Ein jedermann sei untertan der Trump-Administration?

Eine aktuelle Bibelauslegung durch den US-amerikanischen Justizminister Jeff Sessions: Weil die Vorgangsweise seiner Regierung, mehr als 650 illegale Immigranten von ihren Kindern zu trennen, heftige Kritik hervorgerufen hatte, berief sich der Minister auf den Apostel Paulus.

I would cite you to the Apostle Paul and his clear and wise command in Romans 13, to obey the laws of the government because God has ordained them for the purpose of order. Orderly and lawful processes are good in themselves and protect the weak and lawful.

Diese Auslegung ist in mehrfacher Hinsicht seltsam, hier in Kürze ein paar Anmerkungen:

In Kürze

  • Der Ausdruck „Gesetze der Regierung“ kommt bei Paulus überhaupt nicht vor.
  • Was Paulus konkret erwähnt, sind Steuern und Zölle, die zu entrichten sind. (Röm 13,7)
  • Paulus war selber mehrfach inhaftiert, was zeigt, dass er sich nicht allen Bestimmungen der damaligen Machthaber gebeugt hat. (2 Kor 11,23; Phil 1,7; Philemon 1,1, Apg 16,19 ff.)
  • Die damalige Obrigkeit hat Paulus letztendlich hinrichten lassen.

Von der amerikanischen Auslegungsgeschichte her wirft die Verwendung dieser Stelle durch Sessions ebenfalls Fragen auf:

Er stellt sich mit seiner Auslegung damit bewusst gegen die grundlegenden Prinzipien seines eigenen Landes – und in eine rassistische Tradition aus den Südstaaten.

Ausführlicher

Der erste Satz des Abschnitts in Röm 13 lautet auf Griechisch:
Πᾶσα ψυχὴ ἐξουσίαις ὑπερεχούσαις ὑποτασσέσθω. οὐ γὰρ ἔστιν ἐξουσία εἰ μὴ ὑπὸ θεοῦ, αἱ δὲ οὖσαι ὑπὸ θεοῦ τεταγμέναι εἰσίν. (Röm 13,1; NA XXVIII)

Jede Seele soll sich den übergeordneten exusías unterwerfen. Denn es gibt keine exusía außer von Gott, aber die, die es gibt, sind von Gott angestellt. (MÜ)

Das Wort ἐξουσία (exusía) hat im Griechischen ein breites Bedeutungsspektrum. Von Jesus heisst es am Ende der Bergpredigt, dass er wie einer lehrte, der exusía hatte (Mt 7,28). Damit meinte Matthäus aber nicht, dass Jesus wie ein Regierungsmitglied sprach.

Paulus spricht in 2 Kor 13,10 von der exusía, die ihm der Herr gegeben hat, übrigens eine exusía zum Aufbauen, nicht zum Zerstören. Der Apostel meint hier ebenfalls kein Regierungsamt.

In Bauers Wörterbuch zum NT werden zu exusía folgende Bedeutungen genannt:

  • die Freiheit, das Recht zu Handeln
  • die Fähigkeit, das Vermögen, die Macht, die Gewalt zu handeln
  • die Autorität, die Machtvollkommenheit, die Vollmacht, die Befugnis
  • die Herrschergewalt, die Amtsgewalt
  • Machthaber, Beamte, Obrigkeit, Behörde
  • Gewalthaber und Funktionäre des Geisterreiches
  • Umstritten ist die Bedeutung in 1 Kor 11,10

Dass die Auslegung von Röm 13,1-7 bereits in der frühen Kirche Fragen aufwarf, bestätigt bereits Irenäus, ab 178 Bischof von Lyon.

Langer Rede, kurzer Sinn: Sessions liest in diesen Abschnitt bei Paulus etwas hinein, was dort gar nicht steht. Die Tea-Party sollte – wie schon besprochen – besser die Finger von der Bibel lassen. Eine haarsträubende Vorgangsweise stattlicher Behörden hier quasi als göttliches Gebot gegen Kritik immunisieren zu wollen – das kann nicht funktionieren.

Ein Gedanke zu „Ein jedermann sei untertan der Trump-Administration?“

  1. „Ein jedermann sei untertan der Trump-Administration?“
    Die Bibelstelle in Römer 13,1-7 wurde schon benutzt, um den Widerstand gegen Hitler und die Nazis zu unterdrücken: Was? Sie stellen sich gegen die Anweisungen des Führers? Aber Sie sollen doch der Obrigkeit untertan sein. Sie wollen sich doch nicht gegen Gottes Wort stellen?
    Gegen Gottes Wort? Nein. Gegen Gottes Volk, die Juden? Ebenfalls nein.
    Die weltliche Autorität, die „Obrigkeit“, wurde von Gott eingesetzt, um die Menschen vor dem Tun böser Menschen zu schützen. Sie hat eine klare, von Gott vorgegebene Aufgabe. Wenn aber die „Obrigkeit“ selbst böse ist, erfüllt sie ihre von Gott gegebene Aufgabe nicht. Wer mit dieser Bibelstelle argumentiert und seine Autorität von Gott herleitet, muss zwingend anerkennen: „Die Obrigkeit ist Gottes Dienerin.“ Auch das steht in diesem Kapitel der Bibel (Römer 13,4).
    Gott ist die eine Autorität über allen anderen Autoritäten. Gott gibt vor, nach welchen Prinzipien die Menschen – auch die Könige, Regierungen, Präsidenten, Generäle, Führer etc. – leben und ihr Amt ausüben sollen. So, wie ein Bürger die irdische Gerichtsbarkeit fürchten muss, wenn er das Gesetz übertritt, so muss auch ein König, Präsident, Führer, General etc. Gottes Gericht fürchten, wenn er nicht nach dessen Regeln handelt. So manch ein König im alten Israel hat genau das erlebt.
    Wer sein Amt von Gott her legitimiert, muss sich auch unter Gottes Autorität stellen.

    Und: Gott verleiht Autorität immer für diesen einen Zweck: zum Dienen.
    „Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Matth. 20, 25-28)
    „Der Größte unter euch soll euer Diener sein.“ (Matth. 23,11) “

    Autoritäten wurden von Gott zum Wohl des Volkes eingesetzt. Sie sollen dem Volk dienen und es vor dem Bösen schützen. (Das sollte sich übrigens auch so manch ein Ehemann und Vater im Hinblick auf sein Verhalten gegenüber seiner Frau und seinen Kindern hinter die Ohren schreiben.) Ursprünglich waren die Menschen nur Gott direkt unterstellt. In Israel gab es zunächst nur Priester und Propheten. Israel erhielt nur deshalb einen König, weil die Menschen das unbedingt wollten (1. Samuel 8). Gott war nicht begeistert von diesem Wunsch. Und nach Gottes Willen ist Leiterschaft immer eine Dienerschaft, im Idealfall mit der Bereitschaft, sein Leben „für die Schafe“ zu lassen. Solch einer Leiterschaft sollte und kann man bereitwillig folgen. Und ein Leiter, der im Geiste Gottes dient, lässt sich gerne korrigieren, wenn er Fehler gemacht oder eine Situation falsch eingeschätzt hat. Denn er herrscht nicht. Er schützt, fördert, versorgt, unterstützt. Kurz: er dient.

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