Der Wutausbruch des Schreibers – eine Beobachtung zur Überlieferung von Hebr 1,3

Die Schreiber, die die biblischen Texte kopierten, hatten es nicht immer leicht, und manchmal machten sie ihrem Unmut sogar Luft. Ein schönes Beispiel dafür ist im Codex Vaticanus auf uns gekommen, einem wichtigen Textzeugen aus dem 4. Jh., wo drei Generationen von Schreibern an dem Text von Hebr 1,3 schrieben, bis dem Letzten der Geduldsfaden riss.

Leider habe ich kein Bild in einer höheren Auflösung gefunden, aber man kann trotzdem deutlich sehen, dass in die Marginalie neben der zweiten Spalte etwas hineingeschrieben worden ist.

Codex Vaticanus: Marginalie zu Hebr 1,3; Quelle: wikimedia.commons
Codex Vaticanus: Marginalie zu Hebr 1,3; Quelle: wikimedia.commons

Was ist hier passiert? Die kritische Edition von Tischendorf lässt es uns nachvollziehen, Sie finden die entsprechenden Angaben auf S. 278 im kritischen Apparat. Die Passage über Christus in Vers 3 aus dem ersten Kapitel des Hebräerbriefes lautet heute mit den meisten Handschriften: der das All durch das Wort seiner Kraft trägt 1. Der ursprüngliche Schreiber des Codex Vaticanus verwendete hier statt dem Ausdruck »der trägt« – griechisch phérōn – ein ähnliches Wort: »der offenbar/sichtbar macht« – griechisch phanerōn.

Eine weitere Hand strich die Silbe an und machte so aus dem phanerōn ein phérōn. Jahrhunderte später stieß ein Korrektor auf diese Verbesserung – und machte sie rückgängig. Dazu schrieb er als Marginalie an den Rand: ἀμαθέστατε καὶ κακέ, ἄφεσ (sic!) τὸ παλαιόν· μὴ μεταποίει. Zu deutsch: »Vollkommen Unwissender und Böser, lass den alten (Text)! Verändere nicht!«

Im Apparat des Nestle-Aland28 verbirgt sich dieser Wutausbruch unerkennbar hinter der Anmerkung: ˹φανερων B*.3

Show 1 footnote

  1. φέρων τε τὰ πάντα τῷ ῥήματι τῆς δυνάμεως αὐτοῦ.

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