Überhaupt, was sagt die moderne Psychologoe zu den Geboten der Bergpredigt?

    1. Danke für Ihren langen Kommentar, der Ihre persönliche Auslegung zur Fragestellung wiedergibt, mit der Sie sich offensichtlich intensiv beschäftigt haben.
      Von meiner Seite dazu nur ein paar Anmerkungen/Ergänzungen:
      + Ich sehe kein historisch belastbares Pantera-Problem, aber darüber sollte ich einmal einen Beitrag schreiben.
      + Eine Ostererscheinung des Herrenbruders Jakobus wird durch Paulus in 1 Kor 15,7 erwähnt.
      + Ich gehe mit Francois Bovon (EKK III/1/S. 70) und Ulrich Luz (EKK I/1 S. 143) davon aus, dass Lukas und Matthäus bei ihrer jeweiligen Darstellung der Verkündigung auf ihnen bereits vorliegende Traditionen zurückgegriffen haben.
      + Aus Apg 1,14 und 2,1 kann zumindest geschlossen werden, dass bei Lk die Mutter des Herrn beim Pfingstfest dabei war.
      + Zu Ihrem letzten Punkt – hier geht es um die alte Frage: »Wem gilt die Bergpredigt?« Gerhard Lohfink hat darüber 1993 ein leider vergriffenes Buch geschrieben, aber man bekommt es noch antiquarisch.
      Mit freundlichen Grüßen
      Oliver Achilles

  2. P.s. Ich erlaube mir noch einen weiteren Kommentar. Jesu Aufforderung, den eigenen Vater und die eigene Mutter ggfs. zu hassen, damit die Nachfolge möglich wird, mag überspitzt formuliert sein. Nichtsdestotrotz steht sie im eklatanten Widerspruch zum 4. Gebot (die Eltern zu ehren). Jesus stellt also die Nachfolge im Extremfall über Gottes 4. Gebot. So viel Ich-Bezogenheit (Aufruf, sein Schüler zu werden) verstört wegen seiner Intoleranz. Entsprechend unterstellt er in der Peri-kope Mk 3, 31-35, dass seine Familie eben nicht Gottes Willen tut. Weil sie ihn nicht hat ziehen lassen, weil sie seine Berufswahl, Wanderprediger (neudeutsch: ein Guru) zu werden, ablehnt? Natürlich ist nach unserem heutigern Verständnis jedes Kind frei, seinen Beruf zu wählen. Aber das gibt ihm noch kein Recht, seine Eltern öffentlich zu verunglimpfen. Daher kann ich diese familien-feindlichen Aussagen nicht mit dem Bekenntnis der frühen Christen unter einen Hut bringen, Jesus sei der „Messias“ (Johannes), „Sohn des himmlischen Vaters“ (Lukas), der „Herr“ (Paulus) und anderen christologischen Hoheitstiteln.

  3. Sehr geehrter Herr Achilles!
    Vielen Dank für die Ausführungen auf dieser Seite, das Wort „hassen“ hat mich hergeführt, der frag-würdige Widerspruch zu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Mein Zugang ist das praktische Leben und die Frage, wie die in den Evangelien berichteten Worte und Taten auf uns wirken. Da finde ich so überzeugende Ansichten und Formulierungen, dass ich über deren zeitlose Gültigkeit staune. So dachte ich, „hassen“ kann hier nur bedeuten, dass ein erwachsener Mensch die Wünsche der Eltern weniger zwingend empfinden soll als seine inneren Notwendigkeiten.

    Man sollte sich selbst treu bleiben. Die eigenen Talente einsetzen ist so wichtig – was kann erfüllender sein? Wer würde heute verlangen, dass ein erwachsener Mensch den Eltern folgen soll, wenn es im Widerspruch zum eigenen Empfinden steht? Lebens-Beispiele zeigen, wie glücklich man werden kann, wenn man sich selbst treu bleibt, und wie unglücklich, wenn man sich unterordnet. Etwa, weil ein „einfacher“ Beruf in einer Familie mit hohem Status zu minder erscheint.
    So habe ich im „Hassen“ ein Zurückstellen der Elternwünsche gesehen, falls diese sich gegen meine Lebenswünsche stellen. Und damit eine richtige Aussage zur Lebenspraxis, auch zeitgemäß, trotz ihres Alters. Die Wortbedeutung „verabscheuen“ passt da auch, denn wenn die Eltern auf etwas bestehen, das ich nicht will, bin ich bald beim Verabscheuen dessen, was mir da aufgezwungen werden soll. Auch in dem von Ihnen zitierten Beispiel aus der Ilias geht es um das Verabscheuen einer Tat. In diesem Bild wird nicht gehasst, hier distanziert sich jemand (offenbar und nachvollziehbar angewidert) von einer Handlungsweise. Man könnte das auch nüchtern distanzieren nennen. Ist so eine nüchternere Sicht durch etwas widerlegt?
    Mit freundlichen Grüßen
    Rudolf Schwarz

  4. Wir können nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Wer das versucht wird den einen lieben und den anderen hassen.
    (oder heute: wenn wir uns verzetteln gelingt uns keine unserer Aufgaben)

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