Auf nach Kappadozien!

Eine zunächst rätselhafte Geschichte aus dem Midrasch Bereschit Rabba, die dort anlässlich von Jakobs Traum mit der Himmelsleiter (Gen 28) erzählt wird. Hier erst einmal der Text (nach dieser Quelle):


יב
אמר ר‘ אבהו: דברי חלומות לא מעלין ולא מורידין
חד בר נש אזל לגבי רבי יוסי בר חלפתא
אמר ליה חמית בחלמי, אמרין לי: אזל סב פועליא דאבוך מן קפודקיא
אמר לו ואזל אבוך לקפודקיא מן יומיה
אמר לו לא
אמר לו זיל מני כ‘ שריי בכרסא דביתך את משכח ליה
אמר לו לית בהון כ
אמר לו: ואי לית בהון כ‘ מני מן ראשיהון לסופיהון, ומן סופיהון לראשיהון ואת משכח
אזל מנא ואשכח כן
ומנין יליף לה ר‘ יוסי בר חלפתא מן קפודקיא
תני בר קפרא: לית חלום שאין לו פתרון

Meine Übersetzung:
Gen 28,12:
»Und er träumte, und siehe eine Leiter.«
Rabbi Abbahu sagte: Die Worte der Träume erheben nicht und setzen nicht herab.
Ein Mensch ging zu Rabbi Jose bar Chalafta.
Er sagte zu ihm: Bar Chalafta, in meinem Traum war es, dass man zu mir sprach: Geh, übernimm den Verdienst deines Vaters von Kappadozien.
Er sagte zu ihm: Und ist dein Vater (jemals) in seinem Leben nach Kappadozien gegangen?
Er antwortete ihm: Nein!
Er sagte zu ihm: Geh, zähle zwanzig Balken in der inneren Kammer deines Hauses und du wirst es finden in ihm.
Er antwortete: Es gibt keine zwanzig von ihnen!
Er sagte: Und wenn es keine zwanzig von ihnen gibt, (dann) zähle von ihrem ersten bis zu ihrem letzten, und von ihrem letzten bis zu ihrem ersten und du wirst es finden.
Er ging hin, zählte und fand es wirklich.
Und woher wusste Rabbi Jose bar Chalafta das? Von Kappadozien.
Bar Qappara hat gelehrt: Es gibt keinen Traum, der keine Deutung hat.

Auslegung:

Woher wusste Rabbi Jose die Lösung? Von Kappadozien. Hinter dieser Erzählung steht ein griechisches Wortspiel, das offensichtlich so geläufig war, das es in unserem aramäisch geschriebenen Text nicht extra erklärt werden musste. Wenn man das griechische Wort Kappadokía (Καππαδοκία) in die zwei Begriffe káppa und dokós zerlegt 1, so erhält man den zehnten Buchstaben des griechischen Alphabets, das Kappa, und den (Deck)Balken. Der Zahlwert des Buchstabens Kappa wiederum beträgt zwanzig.

Als Illustration hier noch die Grabinschrift des Jakob von Kappadozien und seiner Frau Acholia:

Grabinschrift des Kappadoziers Jakob und seiner Frau Acholia.
Grabinschrift des Kappadoziers Jakob und seiner Frau Acholia.

Der Text lautet:

Τόπος
Εἰακω(β) Καπ(π)άδοκος
καὶ Ἀχολι
ας συνβίου αὐ
τοῦ καὶ Ἀστε
ρίου.

Zu deutsch: Grab Jakobs, des Kappadoziers und der Acholia, seiner Frau und des Asterios. 2

Die Idee zu diesem Artikel verdanke ich Galit Hasan-Roken und ihrem Beitrag »Multilingual Puns in Rabbinic Literature« 3

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  1. Kappádokos ist der Genitiv Singular des Wortes Kappadozier – des Bewohners von Kappadozien.
  2. Quelle: PEQ XXV von 1893, S. 290.
  3. In: The Cambridge Companion to the Talmud, S. 222-239

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