Als JHWH Mose töten wollte (Ex 4,21-26) II

Im zweiten Beitrag zu dem Text möchte ich zunächst einmal die klassische rabbinische Auslegung darstellen, die sich auf ihre spezielle Art dieser Herausforderung angenommen hat.

Mekhilta de-Rabbi Jishma’el

Dieser sehr alte Midrasch zum Buch Exodus wurde 2010 von Günter Stemberger ins Deutsche übersetzt und kommentiert. Der Wiener Judaist datiert die Mekhilta in die zweite Hälfte des dritten Jahrhunderts nach Chr.

Um eine dort vorgeschlagene Deutung verstehbar zu machen, muss ich noch kurz auf Ex 2, 21 eingehen, da dieser Vers als Grundlage der Auslegung herangezogen wird. Im Kontext wird erzählt, wie Mose seine Frau Zipporah, die Tochter des heidnischen Priesters von Midian (Ex 2,16) kennenlernte. Sein zukünftiger Schwiegervater lädt ihn nach Hause ein, und dann heißt es: »Da entschloss sich Mose bei dem Mann zu bleiben und er gab die Zipporah, seine Tochter, dem Mose« (Ex 2,21 MÜ)

Die Hiphil-Form des Verbes, das ich mit »sich entschließen« verdeutscht habe, leiten die Rabbinen von einem ähnlichen, anderen Verb an und verstehen es als: »schwören lassen«. Demnach lautet der Vers also: »Da schwor Mose, bei dem Mann zu bleiben und er gab die Zipporah, seine Tochter, dem Mose«. Dieses Verständnis war dem Hieronymus bekannt, dessen Vulgata den Text genauso wiedergibt: »iuravit ergo Moses quod habitaret cum eo accepitque Sefforam filiam eius«.

Vor diesem Hintergrund jetzt die Auslegung der Mekhilta: »Denn als Mose zu Jitro sagte: Gib mir deine Tochter Zippora zur Frau, sagte ihm dieser: Nimm eine Bedingung an, die ich dir sage, und ich gebe sie dir zur Frau. Er fragte: Was denn? Er antwortete ihm: Der erste Sohn, den du bekommst, soll dem Götzen gehören, alle weiteren sind für Gott. Und (Mose) nahm es an. Er sagte zu ihm: Schwöre es mir. Und er schwor es ihm, wie es heißt: und beschwor Mose. (…) Deshalb wollte der Engel zuerst Mose töten. Sofort ergriff Zippora einen Feuerstein …, da ließ er von ihm ab.« (Mekhilta, Kapitel 3, S. 236; Ü: Stemberger)

Im Anschluss an diese Auslegung brechen die miteinander diskutierenden Rabbinen in ein Lob der Beschneidung aus. Aber sie begnügen sich nicht mit dieser bisherigen Deutung, und bringen noch eine weitere: Die Erzählung handele nicht von Gerschom, dem erstgeborenen Sohn des Mose, sondern von seinem zweiten Sohn, Elieser. Weil Mose sich aus gesundheitlichen Gründen fürchtete, das eben in der Herberge geborene Kind zu beschneiden und dann gleich weiterzuziehen, schob er die Beschneidung auf. So kommt es zur folgenden Auslegung:

»Rabban Shim’on ben Gamli’el sagt: Der Engel wollte nur das Kind töten. Es heißt ja: „Ein Blutbräutigam bist du mir.“ Du musst sagen: Komm und sieh! Wer wird Bräutigam genannt: Mose oder das Kind? Du musst doch sagen: das Kind!« (Mekhilta, S. 237)

Mit anderen Worten: der Engel attackiert nicht Mose, sondern seinen unbeschnittenen Sohn – und die eigentliche Sinnspitze der Erzählung ist die Wichtigkeit der Beschneidung. Nicht einmal ein Mose hat das Recht, sie zu unterlassen! »Rabbi sagt: Groß ist die Beschneidung. Denn alle Verdienste Moses halfen ihm nicht, als er sie aufschob«. (Mekhilta, S. 237)

Mit Rabbi ist übrigens Jehuda Ha-Nasi gemeint, der Redaktor der Mischna.

Fortsetzung

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