Da trat eine Finsternis ein I

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In den Passionserzählungen der Synoptiker tritt am Karfreitag drei Stunden vor dem Tod Jesu eine Sonnenfinsternis ein, die bis zum Tod Jesu andauert (Mt 27,45 f.; Mk 15,33 f.; Lk 23,44 f.). Johannes berichtet sie in seiner Passion nicht. Auch hier gibt es – zumindest auf den ersten Blick – eine interessante außerbiblische Parallele.

Publius Vergilius Maro (70 v. – 19. v. Chr.)

In seinem Werk Georgica spricht Vergil davon, dass sich bei der Ermordung Caesars am 15. März 44 v. Chr. die Sonne verdunkelte:

Lateinischer Text Vergils Übersetzung von Johann Heinrich Voß
Solem quis dicere falsum Wer mag die Sonne der Falschheit
audeat. Ille etiam caecos instare tumultus Schuldigen? Sie hat oft die Gefahr des verborgenen Aufruhrs
saepe monet fraudemque et operta tumescere bella. Angesagt und Verrat und heimlich gärende Kriege.
Ille etiam exstincto miseratus Caesare Romam, Sie blickt‘ auch auf Rom nach Cäsars Fall mit Erbarmung,
cum caput obscura nitidum ferrugine texit Als sie das strahlende Haupt in dunkele Bräune verhüllte,
inpiaque aeternam timuerunt saecula noctem. Und vor ewiger Nacht sich fürchteten frevelnde Völker.
Georgica I,463-468

Publius Ovidius Naso (43 v. – 17. n. Chr.)

Am Ende seiner Metamorphosen geht Ovid auf die Apotheose Caesars ein – und bereichert das Motiv der sich verdunkelnden Sonne anlässlich seiner Ermordung um das Auftreten eines Kometen.

Lateinischer Text des Ovid Übersetzung von Reinhart Suchier
Caesar in urbe sua deus est; quem Marte togaque Caesar ist Gott in der heimischen Stadt, den – trefflich im Frieden
praecipuum non bella magis finita triumphis Wie in dem Feld – nicht bloß mit Triumphen beschlossene Kriege,
resque domi gestae properataque gloria rerum Taten, daheim vollführt, und im Fluge gewonnene Größe
in sidus vertere novum stellamque comantem, Zum neu leuchtenden Stern, zum geschweiften Kometen gewandelt,
quam sua progenies; neque enim de Caesaris actis Sondern dazu sein Sohn. Denn unter den Taten des Caesar
ullum maius opus, quam quod pater exstitit huius: Ist kein größeres Werk, als dass sein Vater er wurde.
(XV, 746-751)

Nach dieser unverhüllten Anbiederung an Octavianus Augustus lässt der Dichter Venus, die als Stammmutter des julischen Geschlechtes verehrt wurde, an die anderen Götter appellieren, die Ermordung Caesars zu verhindern: Immerhin war er als Pontifex Maximus für die Vestalinnen verantwortlich:

‚quos prohibete, precor, facinusque repellite neve „O haltet sie ab und verhindert die Untat!
caede sacerdotis flammas exstinguite Vestae!‘ Löscht nicht aus mit dem Blut des Geweihten die Flamme der Vesta!“
Talia nequiquam toto Venus anxia caelo Also redet umsonst die bekümmerte Venus im ganzen
verba iacit superosque movet, qui rumpere quamquam Himmel und rühret der Götter Gemüt. Zwar können sie nimmer
ferrea non possunt veterum decreta sororum, Brechen den festen Beschluss der altehrwürdigen Schwestern,
signa tamen luctus dant haut incerta futuri; Aber sie schicken der Welt untrügliche Zeichen des Unheils.
arma ferunt inter nigras crepitantia nubes Waffengeklirr, das scholl aus finsteren Wolken – erzählt man -,
terribilesque tubas auditaque cornua caelo Graues Drommetengetön und vom Himmel vernommene Hörner
praemonuisse nefas; solis quoque tristis imago Sagten den Frevel voraus. Die verdüsterte Scheibe der Sonne
lurida sollicitis praebebat lumina terris; Sendete matt und bleich ihr Licht in die zagenden Lande.
(XV, 777-786)

Mit den altehrwürdigen Schwestern, deren Beschlüsse nicht einmal die Götter aufheben können, sind die Parzen gemeint. Bei Ovid tritt die Sonnenfinsternis vor der Ermordung des Caesar ein. Jupiter erklärt Venus, dass Caesars Leben erfüllt sei und ihm ein größerer Nachfolger als Friedensfürst folgen werde. Nach diesen Worten fährt der Dichter fort:

Vix ea fatus erat, medi cum sede senatus Kaum war solches gesagt, als mitten im Sitz des Senates
constitit alma Venus nulli cernenda suique Venus die gütige stand, für keinen zu sehen, und ihres
Caesaris eripuit membris nec in aera solvi Caesar Seele vom Leib wegnahm und nicht in die Lüfte
passa recentem animam caelestibus intulit astris Ließ die getrennte zergehn und zu himmlischen Sternen hinantrug.
dumque tulit, lumen capere atque ignescere sensit Wie sie ihn trug, ward licht und feurig der Geist, und vom Busen
emisitque sinu: luna volat altius illa Ließ sie ihn frei. Hoch über den Mond nun stieg sie im Fluge,
flammiferumque trahens spatioso limite crinem Und im gedehneten Strich nachziehend das flammende Haupthaar,
stella micat natique videns bene facta fatetur Glänzt er als Stern, und des Sohns Wohltaten erblickend, gesteht er,
esse suis maiora et vinci gaudet ab illo. Dass sie den seinen zuvor, und ist froh, dass jener ihm obsiegt.
(XV, 843-851)

Dieses Motiv des Kometen als Zeichen der Vergöttlichung sollte noch weitere Autoren der klassischen Antike beschäftigen.

Gaius Plinius Secundus Maior (ca. 23 – 79 n. Chr.)

Der beim Ausbruch des Vesuvs ums Leben gekommene Plinius der Ältere kommt im ersten Buch seiner Naturgeschichte auf diesen Kometen zu sprechen. In einer längeren Passage über Kometen berichtet er:

Nur an einem einzigen Ort auf der Erde, nämlich zu Rom, wird ein Komet in einem Tempel verehrt, weil ihn der göttliche Augustus als ein sehr günstiges Zeichen für sich ansah. Dieser erschien nämlich zu Anfang seiner Regierung, während der Spiele, die er zu Ehren der Venus Genetrix, kurz nach dem Tod seiner Vaters Caesar, in dem von letzterem gestifteten Collegium hielt. Mit folgenden Worten bezeugte er seine Freude darüber: „In den Tagen meiner Spiele wurde ein Haarstern 7 Tage lange am nördlichen Theile des Himmels gesehen. Er entstand um die elfte Tagesstunde, war klar und in allen Ländern sichtbar. Das Volk glaubte, er bedeute die Aufnahme der Seele Caesars unter die unsterblichen Götter, und aus dieser Veranlassung habe ich jenes Zeichen an dem Kopfe des Standbildes, welches ich bald nachher auf dem Forum einweihete, angebracht. “ So legte er es öffentlich aus, aber im Herzen freuete er sich und nahm an, der Stern sei seinetwegen erschienen und bedeute seine wachsende Grösse; und, wenn wir die Wahrheit gestehen sollen, so war dies auch wirklich eine der Erde heilsame Vorbedeutung. (Naturgeschichte II, 23; Ü: Georg Christian Wittstein)

Von einer Sonnenfinsternis ist bei Plinius dem Älteren aber in diesem Zusammenhang keine Rede.

Gaius Suetonius Tranquillus (um 70 – 122 n. Chr.)

Der bedeutende römische Historiker berichtet in seinem Leben der Caesaren:

Periit sexto et quinquagensimo aetatis anno atque in deorum numerum relatus est, non ore modo decernentium, sed et persuasione uolgi. siquidem ludis, quos primo[s] consecrato[s] ei heres Augustus edebat, stella crinita per septem continuos dies fulsit exoriens circa undecimam horam, creditumque est animam esse Caesaris in caelum recepti; et hac de causa simulacro eius in uertice additur stella.

Sein Tod erfolgte im sechsundfünfzigsten Jahre seines Alters, und seine Aufnahme unter die Zahl der Götter geschah nicht nur durch den Mund der Beschließenden, sondern auch durch die Überzeugung des Volks. Erglänzte doch während der Festspiele, welche gleich nach seiner Vergötterung sein Erbe Augustus ihm zu Ehren aufführen ließ, sieben Tage lang ein Komet am Himmel, der um die elfte Stunde aufging, und allgemein glaubte man, das sei die Seele des in den Himmel aufgenommenen Cäsar, weshalb denn auch noch jetzt seinem Bildnisse immer ein Stern über dem Scheitel hinzugefügt wird. (Das Leben des vergöttlichten Julius, 88; Ü: Adolf Wilhelm Theodor Stahr)

Man gewinnt fast den Eindruck, dass Sueton hier den älteren Plinius als Quelle benutzt haben könnte, denn auch er weiß von dem Kometen, aber nichts von einer Sonnenfinsternis.

Plutarch (um 45 – um 125 n. Chr.)

Ich zitiere hier den Text Plutarchs nach dieser Ausgabe von Hermann Schickinger. Der Historiker schildert hier besondere Vorkommnisse nach der Ermordung Caesars:

Θαυμασιώτατον δὲ τῶν μὲν ἀνϑρωπίνων τὸ περὶ Κάσσιον· ἡττηϑεὶς γὰρ ἐν Φιλίπποις ἐκείνῳ τῷ ξιφιδίῳ διέφϑειρεν ἑαυτὸν, ᾧ κατὰ Καίσαρος ἐχρήσατο· τῶν δὲ ϑείων ὅ τε μέγας κομήτης (ἐφάνη γὰρ ἐπὶ νύκτας ἑπτὰ μετὰ τὴν Καίσαρος σφαγὴν διαπρεπής, εἶτα ἠφανίσϑη) καὶ τὸ περὶ τὸν ἥλιον ἀμαύρωμα τῆς αὐγῆς. Ὄλον γὰρ ἐκεῖνον τὸν ἐνιαυτὸν ὠχρὸς μὲν ὁ κύκλος καὶ μαρμαρυγὰς οὐκ ἔχων ἀνέτελλεν, ἀδρανὲς δὲ καὶ λεπτὸν ἀπ᾽ αὐτοῦ κατῄει τὸ ϑερμόν, ὥστε τὸν μὲν ἀέρα δνοφερὸν καὶ βαρὺν ἀσϑενείᾳ τῆς διακρινούσης αὐτὸν ἀλέας ἐπιφέρεσϑαι, τοὺς δὲ καρποὺς ἡμιπέπτους καὶ ἀτελεῖς ἀπανϑῆσαι καὶ παρακμάσαι διά τὴν ψυχρότητα τοῦ περιέχοντος. Μάλιστα δὲ τὸ Βρούτῳ γενόμενον φάσμα τὴν Καίσαρος ἐδήλωσε σφαγὴν οὐ γενομένην ϑεοῖς ἀρεστήν· ἦν δὲ τοιόνδε.

Mehr als erstaunlich aber in Hinsicht auf die die Menschen betreffenden Ereignisse ist das, was Cassius ereilte: denn als er in Philippi verloren hatte, tötete er sich selbst mit eben jenem Dolch, den er gegen Caesar gebraucht hatte; in Hinsicht auf die die Götter betreffenden Ereignisse ist der große Komet [zu nennen] (denn er erschien glanzvoll sieben Nächte nach der Ermordung Caesars, dann verschwand er) und was die Sonne angeht, das Verdunkeln des Glanzes. Denn jenes ganze Jahr war die (Sonnen)Scheibe wirklich blass und sie ging auf, ohne Strahlen zu haben, während die Hitze kraftlos und schwach von ihr herabkam, so dass die Luft dunkel und schwer war, was die Schwäche der Aussonderung der Wärme mit sich brachte. Dadurch verblühten die halbreifen und unvollendeten Früchte und wurden kraftlos durch die Kälte, die sie umgab. Besonders aber die an Brutus ergangene Erscheinung1 machte sichtbar, dass die Ermordung Caesars nicht das Wohlgefallen der Götter gefunden hatte. So aber war es. (Leben Caesars, 69,3-6; MÜ)

Der jüngste der bisher genannten Autoren nennt also beides: Komet und eine Art Verdüsterung der Sonne, die bei ihm aber ein ganzes Jahr lang anhält. Alles in allem finde ich diese Parallelen zu den Passions Erzählungen nicht sehr zwingend – ich meine, dass die Vorstellung der Sonnenfinsternis ganz woanders herkommt, was ich in einem weiteren Beitrag zeigen will.


  1. Diese Begebenheit hatte Plutarch kurz zuvor erzählt, sie ist sprichwörtlich geworden.

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