Warum rede ich überhaupt noch mit euch?

Zur Übersetzung von Joh 8,25

Ich beginne mit einer kleinen Übersicht, wie gängige Übersetzungen diesen Vers verdeutschen. Sie machen aus dem Griechischen Ἔλεγον οὖν αὐτῷ· σὺ τίς εἶ; εἶπεν αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς· τὴν ἀρχὴν ὅ τι καὶ λαλῶ ὑμῖν:

Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Was soll ich euch zuerst sagen? (Joh 8,25; Luther 2017)
Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Jesus antwortete: Warum rede ich überhaupt noch mit euch? (Joh 8,28; Einheitsübersetzung)
Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du? Jesus sprach zu ihnen: Durchaus das, was ich auch zu euch rede. (Joh 8,28; Elberfelder)

Die Elberfelder führt in ihrer wie immer vorbildlichen Fußnote aus:

o. Was rede ich überhaupt noch zu euch?, o. Vor allem ⟨steht fest⟩, dass ich zu euch rede. – Die Übersetzung des schwierigen Satzes ist umstritten.

Um Wladimir Iljitsch Lenin zu zitieren – „was tun?“

Eine problematische Tendenz

Auffällig ist, dass die Einheitsübersetzung die Antwort Jesu als eine rüde Zurückweisung übersetzt. Der Mastermind hinter dieser Deutung war Rudolf Schnackenburg (1914-2002), der in seinem Johanneskommentar schrieb:

Es ist zwecklos, diesen verschlossenen, ihn von vorneherein ablehnenden Menschen seinen Anspruch noch mehr zu verdeutlichen; jedes weitere Wort ist in dieser Situation überflüssig. (…) Gegenüber Nichtglaubenden ist es zwecklos, schon Gesagtes zu wiederholen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, den Kontext zu beachten: Joh 8 erzählt von einer Diskussion Jesu mit Pharisäern (8,13), also mit jüdischen Menschen (8,22), von denen es später heißen wird, dass sie an Jesus glaubten (8,31). Im weiteren Verlauf der eskalierenden Diskussion fällt dann das berüchtigte Wort „ihr seid aus dem Vater, dem Teufel“ (Joh 8,44). Leider war Schnackenburg hier sehr voreingenommen und wollte mit seiner Übersetzung unbedingt eine Distanzierung Jesu vom Judentum erreichen..1

Sprachliche Annäherung

Ich beginne mit der Frage, auf die Jesus antwortet. Hugo Grotius erkannte zurecht, dass Jesus auf sie mit einem Neutrum (ὅ τι) antwortet. Die Frage lautet daher eigentlich nicht: Wer bist du, sondern was bist [denn] du [für einer]?. Damit kommen wir zur Antwort Jesu: Entscheidend für unseren Vers ist, wie das τὴν ἀρχὴν (tēn archēn) zu übersetzen ist. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass ἀρχή (= Anfang) ganz prominent zu Beginn des Evangeliums vorkommt (Joh 1,1-2). Der Ausdruck τὴν ἀρχὴν findet sich nochmals als Lesart in Joh 2,11, wo es um den Anfang der Zeichen geht, die Jesus gewirkt hat.2

Die Vulgata übersetzte den Ausdruck mit principium, wobei sie sich auch an den Beginn des vierten Evangeliums erinnert haben dürfte: In principio erat verbum. So lautet der Text in der klassischen lateinischen Version:

Daher sagten sie zu ihm: »Wer bist du?« Jesus sagte zu ihnen: »Der Anfang, denn ich spreche auch zu euch. (Joh 8,25; Vulgata deutsch)3

Ich selber halte es eher mit Grotius, der übersetzend interpretierte:

Zunächst dies: Ich bin, was ich auch zu euch sage — eben das, was ich euch in eben diesem Augenblick gesagt habe, dass ich sei, nämlich: das Licht der Welt.4

Er kann dabei auf Joh 8,12 zurückverweisen, in dem Jesus sagte: Ich bin das Licht der Welt. Grotius erklärt dann weiter: „Dies aber sagt Christus darum, weil er noch vieles andere über sich hätte verkündigen können außer dem, was er gesagt hatte — aber damit begnügt er sich jetzt.“5

Detaillierte Untersuchung

Werfen wir einen Blick in die Grammatik: Blass-Debrunner schreiben in § 330,2 Fn.3:

Jh 8,25 τὴν ἀρχὴν ὅ τι (bzw ὅτι) καὶ λαλῶ ὑμῖν hieße nach klass. (im NT aber nicht zu belegendem) Sprachgebrauch: „Ihr fragt, weshalb (ὅ τι) ich überhaupt (τὴν ἀρχήν = ὅλως) mit euch rede?“, wonach jedoch mit σὺ τίς εἶ nicht gefragt ist. (Hervorhebung von mir)

Sie verweisen dann auf die (Pseudo)Clementinischen Homilien 6,11 und 19,6,6 die ich mir daraufhin einmal angesehen habe:

Ταῦτα τοῦ Ἀππίωνος ἀλληγοροῦντος, σύννους ὧν ἐγὼ ἔδοξα τοῖς ὑπ᾽ αὐτοῦ λεγομένοις μὴ παρακολουϑεῖν, διὸ τὸν λόγον ἐγκόψας ἔφη μοι· Εἰ μὴ παρακολουϑεῖς οἷς λέγω, τί καὶ τὴν ἀρχὴν διαλέγομαι; κἀγὼ ἀπεκρινάμὴν· Μή με ὑπολάμβανε ἀναισϑήτως ἔχειν τῶν ὑπὸ σοῦ λεγομένων· πάνυ γὰρ αὐτὰ συνίημι, ἅτε δὴ οὐ πρῶτον αὐτῶν ἀκηκοώς. ἵνα δὲ γνῷς ὅτι οὐκ ἀγνοῶ τὰ ὑπὸ σοῦ λεγόμενα, τὰ μὲν σοὶ ῥηϑέντα ἐπιτεμοῦμαι, τῶν δὲ παραλειφϑέντων σοι κατὰ ἀκολουϑίαν, ὡς παρ᾽ ἑτέρων ἤκουσα, ἀποπληρώσω τὰς ἀλληγορίας. καὶ ὃ Ἀππίων ἔφη· Ποίησον οὕτως ὡς λέγεις. (Homilie VI,11)

Hier die deutsche Übersetzung:

Während Appion dies allegorisch erklärt, schien ich in Gedanken versunken zu sein und dem von ihm Gesagten nicht zu folgen, weshalb er die Rede abbrach und zu mir sagte: ‚Wenn du dem, was ich sage, nicht folgst, warum unterhalte ich mich dann überhaupt?‚ Und ich antwortete: ‚Glaube nicht, dass ich das von dir Gesagte gefühllos an mir vorübergehen lasse; ich verstehe es nämlich sehr wohl, da ich es ja nicht zum ersten Mal höre. Damit du aber erkennst, dass mir das von dir Gesagte nicht unbekannt ist, werde ich das von dir Vorgetragene zusammenfassen und die von dir ausgelassenen Allegorien der Reihe nach, wie ich sie von anderen gehört habe, vervollständigen.‘ Und Appion sprach: ‚Tu es so, wie du sagst.‘6

Und das zweite Beispiel:

καὶ ὃ Σίμων· Ὅταν εἰς ἕκαστον ὧν προέτεινα διαλεχϑείς σοι τῆς κακίας τὸν αἴτιον δείξω, τότε σοι καὶ πρὸς ἃ εἴρηκας ἀποκρινοῦμαι καὶ ὃν φὴς ϑεὸν ἄμεμπτον ὑπὸ μέμψιν καὶ ὃ Πέτρος· Ἐπειδὴ ἀφ᾽ ὧν ἀπ᾽ ἀρχῆς φϑέγγῃ συννοῶ σε μηδὲν ἕτερον σπουδάζοντα ἢ ὡς κακίας ἡγεμόνα τὸν ϑεὸν ὑποβάλλειν μέμψει, προήρημαι πάσαις αἷς βούλῃ ὁδοῖς συνοδεύων δεῖξαι ϑεὸν πάσης μέμψεως ἐκτὸς ὄντα. καὶ ὁ Σίμων ἔφη· Ταῦτα ὡς ἀγαπῶν ϑεὸν ὃν νενόμικας λέγεις, ἀλλ᾽ οὐκ ἀληϑεύεις. καὶ ὃ Πέτρος· Σὺ δὲ ὡς κακὸς μισῶν ϑεὸν ὃν ἠγνόησας, βλασφήμους ἀφίης φωνάς. καὶ ὃ Σίμων· Μνημόνευε ὅτι μὲ κακίας ἡγεμόνι παρείκασας. καὶ ὁ Πέτρος· Ὁμολογῶ, ἐψευσάμην παρεικάσας σε τῷ πονηρῷ· ἠναγκάσϑην γὰρ ἐπὶ τῷ μὴ εὑρεῖν τὸν σοὶ ἴσον ἢ καὶ χείρονα. τούτου ἕνεκα τῷ πονηρῷ σε παρείκασα· σὺ γὰρ καὶ τοῦ τῆς κακίας ἡγεμόνος πολλῷ πονηρότερος τυγχάνεις· τὸν γὰρ πονηρὸν οὐδεὶς κατειπόντα ϑεοῦ δεῖξαι δύναται, σὲ δὲ τολμηρῶς καταλέγοντα οἱ πάντες παρόντες ἱστοροῦμεν. καὶ ὃ Σίμων· Ὁ ἀλήϑειαν ζητῶν οὐδὲν οὐδενὶ ὀφείλει παρὰ τὸ ὃν χαρίζεσϑαι· ἐπεὶ τί καὶ τὴν ἀρχὴν ζητεῖ; τί δέ; καὶ ἐγὼ οὐ δύναμαι, παρεὶς ἀκριβοῦν τὰ πράγματα, εἰς ἐγκώμιον οὗ μὴ ἐπίσταμαι ϑεοῦ τὸν πάντα μου δαπανᾶν χρόνον. (Homilie 19,6)

In deutscher Übersetzung:

Und Petrus sprach: ‚Da ich von dem, was du von Anfang an vorbringst, erkenne, dass du nichts anderes anstrebst, als Gott durch Tadel als Urheber des Bösen hinzustellen, habe ich mich entschlossen, dir auf allen Wegen, die du einschlagen willst, zu folgen und zu zeigen, dass Gott jenseits jedes Tadels ist.‘ Und Simon sprach: ‚Das sagst du als einer, der den Gott liebt, den du dir eingebildet hast — aber du sagst nicht die Wahrheit.‘ Und Petrus sprach: ‚Du aber stößt als ein böser Mensch, der den Gott hasst, den er nicht kennt, lästerliche Worte aus.‘ Und Simon sprach: ‚Bedenke, dass du mich dem Fürst des Bösen verglichen hast.‘ Und Petrus sprach: ‚Ich gestehe, ich habe gelogen, als ich dich dem Bösen verglich; ich war dazu gezwungen, weil ich keinen fand, der dir gleich oder gar noch schlimmer wäre. Deswegen habe ich dich dem Bösen verglichen — denn du erweist dich als weit schlimmer als der Fürst des Bösen selbst: denn niemand kann zeigen, dass der Böse Gott verleumdet hätte, während wir alle, die wir anwesend sind, bezeugen, dass du es dreist tust.‘ Und Simon sprach: ‚Wer die Wahrheit sucht, schuldet niemandem etwas, außer dem, was er zu schenken bereit ist; denn wozu sucht er überhaupt? Was nun? Auch ich kann nicht, indem ich die genaue Untersuchung der Dinge beiseite lasse, meine ganze Zeit im Preisgesang eines Gottes verschwenden, den ich nicht erkenne.‘7

Zu der spannenden ersten Parallele ist zu sagen, dass es hier nicht darum geht, den Dialog abzubrechen, sondern ihn einzufordern. Im Verb διαλέγω (dialégō) klingt für uns das Wort Dialog mit. Im Anschluss an Blass/Debrunner sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die von Schnackenburg favorisierte Fassung keine Antwort auf die gestellte Frage: Was bist Du? gibt. Ich möchte für die Übersetzung von τὴν ἀρχὴν noch auf zwei weitere Beispiele aus der klassischen Literatur verweisen.

Ich beginne mit Herodot, der sich vorgenommen hatte, alles zu berichten, was man ihm auf seinen Reisen erzählt hatte, aber nicht alles zu glauben. So in der berühmten Passage Hist. II,123:

τοῖσι μέν νυν ὑπ᾽ Αἰγυπτίων λεγομένοισι χράσθω ὅτεῳ τὰ τοιαῦτα πιθανά ἐστι: ἐμοὶ δὲ παρὰ πάντα τὸν λόγον ὑπόκειται ὅτι τὰ λεγόμενα ὑπ᾽ ἑκάστων ἀκοῇ γράφω. ἀρχηγετέειν δὲ τῶν κάτω Αἰγύπτιοι λέγουσι Δήμητρα καὶ Διόνυσον.

Auf Deutsch:

Was nun das von den Ägyptern Gesagte betrifft, so möge es verwenden, wem dergleichen glaubwürdig erscheint; mir aber liegt als Grundsatz durch meine ganze Darstellung hindurch zugrunde, dass ich das von den einzelnen Gesagte aufschreibe, wie ich es gehört habe. Die Herrscher der Unterwelt aber sind nach ägyptischer Aussage Demeter und Dionysos. (Historien II,123)

Dieser Maxime folgend führt er im vierten Buch aus:

μέχρι μὲν δὴ τούτων γινώσκεται, τὸ δὲ τῶν φαλακρῶν κατύπερθε οὐδεὶς ἀτρεκέως οἶδε φράσαι. ὄρεα γὰρ ὑψηλὰ ἀποτάμνει ἄβατα καὶ οὐδείς σφεα ὑπερβαίνει. οἱ δὲ φαλακροὶ οὗτοι λέγουσι, ἐμοὶ μὲν οὐ πιστὰ λέγοντες, οἰκέειν τὰ ὄρεα αἰγίποδας ἄνδρας, ὑπερβάντι δὲ τούτους ἀνθρώπους ἄλλους οἳ τὴν ἑξάμηνον κατεύδουσι. τοῦτο δὲ οὐκ ἐνδέκομαι τὴν ἀρχήν, [2] ἀλλὰ τὸ μὲν πρὸς ἠῶ τῶν φαλακρῶν γινώσκεται ἀτρεκέως ὑπὸ Ἰσσηδόνων οἰκεόμενον, τὸ μέντοι κατύπερθε πρὸς βορέην ἄνεμον οὐ γινώσκεται οὔτε τῶν φαλακρῶν οὔτε τῶν Ἰσσηδόνων, εἰ μὴ ὅσα αὐτῶν τούτων λεγόντων. (Hist. IV,25)

Auf Deutsch:

Bis hierher also ist das Land bekannt; was aber jenseits der Kahlköpfigen liegt, vermag niemand zuverlässig zu berichten. Denn hohe, unzugängliche Gebirge schneiden es ab, und niemand überschreitet sie. Diese Kahlköpfigen nun behaupten — für mich sagen sie [damit] freilich nicht Glaubwürdiges —, dass auf den Bergen Ziegenfüßler wohnten, und jenseits dieser wiederum andere Menschen, die sechs Monate schlafen. Das aber nehme ich überhaupt nicht an. [2] Aber das Land östlich der Kahlköpfigen ist zuverlässig bekannt als von den Issedonen bewohnt; was jedoch weiter nördlich liegt, ist weder von den Kahlköpfigen noch von den Issedonen bekannt, außer soweit sie selbst davon berichten.

Ich würde das τὴν ἀρχήν mit „grundsätzlich, prinzipiell“ übersetzen und teile die Skepsis des Herodot gegenüber Ziegenfüßigen. Dass es aber Menschen gibt, bei denen wirklich ein halbes Jahr lang nicht die Sonne aufgeht, konnte sich der Mittelmeerbewohner Herodot nicht vorstellen. Ein letzter von mir aufgerufener Zeuge ist Plato:

[215β] δεόμενος οὐδέ τι ἀγαπῴη ἄν. οὐ γὰρ οὖν. ὃ δὲ μὴ ἀγαπῴη, οὐδ᾽ ἂν φιλοῖ. οὐ δῆτα. ὁ δὲ μὴ φιλῶν γε οὐ φίλος. οὐ φαίνεται. πῶς οὖν οἱ ἀγαθοὶ τοῖς ἀγαθοῖς ἡμῖν φίλοι ἔσονται τὴν ἀρχήν, οἳ μήτε ἀπόντες ποθεινοὶ ἀλλήλοις — ἱκανοὶ γὰρ ἑαυτοῖς καὶ χωρὶς ὄντες — μήτε παρόντες χρείαν αὑτῶν ἔχουσιν; τοὺς δὴ τοιούτους τίς μηχανὴ περὶ πολλοῦ ποιεῖσθαι ἀλλήλους; οὐδεμία, ἔφη. φίλοι (Lysis 215b)

Übersetzung:

„— denn er würde auch nicht begehren. — Nein, gewiss nicht. — Was aber nicht begehrt, würde auch nicht lieben. — Nein, sicherlich nicht. — Wer aber nicht liebt, ist auch kein Freund. — So scheint es nicht. — Wie also sollen die Guten uns Guten überhaupt Freunde sein, die einander weder in der Abwesenheit zum Sehnen bewegen — denn sie genügen sich selbst, auch wenn sie getrennt sind — noch in der Anwesenheit einander bedürfen? Was sollte solche Menschen dazu bringen, einander hochzuschätzen? — Nichts, sagte er. — Freunde…“

Auch hier klingt für mich die Bedeutung grundsätzlich, prinzipiell ganz deutlich an. Bevor ich zu einer abschießenden Bewertung komme, werfe ich noch einen Blick in die traditionelle Auslegung von Joh 8,25.

Was sagt die traditionelle Deutung?

Hier scheint mir besonders wichtig zu sein, was die griechischen Väter zu sagen haben. Leider bricht der Johannes-Kommentar des Origenes genau vor der Stelle ab, an der die Antwort Jesu von dem großen Alexandriner besprochen worden sein dürfte.8

„Der Rest des Buches fehlt; er enthielt die Erklärung von Joh. 8, 25—36.“ GCS 10, S. 326 via archive.org
„Der Rest des Buches fehlt; er enthielt die Erklärung von Joh. 8, 25—36.“ GCS 10, S. 326 via archive.org

Diese auf Didymus den Blinden zurückgehende Katene verbindet Joh 8,25 mit einem Zitat aus Offb 3,14: ἐγώ εἰμι ἡ ἀρχὴ τῆς κτίσεως τοῦ θεοῦ – „ich bin der Anfang der Schöpfung Gottes“ – wobei im Hintergrund natürlich Spr 8,22 LXX ff. zu sehen ist. Mit dem Origenes-Schüler beginnt also schon im griechischen Raum die von Schnackenburg so heftig kritisierte Auslegung.

In ihren Spuren wandelte auch Cyril von Alexandria (gest. 444) ging zunächst auf die Frage ein, die die Antwort Jesu in Joh 8,25 hervorbrachte:

Στήσαντες τοίνυν εἰς τὸ σὺ μετ᾽ ἐμφάσεως τὴν ὑποστιγμὴν, καὶ τὴν καλουμένην ὀξεῖαν ἀναπέμψαντες, ὡς ἐν ἐρωτήσει μετὰ θαύματος ἐνδεχόμεθα τὸν λόγον· (MPG LXXIII, 816)

Deshalb wird das Satzzeichen mit Betonung an das „Du“ gesetzt und das leidenschaftlich Benannte weisen sie zurück; wir fassen das Wort auf, wie wenn man mit Verwunderung fragen würde.

Cyrill las also: „Du?! Was bist Du?!“ – eine Deutung, zu der Grotius aus grammatikalischen Gründen ebenfalls gekommen war. Der Patriarch fährt dann fort:

Τί οὖν ἄρα τὸ ἀναπεῖσαν αὐτὸν τὸν σκληροτράχηλον τῶν Ἰουδαίων λαὸν τῶν ἑτέρων προτάξαι καὶ προτιμᾷν ; Πρὸς αὐτοὺς ἐποιήσατο τῆς ἀφίξεως τὴν ἐπαγγελίαν διὰ τῶν ἁγίων προφητῶν, αὐτοῖς ἡ χάρις διὰ τοὺς πατέρας ὠφείλετο. Διὰ τοῦτο καὶ ἔφασκεν· «Οὐκ ἀπεστάλην εἰ μὴ εἰς τὰ πρόβατα τὰ ἀπολωλότα οἴκου Ἰσραήλ.» Καὶ πρὸς γυναῖχα δὲ τὴν Συροφοίνεσσαν· «Οὐκ ἔστιν καλὸν λαβεῖν τὸν ἄρτον τῶν τέκνων, καὶ βαλεῖν τοῖς κυναρίοις.» (MPG LXXIII, 817)

Was nun bewegte ihn, das halsstarrige Volk der Juden den übrigen [Völkern] v oranzustellen und mehr zu ehren? Für sie machte er die Verheißung der Ankunft durch die heiligen Propheten, ihnen war die Gnade durch die Väter zugesichert. Deshalb sagte er ja auch: Ich wurde nicht geschickt, außer zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel (Mt 15,24). Und zu der Syrophönizischen Frau: Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und es den Hunden hinzuwerfen. (Mt 15,26)

Cyrill verstand die Antwort Jesu also so: Jesus ist der, der am Anfang nur zum Volk Israel gesprochen hat und vertritt damit die temporale Bedeutung des Ausdrucks.9

Die Glossa Ordinaria wiederum schreibt folgende grammatikalische Beobachtung Augustinus zu:

Credite me principium et est in greco feminis generis, ac si diceret: credite me veritatem qui loquor vobis. Pater dicitur ‘principium non de principio’, Filius dicitur ‘principium a principio’, id est a Patre per quem omnia. Omnia enim per Filium Pater operatus est. Ipse manus dextera, fortitudo, sapientia et verbum est Patris.

Glaubt, dass ich der Anfang bin — und dies steht im Griechischen im Femininum, gleichsam als sagte er: Glaubt mir, der Wahrheit, die zu euch spricht. Der Vater wird ‚Anfang nicht von einem Anfang‘ genannt, der Sohn wird ‚Anfang von einem Anfang‘ genannt, das heißt vom Vater, durch den alles ist. Denn alles hat der Vater durch den Sohn gewirkt. Er selbst ist die Rechte, die Kraft, die Weisheit und das Wort des Vaters.

Nachdem Wahrheit (lat. veritas) im Lateinischen feminin ist – genauso wie das griechische ἀλήθεια – bezieht der Ausleger τὴν ἀρχὴν auf die Selbstaussage Jesu in Joh 14,6 („Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“). Aber stammt diese Aussage wirklich von Augustinus? Er zitiert zwar Joh 8,25 in De Trinitate 5,13 und die Erklärung des Verses in den Confessiones XI,9 klingt ganz ähnlich – aber die grammatikalische Aussage habe ich in seinen Werken nicht gefunden.

Am ehesten noch scheint die Glossa Ordinaria eine Passage aus De genesi ad litteram zu paraphrasieren, die es wert ist, in voller Länger hier wiedergegeben zu werden:

2 Secundum hanc fidem quae possint in hoc libro quaeri et disputari considerandum est. in principio fecit deus caelum et terram. quattuor modi a quibusdam scripturarum tractatoribus traduntur legis exponendae, quorum uocabula enuntiari graece possunt, latine autem definiri et explicari: secundum historiam, secundum allegoriam, secundum analogiam, secundum aetiologiam. historia est, cum siue diuinitus siue humanitus res gesta commemoratur; allegoria, cum figurate dicta intelleguntur; analogia, cum ueteris et noui testamentorum congruentia demonstratur; aetiologia, cum causae dictorum factorumque redduntur. 3 Hoc ergo quod scriptum est: in principio fecit deus caelum et terram, quaeri potest utrum tantummodo secundum historiam accipiendum sit an etiam figurate aliquid significet et quomodo congruat euangelio et qua causa sic liber iste inchoatus sit. secundum historiam autem quaeritur quid sit: in principio, id est utrum in principio temporis an in principio, in ipsa sapientia dei, quia et ipse dei filius principium se dixit, quando ei dictum est: tu quis es, et dixit: principium, quod et loquor uobis. est enim principium sine principio et est principium cum alio principio. principium sine principio solus pater est; ideo ex uno principio esse omnia credimus. filius autem ita principium est, ut de patre sit. ipsa etiam prima creatura intellectualis potest dici principium his quibus caput est, quae fecit deus. cum enim recte appelletur principium caput, in illa gradatione apostolus mulierem tantum non dixit caput alicuius. nam et uirum dixit caput mulieris et caput uiri Christum et caput Christi deum; ita creatori creatura subnectitur. (CSEL XXVIII,1 S. 461-462)

2 Gemäß diesem Glauben ist zu bedenken, was in diesem Buch untersucht und erörtert werden kann. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. (Gen 1,1) Von einigen Auslegern der Heiligen Schrift werden vier Weisen der Auslegung des Gesetzes überliefert, deren Bezeichnungen zwar auf Griechisch ausgedrückt, auf Lateinisch aber nur umschrieben und erklärt werden können: nach der Geschichte, nach der Allegorie, nach der Analogie, nach der Ätiologie. Geschichte ist es, wenn ein göttliches oder menschliches Geschehen berichtet wird; Allegorie, wenn bildlich Gesagtes verstanden wird; Analogie, wenn die Übereinstimmung des Alten und Neuen Testaments aufgezeigt wird; Ätiologie, wenn die Gründe des Gesagten und Getanen angegeben werden. 3 Was nun geschrieben steht: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, kann untersucht werden, ob es nur nach der Geschichte aufzufassen ist, oder ob es auch etwas in bildlicher Bedeutung meint, und wie es mit dem Evangelium übereinstimmt und aus welchem Grund dieses Buch so begonnen worden ist. Nach der Geschichte aber wird gefragt, was im Anfang bedeutet, das heißt: ob im Anfang der Zeit oder im Anfang, nämlich in der Weisheit Gottes selbst — weil auch der Sohn Gottes sich selbst den Anfang nannte, als man ihn fragte: Wer bist du? und er sagte: Der Anfang, der ich auch zu euch rede. (Joh 8,24) Denn es gibt einen Anfang ohne Anfang und es gibt einen Anfang mit einem anderen Anfang. Anfang ohne Anfang ist allein der Vater; daher glauben wir, dass alles aus einem einzigen Anfang ist. Der Sohn aber ist Anfang in der Weise, dass er vom Vater ist. Auch die erste geistige Schöpfung kann Anfang genannt werden für jene, denen sie als Haupt vorsteht, die Gott geschaffen hat. Denn da ‚Haupt‘ zu Recht ‚Anfang‘ genannt werden kann, hat der Apostel in jener Stufenfolge die Frau allein nicht das Haupt von irgendjemandem genannt (vgl. 1 Kor 11,3). Denn den Mann nannte er das Haupt der Frau, und das Haupt des Mannes Christus, und das Haupt Christi Gott — so wird die Schöpfung dem Schöpfer untergeordnet. (De genesi ad litteram, imperfectus liber 2-3)

Im Anschluss an diese Auslegungstradition formulierte Bernhard von Clairvaux in seiner Auslegung des Hohenliedes (XIV,7):

Qui utinam nobis sit et sermonis principium, et cordis verbum; ut quae locuturi sumus de ipso, prior ipse loquatur in nobis. Loquere, Domine, loquere mihi, et loquere pro me.

Dass er doch für uns Anfang der Predigt und Wort des Herzens sein möge! Dass das, was wir über ihn sagen werden, zuvor von ihm in uns gesprochen wird. Sprich, Herr, sprich in mir und sprich für mich.

Fazit

Ich lehne die Fassung der Einheitsübersetzung, die letztendlich auf eine Fehlentscheidung Schnackenburgs zurückgeht, ab. Sie ist problematisch und will Jesus vom Judentum distanzieren. Mein Übersetzungsvorschlag wäre nach Durchsicht der von mir gebrachten Belegstellen:

²⁵ Da sagten sie zu ihm: Du?! Was bist Du?! Jesus sprach zu ihnen: Prinzipiell das, was ich auch zu euch gesagt habe.

Diese Übersetzung bleibt dann auch anschlussfähig für die Weiterentwicklung bei den Vätern, die in meinen Augen richtigerweise erkannt haben, dass die Wahl von τὴν ἀρχὴν nicht zufällig erfolgt sein wird.

Weiterführende Literatur: Hans Förster – Überlegungen zur Grammatik von Joh 8,25 im Lichte der handschriftlichen Überlieferung


  1. Ein Bemühen, das sich durch seinen einflussreichen Johannes-Kommentar zieht. Daniel Boyarin meinte zur Auslegung des Johannes-Prologs durch Schnackenburg: „This author seems absolutly determined at all cost to maintain the supersession of the Old Testament Wisdom and Jewish Logos in the Logos of John.“ (Borderlines. The Partition of Judaeo-Christianity (2004) S. 278 Fn. 47). Der Schnackenburg-Schüler Karlheinz Müller berichtete, dass sein Lehrer bei der Rückfahrt von einer Tagung, bei der Müller eine neue und differenzierte Sicht der jüdischen Halacha und deren Einfluss auf das NT vorgetragen hatte, kein einziges Wort mehr mit ihm gesprochen habe (s. das Vorwort in Martin Ebner/Bernhard Heininger (Hg.): Paradigmen auf dem Prüfstand. Exegese wider den Strich. Festschrift für Karlheinz Müller zu seiner Emeritierung. Aschendorf, Münster (2004)).↩︎
  2. So die LA des Sinaiticus und des Washingtonianus, NA XXVIII entschied sich für ἀρχὴν τῶν σημείων ohne vorherigen Artikel.↩︎
  3. dicebant ergo ei | tu quis es | dixit eis Iesus | principium quia et loquor vobis. Schnackenburg hat diese Übertragung harsch kritisiert: „Es ist eine sklavische, falsche Übersetzung, bei der principium als Nominativ erscheint, sich mit dem Folgenden schwer verbinden läßt und zu freier Spekulation verleitet.“ Petrus Sabatier hat bereits erkannt, dass die lateinischen Übersetzer, die quia lasen, ὅτι statt ὅ τι gelesen haben müssen. So etwa Augustinus in Conf XI,8, eine Übersetzung die Boyarin als „the famous Latin version of John 8:25, so beautifully read by Augustine as ‚Your Word, the Beginning who also speaks to us’“ bezeichnet wurde (S. 97 a.a.o.).↩︎
  4. Primum hoc sum, quod et dico vobis. hoc ipsum quod me hoc ipso tempore esse dixi, id est, Lux mundi.↩︎
  5. Hoc autem ideo dicit Christus quia multa alia de se praedicare poterat praeter id quod dixerat: sed eo nunc contentus est.↩︎
  6. Wer keinen Archive.org Account hat – ein Versäumnis! – kann hier eine ältere Ausgabe nachverfolgen.↩︎
  7. Hier der Text des Zitats in der älteren Ausgabe.↩︎
  8. Die Deutung des Origenes wäre für unsere Fragestellung besonders interessant gewesen.↩︎
  9. Vergleiche auch das Ἰουδαίῳ τε πρῶτονdem Juden/Judäer zuerst des Apostels in Röm 1,16.↩︎

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