Und führe uns nicht in Versuchung? – Teil 2

Nachdem ich im ersten Teil einen Blick auf den biblischen Befund geworfen habe, um die Formulierung der sechsten Vater-unser Bitte besser zu verstehen, will ich jetzt noch der frühen Bibelauslegung bei den Vätern nachgehen, um die Frage nach der Übersetzung von »und bringe uns nicht in peirasmós« noch besser zu klären.

Ich beginne mit den griechischen Vätern:

Origenes (um 235)

In seiner Schrift »Ermahnung zum Martyrium« kommt Origenes mehrfach auf den Begriff peirasmós zu sprechen. Besonders erhellend finde ich diese Passage:

λοιπόν ἐστι τοὺς ἀνϑρώπους ἀμφιβάλλειν, πότερον „ἐπὶ τὰ πετρώδη“ ἢ „ἐπὶ τὴν καλὴν <γῆν>“ ἦλϑε τὸ ὅσον ἐφ‘ ἡμῖν ὁ τοῦ θεοῦ λόγος. γέγονε γὰρ ϑλῖψις καὶ διωγμὸς διὰ τὸν λόγον, καὶ ἐνέστη καιρὸς μεγάλου πειρασμοῦ, ὅτε ὁ μὲν „ἐπὶ τὰ πετρώδη σπαρεὶς“ ἐλέγχεται καὶ οἱ μὴ ἐμβαϑύναντες μηδὲ μέχρι τοῦ βάϑους τῆς ψυχῆς παραδεξάμενοι τὸν Ἰησοῦν· ὁ δὲ „συνιεὶς τὸν λόγον“ „καρπο φορεῖ“ καὶ κατέχει τὸν λόγον μέχρι τέλους „ἐν ὑπομονῇ“ ποιῶν „ἑκα τονταπλασίονα.“ (Origenes, Ermahnung zum Martyrium 49; GCS II S. 45)

»Es bleibt noch übrig, dass die Leute zweifeln, ob das Wort Gottes, soweit es auf uns ankommt, „auf das steinige Land“ oder „auf die gute <Erde>“ 1gefallen ist. Denn „Drangsal und Verfolgung um des Wortes willen“2 ist eingetreten, und es droht „eine Zeit großer Prüfung“3, wobei es sich herausstellt, wer „auf das steinige Land gesät ist“4, und welche nicht „tief gegraben“5 und Jesus nicht bis in die Tiefe ihrer Seele aufgenommen haben. Wer aber „das Wort versteht, bringt Frucht“6, und „hält das Wort fest“ bis zum Ende, „in Beharrlichkeit“ „hundertfältige Frucht bringend“7.« (Ü: Nach Paul Koetschau für die BKV)

Für Origenes ist peirasmós hier eine große Zeit der Drangsal und Verfolgung um des Logos willen.

Irenäus von Lyon (Ende 2. Jh.)

In einem auf griechisch erhaltenen Fragment des sonst nur in einer lateinischen Übersetzung auf uns gekommenen Werkes »Gegen die Häresien« kommt der Bischof von Lyon im Zusammenhang mit dem Leiden Jesu auf das Verb peirázō zu sprechen:

Ὅσπερ γὰρ ἧν ἄνϑρωπως ἵνα πειρασϑῇ, οὕτω καὶ λόγος ἵνα δοξασϑῇ, ἡσυχάζοντος μὲν τοῦ Λόγου ἐν τῷ πειράζεσϑαι καὶ σταυροῦσϑαι καὶ ἀποϑνῄσκειν, συγγινομένου δὲ τοῦ ἀνϑρώπου ἐν τῷ νικᾶν καὶ ὑπομένειν καὶ χρηστεύεσϑαι καὶ ἀνίστασϑαι καὶ ἀναλαμβάνεσϑαι. (Gegen die Häresien, III,19,3; Fragment 238)

»Wie er nämlich Mensch war, um geprüft zu werden, so war er auch das Wort, um verherrlicht zu werden. Das Wort ruhte, damit er geprüft, verunehrt, gekreuzigt werden und sterben konnte; es tat sich aber mit dem Menschen zusammen, damit er siegen, ausharren, sich liebreich erweisen, auferstehen und in den Himmel auffahren konnte.« (Ü: Nach Ottmar Strüber für die BKV)

Ich habe hier πειράζω im Unterschied zu Strüber als prüfen übersetzt und berufe mich dabei auf Adolf von Harnack, der zur Stelle meinte: »Hier kann πειράζεσϑαι als Gegensatz zu δοξάζεσϑαι lediglich das Leiden bzw. ein in dem Leiden zum Ausdruck kommendes ἀτιμάζεσϑai bedeuten.«9

Tertullian (um 198-200 n. Chr.)

Wir sind jetzt im Bereich der lateinischen Väter angekommen. In seinem Werk »Über das Gebet« kommt Tertullian auf unseren Text zu sprechen:

Adiecit ad plenitudinem tam expeditae orationis, ut non de remittendis tantum, sed etiam de auertendis in totum delictis supplicaremus: NE NOS INDUCAS IN TEMPTATIONEM, id est, ne nos patiaris induci, ab eo utique qui temptat. ceterum absit ut dominus temptare uideatur, quasi aut ignoret fidem cuiusque aut deicere sit gestiens. diaboli est infirmitas et malitia. (De oratione 8; CSEL XX, 186)

»Damit ein so leicht faßliches Gebet vollständig sei, wird noch hinzugefügt, daß wir nicht bloß um Nachlassung der Sünden, sondern auch um deren gänzliche Abwendung bitten sollen: Führe uns nicht in Versuchung, d. h. laß uns nicht darein geführt werden, natürlich durch den, der da versucht. Fern sei der Schein, als versuche der Herr! Das wäre, als wenn er den Glauben eines jeden nicht kennte oder sich freute, ihn zum falle zu bringen; Schwäche und Bosheit ist Sache des Teufels.« (Ü: Heinrich Kellner für die BKV)

Tertullian sieht also in der sechsten Bitte des Vater-unsers eine Weiterführung der fünften: vergib uns unsere Schuld, im Sinne von: bewahre uns davor, weitere Sünden zu begehen.

Cyprian von Karthago (252 n. Chr.)

Cyprian von Karthago gibt die sechste Bitte des Vater-unsers in seinem Werk »Über das Gebet des Herrn« ganz im Sinne der Auslegung Tertullians wieder:

Illud quoque necessarie admonet Dominus ut in oratione dicamus: ET NE NOS PATIARIS INDUCI IN TENTATIONEM. Qua in parte ostenditur nihil contra nos adversarium posse, nisi Deus ante permiserit; ut omnis timor noster, et devotio atque observatio ad Deum convertatur, quando in tentationibus nostris nihil malo liceat, nisi potestas inde tribuatur. (Liber de oratione dominica 25; MPL IV, 556)

»Auch das ist notwendig, daß der Herr uns mahnt, im Gebete zu sprechen: „Und laß uns nicht in Versuchung kommen!“ Aus diesen Worten geht hervor, daß der Widersacher nichts gegen uns ausrichten kann, wenn nicht Gott es vorher zuläßt; deshalb soll sich all unsere Furcht, unsere Ergebenheit und unser Gehorsam Gott zuwenden, da der Böse bei seinen Versuchungen nichts gegen uns vermag, wenn ihm nicht von dorther die Macht erteilt wird.« (Ü: Julius Baer für die BKV)

Cyprian kennt die Bitte also in der Form: »und lass es nicht zu, dass wir in Versuchung hineingeführt werden«, was sich mit der Lesart Marcions von Lk 11,4 deckt. Die lateinische Form der Bitte bei Tertullian »ne nos inducas in temptationem« war ihm offensichtlich schon nicht mehr bekannt.

Auswertung

Wenn schon die Worte aus Jak 1,12-14 »wie ein Protest (…) gegen die nächstliegende Erklärung der Bitte«10 aus dem Vater-unser klingen, so belegen die sehr frühen Stimmen der Kirchenväter, dass es auch in der noch jungen Kirche Schwierigkeiten mit dem Verständnis dieser biblischen Aussage gab.

Ich meine, dass von Harnack vor 110 Jahren das Richtige getroffen hat, als er über die Auslegung dieses jesuanischen Wortes gesprochen hat, weshalb ich ihm den Schluß dieses Beitrags überlassen möchte.

»Berücksichtigt man diese Stellen und das dem πειρασμός (peirasmós) parallel stehende πονηρόν (ponērón = das Böse) der 7. Bitte sowie die vorangehende Bitte um Vergebung der Schuld, so wird man es für sehr wahrscheinlich, wenn auch nicht für gewiß, halten müssen, daß die 6. Bitte nicht zu übersetzen ist: „Ne inducas nos in temptationem“11, sondern vielmehr: «Ne inducas nos in afflictionem.12“ (…) Das ursprüngliche Verständnis ist sehr frühe verdunkelt worden — nur Origenes hat noch etwas von ihm geahnt — , weil die Griechen die hebräische Grundlage des Worts nicht kannten. (…) Dürfte man an dem deutschen Text des Vaterunsers noch ändern, so käme die Übersetzung dem Sinn des Originals wohl am nächsten: „Führe uns nicht in ein (Straf)leiden, das uns mit dem Abfall bedroht.“ Die Schwerfälligkeit der Übersetzung zeigt, daß unsere Sprache ein dem πειρασμός (peirasmós) entsprechendes Wort nicht besitzt. Zur Sache: die Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ wird manchem tiefer erscheinen als die Bitte um Verschonung mit Leiden, die zu Versuchungen werden. Allein im Sinne der Religion der beiden Testamente ist die letztere Form der Bitte die straffere und vollkommenere.«13

Weiterführendes

Fußnoten:

1

Vgl. Matth. 13,20.23; Mark. 4,16.20 (Luk. 8,13.15).

2

Vgl. Vgl. Matth. 13,21; Mark. 4,17.

3

Vgl. Luk. 8,13. Koetschau übersetzte πειρασμός hier als Versuchung, was weder zum Kontext, noch zu Lk 8,13 passt. Daher meine Verbesserung.

4

Vgl. Matth. 13,20; Mark. 4,16 (Luk. 8,13).

5

Vgl. Luk. 6,48; Matth. 13,5; Mark. 4,5.

6

Vgl. Matth. 13,23; Luk. 8,15.

7

gl. Luk. 8,8.15.

8

Zitiert nach Fontes Christiani 8/3 S. 240; das griechische Fragment stammt aus Theodoret von Cyrus: Eranistes 3

9

Von Harnack: Zwei Worte Jesu; in: Sitzungsberichte der königlich preussischen Akademie der Wissenschaften, Jahrgang 1907, Zweiter Halbband, Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 19. December 1907, S. 946

10

Von Harnack, S. 942 a.a.O.

11

Deutsch: Und führe uns nicht in Versuchung.

12

Deutsch: Und führe uns nicht in Bedrängnis/Not/Betrübnis.

13

Von Harnack, S. 946 f. a.a.O.

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