Ein Beitrag zur Etymologie des Wortes „Bibel“

Das Wort „Bibel“ wird von dem griechischen Wort biblía abgeleitet. Das ist die Mehrzahl von biblíon, einem Deminutivum von bíblos, dem Bast der Ägyptischen Papyrusstaude – und bedeutet so viel wie Büchlein. Eine Bibel ist daher eine Sammlung von Büchlein – ein Befund, der sich mit der Inhaltsangabe einer heutigen Bibel durchaus deckt. Auffällig ist aber, dass die ägyptische Papyrusstaude nicht nur mit dem griechischen Buchstaben Iota geschrieben werden kann, sondern auch mit einem Ypsilon, also als býblos, was auch dem Namen einer phönizischen Stadt und einer Stadt im Nildelta entspricht. Wie verhalten sich die beiden Schreibweisen zueinander?

Eustathios von Thessaloniki (um 1115 – ca. 1195) geht in seinem Kommentar zur Odyssee genau dieser Frage nach. In Od XXI, 390-391 heißt es:

κεῖτο δ‘ ὑπ‘ αἰθούσῃ ὅπλον νεὸς ἀμφιελίσσης
βύβλινον, ᾧ ῥ‘ ἐπέδησε θύρας, ἐς δ‘ ἤϊεν αὐτός·

In der Übersetzung Roland Hampes

Unter der Halle lag das Tau eines doppeltgeschweiften
Schiffes, aus Bybloshanf, damit band er von innen die Tür fest.

Der byzantinische Gelehrte führt dazu aus:
Βίβλινον δὲ οὐ τὸ ἐκ βίβλου, ὅ ἐστι παπύρου Αἰγυπτίας, ἀλλὰ βοτάνης τινὸς ἐμφεροῦς παπύρῳ. οἱ δὲ καννάβινόν φασιν, ἕτεροι δὲ τὸ ἐκ φιλύρας. ὅτι δὲ, καθὰ καὶ ὁ μόλυβδος παρὰ τοῖς παλαιοῖς, οὕτω καὶ ἡ ῥηθεῖσα βύβλος διφορεῖται κατὰ τὸ δίχρονον, ἐῤῥέθη μὲν καὶ ἐν τοῖς τοῦ περιηγητοῦ, δηλοῖ δὲ αὐτὸ καὶ ὁ γράψας ἐν ῥητορικῷ λεξικῷ, ὅτι βύβλινον καὶ βίβλινον διχῶς. Ἐνταῦθα δὲ σημείωσαι ὅτι τε ἡ Βύβλος ἐπὶ πόλεως μὲν τῆς καὶ ἐν τῷ περιηγητῇ μόνως διὰ τοῦ ῦ γράφεται, ἐπὶ δὲ φυτοῦ ὡς ἐπιπολὺ μὲν καὶ μάλιστα παρὰ τοῖς ἀρχαίοις ὁμοία ἡ γραφὴ, οἱ δὲ νεώτεροι τρέψαντες κατὰ τὸ δύφρος, δίφρος, μῦσος, μῖσος, μοῦσα, μοῖσα, τύπτουσα, τύπτοισα, καὶ ὅσα τοιαῦτα Δωρικὰ καὶ Αἰολικὰ, βίβλος διὰ τοῦ ἰῶτα φασί. καὶ τὸ πλέον ἐπὶ τῆς ὑποκειμένης βίβλου τοῖς γράμμασι. καὶ ὅτι εἰ κατὰ τὴν ἱστορίαν καὶ σχοινία ἐκ τῆς φυτικῆς βίβλου ἐπλέκοντο, ὡς καὶ ἐκ τῆς σχοίνου καὶ τῆς σπάρτου τῶν φυτῶν, ἔχει τι ἄρα ἡ βύβλος ἰνῶδες, ἐξ οὗ εἰκὸς γίνεσθαι σώματα συντελοῦντα εἰς γραφὰς, ἵνα ὥς περ ἀπὸ ἀρχεγόνου ἀφορμῆς τῆς κατὰ τὴν χελώνην χέλυς ὕστερον πᾶσα κιθάρα ἐκλήθη, ἐπειδὴ χελώνης ὄστρακον μέγα πήχεως περιθέσει καὶ χορδῶν ἐντανύσει λύραν ἀπήρτησεν, ἣν Ἑρμῆς Ἀπόλλωνι ἐχαρίσατο εἰς λύτρον, ἀνθ‘ ὧν ἔκλεψεν ἐκείνου βοῶν, οὕτω καὶ πᾶσαι γραφικαὶ βίβλοι ἔκ τινος ἀρχαίας χρήσεως τοὔνομα φέροιεν.

Bíblinon kommt nicht von bíblos, das vom ägyptischen Papyrus ist, sondern von einer Pflanze, die dem Papyrus ähnlich ist; die einen behaupten, es bezeichne etwas Hanfartiges, andere „das von der Silberlinde“. Dass aber, wie auch das Blei1 bei den Alten, so auch das besagte býblos in zweifacher Weise geschrieben wurde, gemäß der metrischen Ambivalenz2, wurde auch in den [Werken] des [Dionysios] Periegetes 3 angesprochen, und dies macht auch der deutlich, der im rhetorischen Lexikon schrieb, dass býblinos und bíblinos in zweifacher Weise [geschrieben wurden]. Hier ist anzumerken, dass Býblos für die Stadt bei Periegetes nur mit einem Ypsilon geschrieben wird, für die Pflanze aber überwiegend und am meisten bei den Alten mit der gleichen Schreibweise. Aber die Jüngeren wandelten das ab, wie bei dýphros und díphros (= Wagen), mȳsos und mīsos4, moūsa und moīsa 5, týptousa und týptoisa 6, und was es dergleichen dorische und äolische Formen gibt und sprechen bíblos mit dem Jota aus. Und vor allem bei dem bíblos, das den Buchstaben [als Beschreibstoff] zugrunde liegt. Und wenn gemäß der Untersuchung auch die Stricke aus dem pflanzenartigen bíblos geflochten wurden, wie auch mit den Gewächsen sowohl von der Binse als auch von dem Besenginster, enthält also die býblos(-Pflanze) so etwas wie eine Faser, woraus wie zu erwarten die (pflanzlichen) Strukturen stammen, die zu Schreibmaterial gemacht wurden; wie man ebenfalls von dem Erfinder herleitet, dass später jede Kithara nach dem Schildkrötenpanzer (chelónen) „Schildkröte“ (chélys) genannt wurde, da er aus der großen Schale einer Schildkröte durch Hinzufügung des Stegs und die Einspannung der Saiten die Lyra hervorbrachte7. Es war Hermes, der sie dem Appollon als Sühnegeld schenkte, statt der Rinder, die er jenem gestohlen hatte. Auf diese Weise tragen auch alle geschriebenen Bücher aus einer solchen alten Nutzung [von biblos] heraus ihren Namen.

ἐγίνοντο γὰρ, φασιν, ἀπὸ βύβλων Αἰγυπτίων, ὡς οἷα παπύρων ὑδροχαρῶν, καθὰ οἱ τότε μεθώδευον, ὑποκείμενα τοῖς γραφεῦσι χαρτάρια· ὁποῖα ἴσως καὶ τὰ ὕστερον ἰδιωτικῶς λεγόμενα ξυλοχάρτια, ὧν ἡ τέχνη ἄρτι ἀπήλειπται. δόξοι δὲ ἄν καὶ τὸ τῆς δέλτου ὄνομα ἐκ τῶν κατ‘ Αἴγυπτον βύβλων ἐπιτεθῆναι ταῖς ἄρτι βίβλοις διὰ τὸ καθ‘ ἱστορίαν περιηγητικὴν Αἰγύπτιον δελτωτόν. ὡς δὲ ἡ βύβλος τὸ φυτὸν συνετέλει καὶ εἰς τὸ ὑποδεῖσθαι, ὁ βυβλινοπέδιλος δηλοῖ, οὗ χρῆσις παρὰ τοῖς παλαιοῖς. εἰς δὲ τὴν ἀντιμεταχώρησιν τοῦ ῦ καὶ τοῦ ἰῶτα πρὸς ἄλληλα χρήσιμον καὶ τὸ στρυφνὸς ἐκ τοῦ στύφω παρὰ Ἡρῳδιανῷ. καὶ μεταθέσει στιφρός, ὅθεν ἴσως καὶ ῥῆμα στιφρῶ· οἷον, ὅταν δὲ τέκωσιν αἱ σηπίαι, τὰ ὠὰ ὁ ἄῤῥην παρακολουθῶν καταφυσᾷ καὶ στιφρᾷ, ἵνα δηλαδὴ στρυφνωθέντα μὴ διαῤῥυῶσι τῇ ἄγαν ἁπαλότητι. (Eustathius: Commentarii ad Homeri Odysseam Tomus II (Leipzig 1826) S. 264-265)

Denn sie sagen, es wurde von ägyptischem Papyrusstauden gemacht, so wie die gerne am Wasser lebenden Papierstauden, die sie damals entsprechend behandelten, indem die kleinen (aus der Papyrusstaude verfertigten) Blätter den Schreibern untergelegt wurden: wahrscheinlich [waren sie] auch so beschaffen, wie die spätere gewöhnlich so genannte hölzerne Schreibtafel, deren Verwendung heutzutage aufgehört hat. Es könnte aber wohl auch den Anschein haben, dass der Namen der Schreibtafel (déltos) nach den Papyrusstauden (býblos) in Ägypten den heutigen Büchern (biblos) beigelegt wurde; nach der Forschung des Periegetes [entstand der Namen] wegen des Ägyptischen (Nil)-Deltas. Dass aber die ägyptische Papyrusstaude (býblos) die Pflanze für die Schuhe lieferte, zeigt der aus der Papyrusstaude gemachte Schuh (byblinopédilos), der bei den Alten in Gebrauch [war]. Aber für den gegenseitigen Austausch des ýpsilon und des ióta [ist] auch das „sauere Wesen“ (stryphnòs) bei Herodian nützlich8, [das] von dem [Verb] „zusammenziehen“ (stýphō) [kommt]. Und durch die Umstellung [des ρ] zu stiphrós (=fest), von wo auch das gleiche Verb stiphrō (=härten) kommt: da ja, wenn die Tintenfische sich fortpflanzen, das männliche Tier die Eier begleitet, sie ansprudelt und härtet (stiphráō); damit werden sie allerdings sauer gemacht (stryphnóō), dass sie nicht zerfließen durch die zu große Weichheit9.
(Eustathios: Kommentar zu Odyssee XXI, 391; MÜ)

Anmerkung: Ich danke Dr. Alfred Dunshirn für seine wertvollen Hinweise und Verbesserungen zu meiner Übersetzung. Allfällig verbliebene Fehler gehören selbstverständlich mir.

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  1. Das Blei, mólybdos wurde in epischer Schreibweise auch als mólibos und später als mólibdos überliefert und dürfte ebenfalls ein Lehnwort nicht-griechischen Ursprungs gewesen sein. (Frisk: „Fremdwort mit schwankender Orthographie“). Es ist daher für Eustathios ein Beispiel für den Austausch von Ypsilon und Jota, wie bei bíblos und býblos.
  2. Gemeint ist Anceps.
  3. „Erhalten sind uns (von Eustathios) auch Scholien und Paraphrasen zu dem antiken Geographen Dionysios Periegetes (= der Reiseführer)“. Herbert Hunger: Die Normannen in Thessalonike, Graz 1955, S. 9. Er lebte vermutlich im ersten Jahrhundert nach Christus, vgl. die Diskussion in Paulys Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissenschaft Band V (Stuttgart 1905), 916 f.
  4. Frisk schreibt zu μύσος – ‚Besudelung, Befleckung, ekelhafte Erscheinung‘: „Der Bildung nach an μῖσος erinnernd, aber ohne sichere Etymologie.“ Μῖσος bedeutet: ‚Hass, Abscheu‘.
  5. Frisk: „μοῦσα (ion. att. seit Il.), äol. μοῖσα“ – die Muse, Göttin des Gesangs und der Dichtkunst.
  6. τύπτουσα Part. Prä. Akt. Nom. Sing. fem. von τύπτω – schlagen, treffen, prägen. τύπτοισα ist dieselbe Form in Dorisch bzw. Äolisch.
  7. Nach der griechischen Mythologie wurde die kíthara von Hermes erfunden, der sie aus dem Panzer einer Meereschildkröte und den Därmen eines Rindes baute. Frisk spricht von einem Lehnwort aus unbekannter Quelle.
  8. Vermutlich bezieht sich Eustathios hier auf Aelius Herodianus bzw. Pseudo-Herodian und dessen Schrift „De prosodia catholica“, dort wiederum auf einen Abschnitt über auf -νος endende Wörter (S. 173 im Band I der Grammatici Graeci, ed. A. Lentz, Leipzig 1867).
  9. Eustathios bezieht sich hier auf eine Stelle aus der „Historia Animalium“ (V,7,544a3-5) des Aristoteles: Ὅταν δὲ τέκῃ (sc. ἡ σηπία) τὰ ᾠά, ὁ ἄρρην παρακολουθῶν καταφυσᾷ τὸν θορόν, καὶ γίνεται στιφρά. (Hier eine englische Übersetzung).

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