Eine Konzilsrede zur Irrtumslosigkeit der Schrift

Am 2. Oktober 1964 hielt der damalige Erzbischof von Wien, Franz Kardinal König, eine bemerkenswerte Rede auf dem II. Vatikanischen Konzil, bei der es um die Frage der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift ging. Ich gebe hier ein wichtiges Argument aus der Rede des Kardinals wieder, das heute noch bedenkenswert ist und für mich auf einer Linie mit den Aussagen von John Henry Kardinal Newman steht.  Ausgangspunkt von Kardinal Königs Rede war der Entwurf der Theologischen Vorbereitungskommission zur späteren dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung, nach ihren lateinischen Anfangsworten »Dei Verbum« genannt.

Dieser Entwurf der Vorbereitungskommission behauptete die absolute und umfassende Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift hinsichtlich sämtlicher ihrer Aussagen, seien sie religiös oder profan: »Da sich die göttliche Inspiration auf alles erstreckt, folgt daraus direkt, notwendig und losgelöst von jedem Irrtum die Fehlerlosigkeit der gesamten heiligen Schrift. Denn wir werden durch den alten und unwandelbaren Glauben der Kirche unterwiesen, dass das Zugeständnis, der heilige Schreiber selbst habe geirrt, ganz und gar unrecht sei. Die göttliche Inspiration schließt nämlich durch sich selbst (durch ihr Wesen) jeden Irrtum in religiösen und profanen Angelegenheiten aus bzw. weist sie ihn zurück, und zwar genau so notwendig wie es notwendig ist, dass Gott als höchste Wahrheit nicht der Urheber irgendeines Irrtums ist.«

[»Ex hac divinae Inspirationis extensione ad omnia,directe et necessario sequitur immunitas absoluta ab errore totius Sacrae Scripturae. Antiqua ením et constanti Ecclesiae fide edocemur nefas omnino esse concedere sacrum ipsum errasse scriptorem, cum divina Inspiratio per se ipsam tam necessario excludat et respuat errorem omnem in qualibet re religiosa vel profana, quam necessarium est Deum summam Veritatem, nullius omnino erroris auctorem esse.«]

Kardinal König berief sich angesichts dieser Vorlage auf die Forschungsergebnisse der Orientalistik: »Die vortreffliche Wissenschaft der Orientalistik zeigt überdies, dass in den heiligen Büchern die historischen und die naturwissenschaftlichen Kenntnisse hin und wieder der Wahrheit ermangeln.«

[»Laudata scientia rerum orientalium insuper demonstrat in Bibliis Sacris notitias historicas et notitias scientiae naturalis a veritate quandoque deficere.«]

Dabei stützte er sich auf Indizien, die schon Hieronymus aufgefallen waren, unter anderem auf die offensichtliche Verwechslung von Ahimelech und Abjatar durch Markus sowie die Verwechslung von Jeremia und Sacharja durch Matthäus. Der kurz vor seinem Tod ebenfalls zum Kardinal ernannte Dogmatiker Alois Grillmeier SJ formulierte in seinem Kommentar zu Dei Verbum vorsichtig:

»Die Tatsache, daß diese Rede [von Kardinal König] unwidersprochen in der Aula gehalten werden konnte, ist sicherlich bedeutsam. Sie zeigt, daß die restlose und absolute Einbeziehung der veritates profanae, wie man sie nennt, unter die Irrtumslosigkeit der Schrift noch nicht als durch das kirchliche Lehramt definitiv entschieden zu betrachten ist.«

Kardinal König bekam viel Zuspruch für seine Ausführungen, viele der nach ihm redenden Konzilsväter bezogen sich affirmativ auf seinen Beitrag. In Dei Verbum selbst wurde die Frage nach der Irrtumslosigkeit der Schrift durch diese Formulierung beantwortet:

»Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte. Daher „ist jede Schrift, von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Beweisführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Gott gehörige Mensch bereit sei, wohlgerüstet zu jedem guten Werk“ (2 Tim 3,16-17 griech.)« (DV 11)

Diese Formulierung schließt nicht aus, dass die menschlichen Verfasser bei der Niederschrift Fehler wie die oben genannten machen können, ohne dass man deshalb die Überzeugung von der Inspiration der Schrift aufgeben müsste.

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