Der Begriff des Autors III

Der bedeutendste Arbeiter am Bibeltext in der Antike war Origenes († nach 251). Seine 50-Bändige (!) Hexapla war der erste Versuch einer textkritischen Ausgabe der Heiligen Schrift.  Dazu kommen noch zahllose Kommentare zu den biblischen Büchern, Hieronymus spricht von über 6000 Schriften. Wie konnte ein einzelner Autor so viel leisten?

Die technische Lösung dieser Frage findet sich in der Kirchengeschichte des Eusebius († um 340): »Es standen nämlich Origenes beim Diktieren mehr als sieben Schnellschreiber [tachygráphoi] zur Verfügung, welche sich zu bestimmten Zeiten ablösten; nicht geringer war die Zahl der Reinschreiber [bibliográphoi] nebst den im Schönschreiben geübten Mädchen [kórais ẻpì tò kalligrapheĩn ēskēménais].«  (vgl. MPG XX, 576)

Eine ähnliche Verfahrensweise – wenn auch nur mit einem Schreiber – schildert das Buch Jeremia: »Und Jirmejahu berief Baruch, den Sohn Nerijah, und Baruch schrieb aus dem Munde Jirmejahu’s all die Worte des Ewigen, die er zu ihm geredet, in eine Buchrolle« (Jer 36, 4 Zunz). Nachdem der König diese Rolle zerstört hatte, heißt es weiter: »Jirmejahu nahm eine andere Rolle und gab sie Baruch Sohn Nerijahus dem Schreiber und der schrieb darauf, dem Mund Jirmejahus ab, all die Reden des Buchs, das Jojakim König von Jehuda im Feuer verbrannt hatte, und noch hinzugefügt wurde zu denen, viele Reden ihresgleichen« (Jer 36,32 Buber/Rosenzweig)

Zwar ist Jeremia nach dieser Schilderung der Urheber (auctor) seines Buches – oder besser die Autorität hinter seinem Buch – aber er hat es nicht geschrieben (scriptor), und: das Buch wurde auch nach seiner Niederschrift durch Baruch noch ergänzt. Wiederum ist deutlich, dass man mit dem neuzeitlichen Autoren-Verständnis hier nicht wirklich weiter kommt.

Warum übrigens der Vers Jer 36,32 in der LXX unter Jer 43,32 zu finden ist, habe ich hier erklärt.

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