Als JHWH Mose töten wollte (Ex 4,21-24) V

Ich will hier eine kurze Zusammenfassung unternehmen, die in meiner Auslegung dieser schwierigen Stelle münden soll. Dabei möchte ich zunächst auf die beiden neuzeitlichen Deutungen eingehen, die beide auf der Annahme beruhen, dass der Text gleichsam unfreiwillig einen ihm zugrunde liegenden Konflikt entschleiert.  

Zu Ilana Pardes

Nach I.P. wird in dieser Erzählung eine »Bruchlinie« sichtbar, die in den monotheistischen Mainstream der Bibel ein älteres, polytheistisches Erbe einströmen lässt, von dem sie sich sonst ängstlich bewahren möchte. Aber ich kann eine Tendenz der Bibel, polytheistische Elemente auszumerzen (»stamp out«) nicht erkennen. Ich sehe im Gegenteil ein sehr unbefangenes Arbeiten der biblischen Texte mit solchen Motiven (vgl. etwa Gen 6,1-4; Ps 82!). Entscheidend ist doch wohl eher, was die Bibel aus solchen Motiven und Anregungen macht (siehe etwa die Sinfluterzählung, die eindeutig eine theologische Bearbeitung eines uralten akkadischen Mythos ist).

Zu den Parallelen im Einzelnen: Moses liegt nicht als zerstückelter Leichnam in der Kiste auf dem Nil, sondern als höchst lebendiges und sehr schönes Baby. (Hier spielt der Text übrigens mit der Geburtslegende des Sargon von Akkad, der 2340-2284 v. Chr herrschte, und absolut kein Ägypter war). Shifra und Pua sind eben nicht Hebammen bei königlichen Geburten, sondern bei hebräischen Sklavinnen – bei der Geburt des Mose sind sie gar nicht dabei – wenigstens erzählt die Tora nichts davon. Die Sache mit dem schlaffen Phallus lässt mich etwas ratlos zurück, das gibt der hebräische Text einfach nicht her.

Zu Franz Maciejewski

Für F.M. Ist die frühkindliche Beschneidung nicht nur ein ideologisch begründeter Gewaltakt an Säuglingen, sondern der eigentliche Urheber des biblischen JHWH-Glaubens.

Mir kommt allerdings vor, dass der Beitrag von Maciejewski mehr über ihn und die Psychoanalyse aussagt, als über den biblischen Monotheismus. Zur seiner These von der angeblichen Traumatisierung des Kleinkinds durch die Beschneidung möchte ich Jan Assmann zitieren: »Ich halte für Unsinn, dass die Säuglingsbeschneidung eine lebensbestimmende Traumatisierung darstellt. Kulturelle Elemente wie Riten können gar nicht traumatisieren. Die Kultur führt solche Riten nämlich nicht gewaltsam – und das heißt für mich immer: sprachlos – durch, sondern doch in einem Diskurs, der ihre Bedeutung einbettet.«

Doch gerade in den letztjährigen Debatten anlässlich der Wertung der Beschneidung als Körperverletzung durch ein deutsches Gericht fand diese Traumatisierungsthese viel Gehör. Das zeigt für mich wieder, wie aktuell das Thema der Bibelstelle aus Ex 4 ist.

Generelles Fazit

In einem sind sich die männlichen Ausleger aller Jahrhunderte einig: die in Ex 4, 21-24 geschilderte Attacke geschieht nicht durch den HERRN, sondern durch einen Engel bzw. durch Mose selbst (Maciejewski). Nur Ilana Pardes hält an JHWH als Urheber fest.

Mich beeindruckt am meisten die rabbinische Diskussion in der Mekhilta de-Rabbi Jishmael: ich meine, dass hier eine wesentliche Aussage des Textes klar zum Ausdruck kommt: die Bedeutung der Beschneidung für Israel. Dieser Auffassung sind auch Origenes und Tertullian. Die sonstigen, allegorischen Deutungen der Kirchenväter helfen hier nicht wirklich weiter.

Der Schlüssel zu der Episode scheint mir Ex 4,21-22 zu sein: »Und du sollst zu Pharao sagen: So spricht JHWH: Israel ist mein erstgeborener Sohn. Und ich sage dir: Lass meinen Sohn ziehen und er wird mir dienen. Und weigerst Du dich, ihn ziehen zu lassen – siehe, ich, ich werde deinen erstgeborenen Sohn töten.« Damit wird nicht nur die zehnte ägyptische Plage vorbereitet, sondern gleichzeitig verdeutlichen die sich unmittelbar anschließenden Verse den Ernst dieser Ankündigung. Aus dieser besonderen Beziehung JHWHs zu Israel ergibt sich das Gebot der Beschneidung.

Ich würde diesen Abschnitt daher in Kürze so auslegen: für Israel ist die Frage der Säuglingsbeschneidung eine Überlebensfrage. Und die Familie ist der Ort, der die Einhaltung dieses Gebotes möglich macht.

Der aktuelle Kommentar (2009) zum Buch Exodus von Georg Fischer und Dominik Markl vertritt eine ähnliche Deutung.

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