Die Bibel – ein Buch für Sklavenhalter?

Im Januar 2012 rief das Repräsentantenhaus von Pennsylvania einstimmig ein »Jahr der Bibel aus« – »in Anerkennung sowohl des prägenden Einflusses der Bibel auf unser Gemeinwohl 1 und unsere Nation wie auch der Notwendigkeit, die Lehren der Heiligen Schrift zu studieren und anzuwenden«. Daraufhin liess eine Atheistische Gruppierung folgendes Plakat-Sujet schalten: 

Year of the bible - American Atheists - Vorschau
Year of the bible – American Atheists – Vorschau

Zu deutsch: »’Sklaven, gehorcht Euren Herren!‘ – Kolosser 3,22. Diese Lektion in bronzezeitlicher Ethik wurde ihnen durch das Jahr der Bibel und das Repräsentantenhaus nahe gebracht.«

OK, das ist jetzt sehr amerikanisch, und ich musste beim ersten Anblick gleich an den furiosen Django unchained von Quentin Tarantino denken. Aber das hier ist ein Blog über Bibelauslegung, und da kann ich dieses Plakat natürlich nicht unkommentiert lassen ….

Meine biblischen Anmerkungen

1. Die inserierenden Atheisten scheinen einer »evangelikalen« Ausrichtung anzugehören, wenn sie einen Bibelvers ohne jeden Kontext und ohne jede Auslegung als universelle Handlungsanweisung verstehen. Ein schon vertrauter Vorgang.

2. Historisch-kritisch betrachtet reagiert der Kolosser – und nach ihm noch viel stärker die Pastoralbriefe – wohl auf ganz reale Hoffnungen, die sich christliche Sklaven und Sklavinnen zur Abfassungszeit des Schreibens nach der Lektüre des Philemonbriefes gemacht hatten. Dort bezeichnet Paulus den Sklaven Onesimus seinem christlichen Herrn gegenüber »nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn« (Philemon 16 EÜ).

3. Die historische Einordnung ist polemisch, aber nicht zutreffend: der Kolosserbrief ist ein Text der Antike – und seine Adressaten lebten in einer Sklavenhaltergesellschaft. Zugespitzt formuliert: eine Wirtschaft ohne Sklaverei war damals so undenkbar wie heute eine Wirtschaft ohne Geld.

3. Aber: gerade in den Regeln der Tora zu einem humanen Umgang mit Sklaven (Dtn 15,12-18 und 24,17-18), ihrer Wertung als geliebte Geschwister im Herrn (s.o.) und der Titulierung Jesu, der »für uns« zum Sklaven wurde (Phil 2, 7) lag eine ganz starke Motivation derjenigen, die die rechtliche Abschaffung der Sklaverei durchsetzen konnten. Das war in den USA übrigens 1865 – und nicht in der Bronzezeit.

4. Das Thema ist unserer Zivilisation leider viel näher, als gemeinhin angenommen wird. Auch wir Europäer haben keinen Grund, uns da moralisch aufzuplustern: erstens haben wir am Sklavenhandel kräftig mitverdient und zweitens ist es noch nicht so lange her, dass in meiner Heimat Menschen auf brutalste Weise versklavt wurden.

Mein Fazit

Klar, die Bibel ist ein Buch, das auch von Sklavenhaltern gelesen und sicher auch zitiert wurde. Aber letztendlich hat sich doch wohl eindeutig die Auslegung durchgesetzt, dass ein Buch, dessen zentrale Botschaft die Befreiung aus der Sklaverei ist (Ex 20, 2 und Dtn 5, 6), sich nicht als Legitimierung dafür eignet.

Show 1 footnote

  1. Ich weiß, eigentlich kann man Commonwealth nicht wirklich übersetzen …

Ein Gedanke zu „Die Bibel – ein Buch für Sklavenhalter?“

  1. Sklavenbesitz wurde über Jahrtausende mit dem Naturrecht begründet. Und das hat Papst Benedictus bei seiner Rede im Deutschen Bundestag auf das nachdrücklichste zu beachten gefordert hat.
    Dass in der Bibel außerdem extrem viele Auslegungsmöglichkeiten gegeben sind, wenn man sie im entsprechenden Kontext interpretiert, ist unbenommen. Deswegen streiten sich ja alle Bekenntnisse um die richtige Auslegung und den korrekten Kontext mit Zähnen und Klauen.
    Aber was will man machen? Wenn man den Atheisten die von der Bibel eindeutig geforderte Gehorsamspflicht der Sklaven (dass Sklavenhaltung völlig in Ordnung ist, ist ja unbestritten in der Bibel, das ist kaum weg zu diskutieren) gegenüber ihren Sklavenhaltern weg interpretiert, dann benutzen die Typen das gleich, um andere, viel, viel wichtigere Stellen ebenfalls zu interpretieren. Und das ist dann alles andere als lustig, deren Interpretationen wieder weg interpretieren zu müssen. Man muss natürlich nicht, aber allzu glaubwürdig ist man als Stummer Hund natürlich nicht, wenn man sich das heiligste Buch des Christentums neben dem Katechismus von Atheisten wegnehmen lässt.
    Das ist alles ein sehr zweischneidiges Schwert. Interpretiert man nicht, sinkt die Glaubwürdigkeit, macht man es doch, greifen die Gegner die Argumente auf, um die Gläubigen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

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