Genozid in der Bibel?

In Jos 6,17 sagt Josua zu den Israeliten bei der Einnahme von Jericho: »Die Stadt mit allem, was in ihr ist, soll zu Ehren des Herrn dem Untergang geweiht sein« und in 6,21 ist zu lesen: »Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel.« Dieses Gemetzel ist kein Einzelfall im Buch Josua – im Gegenteil! Nach Jos 10,28 ff. ergeht es einer ganzen Reihe von Städten und ihren Bewohnern ebenso – und abschließend heißt es: »So schlug Josua das ganze Land (…) mit allen seinen Königen. Niemand ließ er entkommen; alles, was lebte, weihte er dem Untergang, wie es der Herr, der Gott Israels, befohlen hatte.« (Jos 10,40; vgl. Jos 8,2). Ist der biblische Gott ein Gott, der Massenmorde anordnet?   Wer diese Texte als Reportage liest, der macht sich nach einem Wort des Origenes von Gott Vorstellungen, »wie man sie auch dem rohesten und grausamsten Menschen nicht zuschreibt«. Wie kommt man aber angesichts der oben genannten Zitate aus Josua zu einer Deutung, die Gottes würdig ist? Die traditionelle Auslegung wusste um dieses Problem der Gewalttexte in der Bibel – aber sie wusste auch von der Schrift: »dum narrat gestum, prodit mysterium«; dieser Satz Gregors des Großen meint: wo die Bibel Geschichte erzählt – da offenbart sie ein Geheimnis.

Interessanterweise gibt die Bibel eine Reihe von Hinweisen, dass es sich bei diesen Gemetzeln nicht um eine Reportage handeln kann. Zwar heißt es am Ende des Buches Josua: »So gab der Herr Israel das ganze Land, das er ihren Vätern mit einem Eid zugesichert hatte. Sie nahmen es in Besitz und wohnten darin. (…) Keiner von all ihren Feinden konnte ihnen Widerstand leisten; alle ihre Feinde gab der Herr in ihre Gewalt.« (Jos 21,43-44). Doch zu Beginn des folgenden Richterbuches liest man, dass alle diese Völker, die Israel angeblich ausgerottet hat – noch im Land sind! Dieses sogenannte negative Besitzverzeichnis (Ri 1,19-36) zeigt, dass dieser Genodzid nie stattgefunden hat (vgl. auch Jos 13,13; 15,63).

Gestützt wird der textliche Befund durch archäologische Ausgrabungen: Jericho war zu der Zeit, als es eigentlich von Josua erobert worden sein sollte, bereits seit 150 Jahren ein unbewohnter Schutthaufen. Viele der Erzählungen sind sogenannte Ätiologien (von gr. aítion = Ursache, Grund und lógos = Lehre; eine Sage zur Erklärung auffälliger Bräuche, Erscheinungen und Namen). So heißt es zu der Eroberung von Ai: »Dann brannte Josua Ai nieder und machte es für immer zu einem Trümmerhaufen und zu einem öden Platz; das ist es geblieben bis zum heutigen Tag.« (Jos 8,21; vgl. Jos 4,9; 5,9; 6,25; 7,26; 9,27; 10,27)

Warum werden diese Gemetzel dann überhaupt erzählt? Der Ägyptologe Jan Assmann, der als vehementer Kritiker des Gewaltpotentials der monotheistischen Religionen bekannt ist, meint zu diesen Erzählungen, sie würden sich gegen den »Kanaanäer in der eigenen Brust« richten. Und er fügt hinzu: »Die Gewaltpotentiale dieser Erinnerungsfigur sind freilich, das muß sehr energisch betont werden, in den monotheistischen Bewegungen Israels und des Judentums selbst nie zum Tragen gekommen.«

Was mich verblüfft, ist der Umstand, dass Origenes bereits im dritten Jahrhundert die gleiche Deutung vertreten hat: »In uns sind die Kanaanäer, in uns sind die Perisiter, hier sind die Jebusiter!« (Homilie 1,7 zum Buch Josua) Historisch gesehen ist es so, dass die Erzählungen zu einer Zeit geschrieben wurden, als Israel erleben musste, dass ihm das Land genommen wurde und seine Städte in Schutt und Asche gelegt wurden: durch die Assyrer und die Babylonier.

Der Alttestamentler Georg Braulik schrieb daher über diese Josua-Texte: »Eine „historische“ Rekonstruktion der Anfänge Israels war nicht intendiert, vielmehr war das Völkervernichtungsgebot  schriftstellerisch von Anfang an parabolisch-spirituell gemeint. (…) Das cherem-Konzept sollte insinuieren: Das ganze Land gehört euch und Gott würde es euch lassen bzw. das verlorene Land wieder verschaffen, wenn ihr ihm nur radikal vertraut.« (Cherem gibt die Einheitsübersetzung mit »dem Untergang weihen« wieder).

Bestätigt wird diese Einschätzung durch eine genaue Lektüre der Schilderung der Eroberung Jerichos (Jos 6). Israel muss nichts anderes tun, als sieben Tage lang in feierlicher Prozession um die Stadt zu ziehen, dann fällt sie ihm ohne eigene Leistung in die Hände. Die rabbinische Auslegungstradition hat übrigens betont, dass aus diesen Erzählungen keine Handlungsanweisungen für die Gegenwart erfolgen könnten, da die in der Bibel genannten Völker schon seit assyrischen Zeiten nicht mehr existieren würden (Babylonischer Talmud, Traktat Berakkoth 28a).

Nachtrag: das Zitat von Papst Gregor stammt aus seinem Ijob Kommentar – Moralia in Iob Buch XX Kapitel I. Entdeckt habe ich es bei Thomas: S.th. I,10, sed contra.

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