Woraus wird der Gerechte leben?

Ich habe diese Frage schon einmal angesprochen – und sie gehört in die Herzmitte der Paulinischen Theologie. Neben Gen 15,6 beruft sich der Apostel vor allem auf Hab 2,4: »Der aus Glauben Gerechte wird leben« (Röm 1,17) Doch ein Blick in die innerbiblische Auslegungsgeschichte zeigt, dass diese Lesart Pauli nicht die einzig mögliche ist. Paulus beruft sich an zentralen Stellen seiner Argumentation auf diesen Satz (so auch in Gal 3,11), allerdings in der Lesart der LXX. Während im Hebräischen steht: we tsaddik bæ’æmunatō jiẖjæh liest die LXX: ho de dikaios ek pisteōs mou zēsetai. Wörtlich übersetzt: »Und der Gerechte wird durch seine Treue leben« (hebr.) bzw. »der Gerechte aber wird aus dem Glauben an mich leben« (LXX).1

Die entscheidende Frage ist also, wie der hebräische Ausdruck æmuna zu verstehen ist. Gesenius gibt als mögliche Bedeutungen an: Festigkeit, Unbeweglichkeit; Sicherheit, ungestörter Friede; Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Treue. Gibt das der griechische Ausdruck pistis wieder? Liddell&Scott geben als Bedeutung an: anderen trauen, glauben (zb: an die Götter glauben); Überzeugt sein von etwas; Gutgläubigkeit, Ehrlichkeit; Sicherheit, Garantie.

Für Paulus ist Abraham der Vater aller Glaubenden (Röm 4,9-12) und seine pistis ist es, die ihn zum großen Vorbild macht. Zu diesem Ergebnis kommt Paulus eben durch die Kombination von Gen 15,6 und Hab 2,4. Doch es gibt eine gut bezeugte andere innerbiblische Auslegungstradition:

»Du, Herr, bist der Gott, der Abraham auserwählt hat. Du hast ihn aus Ur in Chaldäa herausgeführt und ihm den Namen Abraham verliehen. Du hast sein Herz getreu befunden; deshalb hast du mit ihm den Bund geschlossen (und ihm versprochen), seinen Nachkommen das Land der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Jebusiter und Girgaschiter zu geben, und du hast dein Wort gehalten, denn du bist gerecht.« (Neh 9,7-8)

»Abraham wurde der Vater vieler Völker, / seine Ehre blieb makellos. Er hielt das Gebot des Höchsten / und trat in einen Bund mit ihm. Wie ihm befohlen wurde, hat er sich beschnitten; / in der Prüfung wurde er treu befunden. Darum hat ihm Gott mit einem Eid zugesichert, / durch seine Nachkommen die Völker zu segnen, sie zahlreich zu machen wie den Staub auf der Erde / und seine Nachkommen zu erhöhen wie die Sterne, ihnen Besitz zu geben von Meer zu Meer, / vom Eufrat bis an die Grenzen der Erde.« (Sir 44,19-21)

»Denkt an die Taten, / die unsere Väter zu ihren Zeiten vollbrachten; / erwerbt euch großen Ruhm / und einen ewigen Namen! Wurde Abraham nicht für treu befunden in der Erprobung / und wurde ihm das nicht als Gerechtigkeit angerechnet? (1 Makk 2,51-52)

In dieser Tradition ist es die Treue Abrahams, die ihn zum großen Vorbild macht. Die Treue eines Menschen drückt sich in seinem Verhalten und in seinen Handlungen aus. Gegen einen falsch verstandenen Paulinismus (der gleichsam versucht, æmuna gegen  pistis auszuspielen) polemisiert in diesem Kontext der Jakobusbrief:

»Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das? So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. Nun könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeig mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke. Du glaubst: Es gibt nur den einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern. Willst du also einsehen, du unvernünftiger Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? Wurde unser Vater Abraham nicht aufgrund seiner Werke als gerecht anerkannt? Denn er hat seinen Sohn Isaak als Opfer auf den Altar gelegt. Du siehst, dass bei ihm der Glaube und die Werke zusammenwirkten und dass erst durch die Werke der Glaube vollendet wurde. So hat sich das Wort der Schrift erfüllt: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet, und er wurde Freund Gottes genannt. Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein. Wurde nicht ebenso auch die Dirne Rahab durch ihre Werke als gerecht anerkannt, weil sie die Boten bei sich aufnahm und dann auf einem anderen Weg entkommen ließ? Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube tot ohne Werke.« (Jak 2, 14-26)

In diese Richtung lese ich auch die Aussagen des Hebräerbriefes: Treue und Glauben sind kein Gegensatz, sondern bedingen einander.

»Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten; denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat. Aufgrund des Glaubens empfing selbst Sara die Kraft, trotz ihres Alters noch Mutter zu werden; denn sie hielt den für treu, der die Verheißung gegeben hatte. So stammen denn auch von einem einzigen Menschen, dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab: zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand, den man nicht zählen kann. Voll Glauben sind diese alle gestorben, ohne das Verheißene erlangt zu haben; nur von fern haben sie es geschaut und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind. Mit diesen Worten geben sie zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen. Hätten sie dabei an die Heimat gedacht, aus der sie weggezogen waren, so wäre ihnen Zeit geblieben zurückzukehren; nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, er schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat für sie eine Stadt vorbereitet. Aufgrund des Glaubens brachte Abraham den Isaak dar, als er auf die Probe gestellt wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er verließ sich darauf, dass Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.« (Hebr 11,8-19).

siehe auch hier

Show 1 footnote

  1. Mittlerweile halte ich diese Übersetzung für falsch – ich habe hier argumentiert, warum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.