Hieronymus und die Kunst der Übersetzung

Hieronymus wusste um die Komplexität einer guten Übersetzung – und er wurde für seine Übersetzung aus dem Hebräischen heftig angefeindet. Sein Brief an Pammachius: Über die beste Art zu übersetzen ist ein bemerkenswertes Zeugnis der Herausforderungen, vor denen er stand, und ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, »dass es in den heiligen Schriften nicht auf die Worte, sondern auf den Sinn ankommt« (non verba in scripturis consideranda, sed sensumCSEL LIV S. 522). Ich gebe hier einige Ausschnitte wieder, die in der Folge bedeutsam geworden sind. Zu Beginn seiner Ausführungen beruft sich Hieronymus auf klassische und vor ihm wirkende kirchliche Übersetzer und meint im Hinblick auf Hilarius: »Aber er versteifte sich nicht auf den toten Buchstaben und plagte sich nicht herum mit einer sklavischen Übersetzung, wie sie ungebildete Leute wohl anfertigen. Vielmehr machte er den Sinn zu seinem Gefangenen, den er mit dem Rechte des Siegers in seine Sprache hinüberführte

Mit diesem Bild aus dem antiken Triumphzug leitet Hieronymus dann auf die bemerkenswerte Art und Weise über, wie die neutestamentlichen Autoren die Schrift zitieren.

Der Evangelist Matthäus führt in Mt 27,9-10 nach dem Selbstmord des Judas folgendes Zitat an: »So erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Sie nahmen die dreißig Silberstücke – das ist der Preis, den er den Israeliten wert war – und kauften für das Geld den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hatte.« Hieronymus weist darauf hin, dass das Zitat nicht aus Jeremia, sondern aus Sacharja stammt (!), aber weder im Hebräischen noch in der LXX mit der Version des Matthäus übereinstimmt (vgl. Sach 11,12 f.)

Markus beginnt sein Evangelium mit einem Zitat: »Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; / er soll den Weg für dich bahnen. Eine Stimme ruft in der Wüste: / Bereitet dem Herrn den Weg! / Ebnet ihm die Straßen!« (Mk 1,2-3) Hieronymus weist darauf hin, dass die erste Hälfte des Zitats nicht aus Jesaja, sondern aus Maleachi stammt (Mal 3,1).

Markus dürfte wohl aus dem Gedächtnis zitiert haben, denn in einer Diskussion über den Sabbat lässt der Evangelist Jesus sagen: »Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten – wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab?« (Mk 2,25-26) Hieronymus hat die entsprechende Verweisstelle übersetzt und weiss daher, dass der Priester Ahimelech hieß, und nicht Abjatar (vgl. 1 Sam 21,1-10; 22,18).

Die Sinnspitze seiner Argumentation ist: wenn schon die Evangelisten nicht sklavisch nach dem Wortlaut, sondern sinngemäß zitiert haben, dann ist es für einen Übersetzer legitim, ebenfalls so zu handeln, zumal eine Wort für Wort Übersetzung dem Text und dem Leser Gewalt antut. Doch es ist wohl klar, dass seine Beobachtungen schwerwiegende Fragen nicht nur hinsichtlich der Übersetzung aufwerfen. Dazu demnächst mehr ….

Die ausführlichen Beobachtungen des Kirchenvaters finden Sie hier:

Hieronymus zur Frage der Uebersetzung

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