Die Nazis im ersten Band des theologischen Wörterbuchs zum NT

Das bis heute unhinterfragt geschätzte Standardwerk der neutestamentlichen Wissenschaft, das Theologische Wörterbuch zum NT, ist massiv durch seine Wurzeln im völkischen und antisemitischen Nationalsozialismus belastet. Was hier von dieser Ideologie eingeflossen ist, wirkt im Grunde genommen bis heute nach, zumal das Werk durch seine englische Übersetzung (Theological Dictionary of the New Testament 1964-1976) weit über den deutschen Sprachraum hinaus Einfluss nimmt. Ich stelle hier die Nazis vor, die am ersten Band des Werkes mitgewirkt haben.

Das Vorwort des Herausgebers ist mit »Tübingen, Neujahr 1932/Juli 1933« datiert. Auf dem Deckblatt werden – inklusive des Herausgebers – 40 Mitwirkende genannt. Von diesen waren neun aktive Nationalsozialisten, einem wurde auf Grund seiner kirchlichen Bindung die von ihm beauftragte Aufnahme in die NSDAP verweigert, einer war Mitglied diverser NSDAP-Vorfeld-Organisationen. Einem konnte eine Mitgliedschaft nicht nachgewiesen werden, aber er propagierte auch nach dem Krieg noch eine antisemitische Bibelauslegung.

Diesen belasteten Personen, auf die ich unten näher eingehen werde, standen elf Mitglieder der bekennenden Kirche gegenüber, die sich teilweise öffentlich gegen den Arierparagraphen stellten. Zu sieben Personen konnte ich keine Hinweise finden, wo sie ideologisch standen. Zwei konvertierten später zum Katholizismus, andere emigrierten oder verhielten sich unauffällig.

1 Gerhard Kittel – der Herausgeber

Wer sich Kittels Eintrag in dem Professorenkatalog der Universität Leipzig ansieht, erfährt nicht wirklich, was es mit diesem Mann auf sich hatte. Er war der Sohn des bedeutenden Alttestamentlers Rudolf Kittel, und trat im Mai 1933 der NSDAP bei. 1936-1945 war er Mitarbeiter im Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland, Abteilung Judenfrage. 1 Lukas Bormann hat akribisch nachgezeichnet, wie Kittel in enger Abstimmung mit den zuständigen NS-Ministerien bewirkte, dass gerade diejenigen Neutestamentler aus Deutschland, die Nationalsozialisten waren und zudem judenfeindliche Forschung betrieben, in die 1937 neugegründete Studiorum Novi Testamenti Societas (SNTS) aufgenommen wurden, was ihnen sehr hilfreich war, als sie nach dem Krieg ihre Karrieren fortsetzen konnten. 2

Im Rahmenprogramm des [Nürnberger] Reichsparteitages 1938 hatte er [Kittel] an der Ausstellung mit dem Titel ‘Europas Schicksalskampf im Osten’ mitgewirkt und einen ganzen Raum gestaltet, der sich mit der Ausbreitung des Judentums im Römischen Reich befasste. 1939 wurden die von Kittel verantworteten Materialien auch in einer Ausstellung im naturhistorischen Museum in Wien über ‘Das körperliche und seelische Erscheinungsbild der Juden’ verwendet. (Lukas Bohrmann, S. 431 a.a.o.)

Eugen Fischer; Bundesarchiv, Bild 183-1998-0817-502 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5348271
Eugen Fischer; Bundesarchiv, Bild 183-1998-0817-502 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5348271

1943 (!) veröffentlichte Kittel mit dem Nationalsozialistischen ‚Rassenforscher‘ Eugen Fischer den Band »Das antike Weltjudentum«. In der Einleitung schrieb er:

Niemand kann sich im Blick auf die moderne Judenfrage dem verschließen – vollends nicht im gegenwärtigen Schicksalskampf Europas – daß von allen ihren Hintergründen derjenige eines über die Welt hin ausgebreiteten und allenthalben seine Machtpositionen haltenden und von ihnen her das politische, wirtschaftliche und geistige Leben der Völker durchsetzende Weltjudentum der drohendste ist.

Zu Kriegsende wurde Kittel interniert. Seine Versuche, wieder in seine akademische Laufbahn zurückzukehren, scheiterten. Er starb 1948, weiterhin als geachtetes Mitglied der Studiorum Novi Testamenti Societas. 3 Die Herausgeberschaft des ThWNT wurde ihm nach dem vierten Band entzogen. Das änderte freilich nichts daran, dass die Arbeit dort in seinem Sinn weiterging. 4

2 Karl Georg Kuhn

Der Orientalist Kuhn gehörte zu den Nazi-Wissenschaftlern, deren Aufnahme Kittel in die SNTS erreichen konnte.

Kuhn war bereits seit 1932 NSDAP-Mitglied, Scharführer der SA und ‘Referent für weltanschauliche Schulung des SA-Sturmbann I/R 125’. Er arbeitete eng mit Kittel im Reichsinstitut für die Geschichte des neueren Deutschland, Abteilung Judenfrage, zusammen. (Bormann S. 437; a.a.o.)

1939 veröffentlichte er ein Werk, das ihm nach dem Krieg grosse Probleme bereiten sollte: »Die Judenfrage als weltgeschichtliches Problem«. Er bezeichnete dort die Juden als »parasitäres Händlervolk« 5 und äußerte sich ganz im Sinne des völkischen Antisemitismus. Erstaunlich ist seine Karriere nach dem Krieg. Hierzu hält das ‚Personenlexikon zum Dritten Reich‘ lakonisch fest:

1949 Professor für Neues Testament in Göttingen. 1954 Ordinarius in Heidelberg. 1957 Leiter der Qumran-Forschungsstelle. Mitglied Akademie der Wissenschaften Heidelberg. Zahlreiche Arbeiten in Theologischen Wörterbüchern und Zeitschriften. (ebenda)

Bormann berichtet, dass die oben erwähnte Hetzschrift Anfang der 50er Jahre verhinderte, dass er den Mainzer Lehrstuhl bekam.

Ernst Käsemann (1906–1998), Otto Weber (1902–1966) und Ernst Wolf (1902–1971) machten Kuhn in einem persönlichen Gespräch klar, dass eine Berufung auf einen Lehrstuhl nur möglich sei, wenn er sich öffentlich von der genannten Schrift lossage. Kuhn veröffentlichte einen solchen Widerruf als Fußnote zu einem kurzen Beitrag über die Schriftrollen vom Toten Meer in der Zeitschrift Evangelische Theologie. (S. 449 f.; a.a.o.)

Mit dieser Fußnote war alles wieder gut und die Festschrift Karl Georg Kuhn vereinigte 1971 das Who is who der deutschsprachigen Exegese. 6

3 Walter Grundmann

Dass erstaunliche akademische Karrieren von überzeugten Nationalsozialisten nicht nur in der BRD, sondern auch in der DDR möglich waren, zeigt der Lebensweg von Walter Grundmann, einem Assistenten von Gerhard Kittel. Er war bereits 1930 der NSDAP beigetreten und seit 1934 SS-Mitglied. Seine weiteren Stationen waren zunächst:

1933–1936 Oberkirchenrat in Dresden, 1936–1938 Lehrbeauftragter für Völkische Theologie in Jena, 1938–1945 Professor für Neues Testament in Jena. (Bormann S. 418, FN 7; a.a.o.)

Er war Leiter des von elf deutschen Landeskirchen gegründeten Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben und publizierte einschlägige Werke zur ‚Judenfrage‘. Nach dem Krieg gelang ihm nicht die Fortsetzung seiner akademischen Laufbahn, aber seine Kirche liess ihn nicht hängen.

In ostdeutschen Pfarrhäusern stehen noch Bücher von Walter Grundmann, dem Direktor dieses »Entjudungsinstitutes«, der Jesus zum arischen Heiland stilisierte. Grundmann bildete in der DDR Katecheten aus, so etwas wirkt nach. (Pfarrer Teja Begrich in: Die ZEIT Nr. 30/2018)

Von ? - ?, PD-Schöpfungshöhe, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2333847
Von ? – ?, PD-Schöpfungshöhe, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2333847

Als Rektor des katechetischen Seminars in Eisenach konnte Grundmann seinen Antisemitismus also munter weiter verbreiten. In seinen Lebenserinnerungen stellte er sich als Opfer des Nationalsozialismus dar. 7 Ansonsten war er auch dem neuen Regime ein treuer Diener und arbeitete als geheimer Stasi-Informant. 8

4 Die weiteren Nazis

Die weiteren Mitglieder unter den Mitarbeitern waren: Johannes Behm, den seine Mitgliedschaft in der Partei und bei den deutschen Christen ‚befähigte‘, den Lehrstuhl Adolf Deißmanns in Berlin zu übernehmen. 9 Georg Bertram, der 1943 die Leitung des Entjudungsinstitutes übernahm, was immerhin verhinderte, dass er nach dem Krieg einen Lehrstuhl bekam – dafür unterrichtete er mittels Lehraufträgen bis 1965 Theologiestudierende an der Universität Frankfurt. 10 Hermann Wolfgang Beyer, der als Soldat in Russland starb; 11 Gerhard Delling, der ebenfalls am Entjudungsinstitut arbeitete, was ihn nicht davon abhielt, sich 1948 zu habilitieren und 1950 Professor für NT in Halle zu werden. 12 Gleiches gelang Herbert Preisker, Mitglied desselben Instituts, der es nach dem Krieg zum Professor für NT in Jena brachte. 13 Artur Weiser, der mit Kittel 1933 der NSDAP beigetreten war, fand im »Eldorado der Duldsamkeit« 14 Gelegenheit, seinen Lehrstuhl in Tübingen bis zu seiner Emeritierung 1963 zu behalten. 15 Genannt werden muss an dieser Stelle auch Ethelbert Stauffer, der zwar nicht Mitglied der NSDAP war, aber noch 1957 als Professor in Erlangen festhielt: »Die wichtigste Aufgabe der Jesusforschung ist klar: Entjudung der Jesusüberlieferung.« 16

5 Zusammenfassung

Nach meiner Beobachtung ist es bis heute im deutschen Sprachraum zu keiner öffentlich wirksamen kritischen Auseinandersetzunbg mit den Wurzeln des ThWNT im Nationalsozialismus gekommen. Das Werk ist weiterhin unhinterfragt in praktisch allen theologischen Bibliotheken und bei vielen interessierten Theologen und Theologinnen zu finden. Es wird unhinterfragt zitiert und kaum jemand ist sich der ideologischen Schlagseite dieses Werkes, die sich nicht nur in einzelnen Artikeln, sondern im theologischen Zugang insgesamt zeigt, 17 bewusst. Zwar wurde Kittel die Herausgeberschaft entzogen, aber die anderen Nazis machten munter weiter, im Wörterbuch und im akademischen Lehrbetrieb.

Fußnoten:

1 Zu Kittel und einer hervorragenden Analyse der theologischen Wurzeln seines völkischen Antisemitismus vgl. Wayne A. Meeks: A Nazi New Testament Professor reads his Bible: The strange Case of Gerhard Kittel; in: The Idea of Biblical Interpretation. Essays in Honor of James L. Kugel ed. by Hindy Najman and Judith H. Newman; Brill 2004 S. 513-544

2 Lukas Bormann: ‘Auch unter politischen Gesichtspunkten sehr sorgfältig ausgewählt’: Die ersten deutschen Mitglieder der Studiorum Novi Testamenti Societas (SNTS) 1937–1946; in: New Testament Studies, 2012, S. 416-452

3 Siehe Bormann S. 448 f.; a.a.o.

4 Siehe den von Martin Stählin verantworteten Artikel xénos in ThWNT V,15-16, wo behauptet wird: »Scharf tritt der Unterschied vom Judentum (…) hervor. (…) Hier ist die Sorge für den Notleidenden ein Geschäft mit Gott (sic!), bei Jesus eine von ihm persönlich empfangene Gabe«. Weitere Kostproben bei Meeks (a.a.o. S. 540-543) mit Zitaten von Hermann Strathmann, Ethelbert Stauffer und Rudolf Bultmann, also einem Mitläufer, einem Antisemiten und einem führenden Mitglied der bekennenden Kirche.

5 Siehe Ernst Klee: Das Personenlexikon zum dritten Reich; Frankfurt am Main, 2003 S. 350

6 Vgl. das Inhaltsverzeichnis von »Tradition und Glaube: das frühe Christentum in seiner Umwelt. Festgabe für Karl Georg Kuhn zum 65. Geburtstag«.

7 Siehe Ernst Klee, S. 207 (a.a.o.), der zitiert: »Die Liebe zu Christus hat uns bestimmt.«

8 Siehe Bormann, S. 418, FN 7 (a.a.o.)

9 Siehe diese Seite der Universität Berlin, die Behms eigentlichen Charakter in einem kleinen Satz versteckt, aber betont, dass seine Arbeit die Grundlage der Einleitung ins NT von Georg Kümmel darstellte, was zur anhaltenden Verbreitung seines Gedankenguts sicher hilfreich war.

10 Siehe Klee, S. 44 (Bertram)

12 Siehe Klee, S. 104 (a.a.o.)

13 Siehe S. 472, ebenda.

14 Siehe: Theologische Fakultäten im Nationalsozialismus, Hgg. von Leonore Siegele-Wenschkewitz und Carsten Nicolaisen 1993, S. 142 FN 50 und S. 143 FN 53.

15 Siehe die bemerkenswert knappe Übersicht auf dieser Seite der Universität Tübingen.

16 Siehe Klee, S. 598 (a.a.o.)

17 Ich kann dazu an dieser Stelle nur auf die Analyse von Wayne A. Meeks verweisen.

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