Hat Jesus die Speisegesetze aufgehoben?

Diese Frage gehört in den Kontext der Untersuchung, ob Jesus sich an die Gebote der Tora gehalten hat, oder nicht. Ich möchte hier zwei Antworten vorstellen, eine historisch argumentierende und danach einen Beitrag von Augustinus.

Der »antiochenische Zwischenfall«

Ein starkes Argument für die Nichtabschaffung der Speisegesetze der Tora durch Jesus sehe ich in dem sog. »Antiochenischen Zwischenfall«, den Paulus in Gal 2,11 ff. schildert. Der Apostel geriet dabei schwer mit Petrus aneinander, der sich laut Paulus nicht mehr weiter mit Heiden an einen Tisch legen wollte. 1 Es ist meiner Ansicht nach nicht vorstellbar, dass Petrus die Tischgemeinschaft mit den Heiden wieder aufgegeben hätte, wenn ihm dazu eine entsprechende Aufhebung der Speisegesetze durch Jesu bekannt gewesen wäre.

Auch Mk 7,19 ist meiner Meinung nach kein Gegenargument, denn das καθαρίζων πάντα τὰ βρώματαdamit erklärte er alle Speise für rein – ist eine Auslegung der Aussagen Jesu durch Markus. 2

Aber lassen wir die Aussage des Markus einmal gelten – bedeutet dieses rein erklären eine Aufhebung der Tora? Für Augustinus nicht, wie der nun folgende Text zeigen wird.

Contra Faustum Manichaeum

Der nun folgende Abschnitt ist anspruchsvoll, daher ein paar Hintergrundinformationen. Er stammt aus dem Werk »Contra Faustum Manichaeum« – »Gegen den Manichäer Faustus« und gehört damit zu einer Auseinandersetzung des Kirchenvaters mit einer Gruppierung, der er selber einmal angehört hat.

Der Manichäismus geht auf Mani (216-277) zurück, der eine Synthese von Christentum, Buddhismus und Zoroastrianismus versuchte. Er sah sich selbst als der Paraklet des Johannesevangeliums und verkündete eine streng dualistische Erlösungslehre, die zwischen den Polen Licht/Finsternis Geist/Materie Gut/Böse unterschied.

Mani und die Kirchenväter

Jahrhundertelang waren Manis Lehren nur durch die Zitate und Angriffe der Kirchenväter bekannt, in den letzten hundert Jahren sind aber so viele Texte gefunden worden, dass man sich ein ganz gutes Bild von Lehre und Persönlichkeit dieses Religionsstifters machen kann. Wie alle Kirchenväter bemüht sich Augustinus, gegen Mani vor allem zu zeigen: sein Dualismus ist unbiblisch, die ganze Schöpfung ist das gute Werk Gottes; Altes und Neues Testament sind kein Gegensatz; Jesus war wirklicher Mensch, wurde real gekreuzigt und als Mensch auferweckt.

Die christologischen Fragen spielen in dem nun folgenden Ausschnitt keine Rolle, sehr wohl aber die Geltung des AT und die Frage, ob es etwa erlaubt sei, Fleisch zu essen – was die Manichäer als unrein ablehnten. Augustinus kämpft dabei an zwei Fronten: er muss zeigen, dass Christen das Alte Testament als Wort Gottes ernst nehmen. Gleichzeitig muss er aber auch begründen, warum sie sich trotzdem nicht an seine Speisegebote halten. Dazu greift eine Auslegung auf, die auf Philo von Alexandria zurückgeht.

Der Text des Augustinus (CFM VI,7)

Testamento autem Veteri, ubi quidam cibi carnium prohibentur, cur non sit contraria ista sententia, qua dicit Apostolus: Omnia munda mundis; et: Omnis creatura Dei bona est; si possunt, intellegant hoc Apostolum de ipsis dixisse naturis; illas autem Litteras propter quasdam praefigurationes tempori congruentes, animalia quaedam, non natura, sed significatione immunda dixisse. Itaque, verbi gratia, si de porco et agno requiratur, utrumque natura mundum est, quia omnis creatura Dei bona est; quadam vero significatione agnus mundus, porcus immundus est: tamquam si stultum et sapientem diceres, utrumque hoc verbum natura vocis et litterarum et syllabarum quibus constat, utique mundum est; significatione autem unum horum verbum, quod dicitur stultus, immundum dici potest, non natura sui, sed quoniam quiddam immundum significat. Et fortasse quod est in rerum figuris porcus, hoc est in rerum genere stultus; et tam illud animal, quam istae duae syllabae, quod dicitur stultus, quiddam unum idemque significat. Immundum quippe illud animal in Lege positum est, eo quod non ruminet: non autem hoc eius vitium, sed natura est. Sunt autem homines qui per hoc animal significantur, immundi proprio vitio, non natura: qui cum libenter audiant verba sapientiae, postea de his omnino non cogitant. Quod enim utile audieris, velut ab intestino memoriae, tamquam ad os cogitationis, recordandi dulcedine revocare, quid est aliud, quam spiritaliter quodam modo ruminare? Quod qui non faciunt, illorum animalium genere figurantur. Unde et ipsa a talibus carnibus abstinentia, tale vitium nos cavere praemonuit. Cum enim thesaurus desiderabilis sit ipsa sapientia, de hac munditia ruminandi et immunditia non ruminandi alio loco scriptum est: Thesaurus desiderabilis requiescit in ore sapientis; vir autem stultus glutiit illum. Hae autem similitudines rerum in locutionibus et observationibus figuratis, propter quaerendi et comparandi exercitationem, rationales mentes utiliter et suaviter movent. Sed priori populo multa talia non tantum audienda, verum etiam observanda praecepta sunt. Tempus enim erat quo non tantum dictis, sed etiam factis prophetari oporteret ea quae posteriori tempore fuerant revelanda. Quibus per Christum atque in Christo revelatis, fidei gentium onera observationum non sunt imposita, prophetiae tamen auctoritas commendata. Ecce nos diximus qua causa, cum secundum Domini Apostolique sententiam nullas animalium carnes immundas habeamus, Veteri tamen Testamento, ubi quaedam immundae dictae sunt, non adversemur: vos iam dicite, quare immundas carnes existimetis.

Deutsche Übersetzung

Warum aber soll dieser Satz, den der Apostel sagt: den Reinen ist alles rein (Tit 1,15); und jedes Geschöpf Gottes ist gut (1 Tim 4,4) nicht dem Alten Testament entgegengesetzt sein, wo bestimmte Fleisch-Speisen untersagt werden?
Wenn sie (dazu) imstande sind, sollen sie begreifen, dass der Apostel das über deren Natur gesagt hat; dass aber die Schriften, die wegen bestimmter Vorbedeutungen, die mit der (jeweiligen) Zeit übereinstimmten, manche Tiere nicht nach ihrer Natur, sondern nach (ihrer) Bezeichnung „unrein“ genannt hätten.
Wenn man zum Beispiel ein Schwein oder ein Lamm untersucht, so ist jedes der beiden Tiere von Natur aus rein, weil jedes Geschöpf Gottes gut ist (Tit 1,15). Aber gemäß einer bestimmten Deutung ist das Lamm rein, das Schwein unrein, wie wenn du »dumm« und »weise« sagst, ist jedes von beiden Worten gemäß der Natur des Klangs, der Buchstaben und der Silben, aus denen es besteht, durchaus rein. Nach der Bedeutung aber kann man das eine dieser Worte, das »der Dumme« heißt, als unrein bezeichnen, nicht auf Grund seiner Natur, sondern da es etwas unreines bezeichnet. Vielleicht ist das Schwein für die Abbilder der Dinge das, was der Dumme für ihre Beschaffenheit ist. 3 Und sowohl das Tier als auch diese beiden Silben, die »der Dumme« bedeuten, bezeichnen gänzlich ein und dasselbe.
Allerdings wird jenes Tier im Gesetz als unrein bestimmt, deshalb, weil es nicht wiederkäut (vgl. Lev 11, 3+7). Aber das ist nicht sein Fehler, sondern (seine) Natur. Es gibt aber Menschen, die mit dem Namen dieses Tieres bezeichnet werden, und durch die eigene Sünde unrein sind, nicht aber nach ihrer Natur: (solche,) die auch, wenn sie die Worte der Weisheit gerne hören, später nicht darüber nachdenken wollen. Denn was du als nützlich gehört hast, um es durch die Süßigkeit des Erinnerns zurückzurufen – wie aus den Eingeweiden der Erinnerung zum Mund des Gedankens – was ist das anderes, als auf eine geistliche Weise wiederzukäuen?
Die, die das nicht tun, werden durch die Art jener Tiere dargestellt. 4 Daher mahnte uns die Enthaltung von solchen Fleischspeisen, uns vor einem solchen Fehler zu hüten. Denn da diese Weisheit ein begehrenswerter Schatz ist, steht an einer anderen Stelle über die Reinheit des Wiederkäuens und die Unreinheit des Nicht-Wiederkäuens geschrieben: Im Mund des Weisen ruht ein begehrenswerter Schatz; aber der dumme Mensch verschlingt ihn (Spr 21,20). Aber diese Ähnlichkeiten der Dinge mit dem bildhaften Sprechen und Beobachten regen vernünftige Geister nutzbringend und angenehm an, weil sie eine Übung im Fragen und Vergleichen sind. Aber einem frühren Volk war vorgeschrieben, solches nicht nur zu hören, sondern auch einzuhalten. Denn es gab eine Zeit, in der man nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten das prophezeien musste, was eine spätere Zeit zu enthüllen hatte.
Was durch Christus und in Christus enthüllt worden war, wurde dem Glauben der Völker/Heiden nicht als Last und pflichtgemäße Befolgung auferlegt, hingegen als Ermächtigung zur Prophezeiungen anvertraut. Seht, wir haben gesagt, weshalb wir uns nicht dem Alten Testament widersetzen, in dem manche (Tiere) als unrein bezeichnet werden, obwohl wir nach den Worten des Herrn und des Apostels kein Tierfleisch für unrein halten.
So sagt doch ihr, weshalb ihr Fleisch für unrein haltet. (Gegen den Manichäer Faustus VI,7; MÜ)

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  1. In der Antike lag man beim Essen zu Tisch.
  2. Matthäus lässt diese Deutung in seiner Fassung Mt 15,17 aus, Lukas hat die ganze Diskussion über rein und unrein gestrichen.
  3. »Bei den Griechen verkörpert das Schwein die Dummheit« Wolfgang Schadewaldt: Die frühgriechische Lyrik S. 222
  4. Diese Deutung geht auf Philo zurück, De agricultura 132

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