Der Spottkönig

Rembrandt: Verspottung Christi

Eine weitere bemerkenswerte Parallele zwischen den Passionsberichten der kanonischen Evangelien und einem jüdischen Autor des ersten Jahrhunderts findet sich in Philos Werk „In Flaccum“. Man vergleiche einmal die Schilderung des Spottkönigs in Mt 27,27-31 und Mk 15,16-20 mit dieser Episode.

[§ 6] Ἦν τις μεμηνὼς ὄνομα Καραβᾶς οὐ τὴν ἀγρίαν καὶ ϑηριώδη μανίαν – ἄσκηπτος γὰρ αὕτη γε καὶ τοῖς ἔχουσι καὶ τοῖς πλησιάζουσιν – ἀλλὰ τὴν ἀνειμένην καὶ μαλακωτέραν. Οὗτος διημέρευε καὶ διενυκτέρευε γυμνὸς ἐν ταῖς ὁδοῖς οὔτε ϑάλπος οὔτε κρυμὸν ἐκτρεπόμενος, ἄϑυρμα νηπίων καὶ μειρακίων σχολαζόντων. Συνελάσαντες τὸν ἄϑλιον ἄχρι τοῦ γυμνασίου καὶ στήσαντες μετέωρον, ἵνα καϑορῷτο πρὸς πάντων, βύβλον μὲν εὐρύναντες ἀντὶ διαδήματος ἐπιτιϑέασιν αὐτοῦ τῇ κεφαλῇ, χαμαιστρώτῳ δὲ τὸ ἄλλο σῶμα περιβάλλουσιν ἀντὶ χλαμύδος, ἀντὶ δὲ σκήπτρου βραχύ τι παπύρου τμῆμα τῆς ἐγχωρίου καϑ’ ὁδὸν ἐρριμμένον ἰδών τις ἀναδίδωσιν. Ἐπεὶ δὲ ὡς ἐν ϑεατρικοῖς μίμοις τὰ παράσημα τῆς βασιλείας ἀνειλήφει καὶ διεκεκόσμητο εἰς βασιλέα, νεανίαι ῥάβδους ἐπὶ τῶν ὤμων φέροντες ἀντὶ λογχοφόρων ἑκατέρωϑεν εἱστήκεσαν μιμούμενοι δορυφόρους, εἶϑ’ ἕτεροι προσῄεσαν, οἱ μὲν ὡς ἀσπασόμενοι, οἱ δὲ ὡς δικασόμενοι, οἱ δ’ ὡς ἐντευξόμενοι περὶ κοινῶν πραγμάτων. Εἶτ’ ἐκ τοῦ περιεστῶτος ἐν κύκλῳ πλήϑους ἐξήχει βοή τις ἄτοπος Μάριν ἀποκαλούντων – οὕτως δέ φασι τὸν κύριον ὀνομάζεσϑαι παρὰ Σύροις· Philonis Judaei Opera Omnia Vol. VI, Lipsiae 1829, S. 45-46

[§ 6] Es gab einen Verrückten namens Karabas, nicht von der wilden und tierischen Verrücktheit – denn ein ernsthaftes Problem ist sie für die, die sie haben und für die, die ihnen nahekommen – sondern sie verlief ruhig und eher sanft. Dieser verbrachte Tag und Nacht nackt in den Straßen, weder Hitze noch eisiger Kälte aus dem Weg gehend, ein Spielzeug der Kinder und der unbeschäftigten jungen Männer. Nachdem sie den Unglücklichen bei der öffentlichen Ringschule (gymnásion) zusammengetrieben und an einen erhöhten Ort gestellt hatten, so dass er auf alle hinuntersieht, legen sie ihm einen Papyrusstreifen, den sie anstelle einer Krone1 ausgebreitet hatten, auf seinen Kopf, mit einer Schlafbodenmatte umwickeln sie seinen übrigen Körper anstelle eines Mantels, anstelle des Szepters hob einer ein kurzes Stück des heimatlichen Papyrus, den er auf der Straße liegend gesehen hatte, auf und gab es [ihm]. Nachdem er wie bei theatralischen Darstellungen die Kennzeichen der Königsherrschaft in die Hand genommen hatte und zum König hergerichtet worden war, hatten sich junge Männer, die Stäbe auf den Schultern trugen, anstelle von Lanzenträgern zu beiden Seiten aufgestellt, [auf diese Weise] eine Leibwache imitierend; als nächstes traten andere hinzu, als wenn sie [ihn] begrüßen, andere, als wenn sie Rechtstreitigkeiten austragen, weitere aber als ob sie [ihn] wegen Staatsangelegenheiten sprechen wollen. Dann geht von der Menge, die sich im Kreis aufgestellt hat, ein sonderbarer Schrei aus: sie rufen [ihn als] ‚Marin‘ – man sagt aber, dass so der Kyrios bei den Syrern2 gerufen wird. (In Flaccum, § 6; MÜ)

Der Kontext dieser erstaunlichen Erzählung ist die Verhöhnung von Herodes Agrippa I. aus antisemitischen Gründen. Er herrschte von 37-44 über ein Reich der Größe seines Großvaters Herodes d. Großen und war für die Ermordung des Zebedaiden Jokobus verantwortlich (Apg 12,1-2). 3 Bei seinem Besuch in Alexandria im Jahr 38 kam es zu dieser Posse, die sich gegen die jüdischen Einwohner Alexandrias richtete, denen von Seiten der nicht-jüdischen Bevölkerung eine doppelte Loyalität vorgeworfen wurde. Wie auch immer, die Parallelen zur Verhöhnung Jesu in der Passion sind bemerkenswert, wenn auch der arme Karabas mit dem Leben davon kommt und nicht misshandelt und ermordet wird.


  1. Eigentlich die königliche Stirnbinde – diádēma.
  2. Gemeint ist der aramäische Ausdruck מרא – der uns im NT in der berühmten Formel μαράνα θά (marána thá) begegnet: „Unser Herr, komm!“ (In 1 Kor 16,22 von Paulus unkommentiert und unübersetzt verwendet, vgl. auch Didache 10,6 und die Übersetzung des Rufes in Offb 22,20.)
  3. Vgl. Markus Öhler, Geschichte des frühen Christentums, UTB 2018, S. 27

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