Paulus und der Fluch des Gesetzes

Im dritten Kapitel des Galaterbriefes spricht Paulus davon, dass alle, die aus den Werken des Gesetzes sind, unter dem Fluch sind (Ὅσοι γὰρ ἐξ ἔργων νόμου εἰσίν, ὑπὸ κατάραν εἰσίν) und beruft sich dabei auf Dtn 27,26: Denn es ist geschrieben: Verflucht ist jeder, der sich nicht treu an alles Geschriebene hält in dem Buch des Gesetzes, um es zu tun. (Γέγραπται γὰρ ὅτι ἐπικατάρατος πᾶς ὃς οὐκ ἐμμένει πᾶσιν τοῖς γεγραμμένοις ἐν τῷ βιβλίῳ τοῦ νόμου τοῦ ποιῆσαι αὐτά. Gal 3,10) Und zwei Verse weiter spricht er davon, dass der Messias uns losgekauft hat aus dem Fluch des Gesetzes, indem er für uns zum Fluch wurde. (Χριστὸς ἡμᾶς ἐξηγόρασεν ἐκ τῆς κατάρας τοῦ νόμου γενόμενος ὑπὲρ ἡμῶν κατάρα). Diese kühne Dialektik wird wieder durch ein Zitat aus dem Deuteronomium (Dtn 21,23) erläutert: Denn es ist geschrieben: Verflucht ist jeder, der auf dem Holz aufgehängt ist (Ὅτι γέγραπται· ἐπικατάρατος πᾶς ὁ κρεμάμενος ἐπὶ ξύλου. Gal 3,13)

Der Apostel bezieht sich durch sein Zitat unmittelbar auf die Fluch-Androhungen in Dtn 27,15-26, doch ein Blick in die gesamte Torah zeigt noch mehr solcher Fluchandrohungen für die Übertretung des Bundes mit dem HERRN: Dtn 28,15-68 und Lev 26,14-39. Zunächst einmal ist darauf hinzuweisen, was Franz Mußner in seinem Kommentar zum Galaterbrief über die Aussagen des Apostels schrieb:

Niemals sagt der Apostel – und dies bedenke man wohl –: Gott hat sein Volk Israel verflucht (vgl. nur Röm 9-11), was der christliche Antisemitismus in seiner Selbstgerechtigkeit gern hören würde. (…) Luz bemerkt richtig: „Nicht das Tun des Gesetzes an sich steht hier unter dem Fluch, sondern erst das Nicht-in-ihm-Bleiben“, also das Nicht-Tun. 1

Doch als Mußner 1973 an der ersten Auflage seines Kommentars schrieb, bahnten sich in der alttestamentlichen Forschung neue Einsichten an, die diese Fluch-Passagen der Tora in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen.

Die Entdeckung der VTE

Diese Einsichten hängen mit der archäologischen Entdeckung der VTE zusammen. VTE ist die Abkürzung für Vasall Treaty of Esarhaddon – also Asarhaddons Vasallenvertrag. Der assyrische Herrscher regierte von 680-669 v. Chr. Die entsprechenden Eide, die unterworfene Völker Loyalität zu seinem Thronfolger schwören ließen, wurden 1955 in fragmentarischer Form im Irak entdeckt und 1958 durch Donald J. Wiseman publiziert. Auf ihn geht die Bezeichnung VTE zurück – die heute umstritten ist, aber hier beibehalten wird, weil sie in der gegenwärtigen Forschung weiterhin verwendet wird. Präziser wäre die Abkürzung EST – Esarhaddon’s succession treaty – Vertrag zu Asarhaddons Nachfolge.

1961 schrieb Rykle Borger, dass eine konkrete Formulierung des Deuteronomiums von einem solchen assyrischen Vertragstext übernommen sein könnte. Doch es war Moshe Weinfeld, der 1965 eine systematische Untersuchung zu Parallelen zwischen dem VTE und dem Deuteronomium publizierte, die er 1972 in seinem Buch Deuteronomy and the Deuteronomic School weiter ausführte. Er sah in den VTE eine klare Vorlage für viele Formulierungen des Deuteronomiums. Etwas zeitgleich publizierte auch Rintje Frankena in dieselbe Richtung.

Mittlerweile waren weitere Exemplare des Textes gefunden worden2, zuletzt 2009 in Tell Tayinat, im Gebiet der heutigen Türkei, nahe der Grenze zum heutigen Syrien. Diese Funde sprechen dafür, dass der Text im assyrischen Reich bekannt war und judäischen Schreibern vertraut sein konnte. Doch dass Parallelen zu den Fluchlisten unabweisbar sind, zeigt ein genauerer Blick in die Texte.

VTE und Dtn

Ich will hier kurz einige Parallelen zwischen den beiden Text-Corpora aufzeigen, die in der bisherigen Forschung gesammelt worden sind. Aus urheberrechtlichen Gründen übersetze ich hier die Fassung des VTE nach der Übertragung ins Englische durch Nicholas Polk, die er in seiner Dissertation 2020 veröffentlicht hat. Der Text des Deuteronomiums folgt der Elberfelder Übersetzung.

VTE 57ff.: Das Wort Asarhaddons, des Königs von Assur, dürft ihr nicht umstellen oder ändern. (…) Ihr müsst auf Assurbanipal hören. Dtn 13,1: Das ganze Wort, das ich euch gebiete, das sollt ihr bewahren, um es zu tun. Du sollst zu ihm nichts hinzufügen und nichts von ihm wegnehmen.
VTE 108-122: Wenn Du irgendein schlechtes, unvorteilhaftes oder unpassendes Word in Bezug auf Assurbanipal hörst (…) sei es aus dem Mund deiner Brüder, deiner Söhne, deiner Töchter, sei es aus dem Mund eines Orakel-Priesters, eines Ekstatikers oder Wahrsagers, sei es von irgendeinem menschlichen Wesen — so viele es davon gibt — dann darfst du es nicht verbergen, sondern musst kommen und es Assurbanipal sagen. Dtn 13,2-4:
Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufsteht oder einer, der Träume hat, und er gibt dir ein Zeichen oder ein Wunder, und das Zeichen oder das Wunder trifft ein, von dem er zu dir geredet hat, indem er sagte: »Lass uns anderen Göttern – die du nicht gekannt hast – nachlaufen und ihnen dienen!«, dann sollst du nicht auf die Worte dieses Propheten hören oder auf den, der die Träume hat. (…) Wenn dein Bruder, der Sohn deiner Mutter, oder dein Sohn oder deine Tochter oder die Frau an deinem Busen oder dein Freund, der dir wie dein Leben ist, dich heimlich verführt, indem er sagt: Lass uns gehen und anderen Göttern dienen! – die du nicht gekannt hast, <weder> du noch deine Väter, von den Göttern der Völker, die rings um euch her sind, nahe bei dir oder fern von dir, von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde –, dann darfst du ihm nicht zu Willen sein, und du sollst seinetwegen nicht betrübt sein, nicht auf ihn hören und nicht schonen noch Mitleid <mit ihm> haben, noch ihn decken; sondern du sollst ihn unbedingt umbringen.3

Die Fluchbestimmungen aus Dtn 28 und Asarhaddons Loyalitätsvertrag

Kommen wir zu den Fluchbestimmungen, die VTE vorsieht, falls der Vertrag nicht eingehalten werden sollte.

VTE 528-532: Die Götter mögen euren Boden wie Eisen machen, so dass niemand ihn pflügen kann. So wie Regen nicht von einem Himmel von Messing fällt, so mögen Regen und Tau nicht auf eure Felder und Wiesen kommen. Dtn 28,23: Und dein Himmel, der über deinem Haupt ist, wird Erz sein, und die Erde, die unter dir ist, Eisen.
VTE 532-533: Anstelle von Regen möge Glut auf dein Land herabregnen. Dtn 28,24: Der HERR wird den Regen deines Landes zu Staub und Sand machen. Vom Himmel wird es auf dich herabkommen, bis du umgekommen bist.
VTE 534-535: So wie Blei dem Feuer nicht standhält, mögest du vor deinem Feind nicht standhalten. Dtn 28,25: Der HERR wird dich geschlagen vor deinen Feinden dahingeben. Auf einem Weg wirst du gegen sie ausziehen, und auf sieben Wegen wirst du vor ihnen fliehen.
VTE 425-427: Möge Ninurta, der vornehmste der Götter, dich mit seinem fürchterlichen Bogen fällen. Möge er die Steppe mit deinem Blut füllen. Möge er dein Fleisch dem Schakal und dem Adler verfüttern. Dtn 28,26: Und deine Leiche wird allen Vögeln des Himmels und den Tieren der Erde zum Fraß werden, und niemand wird sie wegscheuchen.
VTE 419-421: Möge Sin, die Leuchte von Himmel und Erde, dich mit Aussatz bekleiden. Möge er ein Dekret gegen dich verhängen, dass du nicht in die Gegenwart der Götter und des Königs treten darfst. Streune durch die Steppe wie der Wildesel und die Gazelle. Dtn 28,27: Der HERR wird dich schlagen mit den Geschwüren Ägyptens und mit Beulen und mit Krätze und mit Grind, dass du nicht <mehr> geheilt werden kannst.
VTE 422-424: Möge Schamasch, das Licht des Himmels und der Erde, dich nicht mit einem gerechten Urteil richten. Möge er dein Augenlicht wegnehmen. Geh in Finsternis! Dtn 28,28-29: Der HERR wird dich schlagen mit Wahnsinn und mit Blindheit und mit Geistesverwirrung. Und du wirst am Mittag umhertappen, wie der Blinde im Finstern tappt, und du wirst keinen Erfolg haben auf deinen Wegen. Und du wirst alle Tage nur unterdrückt und beraubt sein, und da wird kein Retter sein.
VTE 428-430: Möge Dilbat (Venus), die Strahlende unter den Sternen, deine Frauen vor deinem Angesicht im Schoß deines Feindes liegen lassen. Mögen deine Söhne dein Haus nicht besitzen. Möge ein fremder Feind deine Besitztümer aufteilen. Dtn 28,30-31: Eine Frau wirst du dir verloben, aber ein anderer Mann wird mit ihr schlafen. Ein Haus wirst du bauen, aber nicht darin wohnen. Einen Weinberg wirst du pflanzen, aber du wirst ihn nicht nutzen. Dein Rind wird vor deinen Augen geschlachtet, und du wirst nicht davon essen. Dein Esel wird vor deinem Gesicht geraubt und nicht zu dir zurückkehren. Deine Schafe werden deinen Feinden gegeben, und du wirst keinen Retter haben.

Auffällig ist die Reihenfolge der angerufenen Götter in VTE und der mit ihnen verbundenen Plagen:
Mondgott Sin: Hautkrankheiten
Sonnengott Shamash: Blindheit (und Rechtslosigkeit)
Kriegsgott Ninurta: Aussetzung der Erschlagenen
Himmelskönigin Inanna/Ishtar (Venus): Verlust der Frau(en), vertriebener Nachwuchs, Plünderung durch Fremdbesatzung

Bernard M. Levinson hat dazu 2020 geschrieben:

Als eigenständige Einheit gelesen, oder im Kontext der hebräischen Bibel als Ganzer, erscheint die Abfolge in Dtn 28,27-35 zufällig zu sein. Es gibt keine biblischen Parallelen, die diese Anordnung erklären könnten. Weinfeld hat dagegen gezeigt, dass die Abfolge der Flüche in VTE §§ 39-42 (Zeilen 419-430) bezeugt ist, wo die Logik der Anordnung sofort klar ist: die Anordnung folgt der spezifischen Hierarchie des Neo-Assyrischen Pantheons.4

Der hohe Grad der Übereinstimmung beider Texte hat Eckart Otto sogar dazu geführt, von einer Übersetzung der VTE durch das Deuteronomium zu sprechen:

Die Texte Dtn 13,2-10*; 28,15*. 20-44* sind Übersetzungen aus den VTE, die zusammengefügt eine literarische Einheit der Gattung des Loyalitätseides ergeben.5

Konsequenzen

Was folgt aus all dem? Der „Fluch des Gesetzes“ ist das Ergebnis einer „subversiven Rezeption neuassyrischer Vasallenvertragstheologie“ (Konrad Schmid)6 Die judäischen Schreiber übernahmen Elemente des assyrischen Vertragstextes, tilgten die assyrischen Götternamen und setzten an Stelle des Großkönigs den HERRN ein, um zu demonstrieren, dass das Heil und die Zukunft Israels nicht bei menschlichen Herrschern, sondern im Bund des Volkes mit seinem Gott liegt.

Natürlich konnte Paulus von diesem Hintergrund nichts wissen. Sehr wohl aber die neutestamentliche Exegese, die diesem Ergebnis alttestamentlicher Forschung bisher eher aus dem Weg gegangen zu sein scheint. So etwa N.T. Wright, der in seinem epochalen Werk „Paul and the faithfulness of God“ (2013) diesen Zusammenhang nicht erwähnt und auch keine entsprechende Literatur zitiert. Das ist erstaunlich bei einem Autor, der sonst alles gelesen und zitiert hat, was zu seinen Themen wichtig ist.

Ich meine, dass eine heutige Auslegung der Fluchlisten an diesen Erkenntnissen nicht vorüber gehen kann – auch nicht in ihrer neutestamentlichen Auslegung durch den Apostel. Ich bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis sich die christliche Rede vom „Fluch des Gesetzes“ dieser historischen Hintergründe bewusst wird.

Fußnoten


  1. Der Galaterbrief (⁵1988), S. 325-326
  2. Vgl. Nicholas Polk, Deuteronomy and treaty texts: a critical reexamination of Deuteronomy 13, 17, 27, and 28 (2000) S. 211: Vor dem Fund von Tell Tayinat waren zehn unterscheidbare Kopien bekannt, von denen neun in Ninive und einer in Assur gefunden wurden.
  3. LXX und SamPent lesen: unbedingt anzeigen
  4. Maarav 24,1-2 (2020), S. 40 (MÜ)
  5. Das Deuteronomium (1999) S. 68 f. Laut Konrad Schmid (Literaturgeschichte des AT (2008) S. 106) eine „überzogene These“.
  6. ebenda

4 Gedanken zu „Paulus und der Fluch des Gesetzes“

    1. Zeigen Sie mir eine Handschrift mit einem Text des Dtn aus dem 7. Jh.
      Warum sollte ein assyrischer Großkönig auf einen judäischen Text zurückgreifen?
      Und was für ein Gottesbild wird vermittelt – wenn Dtn die Vorlage gewesen sein sollte?

  1. Die Passage bei Paulus ist etwas seltsam, da ja die Flüche in Deut alle innerweltliches Übel ankündigen, während der Fluch, von dem uns Christus befreit hat, der Verlust des ewigen Lebens bei Gott ist. Paulus ging es offenbar gar nicht um die ganzen Flüche im einzelnen, sondern nur um das Prinzip. Er mußte diese Stelle nutzen, um sie mit dem Fluch auf demjenigen, der am Holz hängt, zu verknüpfen, was einer pharisäischen Auslegungsmethode entspricht, die in Gal 3 noch mehrfach angewendet wird. Der Bezug zu Asarhaddon ist dann eigentlich nicht mehr so wichtig.

    1. Für mich ist diese Auslegung auch im Kontext von sehr eigenwilligen Deutungen der Tora, die für den Apostel typisch zu sein scheinen, zu sehen: die im Widerspruch zum Wortsinn stehende Auslegung von Dtn 30,11-14 in Röm 10,6 ff. oder die mir völlig unverständliche Allegorese in Gal 4,24 ff.

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