Deine Zeit (Seeed)

Als ich den Song das erstemal hörte und sah, hat es mich ziemlich gerissen – das Lied ist voller biblischer Anspielungen und Assoziationen.

Text

Ich zähle die wichtigsten auf: Paradies – Milch und Honig fließen – warten, dass der Messias kommt – keiner kommt und teilt das Meer – diese Zeit ist deine Zeit

Zum Paradies (das nicht in der hebräischen Bibel, aber in der LXX vorkommt) und dem Land, in dem Milch und Honig fließen (Ex 3,8 u.ö.) muss ich wohl nicht viel sagen – Bilder für Erlösung und Befreiung. Die Erwartung, dass der Messias kommt (Joh 4,25) – oder einer, der das Meer teilt (Ex 14,16 ff.) bedürfen ebenfalls keiner großen Erörterung. Dass es jetzt an der Zeit – an meiner Zeit ist, obwohl ich mich nicht bereit fühle, klingt ebenfalls vertraut nach dem biblischen καιρὸς (kairòs – 2 Kor 6,2) – ohne damit naiv endzeitlichen Erwartungen zu fröhnen (Lk 21,8).

Video

Diese Nähe zu biblischen und messianischen Bildern und Vorstellungen wird durch das Video noch verstärkt, das in Chemnitz aufgenommen wurde, der ehemaligen Karl-Marx-Stadt: der wuchtige Kopf des Denkmals beherrscht die Szene, überragt sie. Nach Erich Fromm war „Marx Sozialismus der säkulare Ausdruck eines prophetischen Messianismus“.

Damit will ich dieses Lied und seine Aussage nicht „taufen“ oder für einen Kirchentag eingemeinden. Wenn ich es richtig verstehe, greift es die biblischen Hoffnungsbilder auf, um sie in die Verantwortung des Menschen zu legen. Kein Messias – und niemand der das Meer teilt. Klare Sache.

Und dann

Und trotzdem rührt das Musik-Video etwas in mir an. Als Katholik höre ich es – und denke mir: Das Meer wurde schon geteilt – und der Messias ist bereits gekommen. Vor kurzem noch hieß es in der Liturgie der Osternacht:

Missale Romanum Deutsches Messbuch
Deus, cuius antiqua miracula Gott, deine uralten Wunder
étiam nostris temporibus coruscare sentimus leuchten noch in unseren Tagen 1

Sogar dem leeren Turm kann ich etwas abgewinnen – er muss nicht besetzt sein, um Sicherheit zu gewähren (vgl. Spr 18,10; Ps 61,4). 2 Wie auch immer. Ich kann gut verstehen, dass es dieser Song bis heute auf mehr als zweinhalb Millionen Aufrufe gebracht hat.


  1. Wörtlich: Gott, dessen uralte Wunder wir auch in unseren Zeiten als leuchtend erfahren.

  2. Kleine kritische Anmerkungen: Türme können nicht im Schach stehen …

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