Noli me tangere

Titian - Noli me tangere, ca. 1511-1515; wikimedia commons

Gängigerweise hört man das lateinische ‚noli me tangere‚ mit, wenn es um die Übersetzung von Joh 20,17 geht. Luther 2017 übersetzt: ‚Rühr mich nicht an!‘, während die revidierte Einheitsübersetzung hat: ‚Halte mich nicht fest.‘ Was stimmt denn jetzt?

Ein Blick in die gängigsten deutschen Übersetzungen zeigt, dass beide Varianten verbreitet sind:

Berühre mich nicht! (Münchener NT)
Halt mich nicht fest! (Fridolin Stier)
Rühre mich nicht an! (Elberfelder)
Halte mich nicht fest! (Neue Genfer Übersetzung)
Fass mich nicht an! (Zürcher)
Halte mich nicht fest! (BigS)

In einem Fall will der Auferstandene nicht berührt werden, im andren fordert er Maria Magdalena auf, ihn loszulassen. Da hilft nur der Blick in den Urtext weiter. Die aktuelle Ausgabe des griechischen NT liest:

λέγει αὐτῇ Ἰησοῦς· μή μου ἅπτου, οὔπω γὰρ ἀναβέβηκα πρὸς τὸν πατέρα· πορεύου δὲ πρὸς τοὺς ἀδελφούς μου καὶ εἰπὲ αὐτοῖς· ἀναβαίνω πρὸς τὸν πατέρα μου καὶ πατέρα ὑμῶν καὶ θεόν μου καὶ θεὸν ὑμῶν. (NA XXVIII)

Jesus sagt zu ihr: mḗ mu háptu, denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgestiegen: geh zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: ich steige hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. (MÜ)

Die entscheidende Frage ist, wie man das mḗ mu háptu übersetzt. háptu ist Imperativ von haptō und steht hier mit dem Genetiv, der Verben des Berührens und des Fassens begleitet. 1 Die Verbindung eines Verbs mit der Verneinungs-Partikel mḗ lässt zwei Übersetzungsmöglichkeiten zu: tu das nicht! – oder: hör auf, das zu tun! 2 Wenn also grammatikalisch beide Übersetzungen möglich sind, kann nur noch der Kontext des Vierten Evangeliums weiterhelfen.

Hier ist zunächst einmal mit Rudolf Schnackenburg festzuhalten: »Ein Bedenken, den Leib des Auferstandenen zu betasten, gibt es für Joh nicht (vgl. 20,25.27).« 3 Gerade die Szene mit dem ungläubigen Thomas zeigt doch sehr deutlich, dass eine Berührung hier kein Tabu ist.

Zu beachten ist die Begründung des Befehls durch den Auferstandenen: denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgestiegen. Es erscheint schwer vorstellbar, dass die Berührung durch Maria diesen Aufstieg verunmöglichen würde. Eher geht es doch darum, Jesus nicht von etwas abzuhalten, dass noch getan werden muss. Das weist auf die Abschiedsreden des Vierten Evangeliums zurück:

Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden. (Joh 16,7; REÜ)

Wenn Maria Jesus daran hindert, wegzugehen, indem sie ihn festhält, verhindert sie die Erfüllung seines Vorhabens: den Beistand (paráklētos) zu senden. In diesem Sinne übersetzt Walter Bauer in seinem Wörterbuch zum Neuen Testament meiner Meinung nach – wie so oft – ganz zutreffend, wenn er die Aussage als Fasse mich nicht länger an! Lasse mich los! verdeutscht.

Die Väter

Noli me tangere - Vetus Latina (Sabatièr)
Noli me tangere – Vetus Latina (Sabatièr)

Die traditionelle lateinische Bibelauslegung war durch die lateinische Übersetzung noli me tangere – das bereits die Vetus Latina so gebracht hatte – irritiert. Bezeichnend sind die Ausführungen von Augustinus in seinem Johannes-Kommentar:

Quid est hoc? Si stans in terra non tangitur, sedens in coelo quomodo ab hominibus tangeretur? Qui certe antequam ascenderet, discipulis se tangendum obtulit dicens, sicut Lucas evangelista testatur: Palpate, et videte, quia spiritus carnem et ossa non habet, sicut me videtis habere : vel quando dixit discipulo Thomae: Infer digitum tuum huc, et vide manus meas, et affer manum tuam, et mitte in latus meum . Quis autem tam sit absurdus, ut dicat eum a discipulis quidem antequam ad Patrem ascendisset, voluisse se tangi; a mulieribus autem noluisse, nisi cum ascendisset ad Patrem? Sed nec sic, qui vellet, desipere sineretur. Leguntur enim etiam feminae post resurrectionem antequam ad Patrem ascenderet, tetigisse Iesum, in quibus erat etiam ipsa Maria Magdalene, narrante Matthaeo quod occurrerit illis Iesus dicens: Avete. Illae autem accesserunt, inquit, et tenuerunt pedes eius et adoraverunt eum . Hoc a Ioanne praetermissum est, sed a Matthaeo verum dictum. Restat ergo ut aliquod in his verbis lateat sacramentum; quod sive inveniamus, sive invenire minime valeamus, inesse tamen nullo modo dubitare debemus. Aut ergo sic dictum est: Noli me tangere, nondum enim ascendi ad Patrem meum, ut in illa femina figuraretur Ecclesia de Gentibus, quae in Christum non credidit, nisi cum ascendisset ad Patrem: aut sic in se credi voluit Iesus, hoc est, sic se spiritaliter tangi, quod ipse et Pater unum sint.
(In Evangelium Ioannis tractatus centum viginti quatuor)

»Was bedeutet das? Wenn er aber auf der Erde stehend nicht berührt wird,
wie soll er in dem Himmel sitzend von dem Menschen berührt werden?
Indessen hat er zuverlässig vor seiner Himmelfahrt sich von seinen
Jüngern berühren lassen, da er sprach: Berühret und sehet; denn ein Geist hat nicht Fleisch  und Gebein,wie Lucas bezeugt (Lk 24,39). Wer aber wäre so thöricht, daß er sagte, er habe sich zwar  von seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt, aber nicht von den Frauen berühren lassen, bis er nicht zum Vater aufgefahren wäre? Aber man liest auch, daß Frauen vor seiner Auffahrt zum Vater Jesum berührten, unter denen selbst Maria Magdalena war; denn Matthäus erzählt, daß ihnen Jesus begegnete und sprach: Seid gegrüßt! sie aber hinzutraten und seine Füße umfaßten. (Mt 28,9) Entweder steht dieses so,daß durch jenes Weib die Kirche von den Heiden, welche nicht an Christus glaubte, ehe er zum Vater auffuhr, vorgebildet wurde; oder Jesus wollte so im Glauben erfaßt, d. h. so geistig berührt werden,
daß er und der Vater Eins sind.« (Ü: Johann Nepomuk Oischinger, Regensburg 1849)

In seiner Not greift Augustinus (354-430) daher zu einer allegorischen Auslegung, denn er war überzeugt, dass das Evangelium hier wirklich „berühre mich nicht“ sagt. Interessant ist dabei der Vergleich mit einem Zeitgenossen des Augustinus, der im griechischen Sprachraum daheim war. Er hatte mit dem Text überhaupt keine Schwierigkeiten. Johannes Chrysostomus (344/354-407) schreibt in seiner 86. Predigt über das Johannes-Evangelium:

Πόθεν δῆλον, ὅτι ἥψατο αὐτοῦ, καὶ προσέπεσεν; Ἀλλ᾽ ὥσπερ τοῦτο δῆλον ἀπὸ τοῦ εἰπεῖν, Μή μου ἅπτου.
»Woher ist es offensichtlich, dass sie ihn festhielt und zu (seinen) Füßen niederfiel? 4 Es ist doch gerade von daher offensichtlich, dass er sagte: ‚halte mich nicht länger fest!’«

Chrysostomus interpretiert die Szene konkordant, d.h. er hat die Schilderung von Mt 28,9 im Blick, als er Joh 20 auslegt. Ihm als Griechen kommt es gar nicht in den Sinn, dass Maria Jesus nicht berührt haben könnte. Der Kirchenvater fährt fort:

Τινές φασιν, ὅτι χάριν αἰτεῖ πνευματικὴν, ἀκούσασα μετὰ τῶν μαθητῶν λέγοντος· Ἐὰν πορευθῶ πρὸς τὸν Πατέρα, ἐρωτήσω αὐτὸν, καὶ δώσει ὑμῖν ἄλλον Παράκλητον.

»Einige behaupten, dass sie (in dieser Szene) eine geistliche Gnade erbittet, weil sie hörte, wie er mit den Schülern sprach: Wenn ich zum Vater gegangen bin, werde ich ihn bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben5

Καὶ πῶς ἡ μὴ παροῦσα μετὰ τῶν μαθητῶν, ταῦτα ἤκουσε; Ἄλλως δὲ, καὶ πόῤῥω τῆς διανοίας ταύτης ἡ τοιαύτη φαντασία. Πῶς δὲ αἰτεῖ, οὐδέπω πρὸς τὸν Πατέρα ἀπελθόντος; Τί οὖν; Δοκεῖ μοι βούλεσθαι αὐτὴν ἔτι συνεῖναι αὐτῷ, ὥσπερ τότε, καὶ ἀπὸ τῆς χαρᾶς μηδὲν ἐννοῆσαι μέγα, εἰ καὶ πολλῷ βελτίων ἐγεγόνει κατὰ σάρκα. Ταύτης γοῦν ἀπάγων αὐτὴν τῆς ἐννοίας καὶ τοῦ μετὰ πολλῆς αὐτῷ ἀδείας διαλέγεσθαι (οὐδὲ γὰρ τοῖς μαθηταῖς φαίνεται λοιπὸν ἐπιχωριάζων ὁμοίως), ἀνάγει αὐτῆς τἡν διάνοιαν, ὤστε αἰδεσιμώτερον αὐτῷ προσέχειν. Τὸ μὲν οὖν εἰπεῖν, μὴ πρόσιθί μοι, καθάπερ καὶ πρότερον· οὐ γὰρ ἐν τοῖς αὐτοῖς πράγματα, οὐδὲ ὁμοίως μέλλω συνεῖναι λοιπὸν ὑμῖν· πρόσαντες ἦν καὶ κόμπον ἔχον· τὸ δὲ εἰπεῖν, Οὔπω ἀναβέβηκα πρὸς τὸν Πατέρα, εἰ καὶ ἀνεπαχθὲς, τὸ αὐτὸ δηλοῦντος ἦν.

»Und wie konnte sie, die nicht mit den Jüngern anwesend war (als Jesus diese Worte sprach), diese (Worte) gehört haben? Andererseits aber ist eine solche Fantasie weit weg von dem Sinn (dieser Bibelstelle). Und wie soll sie (das) erbitten, wenn er noch nicht zum Vater weggegangen ist? Was nun? Es scheint mir, dass sie gewillt war, noch weiter mit ihm zusammen zu sein, gerade so wie zu jener Zeit, und vor lauter Freude hielt sie es auch nicht für wichtig, dass er sogar dem Fleisch nach viel besser geworden war. Dadurch lenkte er sie wenigstens von einem solchen (vorgeblichen) Sinn (seiner Worte) ab, während sie sich mit so viel Furchtlosigkeit mit ihm unterhielt (denn auch als er danach den Jüngern erschien, verkehrte er nicht auf diese Weise (mit ihnen)), so dass sie ihn als ehrfurchtgebietender achten sollte. Hätte er eben deshalb tatsächlich gesagt: ’nähere dich mir nicht, gleich so wie zuvor: denn wir sind nicht (mehr) in solchen Verhältnissen (wie vor Ostern), und ich beabsichtige auch zukünftig nicht, mit euch auf gleiche Weise zusammen zu sein‘; das wäre schroff gewesen und hätte arrogant gewirkt. Sagt er jetzt: ‚ich bin noch nicht zum Vater hinaufgestiegen‘, so war das – wenn auch nicht belastend – das was er offenbaren wollte.« (MÜ)

Chrysostomos stört sich also an der Vertrautheit Marias mit dem Auferstandenen und sieht in der Aussage: ‚halte mich nicht fest‘ eine freundliche, aber notwendige Distanzierung Jesu.

Aramäisch?

Nachdem vom Griechischen her alles klar zu sein scheint, halte ich Versuche, dem Text mittels der Rekonstruktion einer angeblichen aramäischen Vorlage beizukommen, für überflüssig. Erstens gibt es keine einzige Handschrift, die die Existenz einer solchen Vorlage belegen würde – und da schneidet Occams Rasiermesser wirklich scharf. Zweitens sind die Versuche auch nicht sonderlich ergiebig gewesen: Dr. Bruno Violet versuchte bereits 1925 hier eine vox ipsissima Jesu zu rekonstruieren6 und postulierte ein Peal oder Ithpaal von דבק. In derselben Zeitschrift äußerte Felix Perles zu dieser Lösung »lexikalische Bedenken«7; seiner Meinung nach komme nur – falls überhaupt – ein Aph’el dieses Verbes in Frage. Ich aber meine, dass Maria aus Magdala in Joh 20,17 kein Dibbuk ist.

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  1. Vgl. Friedrich Blass: Grammatik des neutestamentlichen Griechisch, S. 100 (§ 36,2)
  2. Siehe James H. Moulton und Nigel Turner: A grammar of New Testament Greek S. 125-126
  3. HTHKNT IV/3 Sonderausgabe Freiburg 1975 S. 376
  4. Vgl. Mt 28,9!
  5. siehe Joh 14,3+16
  6. ZNW 24, 1925 S. 78-80
  7. ZNW 25, 1926 S. 287

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