Als JHWH Mose töten wollte (Ex 4,21-26) III

Wie haben die Kirchenväter diese schwierige Stelle ausgelegt? Zunächst einmal ganz im Sinn der Septuaginta. Nicht Gott, sondern (s)ein Engel hat Moses attackiert. Doch was haben sie darüber hinaus in dem Text gesehen?

Origenes

Der um 245 gestorbene Kirchenvater – er schrieb also noch vor der Fertigstellung der Mekhilta – nennt die Stelle in Ex 4 in seinem Hauptwerk, dem leider nicht vollständig und auch nicht durchgehend im Original erhalten gebliebenen Peri archon – den vier Büchern Von den Prinzipien.

Das zweite Kapitel des dritten Buches war nach den Aufzeichnungen des Konstantinopolitanischen Patriarchen Photius († um 890 n. Chr.), der in seiner Bibliotheca die griechischen Überschriften der Kapitel gesammelt hatte, folgendermaßen überschrieben: »Wie der Teufel und die feindlichen Mächte nach Aussage der Schrift gegen das Menschengeschlecht zu Felde ziehen«. (S. 561, Ü: Herwig Görgemanns und Heinrich Karp).

Unter dieser Überschrift merkt er unter anderem an: »Sodann ist auch zu untersuchen, (wer der Engel ist), von dem im Buche Exodus steht, er habe Mose töten wollen, weil er im Begriffe war, nach Ägypten zurückzukehren« (ebenda).

Dieser erste Deutungsversuch des Origenes findet sich bereits im Buch der Jubiläen, ich habe den entsprechenden Abschnitt bereits zitiert. Eine andere Deutung unternimmt Origenes in seinem Kommentar zum Römerbrief: in Buch 2,13 findet sich ein umfangreicher Exkurs zum Thema Beschneidung. Unter anderem erörtert Origenes hier die paulinische Fragestellung, warum Heiden nicht beschnitten werden sollen, wenn sie an Christus glauben. Hinter seiner Argumentation stehen erkennbar Diskussionen, die er mit zeigenössischen jüdischen Menschen geführt haben muss. Dabei fällt der Satz: »Die Beschneidung ist jedoch so sehr das bekannte Wahrzeichen dieses und keines anderen Volkes, dass nach den alten geschichtlichen Berichten nie ein Fremder ihretwegen getadelt wurde. Eine Ausnahme ist nur der Sohn des Mose, dessen Mutter Zippora mit der Beschneidung des Sohnes den Angriff des Engels abwehrte, der mit dem Tod drohte.« (S. 277/279; Ü: Sr. Theresia Heither OSB)

Ich vermute, dass Origenes mit der »Ausnahme« den Umstand meint, dass Zipporah die Tochter eines heidnischen Priesters war. Aber auch für ihn geht es bei dieser Auslegung der Erzählung um die Beschneidung.

Tertullian

Der um 220 n. Chr. verstorbene Kirchenvater der lateinischen Tradition legt ausgerechnet in seiner antijudaistischen Schrift »Gegen die Juden« unsere Exodus-Stelle ebenfalls als Unterstreichung der Wichtigkeit der Beschneidung aus: Gott habe so deutlich machen wollen, dass er für sein Beschneidungsgebot zur Zeit des Alten Testaments keine Ausnahmen dulden würde: »Darum drängte er dazu, dass der Sohn des Moses, des künftigen Anführers, beschnitten werde, damit das Volk, wenn ihm durch Moses das Gesetz der Beschneidung würde gegeben werden, es dieselbe nicht verachte, sondern das Beispiel davon bereits am Sohne seines Anführers gegeben sähe.« (Adversos Iudaeos 3)

Doch diese Deutung hielt ihn nicht davon ab, gegen die Beschneidung nach dem Kommen Christi zu polemisieren.

Weitere Väter

Wirklich weiterführende Auslegungen scheinen sich in der Väterliteratur ansonsten nicht zu finden. Die bereits erwähnte, profunde Kennerin, Sr. Theresia Heither zählt im 2002 erschienenen Band 33/4 des neuen Stuttgarter Kommentars Altes Testament (»Das Buch Exodus bei den Kirchenvätern«) außer Origenes folgende Varianten auf (S.93):

  • Gott will Mose durch die Furcht vor dem mächtigen Gott die Furcht vor dem Pharao nehmen (Theodoret)
  • Mose soll verstehen: Nur Gott kann vor dem Tod erretten, er tut es, wenn er das Blut der Beschneidung als Opferblut annimmt (Cyrill von Alexandrien)
  • Mose sollte seine Frau nicht mitnehmen nach Ägypten (Cäsarius von Arles)

Hugo de St. Victor

Ich schließe meinen Überblick mit dem Victoriner († 1141). In seinem Hauptwerk »De sacramentis christianae fidei«, das Peter Knauer SJ 2009 in einer bemerkenswert guten Übersetzung ins Deutsche übertragen hat, liest man im Zwölften Teil des ersten Buches folgende Aussagen: Sephora (die lateinische Form von Zipporah) sei von einem Engel erschreckt worden und habe daher ihren Sohn in aller Eile mit einem scharfen Stein beschnitten. (Als guter Schriftkenner verweist Hugo in diesem Zusamenhang auf Jos 5,2-8). Möglicherweise spielt Hugo mit den Ausdrücken »Eile« und »Zagen« auf die von den Rabbinen bezeugte Auslegung an, die ich hier als zweite Variante der Mekhilta vorgestellt habe.

Fortsetzung

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