Die Hornissen kommen – oder doch nicht?

In Ex 23,28 heißt es: Und ich werde die Hornissen senden vor dir her, dass sie vor dir austreiben den Chiwi und Kenaani und Chitti. (Ü: Leopold Zunz) In der EÜ oder bei Luther 1984 werden Sie die Hornisse allerdings nicht finden, und sogar in der Elberfelder kommt sie nur als Fußnote vor. Das wiederum hat etwas mit Augustinus zu tun.

In seinen Quaestiones in Heptateuchum  schreibt der Kirchenvater zu diesem Vers:

Augustinus

Et mittam vespas ante te, et eiiciet Amorrhaeos, Evaeos, Chananaeos, et Chettaeos a te. Quaeritur de his vespis quid intellegendum sit. Nam et promittit hoc Deus, et liber Sapientiae dicit impletum, ubi ait: Et misit antecessores exercitus sui vespas (Sap XII,8). Non autem legimus factum, neque Moysi temporibus, neque sub Iesu Nave, neque sub iudicibus, neque sub regibus. Ac per hoc vespae istae aculei timoris intellegendi sunt fortasse, quibus agitabantur memoratae gentes, ut cederent filiis Israel. Deus enim loquitur, in cuius sermone si figurate aliquid dicatur, quod ad proprietatem non sit impletum, non impedit historiae fidem, in qua perspicitur veritas narrationis. Sicut nec Evangelistarum narratio secundum proprietatem impeditur, si aliquid a Christo dicitur figurate. (Quaest. in Ex. XCIII)

Und ich werde Wespen 1 vor dir hersenden, und sie werden die Amoräer, Kanaaniter und Hetiter vor dir vertreiben. Es erhebt sich die Frage, was unter diesen Wespen zu verstehen ist. Denn Gott hat dies sowohl versprochen, als auch erfüllt, wie das Buch der Weisheit sagt, wo es heißt: Und er sandte als Vorläufer seines Heeres die Wespen (Weish 12,8). Aber wir lesen nicht, dass sich das ereignet hat – weder zur Zeit des Mose, noch unter Jesus Nave 2 noch unter den Richtern, noch unter den Königen. Daher sind vielleicht unter dieser »Wespe« die Stacheln der Furcht zu verstehen, von denen die erwähnten Völker gequält wurden, als sie den Söhnen Israels weichen mussten. Denn Gott spricht: sollte in seiner bildlichen / übertragenen Ausdrucksweise etwas gesagt werden, das im eigentlichen/ wörtlichen Sinn nicht erfüllt wurde, dann verhindert das nicht die Zuverlässigkeit der Geschichte, durch die hindurch die Wahrheit der Erzählung gesehen wird. So wie die Erzählung der Evangelisten gemäß dem eigentlichen/wörtlichen Sinn nicht verhindert wird, wenn von Christus etwas bildlich/ im übertragenen Sinn gesagt wird. (MÜ)

Konsequenz

Ganz in diesem Sinn hat die EÜ: »Ich lasse vor dir Panik ausbrechen; sie wird die Hiwiter, Kanaaniter und Hetiter vor dir hertreiben.« Luther 1984: »Ich will Angst und Schrecken vor dir her senden, die vor dir her vertreiben die Hiwiter, Kanaaniter und Hetiter.«

Augustinus weiß also, dass die Schrift Ereignisse berichtet, die so nicht stattgefunden haben – und trotzdem ist ihre Erzählung wahr. Aber die Wahrheit liegt nicht in der Reportage. Gerade im Zusammenhang mit den oben genannten Völkern ein wichtiger Befund.

Fortsetzung

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  1. Hieronymus wird crabrones = Hornissen übersetzen, was dem Hebräischen צִרְעָה entspricht. Das von LXX gebrauchte griechische Wort σφήξ kann sowohl Wespe als auch Hornisse bedeuten.
  2. So heißt Josua, der Sohn Nuns in der LXX und damit in der von Augustinus verwendeten Vetus Latina Ausgabe der Bibel.

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